Schweiz
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Dorf unterstützt Lesben-Segner

«Notfalls gehen wir für unseren Pfarrer Bucheli auf die Strasse»

Weil er einem Lesbenpaar den Segen erteilt hat, möchte das Bistum Chur den Pfarrer von Bürglen UR versetzen. Während die Dorfbewohner Widerstand ankündigen, hält sich Pfarrer Bucheli vor aufdringlichen Journalisten versteckt.

12.02.15, 09:55 13.02.15, 09:00

daria wild, bürglen

Die Bürger von Bürglen sind wütend. Der Bischof will, dass Pfarrer Wendelin Bucheli abdankt, weil er ein lesbisches Paar gesegnet hat. Für die Bürgler war das in Ordnung, oder einfach ziemlich egal. Denn was Pfarrer Bucheli tut, finden alle gut. Schliesslich hält er mit Erfolg das Dorf zusammen, hat Zugang zu den Teenagern und leistet gute Seelsorgearbeit, so die einhellige Meinung. 

Jetzt aber ist in der katholischen Kirche Feuer im Dach, Bürglen in den Schlagzeilen, und was den Bischof betrifft, die Nächstenliebe der Dorfbewohner am Ende. 

Unterstützung aus dem Dorf

Die 4000-Seelengemeinde ist belebt, pünktlich zum Kinderumzug an diesem Mittwoch hat sich der Nebel aus dem Dorf verzogen, durch die gesprossten Fenster des Adlers, der Stammbeiz vieler Bürgler, scheint die Sonne. «Hier gibt’s momentan kein anderes Thema», sagt Gilberte Brunner. Sie verkehrt oft im Gasthof, wo nicht nur Spaghetti, sondern auch die Bürgler Seelen kochen. «Der Bischof macht sich lächerlich», sagt Brunner. «Er ist derjenige, der abdanken soll!»  

Gilberte Brunner, Stammgast im Adler. Bild: watson

Brunner steht, «wie alle hier», hinter dem Pfarrer. «Jetzt rücken wir zusammen», sagt die 48-Jährige bestimmt. «Notfalls gehen wir auf die Strasse.» 

«Wir leben doch im 21. Jahrhundert!»

S. M.* aus Bürglen

Bürglens Ansage ist nicht nur am Stammtisch, sondern auch im Netz eindeutig: Mehrere tausend Leute haben die Internet-Petition «Bischof Vitus Huonder: Pfarrer Bucheli muss in Bürglen bleiben» schon unterschrieben. «Auch auf Facebook diskutieren alle darüber», sagt S. M.*, 22-jährig, geboren und aufgewachsen im Dorf. Auch sie hält die Kritik des Bischofs für daneben. «Wir leben doch im 21. Jahrhundert!», sagt sie.  

«Der Pfarrer ist an einem sicheren Ort»

Gleich neben dem Adler steht das geschindelte Pfarrhaus, doch der Pfarrer ist nicht da. «Herr Bucheli braucht Ruhe, er ist nicht zu sprechen», teilt sein Mitbewohner, Seelsorger René Deiss, mit. Dann weicht seine ernste Miene einem verschmitzten Lächeln. «Ich habe ihn weggebracht, an einen sicheren Ort». Dutzende, nein, fast hunderte Medienanfragen seien gestellt worden, davor müsse Bucheli geschützt werden. «Ich schaue gut auf ihn», sagt Deiss, und verschwindet zackig wieder im Pfarrhaus.

Das Pfarrhaus. Bild: watson

Der Running Gag unter Buchelis Entourage: «Achtung! Ich bin von der Presse.»

Nur Peter Vorwerk, von der Kirchgemeinde speziell für den Medienrummel ernannte Sprecher, gibt Auskunft. Der Mann mit dem beeindruckenden Schnauz erzählt in aller Seelenruhe die Geschichte, die er schon dutzende Male erzählt hat. Vorwerk: «Am Anfang war die Bitte des lesbischen Paars um den priesterlichen Segen». Bucheli habe das zunächst mit sich ausgemacht, dann den Kirchen- und Gemeinderat gefragt, und schliesslich, mit breiter Unterstützung seiner Mitarbeiter, die beiden Frauen gesegnet. 

Peter Vorwerk, Vizepräsident des Kirchenrats. Bild: watson

Kritik des Bistums kam überraschend

Autos und Häuser segne man schliesslich gelegentlich auch, warum also nicht die Liebe zweier Menschen zueinander, hatte Bucheli Anfang Woche seinen damaligen Entscheid begründet. Mit dieser Liebe hatte das Bistum aber so seine Probleme, und als letzte Woche ein Gespräch mit Bucheli stattfand, knallte man dem Pfarrer die Versetzung vor die Nase, unangekündigt.

«Wenn jemand das Bedürfnis nach einem Segen hat, soll er ihn kriegen.»

Peter Vorwerk

Er wisse nicht, ob die Partnerschaft, oder aber die beiden Frauen als Personen gesegnet worden seien, sagt Vorwerk, Vize-Präsident des Kirchenrats. Das wolle das Bistum nun wohl abklären. «Aber ich bin kein Kirchenrechtler, ich entscheide mit dem Herzen. Wenn jemand das Bedürfnis nach einem Segen hat, soll er ihn kriegen.» 

Und damit sei jetzt genug gesagt. 

In seiner letzten Stellungnahme verkündete Bucheli, er habe nicht vor zu Demissionieren. Der Kirchenrat will nun das Gespräch mit dem Bistum suchen.

