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Ehemalige Verdingkinder posieren im März 2014 mit Kinderfotos vor dem Bundeshaus.
Bild: KEYSTONE

Bei den Schweinen schlafen und misshandelt: Verdingkinder sollen rund 25'000 Franken erhalten

27.04.16, 08:57 27.04.16, 09:35


Ehemalige Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sollen 20'000 bis 25'000 Franken erhalten. Der Nationalrat hat dem indirekten Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative am Mittwoch deutlich zugestimmt.

Nach einer emotionalen Debatte hat sich der Nationalrat mit 143 zu 26 Stimmen bei 13 Enthaltungen für ein Gesetz ausgesprochen, das die Zahlungen ermöglicht. Ja sagte er auch zum Bundesbeschluss über die Finanzierung. Die Volksinitiative lehnte der Rat stillschweigend ab.

Zehntausende Kinder verdingt

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz bis 1981 angeordnet worden. Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele wurden misshandelt oder missbraucht. Menschen wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt oder ohne Gerichtsurteil weggesperrt.

«Wir dürfen nicht aufhören, uns zu vergegenwärtigen, was Jahrzehnte lang in unserem Land möglich war.»

Justizministerin Simonetta Sommaruga

Die Rednerinnen und Redner im Nationalrat zeigten sich erschüttert. Manche berichteten von Begegnungen mit Opfern, andere von betroffenen Familienangehörigen – Beat Flach (GLP/AG) etwa von seiner Grossmutter, die als Verdingkind bei den Schweinen schlafen musste und Kartoffelschalen zu essen bekam, Matthias Aebischer (SP/BE) von seinem Grossvater, der fast täglich geschlagen wurde.

Insgesamt 300 Millionen Franken

Die Wiedergutmachungsinitiative verlangt Zahlungen im Umfang von 500 Millionen Franken. Die Höhe der Wiedergutmachung soll sich nach dem erlittenen Unrecht richten. Mit dem Gegenvorschlag stünden 300 Millionen Franken zur Verfügung, und alle Opfer würden den gleichen Betrag erhalten – wie viel genau, hängt von der Anzahl der bewilligten Gesuche ab.

«Wir dürfen nicht einfach Geld verteilen, weil uns gerade der Sinn danach steht oder weil mit Filmen, Büchern und durch Medien ein öffentlicher Druck aufgebaut wurde.»

Claudio Zanetti (SVP/ZH)

Den tieferen Gesamtbetrag begründet der Bundesrat damit, dass er von einer tieferen Opferzahl ausgeht als die Initianten. Der Bund schätzt die Zahl der noch lebenden Anspruchsberechtigten auf 12'000 bis 15'000. Damit würde jedes Opfer 20'000 bis 25'000 Franken erhalten. Der Nationalrat will die Leistung auf 25'000 Franken begrenzen.

Folgen mildern

Justizministerin Simonetta Sommaruga stellte am Ende der Beratungen fest, das Thema verdiene die volle Aufmerksamkeit. «Wir dürfen nicht aufhören, uns zu vergegenwärtigen, was Jahrzehnte lang in unserem Land möglich war», sagte sie. Die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sei eine Geschichte der Armut, der Ausgrenzung und Diskriminierung.

«Dereinst werden Menschen, für das, was wir heute tun und lassen, Wiedergutmachung verlangen.»

Hans-Ueli Vogt (SVP/ZH)

«Die Geschichte können wir nicht korrigieren», sagte Sommaruga. Es gehe auch nicht darum, die damaligen Geschehnisse aus heutiger Sicht zu verurteilen. Aber der Staat könne der besonderen Situation der Opfer Rechnung tragen. Er könne das erlittene Unrecht anerkennen und die heute noch spürbaren Folgen mildern.

Schockierende Berichte

Die Erfahrungsberichte seien schockierend, stellte Roberto Schmidt (CVP/VS) im Namen der Kommission fest. Das helfe den Betroffenen aber nicht. Das psychische und physische Leid habe ihr Leben geprägt. «Wir müssen und wollen das grosse Unrecht, das diese Menschen erlitten haben, anerkennen und wenigstens teilweise wieder gutmachen.»

