Schweiz
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Ehemalige Verdingkinder und Opfer von fuersorgerischen Massnahmen posieren mit Kinderfotos vor dem Bundeshaus am Montag, 31. Maerz 2014, in Bern. Opfer administrativer Zwangsmassnahmen werden per Gesetz rehabilitiert. Einem ueberparteilichen Komitee genuegt dies nicht: Am Montag hat die Gruppe eine Initiative lanciert mit dem Ziel, einen Entschaedigungs-Fonds ueber 500 Millionen Franken einzurichten. Rund 20'000 Menschen sind im letzten Jahrhundert in der Schweiz Opfer fuersorgerischer Zwangsmassnahmen geworden. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Ehemalige Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Massnahmen posieren mit Kinderfotos vor dem Bundeshaus am 31. März 2014 Bild: KEYSTONE

Schon 1000 Gesuche eingegangen: Endlich entschädigt die Schweiz die Zwangsversorgten

Ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte wird aufgearbeitet. Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen können seit Anfang Januar 2017 ihren Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag geltend machen. Innerhalb eines Monats lagen dem Bundesamt für Justiz schon knapp 1000 Gesuche vor.



Bis tief ins 20. Jahrhundert wurden Kinder in der Schweiz misshandelt oder als Verdingkinder auf den Marktplätzen verkauft. Junge Schwangere wurden zum Abtreiben oder zur Weggabe ihres Kindes gezwungen. Menschen, deren Lebensweise nicht den gängigen Vorstellungen entsprach, wurden in Heime oder Gefängnisse gesteckt oder für Medikamententests missbraucht. 

Opfer solcher fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen können seit Januar 2017 ein Gesuch beim Bundesamt für Justiz (BJ) einreichen und ihren Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag geltend machen. «Gegenwärtig nähert sich die Zahl der Gesuchseingänge beim BJ rasch der Schwelle von 1000 Gesuchen», sagt Reto Brand, Leiter des Fachbereich Fürsorgerische Zwangsmassnahmen auf Anfrage von watson.

Bundesrat rechnet mit 12'000-15'000 Gesuchen

Wie viele Personen Anspruch auf den Solidaritätsbeitrag geltend machen werden, ist unklar: «Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit der notwendigen Präzision abzuschätzen, ob die vom Bundesrat geschätzte Bandbreite dereinst erreicht werden wird oder nicht», sagt Brand. In seiner Botschaft an das Parlament ging der Bundesrat von 12'000-15'000 Personen aus, welche ein Gesuch stellen werden. Insgesamt stehen 300 Millionen Schweizerfranken für die Solidaritätsbeiträge zur Verfügung. Da alle Opfer den gleichen Betrag erhalten sollen, wird dieser maximal 25'000 Franken betragen.

Direktbetroffene müssen ein Gesuch beim BJ einreichen und glaubhaft machen, dass sie Opfer einer fürsorgerischen Zwangsmassnahme oder Fremdplatzierung wurden. «Ein strikter Beweis im Rechtssinn ist nicht nötig – und könnte in den meisten Fällen wohl auch nicht geführt werden. Weil die Ereignisse zeitlich so lange her sind, reicht es, wenn die gesuchsstellenden Personen ihre Opfereigenschaft lediglich glaubhaft machen», sagt Brand. Für die Beschaffung von Dokumenten aus Archiven, aber auch für grundsätzliche Beratung kann weiter die Hilfe der kantonalen Anlaufstellen in Anspruch genommen werden. 

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hierundjetzt 01.02.2017 10:46
    Highlight Highlight 25'000.- Fränkli, weil ich als Frau jahrelang ins Gefängnis (!) musste *nur* weil ich zwei Affären hatte?

    25'000.- Fränkli, weil ich als Sohn auf dem Marktplatz im Emmenthal an einen Bauern verkauft wurde, weil meine Mutter den gewalttätigen Ehemann verlies?

    25'000.- Fränkli, weil ich dazu gezwungen wurde mein Kind abzutreiben, nur weil ich den Namen des Vaters nicht preisgeben wollte und / oder in keiner Ehe lebte.

    Das alles bis vor 40 Jahren. 1970ger. 40 Jahre. Tscheggsch.

    Aha.

    Und wer ist sogar gegen diese lächerlichen 25'000.- Fränkli? Richtig: als einzige Partei (!) die SVP.
    65 5 Melden
    • Madison Pierce 01.02.2017 13:38
      Highlight Highlight Rein emotional bin ich völlig einig mit Dir. Die Entschädigungen kommen zu spät und sind zu knausrig.

