Schweiz

«Stellenabbau? Bei unserer Firma? Wir wissen nichts davon»

Der französische Industriekonzern Alstom baut im Aargau bis zu 1300 Stellen ab. Das Herz des Unternehmens ist in Baden. Vor Ort machen sich die Angestellten Sorgen – und haben den massiven Stellenabbau über die Medien erfahren.

13.01.16, 15:59 13.01.16, 16:12

Pirmin Kramer / Aargauer Zeitung

Augenschein vor dem GE-Hauptgebäude in Baden
Sandra Andrizzone/az

«Stellenabbau? Bei unserer Firma? Wir wissen davon nichts», sagen drei Mitarbeiter von General Electric, die um 12 Uhr vor dem Hauptgebäude in Baden stehen und eine Zigarette rauchen. «Komisch, wir arbeiten in der Personalabteilung, sollten das doch wissen», sagt einer.

«Vielleicht sind wir noch nicht informiert worden, weil wir nur befristet angestellt sind», sagt der zweite. Und der Dritte sagt mit nonchalanter Stimme: «Gerüchte gibt es doch immer wieder.» Sie checken die News auf ihrem Handy – und verstummen.

Stimmung bei der Arbeit schon seit Wochen im Keller

«Ich habe gestern erfahren, dass es heute einen Informationsanlass geben wird. Schnell sickerte durch, dass es um einen Stellenabbau geht», sagt eine Frau, um die 30 Jahre alt, die in der Nähe der drei Raucher steht. Ob sie ihre Stelle verliert, weiss sie nicht. «Das erfahre ich vielleicht heute Nachmittag irgendwann. Oder morgen. Oder in den nächsten Wochen. Diese Ungewissheit ist schon nicht einfach zu ertragen.»

Sie sei nicht allzu zuversichtlich, da sie als Assistentin dem Unternehmen wenig Geld einbringe, im Gegenteil fast nur Kosten verursache.»

Schuld sei der «Market», heisst es bei GE.
sandra andrizzone/az

Die Stimmung bei der Arbeit sei schon seit Wochen im Keller. Und seit der definitiven Übernahme der Alstom durch General Electric sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ein grosser Stellenabbau kommuniziert werde. «Dass nun angeblich 1300 Stellen gestrichen werden sollen, ist schon happig, mit einer derart hohen Zahl haben wir nicht gerechnet.»

Gleichzeitig läuft in der Halle 37 des angrenzenden Trafo-Kongresszentrums eine erste Mitarbeiterinformation für die Angestellten des Bereichs «Power Services».

Von den 1600 Mitarbeitern in diesem Bereich werden rund 460 ihre Stelle verlieren, die restlichen müssen damit rechnen, dass sie in Zukunft eine andere Art von Job machen werden.

Als Begründung fällt von den Verantwortlichen, die informieren, immer wieder ein Wort: «Market». Das schwierige Marktumfeld sei der Grund für den «Umstrukturierungsplan». Rund eine Stunde später werden auch die Mitarbeiter der Steam Power Systems informiert.

Was bedeutet der Stellenabbau für das Leben der GE-Mitarbeiter? Ein Mann aus Polen sagt achselzuckend, mit ruhiger Stimme und ohne Regung im Gesicht: «Ich lasse es auf mich zukommen. Heute Nachmittag erfahre ich mehr. Wenn ich nicht hier weiterarbeiten darf, werde ich sonstwo einen Job finden. Ich glaube, dass für mich alles gut wird, entweder hier oder sonst irgendwo.»

