Schweiz
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Serie Schweiz – EU

Kapitel 2:
Der Siegeszug Blochers und der Eklat um den Älplermusiker

Ein Volkstribun beginnt seinen Aufstieg: Christoph Blocher an einer EWR-Sendung im November 1992. Bild: Keystone/watson

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Soll die Schweiz dem EWR beitreten? 1992 kämpft der aufstrebende Politiker und Millionär Christoph Blocher gegen einen Bundesrat ohne Gespür. Und beginnt seinen Siegeszug.

31.01.17, 11:45 02.02.17, 14:42
Joel Bedetti, Sven Rüf
Joel Bedetti
Joel Bedetti

Sven Rüf
Sven Rüf

«Wo haben sie denn diesen Typen ausgegraben?!»

Mario Padruzzi (26) sitzt in seinem FCZ-Fanshirt vor dem TV, reibt die Hände an seiner Cola und krümmt sich vor Lachen

Der TV zeigt in Nahaufnahme einen Hünen mit Älplerbart und hochrotem Kopf. «Herr Bundesrat, sind ihr mit Blindheit gschlage?», schreit er den konsternierten Adolf Ogi an, «dass mir müend is Usland us, wo all im Dräck schtönd bis is Grind ufe, Schulde übere Grind ufe! Wenn er gäre Chrieg wend, denn mached mit! E Schwizer wird nid Asylant, er verblüetet im äigene Land!»

Mario Padruzzi* (26) sitzt in seinem FCZ-Fanshirt vor dem TV, reibt die Hände an seiner Cola und krümmt sich vor Lachen. «Wo haben sie denn diesen Typen ausgegraben?!»  «Das ist nur wegen diese Blocher», regt sich sein Vater Toni Padruzzi (53) auf, «alle kriege roten Kopf wegen dem.» «Alle kriegen einen roten Kopf wegen ihm, Papa», korrigiert Mario.

Jetzt erst recht: Zwei Wochen nach dem EWR-Nein demonstrieren 6000 Menschen auf dem Bundesplatz für Verhandlungen um einen EU-Beitritt. Bild: Keystone

Europaabstimmungen seit 1972

3. Dezember 1972
Freihandelsabkommen CH–EWG
Ja: 72.5%
Nein: 27.5%
Bundesbeschluss über die Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft
6. Dezember 1992
Europäischer Wirtschaftsraum
Ja: 49.7%
Nein: 50.3%
Bundesbeschluss über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR)
8. Juni 1997
Beitrittsverhandlungen nur nach Abstimmung
Ja: 25.9%
Nein: 74.1%
Eidgenössische Volksinitiative «EU-Beitrittsverhandlungen vors Volk!»
21. Mai 2000
Bilaterale Verträge I
Ja: 67.2%
Nein: 32.8%
Bundesbeschluss über die Genehmigung der sektoriellen Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft
4. März 2001
Start von Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union
Ja: 23.2%
Nein: 76.8%
Eidgenössische Volksinitiative «Ja zu Europa»
5. Juni 2005
Referendum zu Schengen- und Dublin
Ja: 54.6%
Nein: 45.4%
Bundesbeschluss über die bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU über die Assoziierung an Schengen und an Dublin
25. September 2005
EU-Erweiterung 2004
Ja: 56%
Nein: 44%
Bundesbeschluss über das Protokoll über die Ausdehnung des Freizügigkeitsabkommens auf die neuen EG-Mitgliedsstaaten
26. November 2006
Kohäsionsmilliarde
Ja: 53.4%
Nein: 46.6%
Bundesgesetz über die Zusammenarbeit mit den Staaten Osteuropas
8. Februar 2009
Fortführung Personenfreizügigkeit und Erweiterung auf Bulgarien und Rumänien
Ja: 59.6%
Nein: 40.4%
Bundesbeschluss über die Weiterführung des Freizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der EG sowie über die Ausdehnung auf Bulgarien und Rumänien
9. Februar 2014
Masseneinwanderungs-Initiative
Ja: 50.3%
Nein: 49.7%
Eidgenössische Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung»

Es ist November 1992, in wenigen Tagen entscheidet die Schweiz über den Beitritt in den Europäischen Wirtschaftsraum EWR, und die Abstimmungssendung des Schweizer Fernsehens aus dem Schwyzer Bundesbriefmuseum läuft gerade aus dem Ruder. Der Mann, der Adolf Ogi anschreit, ist der bekannte Schwyzer Volksmusiker Dominik Marty. Nach der Sendung wird er zwei Tage lang sein Telefon abstellen müssen und Auftritte verlieren. Doch was Marty brüllt, denken viele Schweizer in diesen Tagen, wenn auch weniger drastisch.

