Schweiz
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Das Boot ist voll: Diese 5 Schweizer Reden lösten einen Skandal aus

25.06.15, 19:59 26.06.15, 20:37


Mit seiner Ansprache an das Schweizer Volk wollte Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz vor genau 75 Jahren die Verunsicherung nach dem deutschen Blitzsieg über Frankreich dämpfen. Das Gegenteil trat ein. Der unglückliche Bundesrat war nicht der einzige, der mit einer Rede in der Schweiz für einen Skandal sorgte. 

1. Pilet-Golaz macht sich als Anpasser unsterblich

Marcel Pilet-Golaz

Rhetorisches Ungeschick: Marcel Pilet-Golaz. Bild: PD

Im Juni 1940 fegt der Blitzkrieg die französische Armee hinweg, die Panzer der Wehrmacht rollen nach Paris. Am 25. Juni tritt der Waffenstillstand in Kraft, Frankreich ist geschlagen und wird besetzt. Die neutrale Schweiz ist von den Achsenmächten umzingelt. Am gleichen Tag wendet sich der Bundesrat ans verunsicherte Schweizer Volk: Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz hält eine Rede, in der er von der «Anpassung an die neuen Verhältnisse» spricht. 

Wehrmacht Siegesparade Paris 1940

Deutsche Siegesparade in Paris: Die Schweiz war nun von den Achsenmächten umzingelt. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-L05487 / CC-BY-SA

Der Waadtländer Freisinnige spricht nicht von Widerstand, von Demokratie oder Freiheit, er erwähnt dafür Begriffe wie «Opfergeist» oder «Selbsthingabe». Und er fordert: «Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen.» 

Pilet-Golaz, der sich zuvor als Aussenminister nicht ungeschickt mit Zumutungen aus Berlin herumgeschlagen hatte, wollte vermutlich gar keine anpasserische Rede halten. Sein rhetorisches Ungeschick führte aber dazu, dass er genau diesen Eindruck erweckte. Als er dann im September noch Vertreter der Fronten empfing, die den Anschluss an das Reich forderten, verfestigte sich sein Ruf als Anpasser. 

1944, als sich die deutsche Niederlage für jeden klar abzeichnete, musste Pilet-Golaz dann zurücktreten – er galt nun als alleiniger Buhmann, obwohl seine fatale Rede vom Gesamtbundesrat abgesegnet gewesen war. 

2. Von Steiger erklärt das Boot für voll

Gnadenlose Flüchtlingspolitik: Bundesrat Eduard von Steiger. Bild: PD

Mitte 1942 war die Vernichtung der Juden in Osteuropa durch die Nazis in vollem Gang. Zur gleichen Zeit, am 13. August, beschloss der Bundesrat die Schliessung der Grenzen. Illegale Flüchtlinge, zum Beispiel solche «nur aus Rassegründen», sollten ohne Ausnahme zurückgeschickt werden. Diese Massnahme wurde nicht etwa in Unkenntnis der Judenverfolgung erlassen; spätestens ab Mitte 1942 wusste man Bescheid über Massenexekutionen. 

Am 30. August rechtfertigte Bundesrat Eduard von Steiger in Zürich-Oerlikon diese gnadenlose Politik. An der Landsgemeinde der reformierten «Jungen Kirche» hielt er eine Rede, die erst später wirklich berühmt – und berüchtigt – wurde. «Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann. Und doch ist er noch menschlich, wenn er beizeiten vor falschen Hoffnungen warnt und wenigstens die schon Aufgenommenen zu retten sucht», sagte der Justizminister. Damit war die Metapher «Das Boot ist voll!» in die Welt gesetzt. 

Erst im Juli, als die bisher verschonten Juden Ungarns in die Vernichtungslager getrieben wurden, revidierte die Schweiz ihre Flüchtlingspolitik und stufte die Juden nun erstmals als gefährdet ein. Es war zu spät. 

Schweizer Soldat an der Grenze in Boncourt

Schweizer Soldat an der Grenze in Boncourt. Bild: PD

3. Staiger löst den Zürcher Literaturstreit aus und verspielt sein Renommee

Emil Staiger (1908-1987), Germanist und Professor der Literaturgeschichte an der Universitaet Zuerich von 1943 bis 1976, aufgenommen am 5. Februar 1983 in seinem Heim in Horgen. (KEYSTONE/Str)

Emil Staiger 1983 in seiner Wohnung. Bild: KEYSTONE

Es war eine Dankesansprache, aber sie geriet zur Skandalrede: Am 17. Dezember 1966 sprach der Literaturwissenschaftler Emil Staiger anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich über «Literatur und Öffentlichkeit». In seiner Preisrede attackierte der Professor, damals eine im gesamten deutschen Sprachraum bekannte und anerkannte Koryphäe, nahezu die gesamte moderne Literatur, beziehungsweise deren Produzenten: 

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch haelt eine Ansprache, undatierte Aufnahme. (KEYSTONE/Str)

Staigers Gegenspieler: Max Frisch. Bild: KEYSTONE

«Doch ich vergesse, was diese heute über die ganze westliche Welt verbreitete Legion von Dichtern, deren Lebensberuf es ist, im Scheusslichen und Gemeinen zu wühlen, zu ihren Rechtfertigungen bringt. Sie sagen, sie seien wahr, sie zögen, die unbarmherzige böse Wahrheit der schönen, tröstlichen Täuschung vor. Und siehe da, man glaubt es ihnen.»

