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Da hatten sie gut lachen: Martin Bäumle und Hans Grunder am Wahlabend 2011. Bild: KEYSTONE

Kein Profil, keine Köpfe, keine Partner: Bei der «neuen Mitte» ist fertig lustig

BDP und Grünliberale waren vor vier Jahren die grossen Sieger der nationalen Wahlen. Nun ist der Lack ab. Alles deutet darauf hin, dass die beiden Parteien im Oktober Federn lassen müssen.

26.06.15, 09:38 26.06.15, 10:07


Es war der Abend der langen Gesichter. Fast alle Parteien hatten bei den nationalen Wahlen am 23. Oktober 2011 Verluste zu verzeichnen, auch die erfolgsverwöhnte SVP. Zwei Männer aber strahlten im Wahlstudio des Schweizer Fernsehens um die Wette: Martin Bäumle, Präsident der Grünliberalen Partei (GLP), und Hans Grunder, der damalige Chef der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP). Sie freuten sich über satte Gewinne und wurden als «neue Mitte» gefeiert.

Beide Parteien kamen auf je 5,4 Prozent Wähleranteil. Die BDP eroberte im Nationalrat auf Anhieb neun Sitze, die GLP dank cleveren Listenverbindungen sogar zwölf. Vier Jahre danach aber ist vom damaligen Glanz wenig geblieben. Das zweite SRG-Wahlbarometer sieht beide Parteien bei den Wahlen vom 18. Oktober auf der Verliererseite. Zum gleichen Befund kommt die ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte Wahlumfrage von 20 Minuten

In nur einer Legislaturperiode scheint die neue Mitte ihren Zenith überschritten zu haben. Während sich die BDP schon seit einiger Zeit auf dem absteigenden Ast befindet, ist die Entwicklung bei den Grünliberalen frappant. Noch im letzten Oktober kamen sie im Wahlbarometer auf 7,3 Prozent, jetzt sind sie auf 4,8 Prozent abgestürzt. Dafür befindet sich die «alte Mitte» im Aufwind, genauer die schwer gebeutelten Freisinnigen, die ein spektakuläres Comeback feiern dürften.

In unsicheren Zeiten – Stichwort Frankenstärke – scheint das Wahlvolk auf «sichere Werte» zu setzen. Die FDP bietet sich dafür nach ihrer harten, aber erfolgreichen «Sanierung» an. In die neuen Mitteparteien dagegen scheint das Vertrauen zu fehlen. Mehrere Gründe sind dafür verantwortlich, dass BDP und GLP im Herbst Wähleranteile und Sitze verlieren dürften:

Profil

Wofür steht die BDP? In der Partei wissen das viele vermutlich selber nicht. Ihre Positionen sind unklar, ihr Profil ist verschwommen. «Sie wird stark als Verein ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf wahrgenommen und als Hafen enttäuschter SVP-Leute», sagte der Lausanner Politologe Andreas Ladner dem Tages-Anzeiger. Der neue Parteipräsident Martin Landolt versucht, das fehlende Profil mit markigen Worten wettzumachen, etwa mit fragwürdigen Nazi-Vergleichen an die Adresse der SVP. Bislang ohne Erfolg.

Martin Bäumle erklärt das Energiesteuer-Debakel. YouTube/Watson Redaktion

Die Grünliberalen dagegen haben ein klares Profil, sie stehen für die Verbindung von Ökologie und liberaler Wirtschaft. Sie verheissen eine schmerzfreie Rettung der Welt, ohne das verbiesterte Verzichts-Image, das den Grünen anhaftet. Zuletzt aber hat sich die GLP gleich selber sabotiert, mit ihrer unbrauchbaren Energiesteuer-Initiative, die am 8. März mit 92 Prozent Nein ein historisches Debakel eingefahren hat.

Köpfe

Die GLP lebt mehr als zehn Jahre nach ihrer Gründung noch immer von einem Gesicht: Jenem von Präsident Martin Bäumle. Sie hat es bis heute nicht geschafft, profilierte Köpfe nach- und anzuziehen. Fraktionschefin Tiana Moser etwa ist seit acht Jahren im Bundeshaus, dennoch hält sich ihr Bekanntheitsgrad in Grenzen. «Die Partei hat keine schillernden Exponenten, die sich als Zugpferde eignen», sagte Andreas Ladner dem «Tages-Anzeiger».

Eveline Widmer-Schlumpf ist das Zugpferd der BDP. Nun wackelt ihr Sitz im Bundesrat. Bild: KEYSTONE

Die BDP ist besser aufgestellt, angefangen bei der populären Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Auch Parteichef Martin Landolt, sein Vorgänger Hans Grunder oder die frühere Nationalrätin Ursula Haller sind profilierte Figuren. Ausserhalb ihrer «Stammlande» Bern, Glarus und Graubünden aber hat es die Partei bislang nicht geschafft, überzeugende Persönlichkeiten aufzubauen.

