Schweiz
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Gar nicht anonym: Das Projekt soll die Zürcher miteinander ins Gespräch bringen. bild: zvg

Mit Sitzbänken und Apps gegen die Anonymität: Städter suchen das Dorf-Feeling

Aktionen, die Städter aus der Anonymität holen wollen, haben Hochkonjunktur. So soll Zürich am Wochenende zum «grössten Wohnzimmer der Schweiz» werden. Während der soziale Zusammenhalt in urbanen Gebieten erstarkt, stellen Forscher auf dem Land einen gegenteiligen Trend fest.

23.08.17, 20:10


Ein knappes Kopfnicken im Treppenhaus, ein gemurmeltes «Hallo» vor der Waschküche: Viel tiefer gehen Nachbarschaftsbeziehungen in städtischen Quartieren oftmals nicht. Die Organisatoren des Projekts «Hansbank in allen Gassen» wollen das ändern: Ihr erklärtes Ziel ist es, Zürich am nächsten Samstag ins «grösste Wohnzimmer der Schweiz» zu verwandeln.

Die Idee: Anwohner stellen in ihren Quartieren Sitzbänke auf und tragen den Standort online auf einer Karte ein. So sollen «Räume für Begegnungen» geschaffen werden, in denen sich Nachbarn auf einen Schwatz, eine Tasse Kaffee oder zum gemeinsamen Grillieren treffen können. Wer noch keine Sitzbank hat, kann sich an einem gemeinsamen Baufest auf dem Werdmühleplatz selber eine zimmern.

Selbstgebaute Sitzbänke wie diese sollen die Quartierbewohner miteinander in Kontakt bringen. bild: zvg

«Viele Leute in der Grossstadt fühlen sich manchmal einsam und würden gern mehr soziale Kontakte pflegen.»

Andreas Rupf

Hinter dem Projekt stecken die Organisationen Res Publik und Stadtstattstrand, die sich als «Fabriken für Öffentlichkeit» verstehen. Mitorganisator Andreas Rupf sagt: «Städte werden immer dichter, die Leute ziehen öfter um und die Beziehungen zu den Nachbarn werden anonymer.» Die Gentrifizierung beschleunige die Entwicklung zusätzlich noch.

«Wir wollen dem entgegenwirken, weil wir den Eindruck haben, dass sich viele Leute in der Grossstadt manchmal einsam fühlen und gern mehr soziale Kontakte pflegen würden.» Das Projekt soll auch dafür sorgen, dass die Menschen aus der eigenen «Bubble» ausbrechen und sich mit Andersdenkenden abgeben. «Der öffentliche Raum hat dafür viel Potenzial», so Rupf.

Gelingt es den Zürchern, am Samstag aus der eigenen «Bubble» auszubrechen? bild: zvg

Er ist überzeugt, dass es nicht nur dem Einzelnen nützt, wenn er sich mit seinem Quartier identifizieren kann. «Insgesamt geht man in einer Gesellschaft verantwortungsbewusster miteinander um, wenn man nicht in totaler Anonymität lebt.» Vandalismus etwa werde in anonymen Quartieren eher toleriert als in gut vernetzten Nachbarschaften, argumentiert er.

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Selbstverwaltete Siedlungen und Nachbarschafts-Apps

Die Sitzbank-Aktion ist nicht das einzige Projekt, das darauf abzielt, Grossstädter aus der Anonymität zu holen. Der Berner Politikprofessor Markus Freitag, der zum sozialen Zusammenhalt in der Schweiz forscht, stellt bereits seit einigen Jahren Bemühungen fest, den Gemeinsinn in den Städten zu stärken. «Ausdruck davon ist etwa der Wunsch nach selbstverwalteten Genossenschafts-Siedlungen wie jener in der Zürcher Kalkbreite», so Freitag.

Auch verschiedene Apps – von solchen, die Kontakte zwischen Nachbarn herstellen sollen, bis hin zu Urban-Gardening-Initiativen – zielten auf ein stärkeres Miteinander ab. Freitag ortet den Grund dafür einerseits in den neuen technologischen Möglichkeiten. Andererseits aber auch darin, «dass dem Wert sozialer Beziehungen als soziales Kapital» mehr Bedeutung beigemessen werde. Dies vor allem in urbanen Gebieten, wo der Austausch oft von Familien getragen werde.

