Schweiz

Der Entscheid der SNB hat Folgen für die Schweiz und Europa. Bild: KEYSTONE

Kommentar zum SNB-Entscheid

Europa bekommt einen billigen Euro – wir bekommen mehr Arbeitslose

Die Schweizerische Nationalbank lässt die 1.20-Franken-Untergrenze gegenüber dem Euro fallen, weil sie nicht an einen raschen Aufschwung der Wirtschaft in Euroland glaubt. Auf dem Spiel stehen Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft und im Tourismus.

15.01.15, 12:39 16.01.15, 10:22

Der Schritt der Schweizerischen Nationalbank (SNB) kommt zwar überraschend, doch sie hat gute Gründe, den Mindestkurs gegenüber dem Euro fallen zu lassen: Im Mittelpunkt steht dabei die Lage der europäischen Wirtschaft. Europa ist nach wie vor bei weitem unser wichtigster Handelspartner, und die Krise in Europa ist offenbar noch schlimmer, als bisher befürchtet. 

Im Dezember ist Euroland in eine leichte Deflation gerutscht. Schuld daran war der rasante Zerfall des Erdölpreises. Das ist an sich eine gute Nachricht. Doch auch ohne billiges Öl sind die Preise in den letzten Monaten stetig gesunken und haben sich weit vom Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) entfernt.

Deflation ist für die Volkswirtschaft ein tödliches Gift. Deshalb muss und wird EZB-Präsident Mario Draghi handeln. Gegenüber der «Zeit» erklärte er heute in einem Interview unmissverständlich: 

«Es ist doch für jedermann ersichtlich, dass man in der bestehenden Wirtschaftslage eine expansive Geldpolitik betreiben muss.» 

Eine «expansive Geldpolitik» bedeutet: Die EZB wird nun ebenfalls ein so genanntes Quantitative Easing (QE) durchführen. Will heissen: Sie muss Staatsanleihen im grossen Stil aufkaufen, um den Euro zu verbilligen. Draghi hat freie Bahn für ein QE, denn der Europäische Gerichtshof hat soeben in einer ersten Stellungnahme durchblicken lassen, dass er eine hängige Klage des deutschen Verfassungsgerichts abschlägig beantworten wird. 

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) geht – wie inzwischen fast alle Experten – davon aus, dass Draghi schon am kommenden Donnerstag ein QE im grossen Stil bekannt geben wird. Das bedeutet auch, dass sie annimmt, dass die europäische Wirtschaft sich in einem noch schlechteren Zustand befindet als bisher vermutet, denn nur mit einem deutlich billigeren Euro kann sie in Schwung gebracht werden.

Nicht nur in Griechenland ist die Lage katastrophal. In Spanien und in Italien ist die Arbeitslosigkeit dramatisch, bei den Jugendlichen liegt sie bei rund 50 Prozent. Politisch wird dies unhaltbar: In Griechenland zeichnet sich bei den Wahlen vom 25. Januar ein Sieg der Syriza-Partei ab. In Spanien ist die Podemos im Vormarsch, und in Italien droht nach dem Rücktritt des angesehenen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano ein politisches Chaos. 

Allein der Kurssturz des Euro von heute dürfte den 30-Milliarden-Gewinn vom vergangenen Jahr aufgefressen haben.

Bei der SNB ist man offensichtlich zur Einschätzung gelangt, dass sich mit einem bevorstehenden QE der EZB der Mindestkurs nicht mehr aufrechterhalten lässt. Der Druck wird zu gross. Ironischerweise hat die SNB nämlich mit dem Mindestkurs selbst ein umfangreiches QE durchgeführt, wenn auch unfreiwillig. Sie hat den Frankenkurs tief gehalten, indem sie im grossen Umfang Wertpapiere aus dem Euroraum aufgekauft hat. 

Seit Ausbruch der Finanzkrise hat sich die SNB-Bilanz von rund 100 Milliarden auf 500 Milliarden Franken ausgeweitet. Allein im vergangenen Dezember soll die SNB ausländische Wertpapiere im Umfang von 30 Milliarden Franken aufgekauft haben. Hätte SNB-Präsident Thomas Jordan den Mindestkurs weiter verteidigen wollen, dann hätte er die Bilanz noch weiter verlängern müssen. 