Die Padruzzis aus Dietlikon in Zürich nicht. Toni, Bauarbeiter, und zeitlebens Gewerkschaftsmitglied, stimmt Ja, weil es die Gewerkschaftsführung so empfohlen hat, auch wenn manche in der Basis brummten, der Blocher habe nicht Unrecht. Mario, Maschinenbauer, hingegen ist nicht in der Gewerkschaft. Er wird für den EWR stimmen, weil alle betonen, wie wichtig er für die Wirtschaft ist. Und weil er spürt, dass sich die Welt gerade im Höllentempo dreht. Vor drei Jahren hat er wie viele Junge für die Abschaffung der Armee gestimmt, weil ihn die WKs angurken. Gegen wen soll man denn kämpfen? Die Sowjetunion gibt es seit einem Jahr nicht mehr. Der Kalte Krieg ist vorbei, alle Türen stehen offen, ein neues Zeitalter bricht an.

«Trainingslager» EWR

Wenige Tage davor sitzt Familie Hirt im luzernischen Sursee vor dem Fernsehen. Bundesrat Adolf Ogi, der zusammen mit Kollege Arnold Koller durchs Land zieht und die Schweizer für den EWR begeistern will, ist Gast in einer Diskussionssendung. «Das ist ein Eintritt in eine supranationale Gemeinschaft», erklärt Ogi dem Moderator einen allfälligen Beitritt in die Europäische Gemeinschaft (EG). «Das wäre der Ernstfall, wenn man so will, während der EWR eine Art Trainingslager ist.» Regula Hirt (24), Krankenschwester, schüttelt irritiert den Kopf. «Ja, was denn jetzt, du Schlaumeier?», ruft ihre Mutter Elsi (52) und klopft an die Eichhof-Bierflasche, «vorher habt ihr immer gesagt, wir gehen nicht in die EG. Da kommt ja keine Sau mehr nach.» «Ich glaube, die wissen selbst nicht ganz, was sie wollen», meint Regula und nimmt einen Schluck aus ihrer Flasche. Ihre Mutter seufzt. «Ich sag dir was, Regula; wenn wir jetzt Ja stimmen, dann sind wir drin. Ob es uns gefällt oder nicht. Dann gibt's kein zurück.»

Regula, die sich vor fünf Jahren für die Rothenturm-Initiative eingesetzt hat, um ein Moor vor einem neuen Waffenplatz zu schützen, denkt nach. Vor kurzem hat sie das EWR-Buch von Rudolf Strahm in die Finger gekriegt, das in Naturschützerkreisen die Runde macht und vor 40-Tönnern auf den Alpenstrassen und den Ramschwaren aus der EU warnt. Regula beschliesst, Nein zu stimmen.

Ein kalter Wind schlägt ihnen entgegen: Bundesräte Adolf Ogi und Arnold Koller an der Abstimmungssendung im Schwyzer Bundesbriefmuseum am 20. November 1992. Bild: Keystone

Ein Land im Krisenmodus

Herbst 1992. Die Schweiz läuft im Krisenmodus. Schlag auf Schlag ist es passiert. Kaum hatte man im Sommer 1989 noch den 60. Jahrestag der Mobilmachung gefeiert, stimmten im November ein Drittel der Schweizer für die Abschaffung der Armee. Die Berliner Mauer fiel. Im Fichenskandal tauchen die Akten von zehntausenden Schweizern auf, die vom Geheimdienst bespitzelt wurden. Die 700-Jahre-Feiern der Eidgenossenschaft 1991 wurden zum Desaster. Und jetzt will auch noch diese Europäische Gemeinschaft was von der Schweiz.

