Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04704094 Paul Johann Haelg, Chairman of Sika, (C), speaks at the side of Stefan Moesli (L), Director of the legal department of Sika, and Jan Jenisch, Chief Executive Officer of Sika, uring the 2015 Annual General Meeting of Sika in Baar, Switzerland, 14 April 2015. The Management and the Board of Directors is still firmly opposed to the project of Schenker-Winkler Holding (SWH) to cede control of the French group Saint-Gobain. SWH represents the interests of the Burkard family, descendents of Sika's founder.  EPA/ANTHONY ANEX

Paul Hälg, Verwaltungsratspräsident der Sika, spricht an der Generalversammlung in Baar: 1900 Aktionäre haben sich am Dienstagnachmittag in der Mehrzweckhalle versammelt – die grösste Sika-GV aller Zeiten. Bild: EPA/KEYSTONE

Sika-GV: Das Protokoll einer kalten Entmachtung

An der Sika-Generalversammlung wurden die Stimmrechte der Gründerfamilie massiv beschränkt. Nur so konnte der Verwaltungsrat wiedergewählt werden. Der Entscheid für den Verkauf wurde vertagt.

15.04.15, 07:43 15.04.15, 08:41

andreas schaffner /aargauer zeitung



Ein Artikel der

Kindergeschrei, getönte Limousinen, Anwälte in dunklen Anzügen. Kleinaktionäre, Sika-Mitarbeiter. Ein Mehrzweckbau mit Kraftraum, Kletterwand, Schiesskeller, Gymnastikraum und mehreren Theoriesälen. Draussen riecht es nach Frühsommer in der Agglomeration.

Der Himmel ist wolkenlos über der Waldmannhalle in Baar. In der Ferne die Rigi. Im Innern heller Backstein. Oberlicht mit grünen Vorhängen abgedunkelt. Hier traten auch schon die männlichen Stripper der Chippendales auf. Oder Gotthard.

«Es ist die wichtigste Generalversammlung in der über 100-jährigen Geschichte der Sika.»

Verwaltungsratspräsident Paul Hälg

Es geht um Vertrauen und Gier

Gestern wurde die Halle zum Schauplatz eines der grössten Übernahmekämpfe der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Eine Schlammschlacht wird es Urs Burkard, Grossaktionär und Vertreter der Gründerfamilie, später nennen. Es geht um enttäuschtes Vertrauen, aber auch um Gier, sagten danach seine Gegner. 

Urs Burkard, Vertreter der Erbenfamilie

Das Wahlergebnis des neuen Sika-Verwaltungsrats wird von der Gründer-Familie nicht anerkannt. Nach Beschneidung der Stimmrechte der Schenker-Winkler-Holding (SWH) habe das Resultat der Wahl bereits vorher schon festgestanden, erklärte Urs Burkard, Vertreter der Erbenfamilie. Video: keystone

Denn die Burkards wollen ihr Erbe verkaufen, und die Art und Weise, wie das geschieht, sorgt seit Monaten für Schlagzeilen. «Es ist die wichtigste Generalversammlung in der über 100-jährigen Geschichte der Sika», verkündet deshalb der Verwaltungsratspräsident des Baarer Baustoffherstellers, Paul Hälg, bei der Eröffnung und schwört die Aktionäre im Saal gegen den Deal ein. 

Verwaltungsratspräsident Paul Hälg

Der Verwaltungsrat des Baustoffkonzerns Sika hat eine alternative Möglichkeit erarbeitet, wie sich die Erbenfamilie von ihrem Anteil an dem Unternehmen trennen kann. «Das Konzept enthält ebenfalls eine Prämie für die Familie Burkard, ist jedoch auch im Interesse der Inhaberaktionäre», sagte VR-Präsident Paul Hälg. Video: keystone

Hälg hatte seinen Auftritt am Vorabend noch in der Halle eingeübt. Doch jetzt zittert seine hohe Stimme leicht. Er weiss, es steht auch für ihn viel auf dem Spiel. Er hat sich seit Bekanntgabe des Deals im vergangenen Dezember gegen den Verkauf gestellt. Und hat vor, die Stimmrechte der Gründerfamilie an der Generalversammlung zu beschneiden. Dadurch riskierte er rechtliche Probleme und eine jahrelange Auseinandersetzung.

«Schade, was mit der Firma passiert»

Die Stimmung im Saal steigt. 1900 Aktionäre haben sich angemeldet. Dreimal so viel wie üblich. In den vergangenen Jahren habe die Lorze-Halle ausgereicht, sagt Herbert Engelbrecht, pensionierter Schreiner aus Baar. Ein Kleinaktionär. Es sei schade, was mit der Firma jetzt geschehe, meint er. 