Dieses Risiko will Jordan offensichtlich nicht mehr weiter eingehen. Das ist einerseits verständlich, denn die potentiellen Verluste drohen bisher nicht vorstellbare Dimensionen anzunehmen. Allein der Kurssturz des Euro von heute dürfte den 30-Milliarden-Gewinn vom vergangenen Jahr aufgefressen haben. Die Option, den Mindestkurs aufzugeben, ist jedoch nicht minder gefährlich. Sofort nach Bekanntgabe der Massnahme stürzte der Euro gegenüber dem Franken ab. 

Für die Schweizer Exportwirtschaft und den Tourismus bedeutet dies, dass sie gegenüber der ausländischen Konkurrenz über Nacht um 20 bis 30 Prozent teurer geworden sind. Einen solchen Preisschock kurzfristig aufzufangen, ist praktisch unmöglich. Mit dem Mindestkurs hat die SNB ihre Geldpolitik auf Gedeih und Verderben an die EZB gebunden. Jetzt hat sie wieder Spielraum, doch ob sie damit im damit entfachten Sturm der Märkte bestehen wird, ist ungewiss. Thomas Jordan ist um seinen Job nicht zu beneiden.  

Presseschau zum Mindestkurs-Entscheid der SNB

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 16.01.2015 00:55
    Highlight Jordan = Wilhelm Tell 2.0. Er wird in die Geschichte eingehen als Held, der rechtzeitig die Reissleine zog und den Fehler seines Vorgängers korrigiert hat. Wenn die SNB bisher als Lakaie des Bundesrates galt, so hat sie sich mit diesem Schritt tatsächlich wieder Respekt verschafft und ihre Unabhängigkeit von der Politik demonstriert. Sollte dann noch der EURO zerfallen, hat sie den Nobelpreis verdient. Bisher hat sie nur die notwendigen Strukturanpassungen verhindert.
    2 2 Melden
  • Angelo C. 15.01.2015 23:01
    Highlight Ein wirklich guter und inhaltlich total zutreffender Artikel. Vergessen hat Herr Loepfe bei den Begründungen für das aktuelle Vorgehen der NB lediglich die Erstarkung des Dollars, welche bei deren Erwägungen mitentscheidend war.
    2 0 Melden
  • Joshzi 15.01.2015 19:10
    Highlight Die Bereinigung war überfällig. Es kann doch niemand glauben, dass wir unter den aktuellen Umständen diesen Mindestkurs halten können? Spekulanten hätten weiterprofitiert, während die SNB Milliarden hätte nachschiessen müssen. Eine Exportwirtschaft, welche auf einem solch drastischen Eingriff aufbaut, wird früher oder später implodieren.
    9 0 Melden
  • Dagobert Duck 15.01.2015 14:59
    Highlight Scheinbar war die SNB (und damit wir) einer der grössten Gläubiger des Euro. Sonst würden die Märkte und der Kurs Euro-Dollar nicht so stark reagieren.

    Zitat FAZ: "Kein Witz: Die kleine Schweiz ist der größte Gläubiger Deutschlands."

    Es ist einfach ungesund und nicht normal, wenn ein Land wie die CH eine derart wichtige Rolle im Devisenmarkt hat. Das hat mit der tatsächlichen Kraft der CH Wirtschaft nichts zu tun. Daher war der Schritt der SNB sicher notwendig.
    30 1 Melden
  • Herr Hasler 15.01.2015 14:39
    Highlight Es wird heute viel von den Verlierern gesprochen. Aber gibt es nicht auch Gewinner?
    Es gibt wenige, grosse Exporteure (die heutigen Verlierer) und sehr viele kleine Importeure (die heutigen Gewinner). Zu diesen zählen alle Konsumenten und die KMU - deren Arbeitgeber - Die Bilanz könnte somit durchaus positiv ausfallen.
    21 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 15:07
      Highlight Wenige grosse Exporteure? Wo leben Sie? Die Schweizer Wirtschaft (jedenfalls diejenige die noch etwas herstellt und nicht nur Geld wäscht) lebt vom Export.
      11 10 Melden
    • Dagobert Duck 15.01.2015 15:44
      Highlight Ja, die hast recht, Grufti. Aber die CH Exporteure importieren ebenfalls sog. "Halbwaren", d.h. Rohstoffe (allerdings meistens in Dollar abgerechnet) bzw. halbfertige Produkte. Und da ist der Einkaufspreis nun deutlich geringer.
      17 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 16:54
      Highlight @Dagobert: Ja das stimmt natürlich. Fragt sich ob sich das dann aufhebt. Falls nicht wird sich das in Firmenschliessungen auswirken. Alternative: Produktion ins Ausland verlagern.
      3 3 Melden
  • boxart 15.01.2015 14:33
    Highlight Warum wird immer nur der Export betrachtet? Habt ihr Angst, dass die Reichen den Gewinn nicht mehr maximieren können? Es gibt doch auch noch den Import. Da profitiert doch das normale Volk.


