Schweiz
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Der Start: Erster Wegweiser mit der Nr. 3 in Rorschach. bild: Peter blunschi

Wanderung querlandein

Zu Fuss von Rorschach nach Lausanne – 10 Dinge, die ich über die Schweiz (und mich) gelernt habe 

Ein Journalist wandert in 20 Tagen durch die Schweiz. Eine Reise durch Geschichte und Gegenwart, Agglo und Idylle. Und irgendwie zu sich selbst.

21.09.14, 10:02 22.09.14, 11:57

Operation Langer Marsch begann an jenem Sonntag, als Geri Müller die Hosen runterliess. Oder als sie ihm runtergezerrt wurden. #Gerigate fand ohne mich statt. Stattdessen wanderte ich in 25 Tagen vom Bodensee zum Lac Léman, davon 20 Tage «on the Trail».

Es war kein Marsch ins Blaue, ich folgte mit wenigen «Ausreissern» der nationalen Wanderroute 3, genannt Alpenpanoramaweg. Sie führt nicht durchs flache Mittelland, sondern durch voralpine Gefilde, mit nicht wenigen nahrhaften Auf- und Abstiegen.

Die Route auf dem Alpenpanoramaweg. grafik: melanie gath

Die Idee zu dem Trip begann letztes Jahr zu reifen, nachdem ich in Tibet war und den Mount Everest in seiner ganzen Pracht erblickte. Ein grosser Moment, doch langsam gingen mir die Reiseziele aus, die ich im Leben unbedingt gesehen haben wollte. Warum nicht etwas ganz anderes machen und statt in die Ferne schweifen einmal querlandein wandern?

Es war auch eine Art Prüfung: Wie weit würde ich es schaffen? Ein grosser Wanderer war ich zuvor nie. Nun denn: Ich habe mein Ziel erreicht und die rund 400 Kilometer ohne grössere Neben- und Nachwirkungen überstanden. Dank einer guten Ausrüstung, in die ich einiges investierte. Und einer robusten Physis, die sich von Anstrengungen schnell erholt. In den 20 Wandertagen habe ich mir bislang fremde Landstriche entdeckt.

Zwei Henris, die das Land geprägt haben

Das Dunant-Museum im ehemaligen Spital von Heiden. Bild: peter blunschi

Nach dem Start im Hafen von Rorschach – und dem ersten von unzähligen Wegweisern mit der Nummer 3 – der erste Stopp in Heiden (AR), einst ein renommierter Luftkurort. Im örtlichen Spital verbrachte Henri Dunant, der sich selber Henry schrieb, nach seinem finanziellen Bankrott die letzten 18 Jahre seines Lebens. Anfangs völlig verarmt und vergessen, nach seiner «Wiederentdeckung» gefeiert und geehrt, unter anderem 1901 mit dem ersten Friedensnobelpreis. Die Urkunde befindet sich im Museum, das dem Gründer des Roten Kreuzes im ehemaligen Spital gewidmet ist.

Die Villa von Henri Guisan in Pully. Bild: peter blunschi

Am letzten Wandertag erreichte ich im Lausanner Vorort Pully die Villa von Henri Guisan. Das Erdgeschoss kann man besichtigen, es sieht immer noch aus wie beim Tod des Generals vor 54 Jahren. Welch ein Kontrast: Hier die ärmliche Wohnung jenes Mannes, der mehr für das Ansehen der Schweiz in der Welt getan hat als sonst jemand, dort das herrschaftliche Anwesen des Oberbefehlshabers im Zweiten Weltkrieg. So unterschiedlich die beiden Henris waren – sie haben die Schweiz geprägt.



Appenzell ist ein Folklore-Disneyland

Appenzell, Hauptort von Innerrhoden, dem kleinsten (Halb-)Kanton der Schweiz. Irgendwann in den 90ern war ich das letzte Mal hier. Alles wirkte urig, inklusive den Appenzeller Manndli mit ihren Zipfelmützen. Heute sucht man sie vergebens. Dafür ist alles herausgepützelt, die Häuser sehen aus wie ... na ja, unecht. Appenzell ist ein Folklore-Disneyland, schlecht gelaunte Bedienung im Restaurant inbegriffen.

Zu kitschig, um echt zu sein? Bild: peter blunschi

Täuscht mich die Erinnerung? Oder was ist sonst passiert? Die Innerrhoder waren noch nie bekannt für grosse Weltoffenheit. Im Zweifel stimmen sie immer Nein. Manifestiert sich hier jener unschöne helvetische Charakterzug, der das Fremde ablehnt und es gleichzeitig anlockt, so lange es Geld bringt? Als Touristen zum Beispiel? Oder mit tiefen Steuern? Auch Appenzell-Innerrhoden hat an dieser Schraube gedreht. Es bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack.