Staigers wütender Angriff, in dem auch das Wort «Entartung» vorkam, blieb nicht unbeantwortet. Der Schriftsteller Max Frisch ging in der «Weltwoche» zum Gegenangriff über und warf Staiger vor, er betrachte moderne Literatur als entartete Kunst. Damit war der sogenannte Zürcher Literaturstreit lanciert, der weit über die Landesgrenzen hinausgriff. Dieser Streit dauerte nicht lange, doch der Schaden, den Staigers bisher unangetasteter Nimbus nahm, war dauerhaft. 

>>> Staigers Rede (Quelle: NZZ)

4. Kopp weist jede Schuld von sich

Am Montag, dem 12. Dezember 1988, gibt die ganz in schwarz gekleidete Bundesraetin Elisabeth Kopp in Bern ihren Ruecktritt per Ende Februar 1989 bekannt. Doch bereits am 12. Januar sah sich Kopp aufgrund neuer Medienberichte ueber eine moeglicherweise vorsaetzliche Amtsgeheimnisverletzung gezwungen ihren sofortigen Ruecktritt einzureichen.  (KEYSTONE/Str) : FILM]

Rücktritt ohne Schuldeingeständnis: Elisabeth Kopp am 12. Dezember 1988. Bild: KEYSTONE

Sie war die erste Bundesrätin der Schweiz. Elisabeth Kopp, 1984 als Zürcher Freisinnige in die Landesregierung gewählt, war die Gattin des Wirtschaftsanwalts Hans W. Kopp, und das wurde ihr zum Verhängnis. Denn sie warnte ihren Mann per Telefon, dass gegen die Shakarchi Trading AG, in der er als Vizepräsident des Aufsichtsrates sass, wegen Geldwäscherei ermittelt werde.  

Elisabeth Kopp, Bundesraetin von 1984 bis 1989, zusammen mit ihrem Ehemann Hans W. Kopp, undatierte Aufnahme. 
(KEYSTONE/Str)

Elisabeth Kopp mit Gatte Hans W.: Ein Telefonanruf wurde ihr zum Verhängnis. Bild: KEYSTONE

Lange verschwieg die Justizministerin ihr heikles Telefongespräch. Als der Anruf dann publik wurde, war ihre Glaubwürdigkeit dahin, und sie musste wegen des Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung zurücktreten. Am 12. Dezember 1988 gab sie ihren Rücktritt auf Ende Februar 1989 an einer Medienkonferenz bekannt. 

Dabei sagte sie: «Ein kurzes Telefongespräch vom 27. Oktober hat in den letzten Tagen übergrosse Bedeutung erlangt. Meine Damen, Herren, ich wiederhole, dass ich in jenem Zeitpunkt keinerlei Unterlagen oder Informationen aus meinem Departement besessen oder verwendet habe. Mich trifft weder rechtlich noch moralisch irgendeine Schuld.»

Diese Zurückweisung wurde allenthalben als arrogantes Verhalten gesehen – Kopp war damit politisch erst recht erledigt. Am 12. Januar 1989 demissionierte sie mit sofortiger Wirkung und zog sich danach für lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. 

5. Dürrenmatt entlarvt die Schweiz als Gefängnis

Czechoslovakia's president Vaclav Havel greets Swiss author Friedrich Duerrenmatt during a visit in Switzerland at the Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) in Rueschlikon in the canton of Zurich, Switzerland, in November 1990. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Praesident der Tschechoslowakei Vaclav Havel begruesst im November 1990 waehrend eines Besuchs in der Schweiz im Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rueschlikon den Schweizer Schriftsteller Friedrich Duerrenmatt. Duerrenmatt wird die Rede zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an Havel halten. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Dissidenten unter sich: Dürrenmatt begrüsst Vaclav Havel (r.). Bild: KEYSTONE

Ende 1990 war der real existierende Sozialismus in Osteuropa Geschichte. In der Tschechoslowakei war seit der Samtenen Revolution ein Dissident Staatspräsident: Vaclav Havel. Am 22. November 1990 erhielt der Schriftsteller in Rüschlikon den Gottlieb Duttweiler Preis, und die Laudatio hielt ein anderer Schriftsteller: Friedrich Dürrenmatt. 

Es war die letzte Rede des 69-Jährigen – drei Wochen später starb er an Herzversagen – und sie sorgte für Zoff. Vor einem hochkarätigen Publikum, in dem auch Bundesräte sassen, las Dürrenmatt seiner Heimat die Leviten. Die Dienstverweigerer nannte er die «schweizerischen Dissidenten» und die Schweiz bezeichnete er als ein Gefängnis, dessen Bewohner zugleich Wärter und Gefangene seien: «Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit (...). Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit.» 

Die Rede verdarb manchem Zuhörer die Festlaune und empörte einige der bürgerlichen Exponenten im Publikum so sehr, dass sie sich danach weigerten, dem Redner die Hand zu geben. Sein letzter öffentlicher Auftritt wurde so Dürrenmatts skandalträchtigster. 

«Friedrich Dürrenmatt – Die Schweiz als Gefängnis». YouTube/TextundBuehne

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    Alle Leser-Kommentare
  • kettcar #lina4weindoch 26.06.2015 07:17
    Highlight Auch in den heutigen Tag scheint das Boot wieder mal voll zu sein. Man hört es in vielen Ansprachen. Mal sehen wie dies in 20, 40 oder 100 Jahren bewertet wird. Heute scheint es wieder breiter Konsens zu sein. Ich nehme an, das war 1942 auch so.
    43 4 Melden
    • SanchoPanza 26.06.2015 10:29
      Highlight schön gesagt, danke! wenn auch einen ziemlich traurige Erkenntnis...
      29 2 Melden
  • saugoof 26.06.2015 05:31
    Highlight Hatte die Dürrenmatt rede vergessen bis ich das hier gelesen habe, aber die war wirklich genial.
    30 5 Melden

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