Schweiz

Die Jungfrau-Region will mit asiatischen und afrikanischen Touristen das Ausbleiben der Europäer wett machen. keystone

Die Jungfrau-Region boomt – so erobern die Asiaten das Berner Oberland

Weil Grindelwaldner Hoteliers Gäste aus aller Welt haben, kosten Zimmer das ganze Jahr über gleich viel.

25.07.16, 05:15 25.07.16, 06:47

roman seiler / aargauer zeitung

Die Luft ist dünn auf 3454 Metern. Dennoch ist die atemberaubende Aussicht auf dem Jungfraujoch zwischen Eiger und Mönch immer beliebter: 2015 fuhren erstmals mehr als eine Million Besucher aufs Joch. Rund 70 Prozent aller Touristen stammten aus Asien. Im Schnitt gaben sie 107 Franken für die Fahrt aus. Patrizia Bickel, Sprecherin der Jungfraubahnen, sagt: «Wir begannen bereits 1997, in Asien ein Netz von Vertretern aufzubauen und führten damit neue Regeln im Tourismus ein. Diesen Markt frühzeitig zu bearbeiten, hat sich gelohnt.»

Nicht nur die Jungfraubahnen boomen; gut läuft's auch den Hotels der Jungfrau-Region, zu der Grindelwald und Wengen, Lauterbrunnen, Mürren und das Haslital zählen. Denn der Anteil von Gästen aus der Schweiz und Europa ist mit 65 Prozent wesentlich tiefer als derjenige am Fuss des Matterhorns oder rund um St.Moritz im Engadin. Während diese Destinationen in Graubünden und im Wallis weniger Logiernächte in Hotels verzeichneten, legten diejenigen in der Jungfrau-Region leicht zu, trotz des beinharten Frankens nach dem Fall des Euro-Mindestkurses im Januar 2015. Das hatte zur Folge, dass Ferien in der Schweiz für Gäste aus dem Euroraum teurer geworden sind. Schweizer können sich deswegen ennet der Grenze mehr leisten als im eigenen Land.

Terrorismus schlecht für Tourismus

Zwar zeichnet sich ab, dass die Bäume auch in der Jungfrau-Region nicht in den Himmel wachsen. Patrizia Bickel von den Jungfraubahnen sagt: «Die Anschläge in Europa sowie die Berichterstattung über die Flüchtlingsströme und die Unruhen in der Türkei haben sicher negative Auswirkungen für den Tourismus als Ganzes und auch für uns.» So stornierten Anfang Jahr gemäss eines Grindelwaldner Hoteliers zwar asiatische Touroperators Reisen wegen der Terroranschläge in Paris, buchten sie aber wenige Wochen später wieder.

«Politische Stabilität der Schweiz wird für Gäste bei der Auswahl ihrer Feriendestination zunehmend wichtiger werden.»

Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden

Der Hoteliervereinspräsident von Grindelwald und Gastgeber im 4-Sterne-Hotel Aspen, Stefan Grossniklaus, sagt, der Rückgang chinesischer Gäste sei begrenzt. Die Schweiz profitiere möglicherweise gar davon, dass sie politisch stabil und sicher sei. Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden, sagt, man müsse dies in Zukunft thematisieren: «Das wird für Gäste bei der Auswahl ihrer Feriendestination zunehmend wichtiger werden.»

Neue Märkte erschliessen

Auch wenn Touristen aus Übersee und Asien ganz Europa, also auch die Schweiz, als unsicher erachten: Wie vorteilhaft es ist, wenn alpine Tourismusorte Gäste aus möglichst vielen Herkunftsländern anziehen, illustriert das Beispiel von Grindelwald: Der Verlust von jedem fünften Gast aus Europa konnte 2015 durch den Zugewinn an Touristen aus Asien und Afrika praktisch vollumfänglich kompensiert werden. Stefan Grossniklaus sagt, die Grindelwaldner hätten eben schon vor 30 Jahren erkannt, dass der Winter zum Krisenfall werde. Daher versuche man seit langem, neue Märkte zu erschliessen: «Das macht sich nun bezahlt.»

Der Buchungsstand sei gut: «Mein Hotel ist voll.» Der Durchschnittsumsatz pro Zimmer sei im Sommer mit 300 Franken höher als im Winter. Denn das Dorf am Fuss des Eigers hat im Sommer mehr Gäste als im Winter. Daher sind die Preise der meisten Grindelwaldner Hotels in beiden Saisons gleich hoch. Das gilt auch für viele Wengener Betriebe. In Zermatt verlangen Hotels gemäss Hoteliervereinspräsident Florian Julen im Sommer 20 bis 25 Prozent weniger für ein Zimmer. In Graubünden sind die Differenzen teilweise gar weit höher.

