Schweiz

Filippo on Fire – Eine Anleitung zum Gratis-Wahlkampf in 5 Schritten

Filippo Leuteneggers Medienpräsenz stieg in den letzten Monaten sprunghaft an. Ob als Aufräumer in seinem Departement, als Schattenspender in der Zürcher Sommerhitze oder nun als Kämpfer gegen die Rentenreform: Der FDP-Mann steht im Rampenlicht – was ihm im Hinblick auf seine Stapi-Kandidatur zupasskommen dürfte.

28.08.17, 06:28 28.08.17, 17:31

Filippo Leutenegger hat eine Mission: Nächsten März will der FDP-Mann Corine Mauch (SP) vom Thron stossen und Zürcher Stadtpräsident werden. Zumindest was die öffentliche Sichtbarkeit betrifft, hat Herausforderer Leutenegger die Amtsinhaberin bereits überflügelt. In den letzten Monaten stieg seine Medienpräsenz sprunghaft an, wie ein Blick in die Schweizerische Mediendatenbank zeigt:

Kein Wunder: Der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens versteht es wie kein Zweiter, in der Presse von sich reden zu machen. Was andere Politiker viel Geld kostet, bekommt Leutenegger umsonst – massenhaft Aufmerksamkeit. Ein Lehrstück in Sachen Gratis-Wahlkampf in fünf Schritten:

Mai – der Aufräumer

Bild: KEYSTONE

Schon seit geraumer Zeit sorgten Unstimmigkeiten im Zürcher Amt für Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) für Schlagzeilen – ohne nennenswerte Konsequenzen. Im Mai dieses Jahres geht es dann plötzlich Schlag auf Schlag. Nach einem Bericht der NZZ über falsche Abrechnungen gerät ERZ-Direktor Urs Pauli zunehmend unter Beschuss.

Leutenegger präsentiert sich als Aufräumer: Er stellt Pauli frei und erstattet Anzeige wegen Verdachts auf ungetreue Amtsführung. An einer kurzfristig anberaumten Medienkonferenz wartet er mit pikanten Details auf. So habe sich Pauli 2012 einen Luxus-Dienstwagen angeschafft – einen BMW im Wert von 127’000 Franken. An einer weiteren Pressekonferenz gibt Leutenegger bekannt, dass im ERZ-Gebäude ein geheimer Safe entdeckt worden sei. Inhalt: 215’000 Franken und 2200 Euro in Bar, in Couverts sortiert. Die schwarze Kasse bestehe mutmasslich bereits seit 15 Jahren, so Leutenegger.

Die Geschichte dreht weiter, die Schlagzeilen für Leutenegger sind nicht immer nur positiv. Das Image des Aufräumers hat er aber auf sicher. Als seine Stapi-Ambitionen bekannt werden, würdigt die NZZ seinen Leistungsausweis unter anderem mit den Worten:

«Die gravierenden Mängel beim städtischen Entsorgungsamt ERZ, die vor seiner Zeit als Stadtrat begannen, deckte er offensiv auf, und er lässt sie nun gründlich untersuchen.»

Juni – der Velofreund

Der Zürcher Oberländer berichtet über die Lancierung.

Zürich fährt Velo! Im Juni eröffnet Leutenegger stolz die neuen Ausleihstationen für E-Cargo-Bikes. Die Transportvelos, mit denen bis zu 100 Kilogramm schwere Lasten von A nach B gebracht werden können, passten «perfekt zu den Bedürfnissen der urbanen Gesellschaft», schwärmt Leutenegger und fährt für die versammelten Medienleute Probe. Und diese sind begeistert: «Ein bisschen Kopenhagen in Zürich» und ähnlich lauten die Titel der Artikel, stets versehen mit einem grossen Bild des radelnden Filippo.

Zwei Wochen später kann Leutenegger bekanntgeben, dass der jahrelang blockierten Einführung eines städtischen Veloverleihsystems nun nichts mehr im Wege steht. Filippo schwingt sich erneut auf den Sattel für die Fotografen. «Endlich kommt das Züri-Velo!», jubelt der «Tages-Anzeiger». Zwischen den beiden Velo-Events eröffnet Leutenegger auf dem E-Trotti das Elektro-Rennen «Wave Trophy».