Die Schweiz ist ein Agglo-Siedlungsbrei

Streusiedlungen wie zu Gotthelfs Zeiten. Bild: peter blunschi

Alle reden von Dichtestress. Auf der voralpinen Wanderung bekommt man wenig davon mit. Man erlebt viel heile (?) Welt. Und kann doch nicht übersehen, wie sich der Agglo-Siedlungsbrei in die ländlichen Regionen hineinfrisst, besonders gut auf dem Weg vom bernischen Emmen- ins Aaretal. Auf dem Abstieg von der Blasenflue durchquert man eine wellige, sattgrüne Landschaft mit intakten bäuerlichen Streusiedlungen, fast wie zu Gotthelfs Zeiten.

Die heutige Realität: Siedlungsbrei in Grosshöchstetten. Bild: peter blunschi

In Grosshöchstetten holt mich die Realität ein. Viele 08/15-Neubauten, besonders am «Sonnenhang». Aber keine offene Beiz am Montag. Die S-Bahn hält im Dorf, die Autobahn nach Bern ist nahe. Zeichen der Zeit: Viele Orte locken Neuzuzüger an, die dort wohnen, aber nicht leben. Weshalb Dorfläden und Restaurants schliessen. Wir sind alle Walliseller, singt der laute Endo vom Stillen Hasen. Vielleicht sind wir auch alle Grosshöchstetter.

Die Panzersperre von Zug

Wie eine Trutzburg seht sie mitten in Zug, die Luxus-Überbauung Uptown. Auch aus der Ferne ist der Wohnklotz nicht zu übersehen. Uptown gehört einem Immobilienfonds der Credit Suisse, einer der Bewohner ist angeblich UBS-Chef Sergio Ermotti. Mich erinnert Uptown an eine Toblerone. Nicht die Schoggi, sondern die Panzersperren, die man mancherorts noch heute sieht.

Eine Trutzburg namens Uptown. Bild: KEYSTONE

Unweigerlich fragt man sich, ob Uptown ein Abwehrsymbol des Steuerparadieses Zug an die Aussenwelt ist. Besonders an die Finanzausgleichsbeitragsbezüger, die den Zugern aus ihrer Sicht das Geld aus der Tasche ziehen.

Auf der heimlichen Mitte des Landes

Der Tag davor war mühsam. Leichte Erkältung, schmerzende Füsse, Müdigkeit – die typische Krise, die auf einer solchen Tour unweigerlich zuschlägt. Der Aufstieg zum Napf aber entschädigt für vieles. Er gilt als heimliche Mitte der Schweiz. Ich war nie zuvor auf dem Gipfel, der eher ein Plateau ist. Im Berghaus bin ich neben einer Schulklasse der einzige Gast. Auch auf dem Napf hat man den schlechten Sommer gespürt, mehr vielleicht als anderswo. Es gab viele Annullierungen, besonders am Wochenende.

Das liegt nicht in Obwalden, sondern am Weg auf den Napf. Bild: peter blunschi

Ich hatte Glück, nur ein Wandertag war richtig verregnet. Es war jener mit der besonders langen Etappe von Zug nach Luzern. Prompt hatte ich tags darauf die besagte Krise. Schwierig verlief auch der Abstieg vom Napf, topografisch der heikelste Abschnitt der ganzen Strecke. Man balanciert auf schmalen Wegen entlang von steilen Abhängen. Hier lernt man den Wert von Wanderstöcken schätzen. Auf der Lüderenalp gönne ich mir zur Belohnung ein Kuh-Meringue.

Wer ein Bett sucht, steht vor geschlossenen Türen

Schlafen im Stroh ist weniger bequem, als es aussieht. Aber einmal gemacht haben sollte man es. Zumal es mit den Übernachtungsmöglichkeiten so eine Sache ist, wenn man aus Gewichts- und Komfortgründen auf ein Zelt verzichtet. Mir fällt auf, dass viele kleine Hotels und Gasthöfe im ländlichen Raum verschwunden sind oder nur noch als Restaurant betrieben werden.

Die Parkplätze sind noch signalisiert, doch in diesem Hotel in Charmey (FR) steigt kein Gast mehr ab. Bild: peter blunschi

Das kann ein Problem werden, etwa in jener Region im Bernbiet, die sich mit dem Label «Naturpark Gantrisch» touristisch vermarktet. Es gebe hier nicht sehr viele Übernachtungsmöglichkeiten, räumt ein Hotelier im Regionalzentrum Schwarzenburg selber ein. Droht der Schweiz hier eine Tourismus-Krise? Die Hotelbranche profitiert seit 20 Jahren von einem reduzierten Mehrwertsteuersatz. Hat offenbar wenig geholfen. 

