Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kein SMS-Notruf in der Schweiz: Der Bund lässt Gehörlose aussen vor

Soll man Notrufe per SMS verschicken können? Diese Debatte wird in den USA und Kanada zurzeit geführt. Der Schweizerische Gehörlosenbund fordert dies für die hiesige «117» schon seit Jahren.



Die kleine Schweiz ist den grossen USA in vielem weit voraus. Nicht aber im Umgang mit technisch modernen Notrufdiensten.

Image

In den grün eingefärbten Regionen ist der «text-to-911»-Service bereits verfügbar, in den orange eingefärbten Gebieten wird Technik zurzeit eingeführt. (Stand Aug. 2016) bild: twitter/ MArk j. fletcher mit Angaben des «public safety and homeland security bureau» 

Der gehörlosenfreundliche SMS-Service «text-to-911» wird in den Vereinigten Staaten immer häufiger angeboten. Dabei können Leute mit einer Hör- oder Sprechbehinderung bei der Hauptnotrufnummer «911» Hilfe mit Textnachrichten anfordern.

Der Service ist auch für hörende Menschen verfügbar. Wer sich in einer Situation befindet – zum Beispiel während eines Kidnappings – in der ein Sprachanruf kontraproduktiv wäre, kann die «911» per SMS alarmieren. «Aber keinen Slang, sag's deinem ‹bae›», scherzen die Beamten aus New Jersey beim Verkünden des Novums auf Twitter.

Nach einem von der Polizeistelle von Alpharetta, Georgia, veröffentlichten Chatverlauf kam die Debatte um eine nationale Einführung besagter Technik ins Rollen. Dass alle Menschen über einen schnellen Zugang zu Notdiensten verfügen, scheint vielen Bürgerinnen und Bürgern ein grosses Anliegen zu sein.

Die Schweizer Korps verzichten

Wer in der Schweiz eine SMS an eine der dreistelligen Notfallnummern 112, 117, 118 oder 144 schickt, bleibt nicht nur auf einem einseitigen Dialog, sondern im schlimmsten Fall auch in einer Notsituation sitzen.

Image

Keine graue Sprechblase gesellt sich zur grünen. Nicht einmal eine mit dem nüchternen Inhalt einer Fehlermeldung. Kein Hinweis im Stile von «Die Notfallnummer 117 kann keine Anfragen per SMS behandeln. Bitte rufen Sie uns an!» erscheint auf dem Handyscreen. 

«Notrufe mittels SMS abzusetzen, erachten wir als kritisch. Die Qualitätsstandards der Gesprächsführung sind für SMS-Kommunikation viel zu hoch.»

Roland Portmann,
Schutz & Rettung Zürich

«Wenn wir einen Notruf behandeln, gehen wir nach einem klar definierten Abfrageschema vor», erklärt Roland Portmann von Schutz & Rettung Zürich gegenüber watson. «Auch aus der Stimme des Anrufers beziehungsweise über die Hintergrundgeräusche beziehen wir viele subtile, aber äusserst wichtige Informationen: Was herrscht für eine Stimmung am Notfallort, ist Angst im Spiel oder handelt es sich beim Anrufer gar um einen Fake? Fragen, die wir geräuschlos nicht klären können.»

Kein Interesse – von wegen

Gehörlose Menschen bringen dieser Aussage nur wenig Verständnis entgegen. Befinden sie sich in einer Notlage, sind sie gezwungen über einen Gebärdensprachdolmetscher zu kommunizieren.

Man sei froh, dass es diese Alternative gebe, meint Martina Raschle, Mediensprecherin des Schweizerischen Gehörlosenbunds (SGB). Trotzdem sei diese Form des Notrufs noch immer sehr aufwändig und zeitraubend, denn der Alarm wird nicht direkt, sondern erst über eine Vermittlungsstelle ausgelöst.

Weiter kritisiert sie, «dass dieser Dienst momentan noch aus Stiftungsgeldern finanziert werden muss.» Erst ab 2018 gehört ein permanenter Notfall-Dolmetsch-Dienst für Gehörlose zur Grundversorgung und wird ab dann mit staatlichen Geldern finanziert.

Versprechungen bleiben leer

Obwohl sich der Bund seiner Verpflichtungen gegenüber der Sicherheit von behinderten Menschen bewusst ist, hapert es in der Umsetzung. Stellvertretend für eine Million Hörbeeinträchtigte in der Schweiz fordert der SGB schon seit Jahren eine funktionierende und vor allem gleichwertige Lösung für die Notfall-Alarmierung. 

«Seit es technisch möglich ist, fordern wir vom Bund einen angemessenen Service zur Alarmierung von Gehörlosen. Und noch immer wird nichts Vergleichbares Angeboten.» 

Martina Raschle, Mediensprecherin SGB

Eine nationale Lösung gibt es nicht

Weil die Eigeninitiative der Schweizer Behörden, namentlich des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS) zu klein ist, initiierte der SGB eine «Gehörlosenfunktion» in der Smartphone-App «retteMI.ch»

Image

Zurzeit wird die Textfunktion für gehörlose Menschen noch optimiert. So soll die Bedienungsoberfläche einmal aussehen.  bild: sgb

Allerdings ist die App keine nationale Lösung, da nicht alle Kantone am Projekt partizipieren. Gerade mal zehn von 26 Kantonspolizeien konnten für «retteMI.ch» gewonnen werden. Dass die beiden grossen Korps aus Bern und Zürich noch nicht mitmachen, wird stark bedauert.