Leutenegger an der Wave Trophy 2017. Bild: KEYSTONE

Weniger erfreut ist Leutenegger, als sich der mobile Veloverleih oBike über Nacht in Zürich breit macht. Nachdem er die asiatische Firma zunächst gewähren lässt, greift er im August durch und fordert oBike auf, seine Flotte zu verkleinern. Diese pariert. Anlässlich seiner Stapi-Kandidatur schrieb die NZZ:

«In der Verkehrspolitik wagt er es, über den Tellerrand zu blicken und visionäre Ideen zu entwickeln.»

Juli – offiziell Kandidat

Bild: KEYSTONE

Zunächst ist es nur ein frommer Wunsch: «Jetzt muss Filippo Leutenegger ran», schreibt die «NZZ am Sonntag» Anfang Juli. Die Präsidenten der bürgerlichen Parteien hätten sich geeinigt, das Stadtpräsidium anzugreifen. Was den Wunschkandidaten betrifft, sind sie sich einig.

Dieser lädt die Medien tags darauf zu sich nach Hause ein und bestätigt zwischen Kronleuchter und Bücherregal offiziell seine Ambitionen. Die Fotografen sind begeistert, in seinem «Loft mit Blick auf einen lauschig-grünen Innenhof» («Tages-Anzeiger») ist Leutenegger maximale Aufmerksamkeit sicher.

Der Titel, mit dem die NZZ vor der Pressekonferenz ihren Artikel über Leuteneggers mutmassliche Ambitionen überschrieben hat, bewahrheitet sich:

«Das Schlachtross galoppiert wieder»

August – der Beschatter

Bild: KEYSTONE

Leutenegger packt an. Im Kurzarmhemd stellt er Anfang August mit einer entschlossenen Bewegung den ersten von 20 Sonnenschirmen auf dem Sechseläutenplatz auf. «Der Platz ist ja wunderbar», scherzt Filippo vor den versammelten Journalisten, «aber bei Sonne kann man hier nicht sitzen. Eher Pizza braten.» Nicht nur die NZZ würdigt daraufhin «Filippos charmante Schattenspender».

Die Medien bleiben am Ball. Sie rapportieren, wie der Wind den Schirmen, entgegen der Zusicherung der Herstellerfirma, übel mitspielt. Als die Stadt mitteilt, dass sie die Schattenspender wieder abräumen lässt, erfahren die Leser dies per Push-Nachricht auf dem Handy. Doch Zürichs «Schattenminister» («Tages-Anzeiger») gibt noch nicht auf. Auf dem Münsterhof lässt er riesige, von einer Künstlerin entworfene Sonnensegel installieren. Auch diese halten dem Gewitter nicht wirklich stand.

Das mag peinlich sein. Doch niemand kann Leutenegger vorwerfen, tatenlos zuzusehen, wie Zürichs Bürger in der Sommersonne schwitzen. Wie sagte es die NZZ im Artikel, aus dem auch die obigen Zitate stammen, so schön?

«An Quartierversammlungen stellt sich «Filippo», wie er sich überall jovial vorstellt, regelmässig den Sorgen der Bevölkerung.»

August – der Warner

Explosion! Ein Feuerball steigt empor – und ein behelmter Feuerwehrmann kämpft machtlos dagegen an. Nach diesem dramatischen Intro warnt Filippo Leutenegger mit ernster Miene vor einer «Kostenexplosion» in der AHV. Das Video der Rentenreform-Gegner ist seit dem Wochenende im Netz.

Offensichtlich eine Win-win-Situation: Der Schweizerische Gewerbeverband, der hinter der Kampagne steckt, profitiert von Leuteneggers Promi-Bonus – auch wenn die Vorlage dessen Tiefbau- und Entsorgungs-Departement nicht tangiert. Leutenegger seinerseits bleibt im Gespräch. Punkto Medienpräsenz hat der Stapi-Anwärter die Amtsinhaberin Corine Mauch bereits im April überholt.

Video des Tages: Böse O-Bikes

2m 7s

«oBikes sind der McDonalds der Velos!!»

Video: watson/Laurent Aeberli, Emily Engkent

Das könnte dich auch interessieren:

Das haben diese 17 Stars getrieben, bevor sie richtig berühmt wurden

Cartoonist setzt die Wünsche seiner Fans um, und das Resultat ist ... anders als erwartet

Es ist die Rassenfrage, Dummkopf!