  (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • sentir 13.01.2016 19:32
    Highlight Damit ihr auch gleich wisst, wem das hilft:
    Die Aktie ist heute 2% gestiegen...
    11 4 Melden
    • ZH27 13.01.2016 20:12
      Highlight Nein, die ist gesunken.
      5 1 Melden
    • ZH27 13.01.2016 20:15
      Highlight Und nur so nebenbei: Du weisst schon, dass praktisch jeder Schweizer nur schon durch den AHV-Fonds indirekt ganz gut an der Börse vertreten ist? Also nur damit ihr gleich wisst, wem das hilft, wenn Aktien allgemein steigen ;)
      6 1 Melden
    • sentir 13.01.2016 21:23
      Highlight Nun ja...
      0 1 Melden
    • ZH27 13.01.2016 21:37
      Highlight Nun ja...Und genau auf dieser Seite gehst du ein wenig weiter runter zu den Kursen, die in USD angegeben sind (NYSE). Kursschwankung auf eine Information über Enlassungen zurückzuführen ist ohnehin sehr abenteurlich ;)
      1 2 Melden
    • ZH27 13.01.2016 22:33
      Highlight Nur weil die Börse in der Schweiz geschlossen ist, heisst das nicht, dass nicht mehr gehandelt wird ;) Siehst du ja an der Kurszeit: 17:04 (die Schweizer Börse schliesst irgendwann nach fünf Uhr). Aber doch noch zum Thema: Das Bild der bösen Kapitalisten, die von Entlastungen profitieren ist schon ein wenig zu einfach. Firmen haben Konkurrenz und wenn nicht effizient produziert wird, ist man nicht mehr lange dabei. Der Grund "schwieriges Marktumfeld" ist nicht einfach eine zynische Ausrede, so wie das hier im Artikel impliziert wird (auch wenn das für einen Betroffenen evt. so tönt).
      2 0 Melden
    • sentir 14.01.2016 01:36
      Highlight böse Kapitalisten:
      Bei einer Übernahme oder Fusion, wird die effektive Wertschöpfung oben abgesahnt.
      Statt diese frei gewordenen Mittel in die Zukunft der neuen Firma zu investieren, sollte diese unter den gleichen Vorgaben wieder Rendite bringen. Wenn das nicht klappt, werden Arbeiter entlassen und die Steuerzahler kommen dafür auf. Man macht Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit und versteuert das Ganze... aber das ist ein anderes Thema.
      0 0 Melden
    • sentir 14.01.2016 01:40
      Highlight schwieriges Marktumfeld:
      Die gleichen Leute die Trends sehen, wenn es ums Geld verdienen geht, erzählen dann den Arbeitslosen, dass das nicht vorhersehbar gewesen sei.
      Die Verantwortlichen, die ja auf Grund des "schlechten Geschäftsgangs" eine Übernahme/Fusion anstrebten, die sollen also nicht gesehen haben, dass es so nicht weiter geht?
      Statt in die Zukunft mit zufriedenen Arbeitnehmern zu investieren, wird lieber auf das schnelle Geld gesetzt. Den entstehenden gesellschaftlichen Risiken ist man sich nicht bewusst ;-) , oder man nimmt sie in Kauf.
      0 0 Melden
  • Miicha 13.01.2016 19:21
    Highlight Unfassbar das die Mitarbeiter über die Medien davon erfahren! Was für eine Kommunikation.
    29 0 Melden
    • Pingupongo 13.01.2016 20:09
      Highlight Von einem Grosskonzern wär eigentlich schon zu erwarten, dass die Mitarbeiter vor den Medien informiert werden. Echt schwach GE! Die Kommunikationsleitung am besten gleich mit abbauen.
      8 0 Melden
    • Sinriu 14.01.2016 11:23
      Highlight Nun ja, so unfassbar ist es auch wieder nicht. Das passiert ständig. Nicht nur bei GE. Oder Alstom. Oder sogar bei einer öffentlichen Verwaltung. Zwar betraf das bei uns "nur" eine Lohnnullrunde, aber es wurde auch zuerst eine Medienmitteilung veröffentlich. Aufgrund der Reaktion des Personals folgte dann Wochen später ein Brieflein...
      1 0 Melden
    • fuegy 14.01.2016 14:02
      Highlight Die Medien heutzutage sind schneller als Infos in Firmen. Ein tweet reicht, ein kleiner post bei FB, da kommt nicht mal der blick mit seinen "voraussagen" hinterher!
      0 0 Melden
  • EvGro 13.01.2016 17:23
    Highlight Redet doch nicht immer von Alstom!
    Die betroffenen Sparten gehören seit November 2015 offiziell zu GE.
    40 0 Melden
    • Sinriu 14.01.2016 11:23
      Highlight Genau. Danke!
      0 0 Melden
  • StealthPanda 13.01.2016 17:22
    Highlight Viel Glück euch allen.
    33 0 Melden
    • Sheez Gagoo 13.01.2016 21:37
      Highlight Das Glück können die brauchen, dass können Sie mir glauben. Arbeite selbst in der Industrie und es wird nicht einfach einen neuen Job zu finden, es geht den meisten katastrophal. Alle deveatieren oder haben es vor. Ich glaube, der Stellenabbau in der Industrie ist strukturell und die Jobs die jetzt verlorengehen kommen nicht wieder. Schuld sind nicht nur Frankenstärke und MEI sondern das wegbrechen der Nachfrage aus den Schwellenländern und China. Schwierig etwas dagegen zu tun. Fällt jemandem was ein? Ein neuer Hayek o.ä. in Sicht?
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