Gegen finanzielle Leistungen für die Opfer stellten sich ein Teil der SVP-Fraktion. Zahlungen wären nur gerechtfertigt, wenn die staatlichen Handlungen dem damaligen Recht widersprochen hätten, argumentierten die Gegner. Allerdings wären die Taten in diesem Fall verjährt.

Nicht über Vorfahren urteilen

«Wir dürfen nicht einfach Geld verteilen, weil uns gerade der Sinn danach steht oder weil mit Filmen, Büchern und durch Medien ein öffentlicher Druck aufgebaut wurde», sagte Claudio Zanetti (SVP/ZH). Hans-Ueli Vogt (SVP/ZH) warnte davor, den Stab über die Vorfahren zu brechen. «Dereinst werden Menschen, für das, was wir heute tun und lassen, Wiedergutmachung verlangen.»

Die Befürworter widersprachen: Es gehe nicht um Handlungen, die früher akzeptiert gewesen seien und heute als unangemessen gälten, sagte Karl Vogler (CVP/OW). Zu einem grossen Teil gehe es um strafrechtlich relevante Taten wie sexuellen Missbrauch.

Erste Schritte

Im Lauf der letzten Jahre hatte es erste Schritte zur Rehabilitierung der Opfer gegeben. Auch wurde ein Soforthilfefonds eingerichtet für jene, die sich in einer Notlage befinden. 950 Opfer erhielten Geld, durchschnittlich 7300 Franken pro Person. Ferner leiteten die Behörden eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ein.

Nun muss noch der Ständerat entscheiden. Die Initianten haben in Aussicht gestellt, das Volksbegehren zurückzuziehen, sollte der Gegenvorschlag von beiden Räten angenommen werden. Mit dem Gesetz könnte den betroffenen Menschen schneller geholfen werden als mit der Initiative, hiess es im Nationalrat. Das sei angesichts des Alters vieler Opfer wichtig. (whr/sda)

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24
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24Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • äti 27.04.2016 11:43
    Highlight Ich freue mich dass die Herren Zanetti und Vogt auf ihre sämtlichen Einkünfte verzichten und dies auch publik machen. Denn es steht tatsächlich kein Sinn danach diese fürstlich zu honorieren, insbesondere Herr Vogt bereits weiss riesigen Mist zu bauen der zu Schäden führen wird.
    14 2 Melden
  • saukaibli 27.04.2016 10:29
    Highlight Und wieder einmal stellen sich gewisse Exponenten von weit rechts aussen komplett ins Abseits. Zanetti und Vogt, ihr seid einfach allerunterste Schublade im alleruntersten Kellergeschoss, also eigentlich noch viel weiter unten. Einfach nur schäbig!! Und all eure nein stimmenden Kumpels genau so. Schäbig ist der einzige noch kommentarspaltentaugliche Ausdruck der mir für Leute wie euch einfällt.
    20 6 Melden
  • PHM 27.04.2016 10:26
    Highlight Einfach nur beschämend die beiden Zitate von Zanetti und Vogt. "Geld verteilen weil der Sinn danach steht"? Gerade letzte Woche ist das
    doch so passiert... noch mehr Steuererleichterungen für Bauern,
    die Land verkaufen. Ich glaube nicht dass diese darauf angewiesen wären. Da wird auch mancher profitieren, der damals zugesehen hat wie sein Vater Verdingkinder geschlagen hat, oder sogar ein paar ältere Herrschaften, die sich noch selbst schuldig gemacht haben. Viel mehr als den Kopf schütteln kann man hier nicht.
    17 2 Melden
  • Angelo C. 27.04.2016 10:20
    Highlight Immerhin, immerhin - hatte nicht mehr so recht an einen Erfolg geglaubt 😊! Davon dass der Ständerat den Parlamentsbeschluss in absehbarer Zeit abnicken dürfte, ist eigentlich auszugehen.

    Nun erhalten wenigstens nicht wenige der noch Überlebenden einen zwar - gemessen am erlittenen Unrecht - kleinen, doch sehr willkommenen Alterszustupf!