Listenverbindungen 

Der promovierte Chemiker Martin Bäumle ist ein hervorragender Rechner. Dank Listenverbindungen mit verschiedensten Parteien konnten die Grünliberalen vor vier Jahren mehrere überraschende Sitzgewinne im Nationalrat verzeichnen. Nun schlägt das Pendel zurück, viele der damaligen Partner haben keine Lust mehr, als Steigbügelhalter für die GLP zu dienen. Der Sitz im Kanton Thurgau ist deshalb so gut wie verloren. Schlecht sieht es auch in Graubünden und für die Patientenschützerin Margrit Kessler in St. Gallen aus. Im Kanton Zürich könnte die Partei gar zur grossen Verliererin werden und zwei ihrer vier Sitze einbüssen

Margrit Kessler muss um ihren Verbleib im Nationalrat bangen. Bild: KEYSTONE

Düster sind die Perspektiven auch im Ständerat: Die Zürcherin Verena Diener und der parteilose Urner Markus Stadler, der sich der GLP-Fraktion angeschlossen hat, treten zurück. Die beiden Sitze lassen sich kaum verteidigen. Die BDP steht besser da, ihr Berner Ständerat Werner Luginbühl kandidiert erneut. Auch bei den Listenverbindungen dürfte sie mehr Optionen haben, vor allem dank der CVP, obwohl sie diese letztes Jahr brüskierte, als sie die angebahnte Fraktionsgemeinschaft platzen liess. Tendenziell aber dürften solche Allianzen eher der CVP nützen.

Die «neue Mitte» sieht ziemlich alt aus, und eine Trendwende in den knapp vier Monaten bis zur Wahl ist wenig wahrscheinlich. Das hat Folgen für die Mehrheitsverhältnisse im Parlament. Das rechte Lager dürfte gestärkt werden. Nichts Gutes bedeutet dies für BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Ihre Wiederwahl vor vier Jahren konnte sie mit dem Erfolg von GLP und BDP rechtfertigen, die zusammen stärker waren als die Grünen und fast so stark wie die CVP. Nun scheint ihr dieses Argument abhanden zu kommen. 

Die SVP wetzt bereits die Messer. Sie will den Bundesratssitz von Widmer-Schlumpf zurückerobern und hat eine Findungskommission mit der Kandidatensuche beauftragt. Doch abgerechnet wird bekanntlich erst am Schluss, also am 18. Oktober.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Samuel Pablo Müller 01.07.2015 14:39
    Highlight Wie überzeugt man die Leute davon, dass die glp keine Köpfe haben soll? Indem man es schreibt, ohne irgendwelche Fakten zu bringen - tendenziöser Artikel!
    0 0 Melden
  • Boniek 26.06.2015 14:25
    Highlight Dass die Medien die GLP nun plötzlich als absolut unsexy qualifizieren, wird mich als Liberalen nicht davon abhalten, sie erneut zu wählen. Alle anderen Parteien sind für mich schlicht nicht wählbar: die SVP mit ihrer Sehnsucht nach den guten alten Zeiten vor 1989 ist mir zu reaktionär; die FDP ist die pseudoliberale Nutte der Wirtschaft, die sich einen Dreck um die Interessen der Konsumenten und die Umwelt schert; die CVP steht für alles und nichts von links bis rechts; die BDP ist ein konservativ-reformierter Altherrenverein und links-grün behandelt mich, als wäre ich ein zehnjähriges Kind.
    20 11 Melden
    • Jol Bear 26.06.2015 20:46
      Highlight Na ja, das tönt nach einer Wahl des kleinsten Übels.
      8 2 Melden
  • Angelo C. 26.06.2015 11:30
    Highlight Sehr gut aufgesattelt, diese nachvollziehbaren Argumente und Prognosen - exakt so ist es!