Bürglen liegt bei Altdorf UR. google maps

*Name der Redaktion bekannt

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lumpirr01 12.02.2015 17:11
    Highlight Dieser Machtmensch Huonder kann man mit seiner unzeitgemässen Einstellung weitweg von Uri im fernen Chur zum Schweigen und zum Rücktritt zwingen, wenn das katholische Kirchenvolk alle Hebel in Bewegung setzt! Er ist bloss der fachliche Vorgesetzte. Die Kirchgemeinde von Bürgeln ist der Auftraggeber und Bezahler des Gehaltes des Pfarrers von Bürglen! Dieser Fall ist noch eindeutiger als der Fall von Röschenz, wo der Bischof Koch als Verlierer gegen Franz Sabo dastand und sich danach in den Vatikan zurück verkrochen hat!
    12 1 Melden
  • AHTOH 12.02.2015 12:31
    Highlight Zum Totlachen! Da regen sich die Schäfchen über die Entscheide ihres Hirten auf. Als ob es in der Kirche sowas wie eine Volksinitiative gäbe. Jeder wählt seine Religion selbst.
    15 16 Melden
  • SVRN5774 12.02.2015 12:18
    Highlight Die Kirche muss endlich anerkennen, dass jede Art von Liebe normal ist.
    37 7 Melden
  • Gelöschter Benutzer 12.02.2015 11:46
    Highlight Was der Pfarrer gemacht hat steht nun mal im Widerspruch zu Rom. Man kann dem Vatikan ganz ohne rot zu werden Praxisferne vorwerfen, aber dass eine Segnung von einem gleichgeschlechtlichen Paar eine Reaktion der Zentrale hervorruft, darf dann auch nicht wundern. Der Priester hat im Wissen um eine solche Reaktion eine Segnung durchgeführt, welche im Widerspruch zur katholischen Lehre steht. Insofern muss er nun eben auch mit den Konsequenzen leben.
    15 36 Melden
    • saukaibli 12.02.2015 12:02
      Highlight Kennst du die Geschichte von Braveheart? Der hätte sich sein Leben auch einfacher gestalten können, hätte er nach den Regeln anstatt nach seinem Gefühl gehandelt.
      20 5 Melden
    • stadtzuercher 12.02.2015 12:48
      Highlight Braveheart, wen kümmert was ein fremder Vogt in Rom dazu sagt?
      9 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 12.02.2015 14:12
      Highlight @Braveheart: Das ist tatsächlich so und deshalb hoffe ich dass noch viel mehr Leute aus diesem konservativen Verein austreten. Wer umsverrecken Mitglied einer Kirche sein will (warum eigentlich?) findet genügend bessere Alternativen.
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    • Angelo C. 12.02.2015 14:37
      Highlight Ich habe dies schon im ersten Artikel zu diesem Thema explizit zu bedenken gegeben, doch rationale Argumente sind bekanntlich bei den Meisten die lieber auf ihre Emotionen setzen kaum gefragt, da differenziertes Denken vielen zu aufwendig ist. Es geht ja hier weniger um die Frage, ob das was die Kirche da prioritär vorschreibt Sinn macht und gerecht ist, sondern vielmehr darum ob sich ihre Angestellten an das zu halten haben, was sie einmal gelobten und unterschrieben. Wenn du aber versuchst das auseinander zu halten, dann sind dir selbst dann von der Galerie zahllose dislikes so gut wie sicher :-)! Aber sei's drum - who cares (würde Roger Schawinski dazu meinen).
      8 6 Melden
    • Lumpirr01 12.02.2015 18:11
      Highlight @Braveheart & @Angelo C.: Diese Kirche darf sich doch durchaus auch einmal von der Basis ausgehend nach oben etwas modernisieren, denn von oben kommt da nur bockige Sturheit. Herr Huonder gehört bestreikt! Seine Autorität soll vom Kirchenvolk aberkannt werden! Die Substanz der Kirche sind die Steuerzahler und nicht diejenigen, welche sich als Bosse fühlen! Nicht mal so schlimm, wie wenn das Lufthansa - Bodenpersonal streikt, denn dann bleiben die Flieger am Boden, aber wegen diesem Fall / Grund wird kaum ein Bürgler zum Atheist rsp. aus der Kirche austreten.
      12 2 Melden
    • Angelo C. 12.02.2015 20:38
      Highlight Lumpirr01 : das kann man durchaus so sehen wie du, und wer bin ich, um diese Versuche von unten her zu verurteilen...

      Nur eben, das war nicht das Thema unserer Reflektion, sondern die tatsächlichen Machtverhältnisse. Rom stellt sich, den gläubigen Muslimen nicht unähnlich, auf den glaubenshistorischen und dogmatischen Standpunkt, dass das was sie als angeblich unverbrüchliches Gotteswort betrachten und wertschätzen nicht durch "neuzeitlich denkende Menschen" selbst und entgegen diesem verfügten beliebig abgeändert werden kann. Immerhin aber bemerkt man auch in Rom seit diesem aufgeschlosseneren Papst gewisse Aufweichungserscheinungen, doch es wird gewiss lange dauern bis alle Baustellen saniert sein werden (Schwangerschaftsverhütung, Zölibat, Frauenpriestertum, Scheidungsdiskriminierung, Schwulenverachtung etc.etc.). Zum Glück fühle ich mich als erkorener Anhänger eines nicht etikettierten und von irgendeiner Weltreligion vereinnahmten Gottes von all diesen Problemen nicht direkt betroffen.
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