Schweiz
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A vendor sells T-shirts which are printed with images of Russia's President Vladimir Putin at a street store in the centre of St. Petersburg August 31, 2014. Putin said on Sunday that Moscow could not stand aside when people were being shot at in Ukraine, he told Russia's state TV Channel 1 in an interview. The T-shirt reads,

Der russische Präsident Vladimir Putin, abgedruckt auf T-Shirts an einem Marktstand in St. Petersburg.  Bild: ALEXANDER DEMIANCHUK/REUTERS

Faschismus-Debatte

Darf man in der Schweiz keine Vergleiche mit Hitler machen?

Wer hierzulande Wörter wie faschistisch und faschistoid gebraucht, gerät in einen Shitstorm. Dabei mehren sich die Parallelen zu den 1930er Jahren.

23.09.14, 17:04 24.09.14, 11:54

Seit Martin Landolt, Präsident der BDP, der SVP braune Tendenzen vorgeworfen und SP-Präsident Christian Levrat ihr gar «faschistische Züge» attestiert hat, ist in der Schweiz eine Grundsatzdiskussion ausgebrochen: Darf man das? 

Nein, sagt Martine Brunschwig Graf, die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. «Wir sind nicht im Nationalsozialismus und nicht in den 1930er Jahren» erklärte sie in der «NZZ am Sonntag». «Wenn man weiss, wie es damals war, ist es völlig klar, dass diese Vergleiche zu weit gehen.» 

Rechtspopulisten schwingen gerne die Nazikeule

Die Nazi-Verbrechen waren in der Tat ungeheuerlich. Die Perversion der Nazis lässt sich am besten am Beispiel des Vernichtungslagers Treblinka demonstrieren. Dort töteten 25 SS-Soldaten mit Hilfe von ukrainischen Hiwis in einem Jahr rund 800'000 Menschen. 

Erstaunlicherweise haben jedoch gerade die Rechtspopulisten kein Problem damit, die Nazikeule zu schwingen. Die «Weltwoche» etwa vergleicht die EU gerne mal mit dem Dritten Reich und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit dem Führer. Die amerikanische Tea Party zeigt Präsident Barack Obama regelmässig mit Hitlerschnauz. 

«Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.»

Mark Twain

Trotzdem lässt es sich unter zivilisierten Menschen unter keinem Titel rechtfertigen, der SVP oder irgendjemandem zu unterstellen, er hätte Ähnliches im Sinn wie die Nazis. Doch es lässt sich auch nicht leugnen, dass sich in Europa derzeit etwas Unheimliches zusammenbraut. «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich», hat Mark Twain einst erkannt.

Putin bastelt sich eine Dolchstoss-Legende

Derzeit reimt sie sich an den verschiedensten Orten, und es besteht Grund, sich Sorgen zu machen. So ist der russische Präsident Wladimir Putin im Begriff, sich seine Dolchstosslegende zu basteln. Vor Selbstmitleid triefend behauptet er, die Nato und die EU wollten nach Osten «expandieren». Das erweckt den Eindruck, als ob der Westen unter Führung der USA eine Formschwäche Russlands ausnützen und sich grosse Teile des Ostens einverleiben wollte. 

Putin stellt damit die historischen Fakten auf den Kopf. Nach dem Fall des eisernen Vorhanges polterten Polen, Balten und Tschechen geradezu an die Türen der Nato und der EU und begehrten Einlass. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie sie von Stalin und der ehemaligen UdSSR einst behandelt worden sind.

Die Rechtspopulisten sind zu einem Machtfaktor geworden

Mit seinen Tiraden gegen den angeblich dekadenten Westen, seiner Hatz auf Homosexuelle und kritische Journalisten stösst Putin gerade bei den Rechtspopulisten auf grosses Verständnis, auch mit seinen Attacken auf Brüssel und seinen Machoposen. Die Rechtspopulisten sind zu einem politischen Machtfaktor geworden, und man kann sie nur noch auf eigene Gefahr ignorieren. Vielerorts haben sie die 15-Prozent-Hürde, die lange als Richtmarke für ihr Wählerpotenzial galt, überschritten.

«Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen.»

Heraklit

In Frankreich ist eine Präsidentin Marine le Pen möglich geworden. Selbst Deutschland hat nun mit der «Alternative für Deutschland» eine Art SVP und die Schweizer SVP hat sich – wie Christian Levrat zu Recht feststellt – massiv radikalisiert. Es ist zu befürchten, dass sich diese Tendenz noch verstärken wird. Europa ist wirtschaftlich aus dem Gleichgewicht geraten. Derzeit muss damit gerechnet werden, dass die Eurokrise nach einer Pause von zwei Jahren wieder ausbrechen wird. Davon dürften vor allem Rechtspopulisten mit ihren simplen, nationalistischen Parolen profitieren. 

«Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen», hat uns der Philosoph Heraklit gelehrt. Dass bedeutet jedoch nicht, dass man die Augen vor der Vergangenheit verschliessen kann. Die Anzeichen, dass Europa in sehr bewegte Zeiten geraten wird, mehren sich. Vergleiche mit den Nazis gehen zu weit –, aber wir können es uns deswegen nicht leisten, Parallelen zum Faschismus zu ignorieren.



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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • MediaEye 24.09.2014 10:07
    Highlight Fortsetzung:

    diese "Volchspartei" ist eine üble Sekte rund um ihren Guru und Heilsbringer vom Herrliberg, getrieben von einem selbstbestimmten "Auftrag"

    WANN GREIFT ENDLICH DER STAATSSCHUTZ EIN, UND WANN KOMMT EIN ANTRAG IM PARLAMENT AUF AUSSCHLUSS UNDAUFLÖSUNG DIESER ORGANISATION
    15 13 Melden
    • Andreas72 24.09.2014 11:58
      Highlight Aber sonst haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Liest sich irgendwie krankhaft :-)!
      11 12 Melden
  • MediaEye 24.09.2014 10:04
    Highlight Na ja; ich sehe da schon Expansionsbnestrebungen der USA und Nato Richtung Osten! Die EU wäre aber heillos überfordert.
    Ich denke auch, dass die "natürliche" Grenze Europas nun beinahe erreicht ist, wenn denn Georgien tatsächlich auch aufgenommen wird.
    Und Weissrussland und Russland selbst, zur Zeit kein Thema und wenn, dann höchstens bis zum Ural.
    Und was Hitler und Napoleon nicht geschafft haben, wollte die EU nun in der Ukraine erreichen; Zugang zu den Kornkanmmern und Bodenschätzen.

    Aber zur Schweiz und der SVP; weshalb sieht niemand; dass dies eine staatszersetzende Org. ist ? -> Fts.
    7 14 Melden
    • goschi 24.09.2014 11:57
      Highlight Sorry, aber was laberst du da für einen Unsinn zusammen?

      Das ist eine krude Mischung aus Verschwörungstheorie, komplettem Unverständnis von internationaler Politik und Stammtischgebrabbel nach zu viel Kirschwasser, da rentiert es sich nicht mal auf die einzelnen Punkte einzugehen.
      8 3 Melden
  • Statler 24.09.2014 00:17
    Highlight Das Problem mit Faschismus-Vergleichen ist, dass wir bei dem Wort immer Hakenkreuze und braun gewandete, im Gleichschritt marschierende Menschen vor Augen haben. Insofern ist der Vergleich weder angebracht noch sehr hilfreich.
    Dass die SVP (oder wenigstens Teile davon) rechtsextreme Tendenzen aufweist, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen und dass ihr Stil zeitweise an die Propaganda aus jener Zeit erinnert ebensowenig. Wer die SVP deswegen aber als faschistisch bezeichnet, schiesst sich damit ins eigene Knie, weil - s.o. - Man kommt damit vielleicht in die Zeitung - mehr aber nicht.

