Schweiz
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Identifizierung: Grenzbeamte stellen die Identität von ankommenden Flüchtlingen fest. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Bis zu 120 Flüchtlinge pro Tag: Tessin droht, die Grenze dichtzumachen 

Überdurchschnittlich viele Asylsuchende suchen derzeit via Tessin Zuflucht in der Schweiz. Der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi fordert mehr Grenzwächter – und spielt mit dem Gedanken einer Grenzschliessung.

21.06.15, 06:09 21.06.15, 08:42

Seit Frankreich seine Grenze zu Italien für Flüchtlinge geschlossen hat, nimmt die Zahl der Asylsuchenden in der Schweiz deutlich zu. Gegenwärtig hält das Grenzwachtkorps (GWK) im Tessin jeden Tag 60 bis 70 Flüchtlinge an. In der Woche zuvor waren es sogar 120 bis 130 Personen gewesen. Rund 85 Prozent von ihnen würden ein Asylgesuch stellen, berichtet die «NZZ am Sonntag». 

Der Ansturm beschäftigt mittlerweile auch die Politik. «Die Zahl der Asylsuchenden und illegalen Migranten, die zurzeit aus Italien ins Tessin reisen, ist doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr», sagt der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi (Lega) der «NZZ am Sonntag». Gleichzeitig bläst er in gleiche Horn wie es die von ihm angeprangerten Beispiele Frankreich und Italien tun: «Wenn der Andrang der Asylsuchenden aus Italien anhält, müssen wir die Grenze vorübergehend schliessen. Nur so können wir Druck auf andere Staaten machen, die ihren Pflichten nicht nachkommen.»

Norman Gobbi ist besorgt – und will auf die anderen Staaten Druck ausüben. Bild: TI-PRESS

Gobbi zielt mit seiner Kritik namentlich auf Italien und Frankreich. Italien verzichtet seit mehreren Monaten darauf, ankommende Asylsuchende lückenlos zu registrieren, wie das die Dublin-Verordnung vorschreibt. Und Frankreich hat seine Grenze zu Italien für Flüchtlinge vor ein paar Tagen faktisch geschlossen, obwohl das Schengen-Abkommen das verbietet. «Ich bin weder gegen das Schengen-Abkommen noch gegen die Dublin-Verordnung, solange diese funktionieren. Nur funktionieren sie zurzeit nicht», sagt Gobbi. 

Tessin fordert mehr Grenzwächter

Auch in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» betont Gobbi, wie angespannt die Lage an der Grenze ist. «Wir erledigen die Arbeit für Italien und die EU, vor allem bei der Identifizierung der Migranten», sagt Gobbi – und fordert deshalb vom Bund mehr Grenzwächter. «Wir müssen ein Zeichen setzen und illegale Einwanderer an der Südgrenze stoppen und zurückweisen. Das haben wir nun gegenüber Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf deutlich gemacht», sagt Gobbi in der Zeitung.

Rückführung funktionieren wieder besser

Das Schweizer Grenzwachtkorps (GWK) hat seit Anfang Jahr gemäss «NZZ am Sonntag» rund 1900 sogenannte illegale Migranten nach Italien zurückgeführt – allein in den ersten beiden Juniwochen 490. Als illegal gelten Flüchtlinge, wenn sie ohne gültige oder ganz ohne Papiere in die Schweiz einreisen und hier kein Asylgesuch stellen. Die mehr oder weniger formlose Rückführung dieser Personen nach Italien ist aufgrund eines Staatsvertrags möglich, den die Schweiz und Italien 1998 abgeschlossen haben. 

Flüchtlinge in Pozzallo, Sizilien. Bild: AP

Allerdings kam es in den letzten Tagen zu Problemen bei den Ausschaffungen aus dem Tessin, weil die italienischen Behörden nicht vorbereitet waren. Deshalb suchte der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi das Gespräch mit den italienischen Kollegen. Mittlerweile würden die Rückführungen wieder besser funktionieren, sagt Gobbi.