Wenn in der Schweiz die Sirenen heulen

«Auch punkto Bevölkerungsalarmierung beneiden Gehörlose in der Schweiz die Vereinigten Staaten um ihren hervorragenden Service», betont Martina Raschle vehement. Das sogenannte «Emergency Alert System» erlaubt der amerikanischen Regierung als Ersatz zum Sirenen-Alarm, innert zehn Minuten jedes Mobiltelefon per SMS-Push zu erreichen.

In der Schweiz gibt es zum auditiven Sirenen-Alarm keine visuelle Alternative. Wenn also am 1. Februar landesweit die Sirenen getestet werden, bekommen Gehörlose davon nichts mit. Und das trotz jahrelanger Forderungen.

Aktuelle Polizeibilder

Das könnte dich auch interessieren:

Wie zwei Nerds die Welt eroberten – und ihre Ideale verrieten

Link to Article

Eklat beim F1-Grand-Prix von Brasilien: Verstappen pöbelt Ocon nach dem Rennen an

Link to Article

Diese 10 Dinge kommen Ausländern als Erstes in den Sinn, wenn sie an die Schweiz denken

präsentiert vonBrand Logo
Link to Article

Die tiefe Spaltung der USA ist alarmierend – und ein Zeichen der Zeit

Link to Article

Ein junger Jude verliebt sich in eine Schickse – Orthodoxe fühlen sich im falschen Film

Link to Article

Mayotte – Europas zerrissenes Paradies am Ende der Welt

Link to Article

Hallo, Impfgegner – diese 7 Antworten zur Grippeimpfung sind speziell für euch

Link to Article

Es ist Tag der schlechten Wortspiele oder wie wir vom Sport sagen: Heimspiel!

Link to Article

Wichtig: Eine Rangliste der 18 besten Drunk Foods aus aller Welt 🍺🍕🍻🍔🍺

Link to Article

Die 11 schönsten Höhlen der Welt, in denen du dich vor der Fasnacht verstecken kannst

Link to Article
Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Queershnitt 22.01.2017 00:00
    Highlight Highlight Hauptsache die Websites der Bundesbetriebe müssen ein AAA Zertifikat für Barrierefreiheit ausweisen, damit auch wirklich alle zu den Informationen gelangen. Was für ein Wiederspruch.
    7 0 Melden
  • G.Oreb 21.01.2017 19:38
    Highlight Highlight Eines der fortschrittlichsten Länder, aber eine Million Menschen können den Notruf nicht wählen. Auch das mit den Sirenen. Wir haben selbst fahrende Autos, schaffen es aber nicht jedem eine SMS zu schicken wenn eine Chemiefabrik explodiert. Bin ich im falschen Film? 😳
    29 5 Melden
  • Töfflifahrer 21.01.2017 19:05
    Highlight Highlight Vielleicht noch einen Hinweis zum Titel, die Notruf- und Einsatzzentralen sind Sache der Kantone nicht des Bundes!
    Dabei gibt es Zentralen die sowohl 117, 118 und 144 betreiben, es gibt aber auch Kantone die dies getrennt führen.
    Hier sind wir im Föderalismus in Reinkultur.
    16 0 Melden
  • balzercomp 21.01.2017 16:13
    Highlight Highlight Wenn ich die Aussage lese, verstehe ich die Menschen, die der Ansicht sind, bei den Sicherheitsbehörden arbeiten nicht die intelligentesten Mitarbeiter. Ganz abgesehen davon, dass es gegen das Diskriminierungsverbot der Verfassung verstösst.
    46 6 Melden
  • Töfflifahrer 21.01.2017 15:00
    Highlight Highlight Es geht in der Schweiz darum, dass die viele Einsatzzentralen erst mit der Technik ausgerüstet werden müssten und dann auch die Abläufe angepasst werden müssten. Das ist teuer!
    Das mit der Qualität ist wohl ein Witz oder? Das hier beschrieben Szenario taugt für den Normalfall wo das F&A Prinzip funktioniert. Was tut Schutz & Rettung wenn ein Notruf eingeht der nur den Satz enthält "Ich wurde angefahren ...." und danach ist es stumm? Persönlich gehe ich davon aus, dass Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wird um den Anrufer zu finden, oder liege ich da falsch?
    33 2 Melden
    • Floh Einstein 21.01.2017 16:04
      Highlight Highlight Anrufe, die abbrechen, führen afaik zu einer Handyortung wenn Verdacht besteht dass wirklich Einsatz nötig ist.
      Kann man beim SMS gleich machen, und wenn's ein "Scherz" war haben wir dafür einen Punkt im Strafrecht.
      35 3 Melden
    • Hans Franz 21.01.2017 21:40
      Highlight Highlight @ Einstein:
      wenns sich nachher rausstellt das es ein Scherz war dann soll diese Person alle Unkosten übernehmen, egal ob er "Notruf" per sms oder telefongespräch iniziert wurde
      11 0 Melden

Rammbock-Einbrecher erbeuten mehrere 100'000 Franken in St.Galler Altstadt

Einbrecher haben in der Nacht auf Montag Uhren und Schmuck im Wert von mehreren 100'000 Franken aus einem Juweliergeschäft in St.Gallen gestohlen. Die Täter rammten das Geschäft mit einem gestohlenen Auto als Rammbock.

Der spektakuläre Einbruch wurde gegen 4 Uhr an der Multergasse in der Altstadt verübt, wie die St.Galler Kantonspolizei mitteilte. Drei Unbekannte rammten den Eingang des Juweliergeschäfts mit dem Heck eines gestohlenen Kombis. Durch die entstandene Öffnung drangen sie ins …

Artikel lesen
Link to Article