Schweiz
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Schueler der Kantonsschule Sargans werden in der umfunktionierten Turnhalle in Mathe unterrichtet, aufgenommen am Mittwoch, 17. September 2014, in Sargans. Die St. Galler Stimmbevoelkerung befindet am 28. September ueber den Teilabbruch und die Erweiterung der veralteten Schulanlage:

Schüler der Kantonsschule Sargans werden in der umfunktionierten Turnhalle in Mathe unterrichtet.
Bild: KEYSTONE

So viele Maturanden wie nie: Für die Uni sind aber längst nicht alle reif

Die Maturaquote steigt in einigen Kantonen auf Rekordhöhe. Gleichzeitig fallen Gymi-Absolventen mit der Note 6 durchs Studium. Nun reagieren Kantone und Hochschulen.

Yannick Nock / Schweiz am Sonntag



Nyon hält einen Rekord, den kaum einer kennt. Berühmt ist die 20'000-Einwohner-Stadt für ihr weisses Schloss, das über dem Hafen thront. Pop-Legende Phil Collins schlendert schon mal die Seepromenade entlang, und natürlich hat der Fussballverband UEFA seinen Hauptsitz im Westschweizer Städtchen. Bemerkenswert ist aber etwas anderes: Landesweit gibt es nirgends mehr Maturanden als in Nyon.

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bild: schweizamsonntag

Die Quote liegt bei 37 Prozent, wie neuste Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Damit besitzt in Nyon mehr als jeder dritte 19-Jährige eine Matura. Das ist keine Ausnahme. Mehrere Kantone vermelden Rekordzahlen. In Baselland stieg die Quote in nur fünf Jahren von 19.6 auf 23.1 Prozent. Rekord. Basel-Stadt liegt mit 32 Prozent noch höher. Auch Rekord. Und in Zürich und Schwyz ist der Wert ebenfalls der höchste seit Beginn der Erhebung vor 35 Jahren.

Die Entwicklung bringt Probleme mit sich. Die Matura soll eigentlich die Reife fürs Studium dokumentieren, doch höhere Quoten gehen oft mit sinkenden Ansprüchen einher. «Das System ist in Schieflage geraten», sagt Stefan Wolter, Bildungsexperte des Bundes und Professor an der Universität Bern. «Die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern sind beträchtlich.» Das bekommen vor allem die Universitäten zu spüren. Je nach Kanton, Gymnasium und Schwerpunkt sind die Fähigkeiten der Mittelschulabsolventen nicht immer hochschulreif. Besonders Schüler aus Kantonen mit vielen Maturanden wie in Genf (28.9 Prozent) haben im Studium mehr Mühe als ihre Kommilitonen aus St. Gallen, wo nur wenige das Gymnasium besuchen (14 Prozent).

«Das System ist in Schieflage geraten.»

Stefan Wolter, Professor Universität Bern

Über die Hälfte fliegt raus

«Immer häufiger betrachten die Universitäten das erste Studienjahr als Selektionsjahr, weil sie der Matura-Qualifikation nicht mehr vertrauen», sagt Wolter. Seit zehn Jahren sinkt beispielsweise an der ETH Lausanne die Erfolgsquote der Erstsemestrigen. Mittlerweile fallen 60 Prozent durch die erste Zwischenprüfung. Wolter kritisiert, dass Schüler aus ihren Maturanoten nicht mehr ersehen können, ob sie an der Universität überhaupt bestehen können. «Einzelne Gymnasien vergeben Noten, die in keinem Verhältnis zu den objektiven Leistungen stehen», sagt er, «dann kommt es vor, dass Gymi-Absolventen trotz der Note 6 in Mathematik später aus dem ETH-Architekturstudium fliegen.»

Die Maturaprüfung soll sich deshalb in den kommenden Jahren ändern – und einheitlicher werden. Die Konferenz der Schweizer Erziehungsdirektoren (EDK) hat kürzlich das Anforderungsprofil für Maturanden überarbeitet. Im Zentrum stehen die Erstsprache und die Mathematik. «Bislang war die Studierfähigkeit nur sehr allgemein beschrieben», sagt der Basler Erziehungsdirektor und EDK-Präsident Christoph Eymann. «Nicht alles, aber ein wichtiger Ausschnitt wurde nun mit fachlichen Kompetenzen präzisiert.» Ähnlich wie im neuen Lehrplan 21 wird darin beschrieben, was die Schülerinnen und Schüler wissen und vor allem was sie können müssen.

«Wir sollten wegen der Qualität in Richtung Zentralmatura gehen.»