Bis Mitte der 80er Jahre ist die nach dem Krieg entstandene EG ein gemütlicher Handelsclub westeuropäischer Staaten. Benedikt von Tscharner, der 1987 als Chef der Schweizer Mission nach Brüssel kommt, erinnert sich an eine familiäre Stimmung unter den Diplomaten. Man arbeitet und feiert zusammen, als Götti wählt man oft einen Diplomaten eines anderen Landes. «C'était notre monde», beschreibt Tscharner die Stimmung.

1985 übernimmt der ehrgeizige Franzose Jacques Delors das Kommissionspräsidium. Von da an geht es rund. In einem Weissbuch hat Delors skizziert, wie er die nationalen Volkswirtschaften in einen europäischen Binnenmarkt verschmelzen will. Technische Normen sollen harmonisiert werden, Aufträge der öffentlichen Hand sollen europaweit ausgeschrieben werden, Staatsmonopole sollen fallen, Arbeitskräfte sollen sich frei durch Europa bewegen können.

Hier entscheidet die EU

EU-Par­la­ment
Das eu­ro­pä­ische Par­la­ment hat sei­nen of­fi­ziel­len Sitz in Strass­burg. Die 751 Ab­ge­ord­neten wer­den al­le fünf Jah­re von den Bür­gern der EU-Mit­glied­staaten ge­wählt. Die Par­la­mentarier sind in Fraktionen wie den europäischen Sozialdemokraten, Christdemokraten oder den rechtspopulistischen «Europa der Nationen und der Freiheit» organisiert. Seit dem Maastrichter Vertrag 1992 wurden die Kompetenzen des Parlaments laufend ausgebaut, allerdings hat es bis heute wenig Gestaltungsmacht. Hauptsächlich bestätigt es Personalentscheide oder Gesetze und gestaltet sie nicht. Der abtretende Parlamentspräsident ist der Deutsche Martin Schulz.
Eu­ro­pä­ischer Rat
Der eu­ro­pä­ische Rat (nicht zu ver­wech­seln mit dem Eu­ro­pa­rat, der nichts mit der EU zu tun hat) ist die Ver­sam­mlung der Re­gierungs­chefs der 28 EU-Länder. Der Rat kom­mt min­des­tens vier­tel­jährlich zusammen, setzt die entscheidenden Impulse für die EU-Politik und versucht, die Interessen der Mitgliedsstaaten auszugleichen. Alle zweieinhalb Jahre wird zusätzlich ein vollamtlicher Vorsitzender gewählt; derzeit ist es der Pole Donald Tusk.
EU-Kom­mis­sion
Die Eu­ro­pä­ische Kom­mis­sion in Brüs­sel ist mehr als das aus­füh­ren­de Organ der EU. Ihre 29 Kom­mis­sare sind die «Hü­te­rin der EU-Ver­trä­ge» und kann bei Nicht­be­ach­tung durch ein Mit­glieds­land Kla­ge am Uuropäischen Gerichtshof erheben. Zudem darf die Kommission als einzige EU-Institution Gesetze anstossen, darf sie im Laufe des Verfahrens aber nicht mehr gegen den Willen von EU-Parlament und EU-Rat abbrechen. Trotzdem richtet sich die verbreitete Kritik am «Demokratiedefizit» der EU meist gegen die Kommission. Kommissionspräsident ist Jean-Claude Juncker.
EuGH
Der eu­ro­pä­ische Ge­richts­hof (nicht zu ver­wech­seln mit dem eu­ro­pä­ischen Men­schen­ge­richts­hof in Strass­burg) ist die die Ju­di­ka­tive der EU und hat den Sitz in Lu­xem­burg. Der EuGH sichert die Einhaltung sowie die Auslegung der Verträge, welche die Mitgliedstaaten mit der Europäischen Union geschlossen haben.

Die Schweiz ist mit Österreich, Liechtenstein und den skandinavischen Ländern Mitglied der EFTA, einer losen Freihandelszone, welche die Briten als Konkurrenz zur verbindlicheren EG gründeten, bevor sie ihr 1973 selbst beitraten. Die EG will den EFTA-Ländern die Chance geben, an ihrem Binnenmarkt teilzunehmen, ohne ihr politisch beizutreten. Ende der 80er entwirft sie deshalb den Europäischen Wirtschaftsraum EWR. In einer Rede vom 17. Januar 1989 verspricht Jacques Delors den EFTA-Staaten eine Mitsprache bei der Rechtsprechung und -setzung im künftigen Binnenmarkt. Die Schweizer Wirtschaft reibt sich die Hände. Ein freier Markt mit 380 Millionen Konsumenten winkt.