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    • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 15:05
      Highlight Ja das "normale" Volk profitiert davon solange es noch Arbeit hat und der eigene Job nicht ins billigere Ausland verschoben wurde.
      Firmen die vom Export leben werden es schwer haben und einige werden dicht machen. Einfach mal darüber nachdenken.
      Ohne Export keine Lohnzahlungen in manchen Firmen.
      12 9 Melden
  • Cox 15.01.2015 14:12
    Highlight Allen, die jetzt vorschnell aufschreien und die SNB verfluchen und behaupten, man nehme keine Rücksicht auf die einfachen Leute, lege ich ans Herz, zuerst einmal diesen Artikel zu lesen und zu verstehen.
    Das einzige, was man noch erwähnen könnte, ist die weiterhin a ngespannte Situation auf dem Immobilienmarkt, bei der der SNB durch den Mindestkurs die Hände gebunden waren.
    9 0 Melden
    • Shlomo 15.01.2015 15:16
      Highlight Mumpitz, der Immobilienmarkt ist nicht angespannt wegen der EUroanbindung, sondern wegen den tiefen Zinsen. Und solange wir nicht eine genügend grosse Inflation haben und die Wirtschaft nicht brummt, werden die Zinsen auch nicht erhöht.
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    • Cox 15.01.2015 16:56
      Highlight "Mumpitz, der Immobilienmarkt ist nicht angespannt wegen der EUroanbindung [...]"

      Habe ich ja auch nicht behauptet.
      2 0 Melden
    • Dagobert Duck 17.01.2015 20:03
      Highlight @Shlomo: Natürlich hat der Immo Markt mit der Euro-Anbindung zu tun! Die SNB konnte die Zinsen nicht erhöhen, sie hätte sich da ja an eigene Bein geschifft, da der CHF noch attraktiver geworden wäre und die SNB infolgedessen mehr Euro hätte kaufen müssen.
      4 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 14:10
    Highlight ".... kommt zwar überraschend"
    Es war doch zu erwarten, dass die SNB eher kurzfristig handeln wird. Klar, dass die banker hyperventilieren, es wird sich geben und bei einem vernüftigen wert einpendeln. Der EUR war seit jahren zu hoch bewertet bzw. der CHF künstlich "zur sau" gemacht. Ich begruesse auch diese aktion scheint doch die zum glück unabhaengige SNB das "volksvermoegen" hoeher als "die linken" zu bewerten. Die qualitativ gute exportindustrie wirds sicher überleben und die tourismusanbieter sollten mal im ausland lernen, dann klappts auch dort wieder.
    15 6 Melden
  • xlt 15.01.2015 14:07
    Highlight Es war abzusehen, dass man die Mindestgrenze einmal aufgeben muss. So gesehen hatten die entsprechenden Industrien 3,5 Jahre Zeit sich etwas zu überlegen. Der Tourismus serbelt eh ein wenig vor sich hin, und die Exportfirmen können nun im Gegenzug auch günstiger Material und Maschinen einkaufen (oder sich direkt in Euro bezahlen lassen).
    18 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 13:11
    Highlight Grosser Stellenabbau in der Exportindustrie erwarte ich nicht - jedoch die Tourismusbranche wird leiden. Diese Branche leidet aber auch ohne diese Währungssituation sehr, weil dort einfach in den meisten Fällen die Leistung nicht stimmt.
    32 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.01.2015 13:02
    Highlight Guter Artikel! Von vielen Seiten beleuchtet. Wertungsfrei.
    39 1 Melden

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