«Wir waren die Ersten in der Schweiz, die bereits ab den 60er Jahren Marketingaktivitäten in Japan und China starteten.»

Edith Zweifel, Sprecherin von Zermatt Tourismus

Tiefere Preise im Berner Oberland

Im Berner Oberland, so Wyrsch, sei die Auslastung der Hotels zwar besser, dafür die Preise tiefer: «Wir setzen vor allem auf Individualreisende, die höhere Preise zahlen als Gruppenreisende. Daher ist die Wertschöpfung pro Gast in Graubünden höher.» Denn Reisende aus Asien, insbesondere aus China, geben zwar viel Geld beim Einkaufen aus, beispielsweise für Uhren, sparen aber bei den Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung. Insgesamt zahlt ein Gruppenreisender deutlich weniger für seine Unterkunft als ein Individualtourist.

Dennoch räumt Wyrsch ein, Graubünden habe zu lange einseitig auf den deutschen und schweizerischen Markt gesetzt, das Engadin zudem noch auf den italienischen: «Das waren meist Stammgäste. Es hätte viel Mut gebraucht, diese zu vergraulen, um neue zu akquirieren.» Dafür werde Graubünden nun von der Aufbauarbeit des Berner Oberlands profitieren, denn Asiaten, insbesondere Chinesen, buchten meist eine Gruppenreise, wenn sie das erste Mal kämen: «Ein zweites oder drittes Mal besuchen sie die Schweiz als Individualtouristen und wollen dann auch andere Destinationen kennen lernen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.»

Auch Zermatt bemühe sich, neue Gäste aus anderen Ländern anzuziehen, sagt Edith Zweifel, Sprecherin von Zermatt Tourismus: «Wir waren die Ersten in der Schweiz, die bereits ab den 60er Jahren Marketingaktivitäten in Japan und China starteten.» Zudem sei ein Ziel der Tourismusstrategie, den Sommertourismus zu stärken: «Wir werden weiter ältere Schweizer Skitouristen verlieren. Ein wichtiger Grund ist: Heute geht nicht mehr jeder Schweizer Jugendliche in ein Skilager.»

Das könnte dich auch interessieren:

Trump beerdigt Netzneutralität – wem das nutzt und wem das schadet

Amis lynchen Hai mit Speedboot und grinsen – jetzt tobt das Netz wegen dem Video

Ein Nigerianer stirbt nach seiner Ausschaffung – was die Schweiz damit zu tun hat

«Ron isst Hermines Familie» – Das passiert, wenn ein Computer Harry Potter schreibt

Warum hunderte Fussball-Junioren gegen einen Millionär marschieren: Ein Herrliberger Drama

Mehr 2017 geht nicht: Die unfassbare Geschichte des weinenden Keatons – in 4 Schritten

Nicht alle Männer sind sexistische Eichhörnchen!

Gamer, aufgepasst: Super Mario erhöht die geistige Gesundheit und beugt Demenz vor 

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 25.07.2016 10:47
    Highlight Hauptsache Touristen und Geld machen damit, ob es nachhaltig ist, die Leute wiederkommen oder diese Art "Tourismus" tatsächlich positive Effekte hat für Mensch und Natur ist dabei völlig egal.
    Hauptsache ein paar Hotel- Bergbahnbesitzer machen ihren Reibach..
    6 8 Melden
  • DeineMudda 25.07.2016 09:48
    Highlight Wusste nicht, dass sich das Matterhorn im Berner Oberland befindet xD
    6 0 Melden
    • Anam.Cara 25.07.2016 16:45
      Highlight Das Titelbild kommt mir auch eher vor wie in Genf. Die Schweiz ist halt klein und man kommt recht schnell von A nach B ;)
      0 0 Melden

Diese 6 Grafiken zeigen, in welchem Kanton du für die Autoprüfung am meisten zahlst

Wer im Kanton Basel-Stadt die praktische Autoprüfung absolviert, muss tief in die Tasche greifen: 180 Franken verrechnet der Kanton. Im Wallis zahlt man die Hälfte. Die folgenden 6 Grafiken zeigen die enormen preislichen Unterschiede zwischen den Kantonen. 

Wer im Kanton Basel-Land seine Autoprüfung absolviert, hat Pech: Kein anderer Kanton verrechnet für Lern- und Führerausweis sowie theoretische und praktische Autoprüfung soviel wie das Basler Strassenverkehrsamt. Anders im Kanton Fribourg. Hier sind die Preise wesentlich erschwinglicher. So wirbt auch das Strassenverkehrsamt mit dem Slogan: «Unsere Tarife gehören zu den günstigsten». 

Während die verschiedenen Stationen zum Erwerb des Führerausweises vom Bund vorgegeben sind, liegt die …

Artikel lesen