Beschwipst an die Pressekonferenz

Doch als die Verhandlungen der EG mit den EFTA-Staaten über den EWR beginnen, ist von Delors Versprechen nicht mehr die Rede. Die EFTA-Staaten müssen das EG-Recht, den «Acquis Communautaire», eins zu eins übernehmen. An künftiger Rechtssetzung, zum Beispiel über Wettbewerbsregeln, Schadstofflimiten und Kühlschrankgrössen, dürfen sie nur mitwirken, nicht mitbestimmen. Kein guter Deal, finden die Schweizer Diplomaten. Der Brüsseler NZZ-Korrespondent zitiert 1991 aus einem internen Bericht: «Für wirtschaftliche Vorteile müsste ein politischer Preis bezahlt werden, der an Wucher grenzt.»

Falsche Zuversicht: Am 6. Dezember 1992 gibt Bundespräsident René Felber seine Stimme ab. Bild: Keystone

Die Schweizer Diplomaten versuchen, mit den anderen EFTA-Ländern eine einheitliche Front gegen die EG aufzubauen. Doch die gibt nicht nach. Der EFTA-Block fällt auseinander, Schweden, Finnland und Österreich stellen lieber gleich ein Beitrittsgesuch. Bald besteht das EFTA-Lager neben der Schweiz nur noch aus Zwergen: Norwegen, Island, Liechtenstein. Am 21. Oktober 1991 fliegen die Bundesräte René Felber (SP) und Pascal Delamuraz (FDP), zwei EG-freundliche Romands mit schlechten Kenntnissen der Verhandlungssprache Englisch zur Schlussrunde der EWR-Verhandlungen in Luxemburg.

Gegen die Phalanx aus EG-Ministern, die sie während des Abendessens unter Druck setzt, haben sie keine Chance. Nachts um drei treten Felber und Delamuraz müde und vermutlich betrunken vor die wartende Presse. Die Schweiz verzichtet auf Mitbestimmung. Deshalb verkünden die beiden Bundesräte nun den EG-Beitritt zum strategischen Ziel – ohne Absprache mit Bern. Es ist eine 180-Grad-Kehrtwende des Bundesrats: Bisher hat er den Schweizern den EWR als Alternative zum EG-Beitritt verkauft.

Demonstrationen zum EWR-Beitritt

Skandieren gegen die EU. SVP-Anhänger demonstrieren 1995 in Zürich gegen den EU-Beitritt, der in liberalen und linken Kreisen propagiert wird. Quelle: Keystone

Skandieren für die EU: Im Dezember 1992 bringen Schweizer vor dem Bundesplatz in Bern ihre Enttäuschung über das EWR-Nein zum Ausdruck. Quelle: Keystone

Die Strasse nach Brüssel: Gesprayte Abstimmungsparole der NEAT-Befürworter im September 1992. Quelle: Keystone

SVP-Demo gegen die EU im September 1995 in Zürich. Für Politikfans: In der Bildmitte ein späterer, tief gefallener Bundesratskandidat der Partei. Quelle: Keystone

Romands wollen ihren Landesteil nach dem EWR-Nein abspalten: Sprayereien in Payerne 1993. Quelle: Keystone

Mit ihrem Auftritt, heisst es heute, hätten die beiden Bundesräte das EWR-Grab geschaufelt. «Als SP-Präsident musste ich den Entscheid begrüssen, da wir als Partei für den EG-Beitritt waren», erinnert sich Peter Bodenmann, «aber die Begeisterung für diesen taktischen Fehler hielt sich in Grenzen.» Instinktpolitiker Bodenmann ahnt damals, dass das den Schweizern zu schnell geht. Mit CVP-Präsident Ivan Rickenbacher und FDP-Präsident Franz Steinegger versucht er, den Bundesrat zu einer Verschiebung der Abstimmung zu bewegen, um die verunsicherten Wähler zu überzeugen.