    Möge die KESB vorgewarnt sein, dass sie in einigen Jahrzehnten nicht mit relativ ähnlicher Problematik konfrontiert werden muss.
    18 1 Melden
  • Tom Garret 27.04.2016 10:12
    Highlight Das ist ein so trauriges Kapitel! Eine Schande dass das so verbreitet war zu der Zeit. Unvorstellbar wie man Kindern sowas antun kann...
    Nun diskutiert man über Geld. Das irritiert mich immer ein wenig. Auf der einen Seite wünschte ich man könnte den betroffenen den Schaden den sie erlitten haben wegnehmen. Doch leider ist das unmöglich. Und Geld ist sicher eine kleine Genugtuung die ich befürworte. Auf der anderen Seite aber finde ich es immer etwas unmoralisch, Missetaten einfach mit Geld abzuwägen. Wie man aber gegen diese eher kleine Zahlung sein kann, kann ich trotzdem nicht verstehen...
    16 0 Melden
  • Soini 27.04.2016 09:09
    Highlight Ich finde es schrecklich was einige (es gibt auch Verdingkinder die es gut hatten) erleiden mussten.

    Jedoch finde ich es falsch diese Misshandlungen kollektiv mit Geld "wiedergutzumachen". Dass sind Prinzipien wie in den USA, wo man für alles eine Entschädigung erhält.

    Es tut mir und allen andern unserer Generation leid was geschehen ist, doch ich finde es falsch wenn nun wir mit unseren Gelder für die Fehler früherer Generationen haften müssen.
    8 42 Melden
    • Fabio74 27.04.2016 09:39
      Highlight Geld ist das Mindeste was man diesen Menschen geben kann Dazu gehörte eine gnadenlose Aufklärung der Geschichte. Es dürfte aber viel Dreck hochspülen.
      25 1 Melden
    • Olmabrotwurst 27.04.2016 09:49
      Highlight lass mal gut sein.. sei einfach froh das du nicht verkauft wurdest und das du nie am hungertuch nagen musst... das sind ganz erbährmliche verhältnisse... und glaube mir ich hab die erfahrung gemacht als ich mal das praktikum auf einem bauernhof hatte, der bauer selbst war auch ein verding bub und ja er hat alles an mi ausgelassen von schlagen bis zu pennen im stall... und ich konnte mich mit 16 einfach nicht wehren, bis ich mich meiner mutter anvertraut habe nach dem ich heimlich mal telefonieren konnte und das war 2004
      23 0 Melden
    • SoWaves 27.04.2016 10:13
      Highlight Dem stimme ich dir voll und ganz zu.
      2 9 Melden
    • SoWaves 27.04.2016 11:32
      Highlight @thotha dem hauptkommentar
      0 6 Melden
    • Olmabrotwurst 27.04.2016 11:40
      Highlight ich denke dir..
      0 0 Melden
    • Bijouxly 27.04.2016 12:17
      Highlight @Soini
      Auch ich stimme dir zu. Geld kann das nicht wiedergutmachen. Ich bin absolut kein Fan von Herrn Vogt, aber ein Stück weit hat er Recht. Wenn in 20 Jahren in der CH vielleicht die Prostitution verboten wird, erhalten dann die Prostituierten von 2000 alle auch eine Entschädigung.
      Nichts von dem will ich verharmlosen. Aber es war geltendes Recht.
      2 5 Melden
    • Fabio74 27.04.2016 21:51
      Highlight @Bijouxly: Ziemlich abscheuchlich diese Vergleiche. Man nimmt den Eltern die Kinder weg und "verschachert" die an Bauern und in Heime. Lässt die Kinder rechtlos ausgeliefert über Jahre und versaut diesen Menschen ihr ganzes Leben? Und das kann man quittieren mit "es war halt so"??
      Die Schweiz ist eines der reichsten Länder und wir wollen uns nicht mal eine Entschädigung für diese Leid leisten? Wie kaltherzig kann man nur sein....
      2 0 Melden
    • Bijouxly 28.04.2016 00:15
      Highlight Ja und wo ist der Unterschied zu meinem Beispiel? In 20 Jahren gehts den Prostituierten genauso. Ich schenke denen noch viel mehr, daran liegt es nicht. Aber man kann nicht leugnen, dass es "rechtens" WAR.
      0 0 Melden

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