    23 4 Melden
    • saukaibli 24.09.2014 08:19
      Highlight Schon komisch, denn die Faschisten hatten schwarze Hemden an und keine Hakenkreuze als Kennzeichen. Der Faschismus kommt ja schliesslich nicht aus Deutschland, sondern aus Italien.
      Aber das Problem ist, man denkt immer an die Spätzeit der Fschismus und Nationalsozialismus. In der Anfangsphase zeigten beide nicht ihr wahres Gesicht, das kam erst zu Tage, als sie genügend Macht hatte. Und deshalb ist die Aussage, dass man sich Sorgen machen muss, gar nicht übertrieben. Wer weiss wie sich Putin oder die SVP verhalten wird, wenn sie mal zu viel Macht bekommen?
      20 6 Melden
  • Hephaistos 23.09.2014 22:17
    Highlight Der SVP kann man höchstens extremen Nationalismus vorwerfen, möglicherweise noch den Machtwillen ökonomischen Zwängen vorzuordnen. Damit sind längst nicht alle Ziele der faschistischen Ideologie abgedeckt.
    12 4 Melden
  • Michèle Seiler 23.09.2014 22:10
    Highlight Irgendwie verstehe ich nicht ganz, weshalb man die Entwicklung zwar gefährlich nennen, von einer Radikalisierung sprechen und Parallelen zum Faschismus ziehen darf, der Vergleich mit diesem Teil der Geschichte allerdings tabu ist (und das betrifft jetzt nicht nur den Artikel bei watson).

    Der Holocaust ist damals nicht aus dem Nichts entstanden. Und ich frage mich, ob das hier nicht falsch verstandene Sensibilität ist, die sich weniger auf die Entstehung des Ganzen konzentriert als darauf, die Gefühle derer, die womöglich dazu beitragen, dass es sich jetzt wiederholt, nicht unnötig zu verletzen.

