Schweiz

Bundesanwalt Michael Lauber.
Bild: KEYSTONE

Behring-Prozess: Brisante Zeugenaussage des Bundesanwalts – zwei Zeugen widersprechen ihm

Bundesanwalt Michael Lauber hat als Zeuge im Behring-Prozess eine brisante Aussage gemacht. Zwei Zeugen widersprachen ihm.

19.06.16, 08:21 19.06.16, 09:24

Henry Habegger / schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Es war eine überraschende Wende im Fall von Financier Dieter Behring, der 2000 Anleger um 800 Millionen betrogen haben soll: Seit knapp einem Jahr im Amt beschloss Bundesanwalt Michael Lauber gegen Ende 2012, das Strafverfahren neu aufzusetzen. Lauber setzte den bisherigen Verfahrensleiter Werner Pfister samt dessen Strategie ab. Pfister, der seit acht Jahren ermittelt hatte, wollte gegen Behring und neun Mitbeschuldigte Anklage erheben. Lauber aber entschied sich für «Fokussierung», wie er es nannte: Im Hauptanklagebereich wurde nur noch Behring angeklagt, die Verfahren gegen die Mitbeschuldigten wurden eingestellt.

Lauber machte für den Strategiewechsel unter anderem das Beschleunigungsgebot geltend. Ziel sei, das «Verfahren vor Gericht zu bringen, so schnell wie möglich», sagte der Bundesanwalt noch im März 2014 in der «Rundschau».

Nur: Erst jetzt, knapp vier Jahre nach dem Strategiewechsel, läuft der Prozess gegen Dieter Behring endlich vor Bundesstrafgericht in Bellinzona. Und die dortigen Verhandlungen bringen den Bundesanwalt und seine Strategie ins Zwielicht und ihn selbst in die Bredouille.

Rückschau

Blenden wir zwei Wochen zurück. Am Montag, 6. Juni 2016, sitzt der Bundesanwalt als Zeuge im Behring-Prozess in Bellinzona. Der vorsitzende Richter Daniel Kipfer weist Lauber, obwohl dieser seine Rechte und Pflichten ja kenne, ausdrücklich darauf hin, dass er «wahrheitsgemäss aussagen» müsse. Minuten später fragt der Richter, ob es vor dem Strategiewechsel, den Lauber 2012 vornahm, bereits Entwürfe von Anklageschriften gab.

Dieter Behring, im Juni 2016 vor dem Gericht in Bellinzona.
Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Bundesanwalt Lauber antwortet gemäss Wortprotokoll, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt: «Meines Wissens nicht, nein, meines Wissens nicht, weil die ge... äh – ». Es folgt ein inhaltlich schwer verständlicher Satz, aber jedenfalls mit der Konklusion, dass der erste «Meilenstein» erst «im Frühjahr 2013» gesetzt worden sei.

Drei Tage später, Donnerstag, 9. Juni 2016. Als Zeuge vorgeladen ist diesmal ein Finanzexperte der Bundesanwaltschaft, der bis 2012 an der Untersuchung gegen Behring arbeitete. Auf die Frage von Behrings Verteidiger Daniel Walder, ob er «Entwürfe von früheren Anklageschriften gesehen» habe, antwortet der Zeuge gemäss offiziellem Protokoll: «Ja.» Und auf Nachfrage: «Das waren Entwürfe gegen Behring und mitbeschuldigte Personen.» Erstellt habe diese «Herr Pfister». Die Entwürfe seien «wie normale andere abgelegt (gewesen) und konnten von den entsprechenden berechtigten Personen eingesehen werden».

«Meines Wissens nicht, nein, meines Wissens nicht, weil die ge... äh – »

Lauber vor Gericht

In der Woche darauf, am Mittwoch, 15. Juni 2016, ist der von Lauber abgesetzte Verfahrensleiter Werner Pfister selbst als Zeuge im Behring-Prozess vorgeladen. Auch er sagt aus, es habe solche Entwürfe der Anklageschriften gegeben. Und er sagt auch, er habe Bundesanwalt Lauber am 21. September 2012 ein E-Mail samt Anklage-Entwurf als Anhang geschickt. Zwei Stunden später sei er von Lauber aus dem Mandat entlassen worden.