Auch sein Ärger gilt der Familie Burkard, die ihren Aktienanteil an die französische Konkurrentin Saint-Gobain verkaufen möchte. Sich für 2,75 Milliarden von der Firma verabschieden will. «Macht eine halbe Milliarde für jeden der fünf Sika-Erben», rechnet Engelbrecht vor. «So etwas hätte es unter Franziska Burkard-Schenker, die 2013 verstorben ist, nie gegeben», sagt er. Hoffnung, dass die Burkards vom Verkauf zurücktreten, hat er nicht. Andere Kleinaktionäre nehmen die Burkards später in Schutz.

Buhrufe für Familien-Vertreter Urs Burkard

Der Vertreter der Familie, Sika-Verwaltungsrat Urs Burkard, verteidigt den Verkauf. Buhrufe begleiten seine Ausführungen. Er warnt Verwaltungsrat und Management vor den Folgen – droht ihnen mit Klagen, wenn seine Stimmrechte beschnitten werden. Fühlt sich enteignet, falsch verstanden. Er spricht Hälg direkt an: «Es ist ein letzter Appell an deine Vernunft, Paul.» Freunde waren sie wohl nie.

Von draussen dringen kreischende Kinderstimmen in den Saal. Der grosse Fussballplatz ist für die Aktionäre reserviert, die nach der Versammlung dort verköstigt werden. Wer heute Fussball spielen will, muss auf den Hartplatz ausweichen. Andere Kinder spritzen sich mit kühlem Wasser ab. Ein Securitas-Mann schreitet ein. Festzelte sind aufgestellt. Eine hundert Mann grosse Kochbrigade marschiert auf. Sie tragen Schwarz.

Politiker in den Zuschauerrängen

In den Zuschauerrängen die prominenten Sika-Familienvertreter, aber auch Politiker – Thomas Minder, Karl Vogler oder Markus Lehmann – sowie Ethos-Direktor Dominique Biedermann. Dieser spricht später von einem gebrochenen Vertrauen in die Familie. Spricht direkt Urs Burkard an: «Ihr Verhalten ist unverantwortlich.» Applaus.

«Wir sehen durch diesen Konflikt die Gefahr einer längerfristigen Schädigung des Wirtschaftsstandorts Schweiz. Am liebsten wäre uns, dass sich die Streitparteien auf eine gemeinsame Lösung einigen», sagt der sonst schweigsame Engländer Trelawny Williams, eine der wichtigsten Figuren des Vermögensverwalters und Sika-Aktionär Fidelity International. Später tritt zum ersten Mal ein Vertreter von Cascade auf, der auch das Milliardenvermögen der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung verwaltet. Mike Rodden verurteilt die Sika-Gründerfamilie aufs Schärfste. Ihr Verhalten zeuge von «kurzfristigem Opportunismus». 

Draussen beginnt der erste richtige Sommerabend

Die Waldmannhalle in Baar. Draussen beginnt der erste richtige Sommerabend in diesem Jahr. Bis vor wenigen Monaten hat kaum jemand von der Industrieperle Sika gehört. Ein Unternehmen mit Tradition und 17'000 Mitarbeitern weltweit. Die Industriegeschichte geschrieben haben: Ohne die Zusatzstoffe von Sika wäre der Gotthardtunnel nicht elektrifiziert worden.

Drinnen sorgt eine technische Panne für Verzögerung. Dann wird gegen die einstigen Firmen-Herrscher abgestimmt. Draussen ist es Nacht geworden. Die Aktionäre haben fast sieben Stunden ausgeharrt.

In den letzten zehn Jahren stieg die Sika-Aktie um 400 Prozent an. Einige im Saal wissen das. Doch nun bleibt die Unsicherheit. Aktionäre und Mitarbeiter wissen noch lange nicht, was mit Sika passieren wird.

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • flyingdutch18 15.04.2015 08:21
    Highlight Die Gier der Gründerfamilie ist an der GV zu Recht bestraft worden. Trotzdem: Weil jeder Inhaberaktionär die Statuten kennen muss, die seine Rechte im Vergleich zu denen der Gründerfamilie beschränken, glaube ich, dass sich die Gründerfamilie vor den ordentlichen Gerichten durchsetzen wird.
    1 0 Melden
    • David Müller 15.04.2015 12:38
      Highlight Aber sie werden sich zu spät durchsetzen, Saint Gobain wird 2016 vom Deal zurücktreten - mit den besten Anwälten der Schweiz wird man die Absetzung des VR sicher lange herauszögern können, die Zeit spielt also für Sika.
      2 0 Melden

Anbieter selber wählen: So soll der Schweizer Strommarkt liberalisiert werden

Der Bundesrat will den Strommarkt vollständig öffnen. Auch Haushalte und kleine Gewerbebetriebe sollen künftig ihren Stromlieferanten frei wählen können. Sie haben aber ebenso das Recht, in der Grundversorgung zu bleiben - mit regulierten Tarifen und Schweizer Strom.

Die Marktöffnung ist das Kernstück der Gesetzesrevision, die der Bundesrat am Mittwoch in die Vernehmlassung geschickt hat. Er will damit neue Rahmenbedingungen für den Strommarkt schaffen. Das Zeitfenster sei günstig, sagte …

Artikel lesen