    Aber solche Vorwürfe kommen nicht aus dem Nichts. Sie müssen nicht immer zutreffen, aber die Reaktion derer, die den Vorwürfen ausgesetzt sind, weist nicht darauf hin, dass sie sich selbst infolgedessen überprüfen - das ist aber nur deshalb schon angebracht, weil niemand unfehlbar ist.
    18 5 Melden
  • klugundweise 23.09.2014 21:13
    Highlight Alleiniger Führungsanspruch (es gibt nur 2 Parteien, wir und die anderen), Verunglimpfung der/des Fremden, nationalistische Haltung, eine Führerperson in der Partei, Bespitzelung von Andersdenkenden (z.B. Lehrer), ausgrenzen von sozial Schwachen, gezielter Ausrichtung nach rechts mit ausgefranstem Rand zu extrem rechts. Dies sind nur ein paar Charakteristiken der SVP. Man kann dazu sagen wie man will (bräunlich, faschistoid, nationalistisch), klar und offensichtlich ist für jeden, welcher Geist dahinter steckt. Und es ist nötig, dass dieser endlich beim Namen genannt wird!
    34 6 Melden
  • Vladtepes 23.09.2014 19:04
    Highlight "Ihr Kommentar wurde aufgeschaltet", heisst es bei mir im Hinblick auf dieses Thema...
    Nur, wo ist er denn, ich sehe ihn nirgends? Wird doch wohl keinen speziellen Grund haben und bloss in der Technik begründet liegen ;-)?!
    6 4 Melden
  • Jol Bear 23.09.2014 18:36
    Highlight Die Nazi-Vergleiche von Landolt (BDP) und Levrat (SP) dokumentieren eher Hilflosigkeit und Argumentationsnotstand gegenüber der SVP-Politik. Im Weiteren trifft die Analyse von MergimMuzzafer zu (siehe dessen Kommentar unten). Es stimmt, dass nationalistische Tendenzen in Europa und Russland zunehmen. Es gibt aber auch eine Rückbesinnung auf nationale Identität, welche nicht per se in Nationalsozialismus münden muss. Ob die Gefahr der Radikalisierung besteht, muss im Einzelfall beurteilt oder kann nicht vorausgesagt werden. Es ist sicher auch eine Gegenbewegung (Reaktion) zur EU-Absicht und Tendenz, die Bedeutung der einzelnen Staaten aufzulösen und ein grosses paneuropäisches Gebilde zu installieren. Dafür sind viele Leute nicht bereit und sehen dessen Sinn nicht. Besonders jetzt, wo mancherorts Nachteile dieses überstürzten Vorgehens sichtbar werden. Symptom und Folge: z.B. die Deutschen (inkl. Kanzlerin) können sich bald nur noch bei der Fussball-WM unverdächtig und lauthals zu "ihrem Deutschland" bekennen. Das wirkt dann übertrieben, irgendwie wie ein Ventil, weil es in andern Lebensbereichen dem europäischen Polit-Zeitgeist widersprechen würde.
    25 15 Melden
    • klugundweise 23.09.2014 21:50
      Highlight «Bis zu welchem Punkt muss eine Politik noch brauner werden, bis alle merken, dass sie stinkt?» das sagte Landolt und Levrat brauchte den Begriff "faschistoid".
      Leider waren nicht nur die Nazis braun und faschistisch, es gibt noch heute und bei uns Politiker die extrem rechte Positionen vertreten, um dann wenn nötig auf (nur noch) rechte zurück zu krebsen. Und dies muss immer wieder laut und deutlich gesagt werden!
      21 9 Melden
    • Vladtepes 23.09.2014 22:34
      Highlight Jol Bear : Eine sehr gute und ausgewogene Analyse, die man sicher so stehen lassen kann.....
      6 3 Melden
    • Andreas72 24.09.2014 03:20
      Highlight Jol Bear : liest sich sehr stimmig und ausgewogen - so ist es !
      6 1 Melden
  • Zeit_Genosse 23.09.2014 18:08
    Highlight Viele Menschen denken, dass die EU und der Euro Schuld an den Krisen sind. Dabei sind es die Nationalstaaten, die sich überschulden und die EU wie ein Virus anstecken. Die Globalisierung hat uns Beschleunigung und Unsicherheit gebracht. Verlagerung von Arbeit und damit auch von Wohlstand. Die Tendenz sich rückzubesinnen, sich auf einen neuen Nationalismus einzulassen, ist daher eine beobachtbare Gegenreaktion. Abschottung gegenüber infizierten Gross-Systemen, Protektionismus und eine kleinräumige und konservativere Politik sind Folgen, in deren Fahrwasser auch braunes mitschwimmen kann.
    33 3 Melden
    • goschi 23.09.2014 18:23
      Highlight Abschotung, Isolationismus, Protektionismus und Pseudo-Autarkie sind aber keine Lösungen, sondern falsche Versprechungen, die im Endeffekt alles, was man die letzten Generationen aufbauten zerstören.
      31 16 Melden
  • MergimMuzzafer 23.09.2014 17:49
    Highlight Das Problem in der Schweiz ist, dass die Parteien die Probleme (Einwanderung, Sozialhilfe, Asylwesen, Monsterstaat) nicht sehen und schlussendlich bleibt die SVP dann die einzige Partei, die das Thema anspricht. Der lästige Nebeneffekt ist, dass die SVP mit sehr radikalen Positionen politisiert. Doch solange die anderen Parteien denn Problemen nicht in die Augen sehen will, wird die SVP mit ihrem Radikalismus nicht gebremst werden können.
    39 21 Melden
    • cbaumgartner 23.09.2014 18:18
      Highlight Super auf den Punkt gebracht!
      21 14 Melden
    • amazonas queen 23.09.2014 21:17
      Highlight Ich denke eher, dass es Blocher schafft, hier den Leuten ein Problem in den Kopf zu setzen. Sie sagen selber "Monsterstaat", dabei gilt gerade dir Schweiz als ein Land mit wenig Bürokratie. Auch die Einwanderungsinitiative ist dort, wo sie eigentlich das Problem adressiert - in den grossen Agglomerationen - durchgefallen. Es gibt kein Problem, Blocher macht daraus eines und die Parteien wissen nicht, was sie tun sollen.
      27 9 Melden

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