Zwei Zeugen sagen vor Gericht etwas anderes als der Bundesanwalt. Und der Bundesanwalt soll gewusst haben, dass es Anklageschriften gab: Eine soll er per E-Mail erhalten haben.

Aussagen gegen Aussage, zwei gegen einen. Wer sagt hier nicht die Wahrheit?

Sicher ist: Auf falscher Zeugenaussage vor Gericht steht gemäss Artikel 307 des Strafgesetzbuches Gefängnis bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe.

Verfahren schon 2012 anklagereif?

Die Frage der Entwürfe ist zentral. Gab es sie, war das Verfahren 2012 offensichtlich bereits anklagereif und viel weiter fortgeschritten, als der Bundesanwalt seit 2012, aber auch in seiner Zeugenaussage glaubhaft machen wollte. Es war dann laut Juristen in einem Stadium, in dem die Einstellung der Verfahren gegen Behrings Mitbeschuldigte kaum mehr möglich war, ohne den Grundsatz «in dubio pro duriore» zu verletzen: Im Zweifel muss angeklagt werden. Hätte Lauber wissentlich trotzdem anders entschieden, «sitzt er in Teufels Küche», wie sich einer ausdrückt.

Tatsächlich hatte, wie Recherchen zeigen, Pfister den Parteien bereits am 27. Juni 2012 eröffnet, dass er gegen Behring und neun Mitbeschuldigte Anklage erheben wolle. Die Anklage wollte er Anfang 2013 einreichen. Was auch heisst, dass der Prozess demnach spätestens 2014 stattgefunden hätte. Und nicht erst 2016.

Behrings Anwälte verlangen diese Woche, das Mail von Pfister an Lauber und die Anklageentwürfe bei der Bundesanwaltschaft zu beschaffen. Das Bundesstrafgericht lehnte ab.

Hat Lauber vor Gericht falsch ausgesagt? Die Bundesanwaltschaft wollte sich dazu nicht äussern, verwies ans Bundesstrafgericht, das die Verfahrenshoheit habe. Das Bundesstrafgericht teilte mit, auf solche Fragen antworte es nicht.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
10
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • HansDampf_CH 20.06.2016 07:47
    Highlight Vielleicht gibt es Kreise die keine Verurteilung wollen? So dumm kann man sich ja gar nicht anstellen
    1 1 Melden
  • malu 64 20.06.2016 03:25
    Highlight Was spielt Herr Lauber für ein Spiel. Es liegt Nahe, dass Behring
    diesen durchorganisierten Betrug
    niemals alleine durchziehen konnte. Die Helfer Behrings, haben
    sich auch bereichert und sind
    Mitwisser. Warum die Untersuchung gegen sie eingestellt wurden, ist mir ein Rätsel. Waren vielleicht Informanten der Bundesanwaltschaft involviert?
    2 0 Melden
  • manhunt 19.06.2016 15:42
    Highlight traurige geschichte. ein weiteres verfahren, welches aller wahrscheinlichkeit nach scheitern wird, weil bundesbehörden nicht in der lage sind über ihre unzulänglichkeiten wegzukommen. es ist ja auch nicht so, das in dieser behörde erst seit gestern dilletanten am werk sind. es wäre an der zeit diese kummerbude dichtzumachen und deren kompetenzen kantonalen behörden zu übertragen, welche offensichtlich eher im stande sind, sauber zu arbeiten. ansonsten müssten vom parlament endlich anreize geschaffen werden, welche diesen job für profis mit erfahrung atraktiv machen würden.
    8 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 09:02
    Highlight Eine wahrlich seltsame Behörde .2006 Rücktritt BA Valentin Roschacher wegen Hoelweger/Ramos -Geschichte 2011 BA Erwin Beyeler von der Bundesversammlung abgewählt, 2015 stv BA Tessin Pierluigi Pasi mit sofortiger Wirkung gekündigt.Jetzt Lauber . All die Justizpossen am BSG Bellinzona von Holenweger,Hells Angels,Mafia ,etc. . In den eigenen vier Wänden wurde der Fedpol-Mann Azzoni wegen einer alten ( privaten) Fehde mit dem Wirrkopf Cattaneo verhaftet und nach einigen Monaten und Millionen für Ferienreisli von Beamten nach Brasilien und Frankreich wird das Verfahren eingestellt. Steuerstreik !
    14 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 09:11
      Highlight oops Holenweger
      4 0 Melden
    • Hierundjetzt 19.06.2016 10:08
      Highlight Nicht zu vergessen, dass ein BA (Name vergessen) sich selber ein Drohfax gesendet hat um zu "beweisen" dass er gefährdet sei. Die Post-Überwachungsksmera stellte ihm ein Bein.

