Schweiz

Die Qual hat ein Ende: Lastwagen transportieren Pferde auf dem Hof in Hefenhofen ab.  Bild: KEYSTONE

«Er ging auf seine Arbeiter los» – ein Mitarbeiter des Tierquälers Ulrich K. packt aus

Als Lernender auf dem Quäl-Hof erlebte er die verschiedenen Gesichter des Pferdenarren. Ein ehemaliger Mitarbeiter erhebt Vorwürfe, hat aber auch gute Erinnerungen.

10.08.17, 05:21 10.08.17, 12:39

Pascal Ritter / Nordwestschweiz

Der Spuk ist vorbei. Pferde, Kühe und Schweine sind in Sicherheit und die Polizisten sind aus dem Weiler Brüschwil bei Hefenhofen TG wieder abgezogen. Am Montag hatten sie den Pferdezüchter Ulrich «Ueli» K. in Gewahrsam genommen, am Dienstag den Hof geräumt.

Ueli K. ist mittlerweile in der Psychiatrie. Die Tierschützer, die vor dem Hof ausharrten, bis die Behörden endlich eingriffen, sind zufrieden. Ihnen konnte es ohnehin nicht schnell genug gehen, als Bilder von abgemagerten Pferden publik wurden.

Doch nicht alle können aufatmen. Denn die Räumung des Areals wurde nicht nur von Schaulustigen, Tierschützern und Journalisten aufmerksam beobachtet. Auch der Pferdepfleger Jonas M.* ist am Dienstag an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückgekehrt. Als er sieht, wie der Lastwagen eines Viehhändlers von Polizisten auf den Hof gewinkt wird, kommen ihm die Tränen. Der Zweiundzwanzigjährige fürchtet, dass sein Lieblingspferd «Bubi» nun dem Pferdemetzger zum Opfer fällt.

Auszeit auf dem Quäl-Hof

Gegenüber dieser Zeitung schildert Jonas M. seine Geschichte. Er findet kritische Worte für seinen ehemaligen Arbeitgeber, aber er nimmt ihn auch in Schutz. Von Anfang an: Jonas M. begann nach der Sekundarschule eine Lehre als Pferdepfleger auf einem bekannten Hof im Kanton Thurgau. Mit seinem Lehrmeister kam er schlecht aus. Es gab Streit. Da verordnete ihm sein Lehrmeister eine Auszeit. Für zwei Monate sollte er auf einem anderen Hof arbeiten. So landete Jonas ausgerechnet beim damals schon wegen Gewaltdelikten und Tierquälerei verurteilten Ueli K.

Die Tiere lebten teilweise unter erbärmlichen Bedingungen. Bild: KEYSTONE

Das Experiment funktionierte. Der rebellische Lehrling und der renitente Pferdezüchter verstanden sich auf Anhieb. Es war am Tag vor Weihnachten im Jahr 2013, als Jonas zum ersten Mal den Hof betrat. «Ich erinnere mich noch ganz genau», erzählt Jonas. «Es gab ein grosses Weihnachtsessen mit der Familie und den Angestellten. Sie nahmen mich sofort in ihre Reihen auf.» Seinem ursprünglichen Lehrmeister habe er gesagt: «Ich gehe hier nicht mehr weg!»

Zwei Monate lang arbeitete Jonas damals für Ueli M. Im Gespräch zeichnet er vom nun landesweit als Tierquäler bekannten Landwirt ein schillerndes Bild. Einerseits sei er angenehm im Umgang gewesen. «Wenn ich einen neuen Sattel brauchte, rannte Ueli sofort», erzählt Jonas.

Mit Schaufel gegen Arbeiter

Doch Ueli habe auch eine andere Seite. «Er kann auch verdammt aggressiv werden.» Jonas macht ein Beispiel: Einmal habe einer der drei polnischen Hilfsarbeiter, die auf dem Hof arbeiteten, einen Traktor überladen. Die Achse sei gebrochen – und Ueli K. völlig ausgerastet. «Er warf eine Schaufel nach dem Arbeiter und rannte ihm mit der Mistelgabel hinterher», sagt Jonas. Der Alkohol habe bei den Wutausbrüchen von K. sicher auch eine Rolle gespielt. Zu trinken habe es auf jeden Fall immer genug gegeben auf dem Hof, erinnert sich Jonas.

Die Suche nach dem Lieblingspferd

Nach den zwei Monaten auf dem Hof von Ueli K. musste Jonas wieder in seinen Lehrbetrieb zurückkehren. Das Verhältnis mit seinem Lehrmeister besserte sich aber trotz der Auszeit nicht. Und Jonas plagten private Probleme. Schliesslich brach er die Lehre ab. Auf den Hof von Ueli K. kehrte er aber immer wieder zurück und kümmerte sich in unregelmässigen Abständen um verschiedene Pferde. «Ich war der Einzige, der mit ihnen reiten ging», sagt er. Sein Lieblingspferd war ein aggressiver Wallach. Einen Namen habe er offiziell nicht gehabt. Jonas nannte ihn «Bubi». Bubi habe niemanden an sich herangelassen – ausser ihn.