Stefan Wolter

Das wird nicht die einzige Neuerung bleiben. Die EDK empfiehlt, die Abschlussprüfungen in den Kantonen zu harmonisieren. Ähnliche Bemühungen treiben die Hochschulen voran. Die Universität Zürich stellt ihre Prüfungsbeisitzer der mündlichen Matura künftig häufiger auch anderen Kantonen zur Verfügung, um einen ähnlichen Standard sicherzustellen. Die Schweiz nähert sich damit ihren Nachbarn an. In Deutschland und in Österreich regelt die Einheitsmatur, dass alle Schüler auf dem gleichen Stand sind.

87 Prozent für Einheitsmatur

«Wir sollten wegen der Qualität in Richtung Zentralmatura gehen», sagt Wolter – und steht damit nicht allein. In einer repräsentativen Umfrage Ende 2015 sprachen sich 86.6 Prozent der Befragten für schweizweit einheitliche Abschlussprüfungen aus. «Dass wir darüber diskutieren, wäre vor vier Jahren noch undenkbar gewesen», sagt der Bildungsexperte. Auch die EDK hat weitere Massnahmen angekündigt: Zusammen mit dem Bund wollen die Erziehungsdirektoren demnächst eine neue, gesamtschweizerische Evaluation durchführen. Ihr Ziel: Messen, wie weit die Gymnasiasten am Ende ihrer Ausbildung wirklich sind.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Wandtafel 13.06.2016 12:37
    Highlight Highlight Ich bin damals an die ETH gekommen um Ingenieur zu werden. Schock des Lebens war das ich mit einer 5.5 in Mathe noch nie ein Summenzeichen gesehen habe während es an der ETH zu den Grundlagen der Grundlagen gehört hat. Es gibt einfach einige schwarze Schafe bei den Kantonsschulen die sich nicht an den Plan halten, diese sollte man finden und auf die Finger hauen. Gruss an die KSASZ so nebenbei 😜
  • Wilhelm Dingo 13.06.2016 08:46
    Highlight Highlight Man könnte bei der Einheitsmatur das Niveau ja gleich auf das Level von Frankreich oder Spanien senken. Dann wäre auch gleich das OECD "Problem" tiefer Maturandenquoten gelöst...
    • Mathis 13.06.2016 10:11
      Highlight Highlight Nein, das Quotenproblem wäre dadurch nicht gelöst, denn es gibt ja nicht genug Plätze an den Kantonsschulen!
  • paddyh 12.06.2016 23:59
    Highlight Highlight Für alle, die mit 16 nicht sicher sind, was studieren. Macht eine Lehre mit BM und nachher die Matur. Man hat immer einen Nebenjob als Student, einen Plan B, eine andere Arbeitsmoral und zudem weiss man mit 20 auch eher was man will. Das schweizer Bildungssystem ist sehr durchlässig und das Jahr, das man da "verliert" ist sehr gut investiert.
  • Berner 12.06.2016 23:29
    Highlight Highlight Die Einheitsmatur wird das Niveau der MaturandInnen sicher nicht anheben. Es wird generell zu einer Nivellierung nach unten kommen. Zwar werden alle AbsolventInnen die einheitlichen Mindestanforderungen erfüllen, aber dafür werden auch die "Höhenflüge" der besten ausbleiben.
    Die Erklärung ist einfach: eine Einheitsmatur erfordert auch einen Einheitsunterricht, sprich Einheitslehrpersonen. Die Motivation, in diesem bisher spannenden und herausforderenden Job weiterhin mit Engagement und Innovationsgeist zu wirken, würde gegen Null tendieren und damit auch das allg. Unterrichtsniveau.
  • BloodyMary 12.06.2016 20:31
    Highlight Highlight Wenn man auf watson Artikel durchscrollt und dann auf einmal stoppt, weil einem ein Bild bekannt vorkommt... und man sich dann selbst auf dem Bild wiederfindet 😅 Hach, das waren noch Zeiten. ( Letztes Jahr)
  • Lami23 12.06.2016 20:15
    Highlight Highlight Mein Bruder studiert Bio an der Uni Zürich. 2/3 wurden rausgesiebt in den ersten beiden Semestern. Und das ist teils wirklich schwierig, was machst du mit einer Matura im Sack, aber scheinbar keiner Möglichkeit zu studieren? Das leidige ist, dass dann viele ein einfacheres Studium wählen (PH) und nachher Lehrer ohne Leidenschaft werden...Zum anderen muss man dem heutigen Bildungssystem zu Gute halten, dass es viele Umwege bietet, für jene, die den Mut dazu haben. Aber es ist eben hart zu sagen: Ich habe eine Matura, bin aber nicht an der Uni.
    • Lami23 12.06.2016 22:27
      Highlight Highlight Tja ich persöhnlich bin auch nicht dieser Meinung. Trotzdem scheint auf vielen ein gewisser Erwartungsdruck diesbezüglich zu lasten. Anders kann ich mir das immer weiter studieren und seine ganze Freizeit dem lernen widmen und dann doch nicht bestehen nicht erklären. Als ob etwas anderes als die Uni keine Alternative wäre...
    • Tgiralla 12.06.2016 22:44
      Highlight Highlight Und ich absolvierte die Lehre mit lehrbegleitendr BMS und habe bald die Zweitwegmatuta im Sack.
      Das ist das Tolle an unserem Bildungssystem.
  • who cares? 12.06.2016 18:01
    Highlight Highlight Ich bin eine der 13.2% Thurgauer, bin locker flockig durchs Gymnasium gekommen und komme and der Uni gut zurecht. Aber auch bei uns gab es Leute an der Schule, denen ich kein Studium zutraue.
  • RmGsbhlr 12.06.2016 17:23
    Highlight Highlight Harmonisieren finde ich soweit gut, wenn ich sehe, dass nicht einmal alle an unserem Gymnasium dieselbe Prüfung schreiben. Die Erfahrungen mit der Zentralmatura in Österreich sind aber gem. dem, was ich gelesen habe, sehr schlecht; diesen Schritt würde ich nicht überstürzen.
  • dnaef 12.06.2016 17:09
    Highlight Highlight So richtig neu ist diese Erkenntnis ja nicht. Schon vor gut 10 Jahren musste ich feststellen, dass mich meine Basler Matura wesentlich schlechter aufs Studium vorbereitet hat, als die Matura vieler Kollegen aus anderen Kantonen ... Eine Vereinheitlichung ist deshalb grundsätzlich zu begrüssen, muss aber auch die Besonderheiten der Kantone berücksichtigen können.
    • Trouble 12.06.2016 20:12
      Highlight Highlight Man kann aber nicht einfach nur die Matura-Prüfungen vereinheitlichen. Ich habe nach 13 obligatorischen Schuljahren in Basel studiert. Meine Kolleginnen und Kollegen aus BS hatten nur 12, diejenigen aus BL 12.5 obligatorische Schuljahre gehabt. Bei solchen Unterschieden kann man nicht von allen dasselbe Niveau erwarten.
    • dnaef 12.06.2016 21:20
      Highlight Highlight Das ist klar, nur eine Vereinheitlichung der Prüfungen geht nicht. Ich habe aber die Lösung auch nicht parat ... Leider ...
  • Gringoooo 12.06.2016 17:02
    Highlight Highlight Dass eine Matura nicht die Fähigkeit zu studieren bedeuted ist doch schon lange bekannt. Diese Erfahrung musste ich selbst mache und sah sie an vielen anderen.
    Ein Problem ist doch auch, dass Handwerkliche Berufe heute nicht mehr so sehr gefördert werden und gesellschaftlich teilweise nicht mehr so angesehen sind, wesshalb auch viele Satelitenmütter ihre Kinder durchs Gymi peitschen. Genau diese Kinder scheitern später oft. Dies generiert unglaubliche Umsätze in den Nachhilfeschulen.