      Das Problem des BA ist, dass nur die B und C Liga dort arbeiten will. Zudem gibt es eine bedenkliche Massierung von Freiburger und Walliser. Aber keine Zürcher, Basler oder Zuger.

      Somit Kantone die sich eher um Kuhdibstähle kümmern und Kriminalität nur vom SRF-Tatort her kennen.

      Das ist das effektive Problem.
      14 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 10:43
      Highlight So ist es.Mir kommt da die Versammlung der kalabresischen 'Ndrangeta im Säli einer Thurgauer Beiz in den Sinn.Das Video wird in der Tagesschau aller italienischen TV-Sender an erster Stelle ausgestrahlt.Es hat brisanten Inhalt:der Boss beschwert sich,dass zu wenig Kokain gedealt wird.Was passiert hier? Gar nichts.Lauber: " Mafia ist in der Schweiz kein Delikt". Merke: die kalabresische Mafia ist voll integriert,geht mit dem Sennenchutteli in die Dorfbeiz,bestellt Wurstsalat spezial und beschliesst während dem Mahl ein paar Morde und die neuen Kokain-Quoten,alles in kalabresischem Dialekt.
      13 0 Melden
    • pamayer 19.06.2016 11:23
      Highlight Das im thurgau war nicht kokain, sondern milchpulver, du hobbyschweizer! Keine Ahnung was die mit sennenchutteli machen! Milchen, dänk.



      Und manchmal auch melken. Aber das fast nur nebenbei.
      6 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 11:44
      Highlight @pamayer. Da war bei mir offenbar ein Fehler des Uebersetzers aus dem Kalabresischen, welche die BA via Inseraten in allen Schweizer Zeitungen rekrutierten ( ist kein Witz ) .Er übersetzte das Wort versehentlich aus dem Dialekt des Nachbardorfs.So schnell kann das Babylon werden.
      Ich hoffe doch schon, dass beim nächsten Inserat,wenn ehemalige ISIS-Angestellte gesucht werden, solche Fehler nicht mehr vorkommen; und wenn dort die Rede von Kalorienbomben ist plötzlich von "Bomben" die Rede ist.
      5 0 Melden
    • malu 64 20.06.2016 13:51
      Highlight Die BA hat einige Spitzel, welche
      brave Bürger zu Straftaten animierte. Nun können die Delikte
      nicht verfolgt werden, weil sonst
      ein paar BA Beamte oder deren Informanten auf der Anklagebank
      sitzen würden.

      0 0 Melden

Neueste Zahlen schockieren: So brutal gehen Schweizer Eltern vor

In der Schweiz werden unerwartet viele Kinder von ihren Eltern körperlich gezüchtigt. Betroffen sind vor allem solche aus prekären Verhältnissen und Familien mit Migrationshintergrund. Das zeigt eine neue Studie.

Unsere Grossmütter und Grossväter erinnern sich noch gut an die Zeiten, als Kinder nichts zu melden hatten. Weder in der Schule noch zu Hause. Als Mädchen im kinderreichen Familienhaushalt mitarbeiten und Buben jeden Tag im Stall aushelfen mussten. Beim leisesten Widerstand bekamen die Töchter und Söhne den Zorn des Vaters zu spüren. Manchmal auch grundlos. Dann setzte es eine saftige Ohrfeige. Oder er drosch mit dem Ledergürtel auf die nackten Hintern seiner Kinder ein.

Diese Zeiten sind längst …

Artikel lesen