Gemäss Statistik des Grenzwachtkorps stammen die meisten der Flüchtlinge, die zurzeit aus Italien ins Tessin reisen, aus Eritrea, Somalia, Nigeria und Gambia. Eritreer und Somalier erhalten in der Schweiz gewöhnlich Asyl oder werden vorläufig aufgenommen, die Gesuche von nigerianischen und gambischen Gesuchstellern dagegen werden abgelehnt. Auffallend ist, dass zurzeit verhältnismässig wenige Syrer im Tessin um Asyl ersuchen. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 21.06.2015 19:22
    Highlight Die vitalen Jungmänner, die es bis Europa schaffen, sind nicht die "Ärmsten der Armen", wie vielfach behauptet wird. Die tausende von Dollar, die jeder "Flüchtling" an Schlepperbanden abdrückt, müssen erstmal aufgetrieben werden. Oft kommt das Geld von Verwandten, die es bereits nach Europa in de Sozialsysteme geschafft haben. So gesehen zahlt der Steuerzahler bereits Ströme von Geld nach Afrika, das dann letztlich in den Taschen der Schlepper landet. Also der Bürger blutet, ohne dass der Durchschnittsafrikaner dadurch "reicher" wird. Dafür blüht dann aber die organisierte Kriminalität.
    22 2 Melden
    • Thanatos 21.06.2015 22:34
      Highlight Nein das Geld haben sie sich zusammengespart und die Angehörigen unterstützen die Person. Jedoch reicht das Geld selten und dann werden halt Schulden beim Schlepper aufgenommen...
      5 12 Melden
  • Surri 21.06.2015 13:57
    Highlight 50 Millionen Menschen sind auf der Flucht, es werde immer mehr. In Zukunft ist auch mit Klimaflüchtlingen zu rechnen, was soll man tun? Früher oder später errichtet Europa einen unüberwindbare Grenze...
    25 5 Melden
  • Gelöschter Benutzer 21.06.2015 13:39
    Highlight Nachdem der Westen, angeführt von den USA, viel Länder südlich des Mittelmeers erfolgreich destabilisiert hat, ist dies nun die direkte Folge daraus.
    Den USA sind diese Probleme egal, sie sind weit weg. Sie profitieren sogar davon, wenn sich die EU intern wegen den Flüchtlingen zerstreitet und sich selber schwächt.
    17 20 Melden
  • Adonis 21.06.2015 11:52
    Highlight ..schon mal was gehört zu Völkerwanderung in biblischen Zeiten? Ich bin Atheist, glaube aber an die Überlieferungen. Will heissen, dass wenn die Mennschen eine Grenze überrennen wollen, sie dies auch in heutiger Zeit tun können. Dagegen ist jedes Land, jeder Kontinent machtlos! Jede Wette gilt...

    17 53 Melden
    • Gelöschter Benutzer 21.06.2015 14:19
      Highlight Wette verloren. Seit Australien die Grenzen rigoros kontrolliert, kommen so gut wie keine Flüchtlinge mehr dort an.
      41 5 Melden
    • Adonis 22.06.2015 09:44
      Highlight Stimmt. Aber Australien ist vom Meer umgeben. Europa nicht. Vom Arabischen Raum führen viele Wege übers Land nach Europa.
      3 5 Melden
    • Angelo C. 22.06.2015 11:38
      Highlight Adonis 2 : Vielleicht naht ja auch in einiger Zeit am Mittelmeer etwas Abhilfe....


      http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/EU-setzt-Drohnen-gegen-Schlepper-ein/story/30916383
      5 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 22.06.2015 15:34
      Highlight Das ist mir völlig klar. Trotzdem behauptest du, dass - ich zitiere - "jedes Land, jeder Kontinent machtlos!" sei. Australien ist meines Wissens ein Land, früher war es auch noch ein Kontinent (heute heisst das ja so schön "Ozeanien"). Aber lassen wir die "Tüpflischiiserei".

