Schweiz

Eugen Künzi im kleinen Paradies, das sich seine Familie hinter ihrem Haus in Würenlingen geschaffen hat.
bild: az

«Es war der Horror»: Schläge waren für Verdingkind Eugen Künzi tägliches Brot

Heute und Morgen diskutiert der Nationalrat eine Volksinitiative, die eine Wiedergutmachung für Verdingkinder fordert. Und einen Gegenvorschlag dazu. Wir sprachen mit dem ehemaligen Verdingkind Eugen Künzi und fragten ihn, was er sich von der Debatte erhofft.

26.04.16, 06:44 26.04.16, 06:58

Mathias Küng / aargauer zeitung

Das Schicksal meinte es nicht gut mit der achtköpfigen Zurzibieter Familie Künzi. Als der heute 86-jährige Eugen Künzi sechs Jahre alt war, erlitt sein Vater einen Hirnschlag, seine Mutter einen Lungenriss. Der Vater war danach halbseitig gelähmt und kam ins Pflegeheim Muri. Die Behörden brachten die sechs Kinder Eugen, Trudi, Hans, Karl, Fridolin und Werner ins Kinderheim St.Joseph in Klingnau. Er habe es dort recht gehabt, erinnert sich Eugen Künzi. Ein Bruder habe aber zur Strafe schon mal in der Ecke auf einem Holzscheit knien müssen.

Doch als er 7 Jahre alt war, kam er auf einen Bauernhof in Freienwil. Die Geschwister wurden ebenfalls auf Bauernhöfen im Aargau platziert. Was er in Freienwil erlebte, «das war der Horror», erinnert sich Eugen Künzi. Ein Horror, der sechs Jahre dauerte. Der kleine Bub wurde als Knecht missbraucht, musste schon frühmorgens im Stall, im Garten, auf dem Feld und im Haus arbeiten.

Immer wieder hörte er, man wisse ja, woher er komme, und er habe nur zu reden, wenn er gefragt werde. «Ich dachte damals», so Eugen Künzi, «ich sei nichts wert.» Wenn er im Haus putzte, stand die Bäuerin hinter ihm «und schlug mich bei jeder Gelegenheit». Überhaupt gehörten Schläge zum täglichen Brot. Oft gab es die auch noch vom Lehrer, weil er vor lauter Arbeit die Hausaufgaben nicht richtig machen konnte.

Die Tochter der Bauernfamilie arbeitete in einem Restaurant in Ennetbaden. Als Neunjähriger musste Eugen bei jedem Wetter via Hertenstein den enorm steilen Weg hinunter nach Ennetbaden mit dem Leiterwägeli Gemüse oder im Winter auch mal Kartoffeln liefern.

«Du fuule Chaib, du gohsch jetz!»

Einmal stürzte er vom Balkon und erlitt offensichtlich eine schwere Gehirnerschütterung. Er legte sich ins Bett. Da stürzte die Bäuerin herein: «Du fuule Chaib, du gohsch id Chrischtelehr uf Lengnau!» Zur Bekräftigung gab es eine schallende Ohrfeige. Irgendwie kam Eugen damals tatsächlich nach Lengnau, auch wenn ihm hundeelend war und er sich unterwegs übergeben musste: «Ich litt noch jahrelang an Kopfschmerzen.»

Eugen Künzi (rechts), etwa 10-jährig, mit Bruder Fridolin (†) und Schwester Trudi.
bild: az

Nebst ihm war noch ein älterer Verdingbub auf dem Hof. Der türmte eines Tages. Er hat sich das schon auch überlegt: «Doch wohin sollte ich? Meine Familie gab es nicht mehr.» Von seinem Amtsvormund habe er damals und auch später nie etwas gesehen oder gehört. So weiss er auch nicht, warum er mit 13 Jahren plötzlich auf einen anderen Hof gebracht wurde, nach Würenlingen.

Dort blieb er, bis er 15 Jahre alt war. Wieder gab es viel harte Arbeit, «aber wenigstens keine Schläge». Einen noch so kleinen Lohn erhielt er nicht. Auch hier fehlte die Zeit für die Schulaufgaben. Im Schulzeugnis stand dann: «Ist oft unzuverlässig» – was Eugen besonders traf. Künzi ist bewusst, dass damals auch leibliche Bauernkinder auf dem Hof mitarbeiten mussten: «Aber die wurden wenigstens anständig behandelt.»