«Aktionen wie das Sitzbank-Projekt entsprechen dem Zeitgeist», so Freitag. Das Ganze sei relativ unverbindlich, flexibel einsetzbar und ohne grossen Aufwand vom Einzelnen umzusetzen. In der Summe könnten solche Projekte dennoch eine nachhaltige Wirkung entfalten.

«Gelebt wird in der Stadt vielmehr das um Aufmerksamkeit buhlende Gesetz des Gesehenwerdens.»

Markus Freitag, Politologe

Während die Städter der Anonymität mit derlei Aktionen immer wieder einmal entfliehen möchten, stellt Freitag in ländlichen Gegenden gerade den umgekehrten Effekt fest: Das «spontane und formlose Miteinander» leide in Dörfern zunehmend, so der Politologe.

Gründe lägen etwa in der Schliessung von Begegnungsstätten wie Post- und Bahnschaltern oder Einkaufsläden, aber auch in der zunehmenden Mobilität der Menschen und der geringeren Vielfalt an Angeboten wie dem Sitzbank-Projekt. Und schliesslich machten die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets der dörflichen Geselligkeit zusätzlich zu schaffen.

Doch auch Städter, die Anonymität schätzen, haben laut Freitag nichts zu befürchten: «So weit, dass soziale Beziehungen zu den Nachbarn ein Muss werden, wird es in urbanen Zentren nicht kommen.» Allein die Grösse und die Vielfalt der Stadt verhindere das dörfliche Gesetz des Wiedersehens. «Gelebt wird in der Stadt vielmehr das um Aufmerksamkeit buhlende Gesetz des Gesehenwerdens.»

Das Verkehrschaos in Zürich 1932

Video: watson/Knackeboul, Gina Schuler

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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29
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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Phrosch 23.08.2017 18:27
    Highlight Super Idee, und dann sitzen alle da und gucken in ihre Smartphones... Wer Kontakt zu Nachbaren will, findet den auch. Aber aus einigen Kommentaren geht hervor, dass das längst nicht alle wollen.
    24 1 Melden
    • Hierundjetzt 24.08.2017 20:02
      Highlight Schizophrenie ist kein viraler Effekt wie bei einer Grippe sondern genetisch bedingt. Man kann Schizophrenie nicht einfach so erhalten.
      1 0 Melden
  • Hierundjetzt 23.08.2017 16:28
    Highlight Wieder mal bünzlige K4 und K5 Probleme 🙄. Im K6, 7 oder 9 ist ein zusammentreffen und ein Austausch ganz normal. Dafür sind wir laaaaaider nicht so voll cool und so lässe Hipster / Hipsterelas die alles besser wissen
    33 12 Melden
    • Hierundjetzt 23.08.2017 20:44
      Highlight Ok. Erwischt 😂
      6 0 Melden
    • Hans der Dampfer 24.08.2017 09:42
      Highlight im K6, 7, 9 wird auch keiner mehr rein gelassen. Ich hätte gerne eine Wohnung dort versauere aber im K4, 5 Bereich..
      2 0 Melden
  • Sageits 23.08.2017 15:52
    Highlight Früher traf man sich in der Quartierbeiz. Die hatte auch bei schlechtem Wetter offen, das fand ich noch praktisch.
    Hach, ich werde alt 😕
    21 1 Melden
    • Hierundjetzt 23.08.2017 16:41
      Highlight Gibts immer noch. Vorallem in den Kreisen 6, 7, 10 und 11, inkl. Räbeliechtliumzug, 1. August-Lampionumzug, Weihnachtsbacken usw. Zürich besteht nicht nur aus Banken, Züri West und Langstrasse... ;)
      15 4 Melden
    • Sageits 23.08.2017 18:12
      Highlight Das freut mich echt zuhören.
      Doch ich wohne, sagen wir mal, in Züri West West 😉
      Doch es gibt sie noch und wieder -auch da wo ich bin. Muss einfach ein wenig weiter laufen als auch schon.