«Wir hatten es leider mit europapolitischen Analphabeten zu tun», erzählt Bodenmann. Denn stattdessen beschliesst der Bundesrat am 18. Mai 1992 nach einer einstündigen Sitzung am frühen Morgen mit 4:3 Stimmen, bei der EG ein offizielles Beitrittsgesuch einzureichen. Mit diesem Manöver fernab der politischen Stimmung im Land versorgt er die EWR-Gegner mit genügend Munition bis zur Abstimmung am 6. Dezember 1992.

Diese interaktive Karte zeigt die wichtigsten Meilensteine in der Beziehung Schweiz – EU

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Christoph Blocher zieht durch die Säle

Der Bund führt den Abstimmungskampf mit dem Abstimmungsbüchlein, Broschüren und einem Infotelefon. Die Gegner führen ihn mit Geld und Gefühlen. Christoph Blocher, ein 52-jähriger SVP-Nationalrat, der vor kurzem unter nicht restlos geklärten Umständen den Chemiekonzern EMS gekauft hat, nimmt Millionen in die Hand. Er zieht durch die Säle der Schweiz und warnt die Schweizer: Stimmt ihr für den EWR, gebt ihr eure Unabhängigkeit auf. Oft duelliert er sich mit seinem Parteikollegen Adolf Ogi, der den gemässigten Flügel der SVP verkörpert.

Er strahlt schon wie ein Sieger: Der 52-jährige Christoph Blocher an einem Umzug im November 1992. Bild: Keystone

Eine Fernsehaufnahme aus dem Herbst 1992 zeigt Ogi, der bei einem Auftritt verzweifelt ins Publikum schaut. «Ich hoffe, ich habe in diesem Kursaal noch eine Chance», beschwört er die Zuhörer vergebens. SP-Präsident Peter Bodenmann nimmt auch an Veranstaltungen teil und unterstützt Ogi, der manchmal ausgebuht wird. «Erst in den Sälen begriff Blocher, dass hier ein fremdenfeindliches Potential darauf wartete, abgeholt zu werden», sagt Bodenmann heute. «Und er holte es ab.»

Widerstand gegen den EWR gibt es auch von Links. Die Grüne Partei ist gespalten: Viele Mitglieder östlich des Röstigrabens befürchten mit dem EWR-Beitritt eine Senkung der Umweltschutznormen. Zündstoff für dieses Argument liefert ein Bestseller: «Entscheidung Schweiz», geschrieben vom Ökonomen Rudolf Strahm, Sekretär der Naturfreunde Schweiz und seit 1991 SP-Nationalrat. 40'000 Exemplare gehen über die Theke.

Kritik kommt auch von links: Am 3. Juli 1992 nehmen die grossen Umweltverbände der Schweiz Stellung zu den EWR-Verhandlungen der Schweiz mit der EG. In der Mitte Rudolf Strahm, Zentralsekretär der Naturfreunde Schweiz. Bild: Keystone

Obwohl das Buch informiert und Nachteile den Vorteilen gegenüberstellt, zieht es zwischen den Zeilen die Drohkulisse der Deregulierung auf: Die Schweiz, damals das Land mit den höchsten Umweltschutznormen, begibt sich in eine Wirtschaftsgemeinschaft, in der Alptransit statt Alpenschutz zählt, Konzerne statt KMUS, «Ramschwaren» statt heimische Qualitätsprodukte. Das Buch bringt eine Angst zum Ausdruck, die viele Schweizer gegenüber der EG empfinden: Das Ende des Sonderfalls Schweiz.

Einwanderung seit 1992

Einwanderung
Auswanderung
Differenz

Auf Seite 150 schreibt Rudolf Strahm: «Die Personen-Freizügigkeit wird möglicherweise zur Schicksalsfrage des schweizerischen Europa-Entscheids werden.» Er warnt vor den möglichen Folgen der Personenfreizügigkeit; Dumpinglöhne und Wohnungsnot. Noch heute regte sich Strahm, inzwischen 73, in einem Berner Café über die Ignoranz des damaligen Politestablishments auf. «Die verstanden nicht, was das Volk empfand.»

Der Röstigraben bricht auf

Wenige Wochen vor der Abstimmung zeigen die Umfragen, dass die EWR-Gegner massiv zulegen. Die Wirtschaft organisiert eine Demonstration auf dem Bundesplatz, an der Direktoren von Konzernen wie Sulzer für das Ja werben. Aber es ist zu spät. Am Morgen des 6. Dezember rechnen viele bereits mit der Niederlage. Die nachträgliche Vox-Analyse zeigt: Die grösste Sorge der EWR-Gegner war Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, gefolgt von Souveränitätsverlust.