Eines Tages, als er 15 war, hiess es: «Wir haben eine Lehrstelle für dich. Willst du Schlosser werden?» Eine Wahl hatte er nicht. Er kam zu einem Lehrmeister nach Wettingen. Wieder wartete viel Arbeit. Doch er hatte Kost und Logis, wurde gewissermassen in die Familie aufgenommen. Künzi: «Das habe ich geschätzt.» Auch, dass er sich als Sanitär- und Heizungsmonteur weiterbilden konnte. Danach fand er eine gute Stelle.

«Ich hürote de Grossvati»

Es kam eine schöne Zeit. Eugen Künzi lernte seine Frau Hildegard kennen. Mit ihr ist er seit 60 Jahren glücklich verheiratet. Dem Paar wurden vier Kinder geschenkt, es hat sechs Enkelkinder. Auch mit ihnen habe er eine schöne Zeit erlebt. Ein besonders gutes Verhältnis hat er zu einem Enkel, der heute die Ausbildung als Militärpilot macht, wie er stolz sagt. Als Bub sagte der Enkel einmal, wenn er gross sei, wolle er den Grossvati heiraten. Dieses rührende Erlebnis hat sein Selbstbewusstsein enorm gestärkt.

154 Dossiers

werden laut Balz Bruder, Sprecher des Sozialdepartements, von der Anlaufstelle für die Kantone Aargau und Solothurn geführt. Davon sind die Dossiers von 83 Betroffenen aus dem Aargau, 66 aus dem Kanton Solothurn und fünf aus anderen Kantonen. Diese Personen haben erst eine Beratung gewünscht bzw. Hilfe bei der Aktensuche. Der Bund schätzt die Anzahl der noch lebenden Opfer auf 12'000 bis 15'000. Der Anteil in den Kantonen Aargau/Solothurn betrüge demnach rund 1500 Opfer bzw. rund 1050 für den Aargau, gemessen am Anteil der Bevölkerung. (AZ)

Verlangt er eine Entschädigung? Er trage dem Staat nichts nach, sagt Künzi: «Die Situation war halt so.» Gewünscht hätte er sich aber sehr, dass die Behörden seine Familie beisammen gelassen oder wenigstens besser hingeschaut hätten. Heute gehe es ihm und seiner Frau gut. Auf eine Entschädigung wäre Künzi nicht angewiesen. Gäbe es eine, nähme er sie, würde aber einen Teil dem Roten Kreuz, der Berghilfe oder weiteren spenden.

Geschätzt hat er, dass sich die Bundespräsidentin entschuldigt hat: «Damit hat sie ein Zeichen gesetzt. Es war höchste Zeit.» Künzi hofft, dass er seine Vergangenheit, die seit Jahrzehnten an ihm nagt und immer wieder hochkommt, mit der Debatte im Parlament endlich fertig verarbeiten und damit abschliessen kann.

Was überwiegt denn angesichts des erlittenen Unrechts? Trauer? Wut? Verbitterung? Er sei vor allem traurig, sagt Eugen Künzi: «Weil ich keine Familie hatte.» Die Kinder konnten damals manchmal mit der Mutter den Vater im Pflegeheim besuchen. Mehr gab's nicht.

Jetzt wartet Eugen Künzi auf eine stabile Hochwetterlage. Dann hält den rüstigen Mann nichts mehr und er zieht los nach Grindelwald, um abzuheben – als ältester Gleitschirmpilot der Schweiz