      Natürlich hat Australien von seiner geographischen Lage her "Vorteile". Trotzdem können auch die Europäer vom australischen System lernen, wie ich finde.
      3 0 Melden
  • willey 21.06.2015 11:22
    Highlight Das dieses Abkommen mit der EU nicht funktioniert wäre doch auch mal ein Druckmittel unserer Regierung gegen die EU. Andernfalls Schengen-Dublin künden und alle Grenzen wieder streng kontrollieren.
    51 16 Melden
    • Oberon 21.06.2015 15:09
      Highlight Wir sind im Moment das kleinere Problem in Bezug auf die EU.
      Ich denke nicht das wir druck aufbauen können da auch die Situation innerhalb der EU (UK, Ukraine, Flüchtlinge, Finanzkrise und Reformen, etc..) sehr angespannt ist.
      7 7 Melden
  • Lumpirr01 21.06.2015 11:13
    Highlight Die massive Zunahme des Flüchtlingsstroms Woche für Woche aus christlicher Überzeugung seelenruhig zu unterstützen oder einfach hinzunehmen ist eine Sache, aber die Frage nach der Zukunft wohl die andere. Als Entwicklungshelfer in Westafrika weiss ich, dass die Auswanderung für die gut ausgebildeten jungen Leute aus Städten dieser Länder ein Thema ist. Wieviele werden aus nicht repressiven Staaten aus wirtschaftlichen Gründen kommen? Werden die diese gefährliche Reise trotz Nichtanerkennung als Asylgrund unternehmen und wieder zurückgeschickt? Man Bedenke: Afrika hat 1,1 Milliarde Bewohner!
    36 10 Melden
  • Angelo C. 21.06.2015 11:08
    Highlight Man kann die Tessiner verstehen, denn während sich zahlreiche EU-Staaten beharrlich weigern auf den angestrebten Verteilungsschlüssel ihrer Brüsseler Zentrale einzutreten, überdies Frankreich und England die Grenzen dicht machen, sollen Länder wie Italien und Griechenland die ganze Misere ausbaden, was im Hinblick auf unseren südlichen Nachbarn seit geraumer Zeit nun auch die Schweiz immer mehr in Mitleidenschaft zieht.

    Eine Mauer (wie in den USA, Israel oder Ungarn) werden wir wohl kaum brauchen, allerdings wird es Sache der Armee werden, dann unsere Grenzen effizienter zu bewachen, wenn das Grenzwachtkorps am Limit seiner Möglichkeiten angekommen ist. Denn so wie jetzt kann es aus jedermann nachvollziehbaren Gründen nicht mehr weitergehen.
    40 8 Melden
    • Dame vom Land 21.06.2015 19:59
      Highlight Es wird so weitergehen...Das Bundesamt für Migration sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Was können wir vom Bundesrat erwarten???????
      9 1 Melden
    • Angelo C. 22.06.2015 00:02
      Highlight Dame vom Land : Eine gute Frage, die Sie da stellen. Der BR wird m.E. vorerst zwei Dinge abwarten. Einerseits das Resultat des morgigen Augenscheins an den Tessiner Grenzen durch von ihm beauftragte Beamte, ein Besuch der allerdings schon vor Wochen vereinbart wurde. Andererseits wird er die Ergebnisse der sich noch immer in der Schwebe befindlichen EU-internen Verhandlungen abwarten, die sich mit dem Verteilschlüssel innerhalb ihrer Mitgliedstaaten befassen und die in den nächsten 1-2 Wochen den Widerstand diverser Länder beseitigen sollen, illegale Immigranten bei sich aufzunehmen. Kommt das weitere Verhalten Frankreichs und Italiens, aber auch Englands hinzu, die da und dort vermehrt zu sperren beginnen. Und erst dann wird sich unser BR (vermutlich unter dem Druck der bürgerlichen Parteien und einzelner Kantone) zu einer Entscheidung aufraffen, welche der Schweiz etwas mehr Luft verschaffen könnte. Bis dahin wird blosse Kosmetik betrieben und die einzelnen Grenzwachtkorps werden etwas verstärkt. Über was aber geflissentlich (vorerst) nicht diskutiert wird, sind die zahlreichen illegalen Grenzübertritte über die Tresa und andere grüne Grenzen, wo de facto nur die Armee Abhilfe schaffen könnte....
      6 0 Melden
  • Pippo30 21.06.2015 11:05
    Highlight Die Europäer werden Opfer ihrer eigenen ehemaligen Kolonial, und der heutigen Ressourcen-Kriegs Politik. Die Flüchtlingspoltitik ist völlig ausser Kontrolle, es bringt überhaupt nichts, alle nach Europa zu holen. Man sollte lieber damit beginnen eine Nachhaltige Poltik in Afrika zu betreiben, die auf Sozialem engagement beruht und weniger auf Ressourcen plünderung und Waffenexporten.
    43 10 Melden
  • Gelöschter Benutzer 21.06.2015 07:44
    Highlight Es braucht endlich solidarische Kontingente mit einem Verteilschlüssel proportional zu den Einwohnern oder Fläche eines Landes. Es darf nicht mehr möglich sein, Grenzen einfach dicht zu machen!
    50 51 Melden
    • Bijouxly 21.06.2015 10:12
      Highlight falsch, eher so: es darf nicht mehr sein, grenzen einfach dichtmachen zu müssen, weil andere staaten sich vor ihrer verantwortung drücken!
      63 11 Melden

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