Definitiv kein Höhepunkt – am Valentinstag bei Fifty Shades of Grey 3

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
15
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 28.08.2017 10:41
    Highlight Der FDP-Kandidat bekommt von der NZZ mediale Aufmerksamkeit und eine positive Berichterstattung.
    Nicht, dass mir das Stadtpräsidium in liberaler Hand nicht gefallen würde, inwiefern einem diese Berichterstattung überraschen soll, word mir kedoch nicht klar.
    24 1 Melden
  • Hans Jürg 28.08.2017 10:34
    Highlight Da habe ich doch glatt erst "Stapi-Karikatur" statt "Stapi-Kandidatur" gelesen...
    30 5 Melden
    • AlteSchachtel 28.08.2017 13:40
      Highlight und ich zuerst "Bestatter" statt "Beschatter".......



      15 3 Melden
  • Karl Müller 28.08.2017 10:30
    Highlight Mindestens noch für die nächsten zehn Jahre wird in Zürich niemand Stadtpräsident, der aus einer Partei rechts der SP kommt. Auch niemand mit einem starken Profil als Einzelperson. Alle wissen das, sehr wahrscheinlich auch Leutenegger.
    22 6 Melden
  • BKOH aka Diin ||*|| 28.08.2017 09:39
    Highlight Mauch vor SRF Lauch
    16 21 Melden
  • peterli90 28.08.2017 09:30
    Highlight Ich verstehe nicht ganz, was die Message des Artikels sein soll. Ah, erfasst: Sie Frau Büchi wählen Mauch.
    20 25 Melden
  • Linus Luchs 28.08.2017 09:26
    Highlight ...
    39 7 Melden
  • Signor_Rossi 28.08.2017 09:09
    Highlight Leutenegger der Velofreund 😅😅😅
    37 4 Melden
    • sch'wärmer 28.08.2017 17:15
      Highlight Gell. Macht sich eben schon noch gut im Wahlkampf, so bitz alternativ und so...
      Heimfahren tut er ja dann auf seiner Vespa.
      7 3 Melden
  • Töfflifahrer 28.08.2017 08:49
    Highlight Wow, reicht Medienprösenz wirklich aus? Echt? Was für Qualifikationen haben die Stapis denn eigentlich sonst noch?
    17 6 Melden
  • äti 28.08.2017 08:41
    Highlight Mini-Trump? Schall und Rauch? Hausaufgaben und mühselige Knochenarbeit wo?
    22 15 Melden
  • Kronrod 28.08.2017 08:05
    Highlight Filippo weiss eben, dass er Gas geben muss, wenn er im rot-grünen Züri gewinnen will.
    27 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 28.08.2017 07:31
    Highlight Filippo Leutenegger ist ein sympathischer Populist. Ein Schaumschläger, dem hie und da ein Wurf gelingt. Mehr nicht. Er wird Corinne Mauch NIE das Wasser reichen können. Dazu fehlt im die Substanz.
    27 30 Melden
    • peterli90 28.08.2017 10:20
      Highlight Ok, danke für so viel Substanz in Ihrem Kommentar. Fakten, oder sind auch Sie nur ein Schaumschläger?
      28 16 Melden
  • Grundi72 28.08.2017 07:07
    Highlight Na ja keine Story wert... Wer ein öffentliches Amt bekleidet soll für seine Wähler auch ab und zu sichtbar sein...

    Jeder weiss, dass er leider im linken Zürich keine Chance haben wird, er wäre aber der wohl beste Stapi der Geschichte! Go Filippo, weiter so! 💪
    28 30 Melden

Lehrer sollen Sans-Papiers-Kinder verpfeifen können – die Reaktionen sind heftig

Lehrer sollen Kinder von Sans-Papiers bei den Behörden verpfeifen können. Das fordert eine Motion der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Der Dachverband für Lehrerinnen und Lehrer bezeichnet die Forderung als enorm gefährlich. 

Die genaue Zahl der Menschen, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in der Schweiz leben und arbeiten, ist nicht bekannt. Laut einer Auswertung des Staatssekretariat für Migration (SEM) sind es zwischen 58'000 bis 105'000 Menschen. 

Obwohl sich Sans-Papiers illegal in der Schweiz aufhalten, haben sie gesetzlichen Anspruch auf gewisse Sozialversicherungen und eine Gesundheitsversorgung auch ohne Krankenkasse. Die grosse Mehrheit der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des …

Artikel lesen