Schweiz
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Mirjam Hauser Gottlieb Duttweiler Institute

Mirjam Hauser ist Trendforscherin am Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) und Hauptautorin der Studie «Menschen mit Behinderung in der Welt 2035».

Ein Blick in die Zukunft

«Frau Hauser, werden Menschen mit Behinderung in 20 Jahren von Robotern gepflegt?»

Mit ihrer Studie «Menschen mit Behinderung in der Welt 2035» wirft das Gottlieb Duttweiler Institute einen Blick in die Zukunft. Hauptautorin Mirjam Hauser sprach mit watson über den Einsatz von Robotik in der Pflege, sprechende Kühlschränke und die grossen Vorteile der Massendatenspeicherung.



Wird es Menschen mit Behinderung in der Schweiz im Jahr 2035 besser oder schlechter gehen als heute?
Mirjam Hauser: Es wird besser sein, aber nicht in allen Lebensbereichen gleich gut. Die Fortschritte in Technologie und Medizin bringen grosse Chancen mit sich. Menschen, die beispielsweise einen Unfall gehabt haben, können besser rehabilitiert werden, Technologien können gewisse Schwächen kompensieren.

Woran denken Sie genau? 
Blinde Menschen können die Welt beispielsweise besser erfassen, wenn Webseiten oder Google Glass mit ihnen sprechen. Wer Probleme mit der Motorik der Hände hat, wird Dinge mit den Augen steuern können.

Gehören Roboter als Haushaltshilfen bald zur Normalität? 
In bestimmten Bereichen schon. Aber nicht unbedingt so, wie wir uns das jetzt vorstellen. Das wird kein Roboter, der aussieht wie ein Mensch und der in unserer Wohnung herumfährt und alles für uns erledigt. 

Umfrage

Kannst du dir vorstellen, von einem Roboter gepflegt zu werden?

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  • 17%Irgendwie nicht so richtig.
  • 18%Nein, auf keinen Fall.
  • 3%Weiss nicht.

Sondern? 
Es geht um intelligente Häuser und Wohnungen, die die Menschen im alltäglichen Leben unterstützen, aber auch um Trage- und Heberoboter, die helfen, aus dem Bett oder in die Dusche zu kommen.

Will ein Mensch tatsächlich von Robotern Hilfe bekommen? Geht dabei nicht die Menschlichkeit verloren? 
Wenn tatsächlich alles elektronisch geregelt werden soll, würde ich Ihnen recht geben. Es ist aber viel mehr so, dass durch die Unterstützung der Technologie wieder mehr Zeit für das Menschliche bleibt.

Wie das? 
Wenn wir zum Beispiel an das Thema Intimpflege denken: Das ist für beide Personen – den kranken Menschen und das Pflegepersonal – nicht unbedingt angenehm. Wenn das von einem Roboter erledigt werden könnte, bliebe mehr Zeit für Gespräche. Die Menschlichkeit und der soziale Kontakt werden bei der Pflege immer ein zentraler Punkt bleiben.

Zur Studie:

Die Studie «Menschen mit Behinderung in der Welt 2035» wurde im Auftrag der Stiftung Cerebral durchgeführt. Willst du die gesamte Studie lesen? Hier geht's zum Download.

Wie sieht es mit der Kostenfrage aus – wann werden solche Roboter bezahlbar sein? 
Das hängt immer auch davon ab, wie gross der Markt ist. Denkbar wäre es, Technologien zu entwickeln, die nicht nur Menschen mit Behinderungen etwas bringen, sondern die auch noch weitere Zielgruppen ansprechen – beispielsweise alte Menschen oder alleinerziehende Eltern.

Denken Sie da an ein konkretes Beispiel? 
Die Niederflurtrams setzen sich immer mehr durch. In Sachen Barrierefreiheit ist das super, alte Menschen und Mütter oder Väter mit Kinderwagen profitieren mit. Auch von selbstfahrenden Autos profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern all jene, die während der Autofahrt anderes zu erledigen haben. In dem Moment wird so etwas dann bezahlbar.

Der Direktvergleich: Fussgänger vs. Rollstuhlfahrer in Zürich

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video: youtube/watson

Wird der öffentliche Verkehr in der Schweiz im Jahr 2035 vollständig barrierefrei sein? 
Das Gesetz sieht vor, dass dies bereits im Jahr 2024 der Fall sein wird. Und ich bin optimistisch, dass das klappt. Im Jahr 2035 sollte der ÖV dann noch mehr als nur barrierefrei sein.

Was meinen Sie damit? 
Ein Mensch mit Behinderung sollte dann nicht mehr nur seine Fahrt von Thalwil nach Zürich mit einer App planen können, sondern wirklich von Haustür zu Haustür.

Wie das? 
All die Daten, die zur Verfügung stehen, können genutzt werden. Wenn das Verhalten einer Person in Form von Daten genau hinterlegt ist, wird es möglich sein, dass eine App der Person die bequemste Lösung anbietet. Zum Beispiel ein Stück mit einem selbstfahrenden Auto und dann weiter mit dem Zug.