Erstmals wird die neue Trennlinie, die fortan die Schweizer Politik bestimmt, sichtbar: nicht Büezer und Direktoren stehen sich gegenüber, sondern Konservative und Progressive, Städter und Ländler. Und, besonders deutlich: Westschweizer und Deutschschweizer. Die Romandie hat für den EWR gestimmt. Bundesrat Delamuraz schimpft auf die «deutschschweizer Ayatollahs». Er ist nicht der Einzige, bei dem die Nerven Blank liegen. SP-Präsident Peter Bodenmann bezeichnet den Parteikollegen Strahm, der trotz Zweifeln doch ein Ja zum EWR eingelegt hat, später als «Blochers halblinken Schneepflug».

Zwei Schlachtrosse voll im Saft: SVP-Nationalrat Christoph Blocher und SP-Präsident Peter Bodenmann diskutieren 1992 zur Freude der Umstehenden auch nach Sitzungsende weiter. Bild: Keystone

Auch in Brüssel herrscht Katerstimmung. Als Missionschef Benedikt von Tscharner am Abend des 6. Dezember den zerknirschten Bundesrat am TV von einem «schwarzen Tag» sprechen sieht, denkt er: Was ist da schief gelaufen? «Unsere Lektion war: Es reicht nicht, wenn der Bundesrat das Abstimmungsbüechli verteilt. Wenn etwas neu ist, muss man es offensiv erklären.» Die Swissair sei fast das einzige Unternehmen gewesen, das sich ins Zeug gelegt hatte, erinnert sich von Tscharner. «Die wussten, was für sie auf dem Spiel stand.»

Verhängnisvoller Entscheid: Der Schweizer EU-Botschafter Benedikt von Tscharner (links) übergibt dem EU-Kommissar Jose Cesar Pauldouro das Neves am 26. Mai 1992 das Beitrittsgesuch zur EU. Bild: Keystone

Bereits im Januar 1993 geht von Tscharner mit einer Liste von Fachbereichen, in denen die Schweiz trotz EWR-Nein mit der EG verhandeln möchte, zur Kommission. Wider Erwarten willigt die EU ein. «Das war das Wunder von 93», sagt von Tscharner, der im Frühling Brüssel in Richtung Wien verlässt. Der Beginn der Bilateralen.

* Die Familiengeschichte der Padruzzis ist ein fiktionales, erzählerisches Element.

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Die Serie «Schweiz – EU» ist ein NativeAd der vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse koordinierten Kampagne «stark + vernetzt» für den Erhalt des bilateralen Weges mit der Europäischen Union. Die Chefredaktion von watson hat dem Auftragsverhältnis mit Economiesuisse in Zusammenhang mit der Serie «Schweiz – EU» unter folgenden Überlegungen und Bedingungen zugestimmt: Das politische Anliegen entspricht der redaktionellen Linie von watson, der verantwortliche Journalist ist von watson beauftragt, aber nicht Teil der watson-Redaktion und unterhält keinerlei wirtschaftliche Beziehungen zu Akteuren von «stark + vernetzt», die Auftraggeberin hat ausschliesslich bezüglich des Publikationszeitpunktes Mitsprache-Recht und darf weder mit dem von watson beauftragten Journalisten noch anderen Mitgliedern der watson-Redaktion kommunizieren und das NativeAd muss den watson-Userinnen und -usern einen klaren Erkenntnismehrwert bezüglich der Beziehungen Schweiz – EU bringen. (thi)

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13
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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • piedone lo sbirro 01.02.2017 09:31
    Highlight ein EU vollbeitritt wäre damals falsch gewesen und ist es heute noch. doch die bilateralen verträge sind für CH wichtig.