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    Alle Leser-Kommentare
  • Maya Eldorado 26.04.2016 12:32
    Highlight Ein ehemaliger Schulkollege von mir wurde auch verdingt. Für ihn kommts zu spät. Er ist 1947 geboren und mit 49 Jahren gestorben und hinterliess 3 Kinder.
    7 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.04.2016 12:08
    Highlight Das waren keine Verdingkinder, sondern Verdingsklaven. Und jetzt will man die mit läppischen 25'000 Franken abspeisen, dem Monatslohn eines Chefbeamten. Damit wird die "Entschuldigung" der Bundesrätin zum reinen Lippenbekenntnis. Und dieses Behörden-von-damals-entschuldigen geht auch gar nicht: Es wäre deren Pflicht gewesen, diese Kinder zu schützten. Doch dass sie es nicht taten, hatte System: Die Schweiz hat sich Sklaven gehalten und davon profitiert. Jeder Verdingsklave sollte eigentlich 1 Million erhalten; also mindestens 250'000. Aber 25'000 sind ein Hohn.
    26 1 Melden
    • Angelo C. 26.04.2016 13:08
      Highlight Wenn sie denn nun wirklich je 25'000 Franken für ein lebenslanges Trauma, eine völlig verpfuschte Jugend, ein späteres Leben in Armut, erhalten würden. Werden sie aber nicht, denn soeben wird an der Sondersession des Parlaments über den Gegenvorschlag des BR (300 Mio) entschieden, wobei man jetzt schon weiss, dass dieser von der SVP und der FDP kategorisch abgelehnt wird. Bleibt die Volksabstimmung, die irgendwann kommen mag, wobei diese entweder auf der Strecke bleibt, oder aber die Gesetzesvorlage jahrelang hintertrieben wird, weil die Meisten der Betroffenen dann bereits verstorben sind 😡!
      20 0 Melden
  • Datsyuk * 26.04.2016 10:33
    Highlight Guten Flug und besten Dank für das Interview, Herr Künzi!
    Ich wünsche Ihnen alles Gute.
    26 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.04.2016 10:24
    Highlight Danke für den Artikel. Habe Selbst ehemalige Verdingkinder in der Familie.
    Ich sehe hier das Übel nicht mal zwingend in den Behörden, damals wussten sie es nicht besser, sondern in den Menschen, die diese Kinder Misshandelt und versklavt haben...
    Tolle "Werte" die da zuweilen gelebt wurden.
    41 2 Melden
  • Baba 26.04.2016 10:17
    Highlight Alles Gute für Sie, Herr Künzi - was Ihnen widerfahren ist, ist eine Schande für die Schweiz. Es ist zu hoffen, dass heute fremdplatzierten Kinder keine solche Behandlungen mehr zuteil werden und die Behörden ihre Verantwortung nun tatsächlich wahrnehmen.

    Danke watson, dass ihr bei der öffentlichen Aufklärung über Verdingkinder mithelft. Solche Lebensgeschichten berühren mich immer sehr...
    31 0 Melden
  • Nordurljos 26.04.2016 09:14
    Highlight Mein Grossvater war auch ein Verdingbub, Danke für diese Geschichte. Herr Künzi ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Freude beim Gleitschirmfliegen.
    32 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.04.2016 09:10
    Highlight was bringt genugtung, kein geld auf die vergangenheit bezogen, kann solche dinge wieder gut machen. man kann sich wünschen, das solche dinge immer seltener werden, dazu darf man strukturen schaffen, wo jedem einzelnen die würde von jedem und jeder zugetraut wird. über viele eigene schätten springen, den hitler in mir uns so und über zukunftsmodelle sich unterhalten,, wie diesen sommer eine vorlage es tut
    2 15 Melden
  • Thomas Rohrer 26.04.2016 09:08
    Highlight Ein dunkles Kapitel der schweizer Geschichte! Bitte mehr öffentliche Aufklärung.
    36 0 Melden
    • Angelo C. 26.04.2016 13:21
      Highlight Absolut richtig, was du da monierst : mehr vertiefte Aufklärung gerade in jenen uns bekannten Medien, die sich permanent für die äusserst grosszügige Aufnahme und die oft lebenslängliche Finanzierung von reinen Wirtschaftsflüchtlingen durch unsere Sozialämter stark machen, aber welchen das Wohlergehen und die mehr als berechtigte finanzielle Teilwiedergutmachung einheimischer Notleidender bestenfalls nur einige dürre Zeilen wert sind.

      Die staatlich beschädigten Schweizer Verdingkinder und die jahrelang ohne Gerichtsbeschluss administrativ Versorgten interessieren eben nur noch recht marginal.
      17 4 Melden

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