Man trifft mehr Kühe als Menschen

Die Kühe. Sie sind auf dem Alpenpanoramaweg die ständigen Begleiter. Die Voralpen sind Milch- und Käseland. Erst am Genfersee dominiert der Weinbau. Oft läuft man mitten durch Weiden und Kuhherden. Es ging stets glimpflich aus, meistens haben die Viecher nur geglotzt. Dafür haben mir die ver%(&$ Elektrozäune sicher ein halbes Dutzend Mal einen Schlag verpasst.

Bild: KEYSTONE

Liebe Schweizer Bauern, ihr schafft es noch, mich endgültig zu eurem Feind zu machen! Aber nach vielen Tagen unterwegs und sehr vielen Kühen stellte ich mir unweigerlich die Frage: Wer ist hier eigentlich der Hornochse?

Berner sind ungastlich!

Nein, das behaupte nicht ich! Sondern ein guter und wandererprobter Kollege, dessen Namen ich hier nicht nennen will. Aber es fällt mir schwer, ihm zu widersprechen. Man muss in Bern oft lange laufen, bis man einkehren kann (siehe Grosshöchstetten). Besonders hart traf es mich auf dem Weg vom Guggisberg zum Schwarzsee. Weit und breit keine Verpflegungsstätte. Und als das Restaurant Zollhaus an der Grenze zu Freiburg Ruhetag hatte, war es um meine Ruhe geschehen.

Ist man hier willkommen? Bild: KEYSTONE

Welch ein Kontrast in Freiburg. Auf der folgenden Etappe über den Euschelspass nach Jaun hätte ich ständig etwas essen können, fast jeder Bergbauernhof ist dort auch eine Beiz. Liegt es am Unterschied zwischen Protestanten (Bern) und Katholiken (Freiburg)? Auf Facebook entbrannte dazu eine Debatte. Mein erwähnter Kollege verweist auf andere protestantische Gegenden, in denen es viele Beizen gäbe, und meint, es liege einfach an den Bernern. Henusode.

Ich war zweimal auf dem Mount Everest 

17'000 Höhenmeter. Etwa so viele habe ich bis Lausanne gemeistert, nur bergauf, wohlgemerkt. Ich habe den Mount Everest doppelt bestiegen, und das ist nur leicht übertrieben, einige Etappen waren definitiv von der härteren Sorte: An einem Tag lief ich von Urnäsch auf die Schwägalp und weiter über den Risipass ins Toggenburg. Und am folgenden rund 800 Meter aufwärts auf die Vordere Höhi, von dort runter nach Amden und steil abwärts zum Walensee. 

Stets trug ich den gut gefüllten Rucksack. Und war froh über die eher kühlen Temperaturen. Auf einen Hitzesommer konnte ich verzichten – der Schweiss floss auch so in Strömen. Nur die sumpfigen Wanderwege, die hätten nicht sein müssen. You can't have it all ...

Das wohlverdiente Ende: ein Entrecote

Das Ende am Wegweiser in Genf. bild: Peter blunschi

Nur an fünf meiner 20 Wandertage war ich im Welschland unterwegs und konnte dort mein Spätfranzösisch anwenden. Man erhält einen Eindruck davon, wie sehr sich die Romands gegenüber den übermächtigen Deutschschweizern als Minderheit fühlen müssen. Zugegeben, der Alpenpanoramaweg endet nicht in Lausanne, er führt bis nach Genf. Aber nach der Durchquerung des Lavaux hatte ich auf diesen relativ flachen Abschnitt der Route keine Zeit und keine Lust.

Ein Leckerbissen zum Abschluss. Bild: peter blunschi

Trotzdem liess ich mir einen Abstecher nach Genf nicht nehmen, einfach mit dem Zug. Unweit des Bahnhofs steht der letzte Wegweiser mit der Nummer 3. Zumindest symbolisch habe ich meine Schweiz-Traversierung dort abgeschlossen. Und gleich gegenüber befindet sich das Café de Paris, wo es nur ein Menü gibt: Entrecote mit der gleichnamigen Kräuterbutter. Vegis mögen sich mit Grausen abwenden. Aber ich glaube, ich habe es mir verdient.

Zum Nachlesen

In seinem Facebook-Profil hat Peter Blunschi seine Wanderung in einer Art Tagebuch dokumentiert.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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