      Eventuell bin ich es ja die sich verändert hat und altem Zeugs nachhängt 🙈😅

      5 0 Melden
    • Hierundjetzt 23.08.2017 20:43
      Highlight Ja im 4 und 5 ist eine ähnliche Gentrifizierung im Gang wie im Seefeld. Tragisch.
      11 0 Melden
    • Hallosager 24.08.2017 17:18
      Highlight Früher wurde einem auch noch nicht der Führerausweis entzogen, wenn man von der Beiz heimwärts torkelte 😂
      3 0 Melden
  • jamesjames 23.08.2017 14:30
    Highlight aha welcher Grosstadt meinen Sie hier? Ich finde Zürich sehr überschaubar. Und Treffe jeden Tag irgendjemand per zufall. Anonym kann man in der Schweiz nicht sein da sind wir enfach zu klein.
    30 7 Melden
  • Nosgar 23.08.2017 13:31
    Highlight Ich will keinen Kontakt zu meinen Nachbarn haben. Ein freundliches Grüssen reicht, sonst bin ich froh, wenn ich möglichst von ihnen höre und sehe.
    45 14 Melden
    • Nosgar 23.08.2017 13:44
      Highlight Da fehlt ein "nichts" in meinem Kommentar.
      21 3 Melden
    • Gohts? 23.08.2017 15:59
      Highlight Weshalb?

      Ich erhalte von meinen Nachbarn ab und zu mal ein Dessert oder eine Einladung zum (be)Trinken, Grillieren, ect.

      Offene und herzliche Nachbarschaft. Darauf würde ich nur ungern verzichten.
      15 2 Melden
  • Cerberus 23.08.2017 13:29
    Highlight Als ich noch in einem Altbauquartier in ZH3 wohnte, kannte jede/r jede/n.

    Heute, im Neubauviertel ist es viel anonymer. Die Familien bleiben unter sich, die Expat's wollen partout nur ihre Sprache sprechen und die Studie's machen dann Party wenn das normale Volk schläft.
    49 3 Melden
    • Zerpheros 24.08.2017 07:45
      Highlight Ja. Es ist echt ein Wunder, dass die Schweiz ein Staat geworden ist, weil die Leute eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen 🤔
      2 1 Melden
  • Zwingli 23.08.2017 13:14
    Highlight falls ich meine nachbarn in der öffentlichkeit treffen würde und nicht im treppenhaus würde ich nicht wissen dass es meine nachbarn sind. daher schätze ich die anonymität in der stadt. und in zürich (wohl auch in anderen städten) gibt es ja schon genügend facebook gruppen um zu "socializen". für mich ist diese idee nichts ich habe wenig gemein mit den leuten in meinem quartier (ältere leute und familien mehrheitlich). den austausch mit anderen finde ich im ausgang oder über den freundeskreis.
    24 18 Melden
  • Scaros_2 23.08.2017 12:37
    Highlight Erst zieht man in die Stadt nur um dann festzustellen das die Agglo eigentlich doch ganz toll war? Es wird nur leider nicht beides gehen.
    54 23 Melden
    • Genital Motors 23.08.2017 12:54
      Highlight Ich finde Land und Agglo kannst du nicht zusammen legen. Agglomeration udn auf dem Land leben sind nochmals 2 ganz verschiedene Paar Schuhe.
      ((Ich wohne auf dem Land und würde meinen Wohnort niemals Agglo einer Stadt nennen.)(kenne aber auch keine definitive Definition von Agglomeration)). danke.
      27 2 Melden
    • Iseas 23.08.2017 13:05
      Highlight Wenigstens bekommt man in Zürich ne Bank zum sitzen wen man schon kaum mehr bezahlbaren Wohnungen findet. 😂
      54 4 Melden

Autor Linder: «Mit meinem Buch kann man nirgendwo mitreden oder an Partys auftrumpfen»

Eigentlich hat die Schweiz ihn ja schon seit 34 Jahren, aber bisher hat Lukas Linder ausschliesslich fürs Theater geschrieben. Nun endlich ist sein Erstlingsroman erschienen – ein Anlass für uns, ihm 37 höchst existentielle Fragen zu stellen.

Die NZZ hat ihn einen «aufstrebenden Erzähler» genannt, ich nenne ihn ein Phänomen. Das wage ich zu sagen, weil ich Lukas Linder kenne. Nur, dass ihr gleich Bescheid wisst und hinterher nicht klagt, ich hätte hier schamlos Schleichwerbung für einen guten Freund betrieben. 

Überdies hat Reich-Ranicki einmal gesagt: «Es gibt Menschen, die auf eine hinreissende Weise Blödes von sich geben.» 

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er damit Linder gemeint hat. Jedenfalls ist Reich-Ranicki …

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