«Wenn James mehr Daten zur Verfügung stehen würden, könnte er noch mehr erledigen.»

Das heisst, die Sammlung von Daten – vor der sich immer alle fürchten – birgt in diesem Fall grosse Chancen? 
Absolut! Die Datensammlung und die Digitalisierung vereinfachen schon heute das Leben von Menschen mit Behinderung. Es gibt beispielsweise einen digitalen Butler namens James – der ist nichts anderes als ein intelligentes Haus. Auf Kommando öffnet James die Haustür, lässt die Storen runter oder stellt den Herd ab. Wenn James mehr Daten zur Verfügung stehen würden, könnte er noch mehr erledigen.

Zum Beispiel einkaufen? 
Genau, dann würde der Kühlschrank sagen: «Hey, die Milch läuft bald ab. Die solltest du trinken. Soll ich auch gleich neue für dich kaufen?» Über eine entsprechende Onlineplattform kann er das dann gleich erledigen. Dafür braucht es nur die entsprechenden Daten.

Wie gut sind Menschen mit Behinderung heutzutage in der Schweiz in der Gesellschaft integriert? 
Das ist eine schwierige Frage. Politisch gesehen haben wir bereits einiges erreicht mit dem Gleichstellungsgesetz, das wir vor gut zehn Jahren verabschiedet haben, und der UNO-Konvention, die die Schweiz im Frühjahr 2014 ratifiziert hat. Dennoch holpert es an manchen Stellen bei der Umsetzung. Beispielsweise im Bereich der Arbeit ist es heute noch sehr schwierig – und es wird noch schwieriger.

Inwiefern? 
Die Herausforderungen in der Berufswelt werden immer grösser. Durch den wachsenden globalen Wettbewerb und die Digitalisierung müssen die Arbeitskräfte immer flexibler sein. Für Menschen, die gewisse feste Strukturen brauchen, um zurechtzukommen, wird es schwieriger.

«Es gibt Länder wie Finnland, die als Vorreiter gut funktionieren.»

Wie sieht es mit den Bildungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung aus? 
Das Thema Bildung ist noch so eine Knacknuss. Alle Zeichen stehen in Richtung einer individualisierten Bildungswelt. Sprich: Jedes Kind soll entsprechend seiner Stärken und Schwächen gefördert werden. Das käme natürlich auch den Menschen mit Behinderung entgegen.

Aber? 
Dafür muss das klassische System aufgelöst werden. Und so etwas ist mit einem grossen Aufwand verbunden – auch in finanzieller Hinsicht. Wenn das neue, integrative System erst einmal installiert ist, ist es nicht teurer. Aber der Weg bis dahin ist eine Herausforderung.

Glauben Sie daran, dass eine solche Umstellung tatsächlich stattfindet?
Ich bin optimistisch. Es gibt Länder wie Finnland, die als Vorreiter gut funktionieren. Und wenn unsere Arbeitswelt immer mehr auf spezialisierte Arbeitskräfte setzt, dann ist ein solches Bildungssystem praktisch unumgänglich. Auch mit der UNO-Konvention ist eine entsprechende Förderung von Menschen mit Behinderung im Bereich Bildung ausserdem politisch verankert.

Ich habe neulich mit einer Frau, die im Rollstuhl sitzt, über ihr Leben gesprochen. Sie sagte mir, dass sie noch immer überall als «anders» gelte. Wie wird es um die soziale Eingebundenheit von Menschen mit Behinderung im Jahr 2035 stehen? 
Wir denken immer in Kategorien, das ist ganz normal. Sehen wir einen Mann im weissen Kittel, denken wir «Arzt». Sehen wir eine Person im Rollstuhl, denken wir «anders, langsam». Wenn aber der ÖV verbessert wird und Menschen mit Behinderung besser am «normalen» Alltag teilnehmen können, wird der Umgang mit ihnen auch «normaler». Wenn das Zusammenleben schon in der Schulzeit zur Normalität wird, gibt es keinen so starken Bruch zwischen der getrennten und der gemeinsamen Welt.

Worin werden im Jahr 2035 die grössten Herausforderungen bestehen?
Die wachsenden Möglichkeiten suggerieren eine Machbarkeits-Illusion. Dazu ein Beispiel: Wenn es legal ist, eine Eizelle auf gewisse genetische Defizite zu untersuchen, geraten Eltern unter Druck, wenn sie sich trotz einer Behinderung für ein Kind entscheiden. Andere Eltern können das vielleicht nicht verstehen.

Wird es in 20 Jahren auf Grund solcher medizinischen Methoden weniger behinderte Menschen geben als heute? 
Ich denke, es werden gleich viele sein. Die meisten Behinderungen sind nicht angeboren, sondern kommen beispielsweise durch einen Unfall zustanden. Durch die Präimplantationsdiagnostik werden gewisse Behinderungen wahrscheinlich seltener. Dafür kommen andere, uns heute vielleicht noch nicht bekannte, hinzu. Der hohe Leistungsdruck, Tempo, Flexibilisierung und Digitalisierung können neue psychische Beeinträchtigungen hervorrufen.

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