    Das heutige Schulsystem ist schwerst erkrankt. Es bräuchte tiefgreiffende Veränderungen!
  • elnino 12.06.2016 16:38
    Highlight Highlight Guter Ansatz!
    Zudem würde ich auch begrüssen, die privaten Matura-Abschlüsse mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Kenne viele reichen Kiddies, die aus dem Gymi rausgeflogen sind und dank Papas Portmonee doch noch auf leichtestem Wege die Uni-Bank drücken können..

    Bildung darf nicht kommerzialisiert werden!
    • Gringoooo 12.06.2016 17:16
      Highlight Highlight Grundsätzlich schon richtig, aber wie willst du dich durch eine Uni kaufen (ausser das leidige Ghostwriting Thea)?
      Des weiteren bringt ihnen auch ein Uniabschluss nichts wenn er erkauft wurde. Wie willst du im Job bestehen?

      Grundsätzlich stimme ich ihnen aber zu.
    • Gelegentlicher Kommentar 12.06.2016 19:37
      Highlight Highlight Stimme gringo zu, dass erkaufte Abschlüsse nicht zwingend dabei helfen, zu bestehen. Was aber Fakt ist, ist dass Schüler aus der Oberschicht mit diesen Optionen generell mehr Chancen haben. Sei es, weil sich die Eltern die besten Nachhilfelehrer leisten damit das Kind keinen Handschlag mehr selber tun muss oder sei es, dass sie es sich leisten können, dass das Kind auch mal 1-2 Jahre länger als die reguläre Schulzeit benötigt, "damit der Druck nicht zu gross wird". Kinder/Studenten aus unteren Schichten können sich das jedoch nicht leisten.
    • Gelegentlicher Kommentar 12.06.2016 19:38
      Highlight Highlight Das Problem gibt es schon ewig und wird es immer geben, trotzdem könnte man versuchen, es zumindest ein bisschen mehr einzugrenzen.
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