Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die SP punktet am meisten bei eingebürgerten Schweizern. Bild: KEYSTONE

Wahlverhalten der Eingebürgerten

Schweizer mit ausländischen Wurzeln ziehen die SP vor

Eingebürgerte Schweizer wählen rechter als der Rest. So lautet ein weit verbreiteter Mythos. Eine Studie kommt jedoch zu einem anderen Schluss.

16.11.14, 06:37 16.11.14, 16:39

Schweizer Wählerinnen und Wähler mit ausländischen Wurzeln ziehen die Linke vor. Bei den Nationalratswahlen wählten 24 Prozent der Wähler mit einem Migrationshintergrund die SP. Auf dem zweiten Platz landete aber bereits die SVP.

Hätten nur Schweizerinnen und Schweizer mit ausländischen Wurzeln gewählt, hätte die SP die Nationalratswahlen im Oktober 2011 gewonnen, wie eine Studie des Schweizer Politologen Oliver Strijbis zeigt. Diese erscheint in der nächsten Ausgabe der «Swiss Political Science Review» voraussichtlich im Dezember und wurde vorab von der «Schweiz am Sonntag» publik gemacht.

SP liegt vor SVP

Tatsächlich landeten die Sozialdemokraten bei den Nationalratswahlen 2011 aber mit einem Wähleranteil von 18,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Dabei erreichte die SP bei den Schweizern ohne Migrationshintergrund einen Wähleranteil von 17 Prozent.

Stärkst Partei bei den Wahlen wurde die SVP mit einen Wähleranteil von 26,6 Prozent. Dies verdankt die Partei vor allem den 28 Prozent Schweizern ohne Migrationshintergrund, die die Volkspartei wählten. Bei jenen mit Migrationshintergrund wählten nur 22 Prozent die SVP. Besonders tief war der Anteil bei Wählern, bei denen Vater und Mutter Einwanderer waren. 

Mythos des rechten Secondo

Damit entkräftet die Studie das weit verbreitete Vorurteil, dass Schweizer mit Migrationshintergrund rechter wählen würden als der Rest. «Das ist ein Mythos», sagte Studienautor Strijbis der «Schweiz am Sonntag».

Die SP ist mit 24 Prozent Wähleranteil bei Eingebürgerten vorne: Nationalräte Jacqueline Fehr und Cedric Wermuth mit Parteipräsident Christian Levrat am Parteitag vom 30. Oktober. Bild: KEYSTONE

Insgesamt wählten die Schweizer mit ausländischen Wurzeln aber im Vergleich mit anderen Ländern Europas weniger links. Das habe mit den hohen Hürden für den Schweizer Pass zu tun. «Den Pass erhalten jene, die sich kulturell wenig von den Schweizern ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Sie wählen entsprechend auch ähnlich.»

20 Prozent der Wähler

Rund ein Fünftel der Wählerinnen und Wähler in der Schweiz haben einen Migrationshintergrund. In der Studie wurde sowohl die erste als auch die zweite Generation untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass es nur leichte Verschiebungen gibt zwischen den eingebürgerten Eltern und ihren Nachkommen, den Secondos.

Auch spielten Einkommen und Ausbildung beim Wahlverhalten eine Rolle. Je höher die Ausbildung, desto eher war eine Tendenz hin zu Mitte-Parteien festzustellen und nicht, wie bei Wählern ohne Migrationshintergrund, eher hin zu Linksparteien.

Je verfemter, desto links

Gemäss der Studie spielt beim Wahlverhalten aber eine weit wichtigere Rolle, woher die Secondos oder ihre Eltern ursprünglich kamen. Am höchsten ist der Anteil SP-Wähler bei jenen, die sich aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert fühlen oder deren Volksgruppe Ziel von ausländerfeindlichen Kampagnen wurde.

Dazu gehörten Menschen mit Wurzeln in der Türkei, den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, aus muslimischen Ländern sowie Schwarzafrikaner. Hier hat die SP den grössten Zuspruch, weil diese Menschen die Partei als jene erkennen, die die Rechte und Interessen von Einwanderern verteidigt.

Zweitbeliebteste Partei bei eingebürgerten Schweizern ist die SVP: Parteipräsident Toni Brunner. Bild: KEYSTONE

Auch ehemalige Gastarbeiter aus Südeuropa und ihre Kinder wählen eher links als ein «Urschweizer», allerdings weniger häufig als die erste Gruppe. Obwohl die Länder, aus denen die ehemaligen Gastarbeiter stammen – Italien, Spanien, Portugal – katholisch und christdemokratisch geprägt sind, kann in der Schweiz die CVP davon gemäss Studie nicht profitieren.

Antikommunistischer Reflex

Menschen mit Wurzeln in Staaten des ehemaligen Ostblocks wiederum wählen mehrheitlich bürgerlich bis rechts. Dies gilt vor allem, wenn sie oder ihre Eltern vor dem Fall der Mauer 1989 zum Beispiel aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn oder Polen eingewandert sind.

Aus «antikommunistischen Gefühlen» misstrauten diese Menschen auch sozialdemokratischen Parteien in Westeuropa, schreibt Strijbis in seinem Artikel für die «Swiss Political Science Review».

Bei den anderen Parteien waren die Unterschiede bei den Wähleranteilen weniger stark als bei SP und SVP. Bei der FDP war der Wähleranteil bei beiden Gruppen etwa gleich. Die CVP und vor allem die BDP lagen höher in der Gunst der Schweizer ohne Migrationshintergrund als bei jenen mit. Umgekehrt war das Verhältnis bei den Grünen und der GLP. (sda)



Abonniere unseren Daily Newsletter

1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pepe 16.11.2014 07:58
    Highlight Die These von Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer aus den 80ern scheint sich zu bewahrheiten: (Zitat sinngemäss) "lasst soviel Ausländer rein wie möglich, das sind unsere Wähler von Morgen".
    1 0 Melden

Der nette Herr Molina

Ex-Juso Präsident Fabian Molina ist seit gut 100 Tagen im Nationalrat – und mit 27 Jahren der jüngste Parlamentarier im Bundeshaus. Grund genug, um mit dem Zürcher einen Kaffee zu trinken, ein paar Zigaretten zu rauchen und über die grossen Themen zu plaudern.

Fabian Molina sitzt schon seit einer Weile am Tisch nebenan, aber die äusserliche Unscheinbarkeit lässt ihn verschmelzen mit der lustig-zusammengewürfelten Ausseneinrichtung dieses Treatment-Cafés in den Ausläufern des Zürcher Kreis 4. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in einem dieser Strandkörbe sitzt, die überall ausser auf Sylt und in vernachlässigten Hinterhofgärten fürchterlich deplatziert wirken, und zudem Kopf und Oberkörper ihrer Bewohner wegschlucken.

Kurz: man sieht ihn nicht.

Er …

Artikel lesen