Schweiz
Werner Greiner, centre, a Swiss citizen who had been held hostage in Mali since January 2009, speaks next to his wife Gabriella Barco Greiner, left, and Swiss federal Councillor Micheline Calmy-Rey, right, at the Airport in Zurich, Switzerland, Tuesday, July 14, 2009. The release was the second in a matter of hours on opposite sides of the world of hostages being held by groups linked to al-Qaida. In the Philippines, militants freed an Italian Red Cross worker earlier Sunday. (KEYSTONE/POOL/Alessandro Della Bella)

Die damalige Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey mit den befreiten Mali-Geiseln. Bild: KEYSTONE POOL

Lösegeld oder «humanitäre Hilfe»?

Mali-Geiseln: Parlament soll Lösegeldvorwurf untersuchen 

Tarnte der Bundesrat Lösegeldzahlungen als «humanitäre Hilfe»? Fakt ist: Kurz vor der Freilassung versprach Ex-Aussenministerin Calmy-Rey dem Land mehr Hilfsgelder.

02.08.14, 11:15 03.08.14, 11:26

Lorenz Honegger / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der

Es ist Mitte April 2009, als die damalige Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey für eine halbe Woche nach Westafrika fliegt. Ihr Departement spricht von einer «lange geplanten Reise». Ihre Mission ist aber keineswegs alltäglich. Das Schweizer Ehepaar Gabriella und Werner Greiner wird seit bald vier Monaten von einer Al-Kaida-Gruppe in der malischen Wüste festgehalten. 

Nach ihrer Ankunft in Malis Hauptstadt Bamako setzt sich Calmy-Rey mit dem Präsidenten des 15-Millionen-Einwohner-Landes zusammen. Das Staatsoberhaupt hat einen guten Draht zu den Entführern und versichert der Bundesrätin, die Geiseln seien alle wohlauf. 

Fast beiläufig kündigt die SP-Magistratin nach dem Treffen die Aufstockung der jährlichen Hilfsgelder für Mali von jährlich 12,5 Millionen auf 20 Millionen Franken an. Fünf Tage danach lassen die Entführer Gabriella Greiner frei. Noch einmal drei Monate später wird auch ihr Ehemann auf freien Fuss gesetzt. Gerüchte über Lösegeldzahlungen dementiert Calmy-Rey umgehend: «Ein Staat zahlt nie Lösegeld», sagt sie an einer Pressekonferenz. Offiziell haben die Befreiungsbemühungen für das Ehepaar Greiner den Bund 5,5 Millionen Franken gekostet. 

Der Fall scheint erledigt – bis letzte Woche. In ihrer Ausgabe vom Dienstag berichtet die «New York Times» gross über Lösegeldzahlungen von europäischen Regierungen an Al-Kaida-Gruppen. Laut dem Bericht hat die Schweiz den Entführern des Ehepaars Greiner vor fünf Jahren 12,4 Millionen Dollar übergeben. 

Der Verdacht bleibt im Raum 

Die US-Zeitung beruft sich auf einen anonymen Schweizer Unterhändler, der in die Befreiungsanstrengungen involviert gewesen sein soll. Dieser sagt, der Bundesrat habe dem Parlament 2009 bei den Budgetberatungen «plötzlich einen Extraposten für humanitäre Hilfe in Mali» untergejubelt. 

Handelt es sich bei dem Extraposten um die von Calmy-Rey angekündigte Aufstockung der Hilfsgelder für Mali, eine Tarnung für Lösegeld? Die alt Bundesrätin sagt auf Anfrage der «Nordwestschweiz», sie habe den «New York Times»-Artikel nicht gelesen und könne sich nicht dazu äussern. 

Das Schweizer Ehepaar, das von Al-Kaida freigelassen wurde. Bild: KEYSTONE POOL

Das Aussendepartement (EDA) dementiert jegliche Lösegeldzahlungen und untermauert sein Dementi mit einer Auflistung der jährlichen Hilfszahlungen an Mali. Demnach sind die Beiträge für Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe zwischen 2008 und 2013 von 9,5 Millionen auf 21,8 Millionen. Franken angewachsen. Ein abrupter Anstieg um das Jahr 2009 in der Grössenordnung von 12,4 Millionen Dollar jedoch fehlt. Die Recherchen der «New York Times» sind damit weiterhin unbestätigt. Der Verdacht bleibt aber im Raum. 

SVP-Büchel plant Vorstoss 

Für den St. Galler SVP-Nationalrat und Aussenpolitiker Roland Rino Büchel sind die Recherchen des Weltblattes Grund genug, den Fall Greiner neu aufzurollen. «Man muss die Hilfszahlungen an Mali noch einmal genaustens durchleuchten», sagt er. Büchel will die Aussenpolitische Kommission (APK) bei ihrer Sitzung Anfang September in Genf überzeugen, mittels Kommissionsmotion eine parlamentarische Untersuchung zu verlangen. Noch lieber wäre es Büchel, die Geschäftsprüfungskommissionen würden den Fall von sich aus angehen. «Es wäre ein Riesendesaster, wenn die Schweiz tatsächlich Lösegeld an Al-Kaida bezahlt hätte. Die zusätzlichen Mittel werden gebraucht, um Menschen zu töten. Nicht nur Touristen und Geschäftsreisende, auch die rund 730'000 Auslandschweizer weltweit werden dadurch in fahrlässiger Weise gefährdet.» 

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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    Alle Leser-Kommentare
  • MergimMuzzafer 03.08.2014 05:22
    Highlight Es ist ganz einfach: wenn das EDA von Reisen in ein Land bzw. Region abrät bezahlt der Staat bestimmt nicht. Falls aber in einem "sicheren" Land jemand entführt wird und das nicht geahnt werden konnte da das EDA keine Warnung herausgegeben hat, muss der Staat bezahlen. Aber so unter der Hand geht das natürlich nicht.
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