Doch warum ist der Pferdenarr Jonas nicht eingeschritten, als er die Missstände sah? «Meinen Pferden ging es gut», sagt Jonas. Und natürlich mache er sich nun Vorwürfe, dass er dem Hof im September vor einem Jahr den Rücken gekehrt habe. «Hätte ich doch Ueli damals meinen Bubi abgekauft», ärgert sich Jonas. Inzwischen schöpft er neue Hoffnung. Bubi sei auf einem Hof im Jura, hat er gehört. Er will alles versuchen, damit er ihn wieder sehen kann.

*Name geändert 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • AlteSchachtel 10.08.2017 18:41
    Highlight Ich begreife nicht, dass man ein Pferd lieben und gleichzeitig das Leid anderer ignorieren kann. Aber evtl. war da ein Abhängigkeitsverhältnis, das der Junge nicht lösen konnte.

    Was ich aber gar nicht mehr verstehe;

    dass der CH Verband der Freiberger Pferde diesen Typen, trotz Wissen um die schlechte Haltung seitens gewisser Mitglieder, mit Fohlenprämien belohnt hat???!!!
    Diesen Verband kann ich genauso wenig ernst nehmen, wie die kantonalen Verantwortlichen aus dem TG. Arme Pferde (u.seriöse Züchter) die von so einer Bande vertreten werden.
    6 0 Melden
  • blaubar 10.08.2017 10:11
    Highlight Und wieder einmal, sieht man, dass die Realität komplexer ist als die meisten Zeitungsberichte. Einschreiten war offensichtlich richtig! Trotzdem, schwarzweiss war auch diese Situation wohl nicht, was dieser Bericht schön zeigt. Auch ein Pferdevernachlässiger kann positive Seiten haben (danke im voraus für die Blitze...), was die Sache eben verkompliziert. Jeder, der solche Situationen schon selber erlebt hat, weiss, dass jede Handlung, aber auch jede Unterlassung jemand schadet. Es gilt abzuwägen.
    17 14 Melden
    • Datsyuk 10.08.2017 11:16
      Highlight Auch Kinderschänder und Vergewaltiger haben positive Seiten. Trotzdem greift man ein und schützt Kinder, Frauen und Männer. Auch Tiere müssen ohne zu zögern geschützt werden.
      28 4 Melden
    • blaubar 10.08.2017 13:00
      Highlight @Datsyuk: Genau, richtig. So ist es.
      3 0 Melden
    • blaubar 10.08.2017 18:09
      Highlight Bei Kindsmissbrauch ist es zum Beispiel so, dass man erst öffentlich einschreiten darf, wenn man sich 100% sicher ist. Stellt sich ein Verdacht als falsch heraus, ist das für den Unschuldigen verheerend, er wird das Stigma nicht mehr los, auch wenn völlig unschuldig (ich kenne solch einen Fall).
      1 0 Melden
    • Datsyuk 10.08.2017 21:42
      Highlight Okay, gut. 🙋
      0 0 Melden
  • anonüm 10.08.2017 10:09
    Highlight Ich finde die Geschichte von Jonas etwas speziell.. Laut seiner Aussage ist bereits zu seiner Zeit auf dem Hof niemand mit den Tieren reiten gegangen und hat ihnen somit Auslauf gewährt. Ich denke, da hätte man schon viel früher einschreiten können hätte Jonas gemeldet wie es auf dem Hof hergeht.
    20 1 Melden
  • Mia_san_mia 10.08.2017 08:57
    Highlight Sorry aber warum hat keiner der Mitarbeiter mal etwas gemeldet?
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    • Pisti 10.08.2017 12:39
      Highlight Na weil praktisch alle Bereiter und Pferdepfleger aus dem Osten stammen und ziemlich mies bezahlt werden. Will wohl keiner seinen Job riskieren.
      14 0 Melden
  • Joking Hazard 10.08.2017 07:48
    Highlight Sehr egoistisch von diesem Herrn, solange es seinem Pferd gut ging, hat er die Klappe gehalten. Meiner Meinung nach sind die Mitarbeiter auf dem Hof dort genauso haftbar, denn wer bei diesem Leid nicht eingeschritten ist, hat doch genauso wenig Skrupel wie Ueli K. Oder zumindest einen kaputten moralischen Kompass...
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    • stef2014 10.08.2017 10:30
      Highlight Ich weiss nicht, inwiefern man einem Lehrling diesen Vorwurf machen kann. Hätte Können Sollen...klar, wäre nicht verkehrt gewesen. Dennoch, er war ein junger Lehrling mit offenbar anderen Problemen. Da braucht es schon viel Reife und Mut, um gegen seinen Arbeitgeber vorzugehen. Ich bin da etwas vorsichtig mit Vorwürfen an ihn.
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    • meine senf 10.08.2017 11:13
      Highlight Je nach Geschäft und vor allem auch je nach vorangeganger familiärer Erziehung (anerzogene Angst, à la "sonst landest du beim Sozialamt", "Leben ist halt hart") ist man als Lehrling so eingeschüchtert, dass man wohl kaum dazu in der Lage ist. Spreche aus eigener Erfahrung.
      19 0 Melden
  • UncleHuwi 10.08.2017 06:52
    Highlight Hauptsache seinem "Bubi" geht es gut! Im Text kommt es so rüber dass Ihm die anderen Tiere völlig egal sind.
    40 8 Melden

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