    die EU-hetze dient der SVP einzig um wähler zu ködern,
    denn blocher hat sein vermögen dank der EU und der PFZ vervielfacht.
    frau martullo`s EMS chemie hat nur arbeitsplätze ins ausland verlagert, aber keine neuen in der schweiz geschaffen.
    die EMS chemie beschäftigt 2/3 ausländer aus der EU oder asien, und frau martullo nutzt die EU um steuern zu hinterziehen:

    http://www.blick.ch/news/politik/so-spart-die-blocher-firma-ems-chemie-nutzt-eu-steuerparadies-id3119610.html
    19 7 Melden
  • themachine 01.02.2017 05:11
    Highlight "dass mir müend is Usland us, wo all im Dräck schtönd bis is Grind ufe,"
    Also man kann ja von dem Typen halten was man will aber bitte zitiert ihn grammatikalisch richtig.
    (Ja Grammatik existiert auch im Schwiizerdüütsch;))
    12 2 Melden
  • pachnota 01.02.2017 01:07
    Highlight Schrecklich diese Leute, die meinten, sie währen "aufgeschlossene" und wahren fanatisch für den EU Beitritt.
    Aus heutiger Sicht, nur noch peinlich; )
    21 31 Melden
  • Spooky 31.01.2017 21:45
    Highlight Andreas Gross war auch gegen den EWR.
    6 3 Melden
  • Colourreader 31.01.2017 21:25
    Highlight Danke für diese Serie. Mir geht es gleich wie anderen hier; bei der Abstimmung war ich noch nicht mal geboren. Die Nachwirkungen dieses Entscheids sind aber bis heute ersichtlich. Es ist wertvoll für die Europadiskussion, den Weg bis heute nochmals zu belichten. Gleichzeitig finde ich sehr wichtig, dass der Zusammenhang mit der stark+vernetzt Kampagne offen und klar deklariert wird. Well done, Watson!
    11 4 Melden
  • pulcherrima* 31.01.2017 16:17
    Highlight Danke für diese Serie. Ich war bei diesen Entscheiden noch nicht auf der Welt und habe deshalb alles erst viel später aus Erzählungen mitbekommen.
    18 1 Melden
  • Soulrider 31.01.2017 14:00
    Highlight Ich verstehe nicht was diese Serie soll.
    10 29 Melden
    • dickmo 31.01.2017 16:14
      Highlight Sie soll über die wechselhafte Geschichte unserer Beziehungen zu Resteuropa informieren und so die User ein bisschen unanfälliger machen für Pauschalisierungen aller Art im Zusammenhang mit der Europafrage.
      30 9 Melden
  • Thomas Bollinger (1) 31.01.2017 13:25
    Highlight Die Artikelserie liest sich ausgezeichnet. Herzlichen Dank dafür. In der Tat waren es ein paar Tausend Grünlinke, die den EWR schlussendlich vermasselt haben. Mir als Grünliberaler liegt das auch heute noch auf dem Magen.Die Frage war nicht Ja oder Nein zum EWR, sondern Ja oder Nein zu Blocher. Das hatten viele meiner Gesinnungskollegen damals nicht begriffen.
    19 14 Melden
  • Majoras Maske 31.01.2017 13:00
    Highlight Und noch heute haben sie scheinbar nichts gelernt. Viele sind nicht aus Fremdenfeindlichkeit gegen die Personenfreizügigkeit, sondern wegen der Angst vor Dumpinglöhnen oder Jobs. Und statt hier mal zu demonstrieren, dass man die Sorge dieser Leute ernst nimmt, debattiert man lieber über Standortvorteile und kreiert dann so etwas wie die USR3 oder führt Scheingefächte à la MEI.
    Das "Nein" zu Europa ist auch als Misstrauensvotum gegenüber der Wirtschaft zu verstehen.
    30 12 Melden
    • Colourreader 31.01.2017 21:31
      Highlight Wir haben nun mehr als einen Jahrzehnt lang die Personenfreizügigkeit erlebt. Die Arbeitslosenquote lag dabei weit tiefer als bei unseren Nachbarn. Unsere Wirtschaft hat nicht nur die Finanzkrise, sondern auch den Frankenschock fast unbeschadet überstanden. Und trotzdem hält sich das Märchen, dass die PFZ unsere Stellen und Löhne gefährde. Sie haben recht, diese Sorge ist ernst zu nehmen. Denn hier muss noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden.
      7 15 Melden
    • Hinkypunk 01.02.2017 11:14
      Highlight Angst vor Dumpinglöhne, aber gegen den Mindestlohn stimmen.
      5 5 Melden