    Profillose Parteien wie vor Allem der Verein um Evelyne Widmer-Schlumpf (BDP) werden im Wahlherbst endlich dahin zurückgeführt wo sie hingehören - ins politische Nirvana. Hans Grunder kam schon meist erschreckend naiv rüber, während sich sein krampfhaft um Profilierung bemühter Nachfolger Martin Landolt zu deplatzierten Nazi-Sprüchen gegen diejenige Partei erblödet, denen die Meisten dieser BDP-Herrschaften bis vor nicht allzulanger Zeit selbst noch aktiv angehörten. Auch die Grünen können sich bei Leuten wie Balthasar Glättli und Regula Rytz für ihren aktuellen wie auch künftig absehbaren Absturz bedanken, denn wenn man aus einer früheren Umweltpartei eine reine Asylimport-Firma macht, geht sowas langfristig ins Auge. Und die GLP macht mehrheitlich auf rechtspolitisch, verbrämt mit einem vagen grünen Feigenblatt. Alles überflüssiger Ballast - die Originale sind links wie rechts besser aufgestellt als ihre Plagiate...
    19 13 Melden
    • Angelo C. 26.06.2015 20:12
      Highlight Vielleicht noch ein kleines Nachwort zu meinem statement von vorhin: Soeben wurde Hans Grunder/BDP in der Tagesschau auf SF 1 gefragt, wieso ausgerechnet er (kein Industrieller mit zahlreichen Nebenverpflichtungen) die Absenzenliste bei den Abstimmungen im Parlament mit Abstand anführe. Antwort : "ich gewichte eben meine Anwesenheit nach PERSÖNLICHEN PRIORITÄTEN, d.h. ich bin abwesend, wenn ich das Geschäft das im Parlament behandelt wird, als unwesentlich erachte!" Ganz sicher werde er aber dabei sein, wenn über seinen (kranken) Vorschlag abgestimmt wird, ob die Schweiz 50'000 (in Worten: fünfzigtausend..) Flüchtlinge aus Italien übernehmen solle. Das sind immerhin 10'000 mehr als die EU gerade kollektiv unter sich aufteilen will. Grunder leidet ganz offensichtlich an Verhältnisblödsinn, und auf die lapidare Frage hin, wie er denn auf diese enorm hohe Zahl komme, meinte er treuherzig, dass ihm das seine Kinder am Mittagstisch vorgeschlagen hätten. Und so Einer, immerhin Ex-Chef des Widmer-Schlumpf- Vereins BDP, gibt sich tatsächlich der Illusion hin, im Herbst "stimmenmässig mit dabei zu sein" 😁!
      18 4 Melden
    • Angelo C. 26.06.2015 23:02
      Highlight Banda : wie so oft, nicht zureichend informiert: http://www.nzz.ch/schweiz/landolts-braunes-sueppchen-1.18381021
      6 0 Melden
    • Angelo C. 27.06.2015 11:01
      Highlight Banda zum Letzten : deine stete Stänkerei an den Bürgerlichen, vorab deiner Lieblingspartei, der SVP, ist hier das einzige Thema, wo du dich überhaupt an Diskussionen beteiligst, sonst liest man dich nie und diese Art geistiger Armseligkeit scheint dein einziger Lebensinhalt (zumindest bei WATSON) zu sein 😐! Kommt hinzu, dass auch hier der aktuelle Artikel von Peter Blunschi einem ganz anderen Thema gewidmet war, dem Niedergang und die zu erwarteten Stimmenverluste der BDP, der GLP und auch den Grünen. Was also hat dein geistloser Käse an dieser Stelle zu suchen, was die Impertinenz, mich Nazidenken zuzuordnen, tztz? Such' dir einen guten Therapeuten 😊!
      3 1 Melden
    • Angelo C. 28.06.2015 16:38
      Highlight Banda69 (Parallelen, KZ etc) : dein Hinweis auf deine bedauerliche familiäre Vorgeschichte konnte ich natürlich nicht erahnen und somit kann ich gewisse deiner offensichtlichen Überreaktionen im Vergleich zur SVP etwas besser nachvollziehen. Andererseits gerätst du bei der vermeindlichen Nähe der SVP zu den Nazis doch etwas gar in den Überschall :-)!, SO kann man das nicht vergleichen. Stark prioritäre Vaterlandsliebe (so wie sie z.B. auch etwas überrissen in den USA praktiziert wird) und hauptsächlich konservatives Denken müssen doch keineswegs zu solchen Szenarien und Exzessen wie KZs und Naziverbrechen führen! Und wenn es Parallelitäten im erlaubten Rahmen gibt, wie das beispielsweise durchaus auch zwischen den heutigen Sozialisten und den aktuell nicht mehr sonderlich in Ehren stehenden Kommunisten nachweislich der Fall ist, also solche wie die Letztgenannten, denen man auch zahlreiche Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen nachsagen kann, dann sieht man, dass diese Parallelitäten hin zu PARZIELL ähnlichen SP-Ansichten keineswegs zu GULAGs und die Vernichtungslagern wie damals in Sibirien führen müssten. Und so geht es mir hier gar nicht einfach um deine SVP (ich selbst gehöre ihr übrigens nicht an), sondern generell um DIFFERENZIERTES DENKEN ganz allgemeiner Art. Zugegeben, nicht für Jede(n) einfach, aber nichts desto Trotz einigermassen wünschenswert ;-)!

      2 0 Melden
    • Hasjisjn 30.06.2015 11:22
      Highlight 50'000 oder: Der Tropfen auf dem heissen Stein?
      0 1 Melden

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