      Aber juristisch ist es schon schwieriger: Damals war das geltendes Recht, auch wenn wir uns das kaum vorstellen können. Die Frage ist, wie weit zurück wir Rechtsfälle mit unserem aktuellen Moralempfinden beurteilen und Urteile korrigieren sollen.

      England begnadigt ja gerade verurteilte Homosexuelle und je weiter man zurück geht, desto mehr gäbe es zu korrigieren. Manch unschuldige Frau ist in den Archiven noch als "Hexe" zu finden...
      4 7 Melden
  • Brandroid 01.02.2017 10:40
    Highlight Highlight Hihihi BJ
    8 22 Melden
  • Calvin Watsn 01.02.2017 10:30
    Highlight Highlight Mich würde interessieren, wieviele den Stempel "abgelehnt" erhalten. Salamitaktik wie das vorangeht.👎🏻
    12 2 Melden
    • Les 01.02.2017 13:27
      Highlight Highlight Calvin, ich kann dir da von der Front berichten. Arbeite in einem der grössten kantonalen Archive der Schweiz. Die Beweisführung läuft logischerweise vor allem über noch vorhandene Schriftstücke. Nun ist es gerade für sogenannt administrativ Verwahrte eine ziemlich Hemmschwelle, sich mit einem Archiv (Stichwort Amtsstelle) in Verbindung zu setzen. Auch kein Wunder: Diese Menschen haben nicht grad gute Erfahrung mit der CH-Administration gemacht! Ich kann dir aber versichern: In den Archiven wird ihnen geholfen, die Akten aufzufinden. Und ein Aktenstück genügt bereits zur Beweisführung!
      16 0 Melden
    • Les 01.02.2017 13:34
      Highlight Highlight So weit ich das also abschätzen kann, kommt das gut und wird so unkompliziert für die betroffenen wie nur möglich abgewickelt. Ich denke die Gesuche werden dann auch in Bern speditiv erledigt.
      Und noch was: Noch wichtiger als der Batzen (25'000 maximal) scheint mir die Anerkennung: Euch wurde Unrecht zugefügt. War eine Schweinerei! Und die offizielle Schweiz entschuldigt sich hiermit bei euch.
      Finde das sehr wichtig. Ich bin also beschämt über vergangenes Unrecht und ein bisschen stolz, dass das jetzt versucht wird, wieder gut zu machen (so weit man so was wieder gut machen kann)
      17 0 Melden
    • Calvin Watsn 01.02.2017 13:51
      Highlight Highlight @Les: Danke für deine Ausführungen. Sehr gut geschrieben, dem ist nichts mehr anzufügen.👍🏻👍🏻👌🏻
      6 0 Melden
  • LeChef 01.02.2017 09:50
    Highlight Highlight Ich will niemandem auf die Füsse treten (mach ich wohl trotzdem mit diesem Kommentar, tut mir leid!), aber 300 Millionen sind ganz schön viel Geld. Das wächst nicht an den Bäumen, sondern muss von den Steuerzahlern zur Verfügung gestellt werden. Es ist wohl unbestreitbar, dass den Opfern dieses Systems enormes Leid zugefügt wurde, aber dafür können alle unter 60-jährigen in diesem Land doch gar nichts. Stört es denn niemanden, Wiedergutmachung leisten zu müssen für etwas, das man gar nicht verbrochen hat? Das geht einfach total gegen mein Gerechtigkeitsempfinden. Los, blitzt mich dafür..
    17 57 Melden
    • RobinBurn 01.02.2017 11:17
      Highlight Highlight Ich sehe was du meinst, aber manchmal muss man eine kleine Ungerechtigkeit in Kauf nehmen, um eine grössere wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen.
      41 2 Melden
    • Angelo C. 01.02.2017 11:38
      Highlight Highlight Dann wird es wohl auch gegen deinen Gerechtigkeitssinn verstossen, dass Deutschland noch nach 70-80 Jahren schweres Unrecht an den Holocaust-Opfern aus dem Steuersubstrat entschädigt...

      Man macht es sich wohl etwas gar einfach, wenn man lapidar meint : "Ja was haben denn wir, die Nachkriegsgeneration damit am Hut?"

      Genauso ist das mit diesen teilweise ebenso schweren Schreckensgeschichten, welche lange Jahre (entschieden länger als der Holocaust) vielen Schweizern widerfahren ist, die heute noch psychisch erledigt sind, es im Leben nie geschafft haben.

      Lies einige ihrer Horrorlebensläufe!
      36 2 Melden
    • Bijouxly 01.02.2017 11:50
      Highlight Highlight @lechef: ich bin deiner Meinung. Aber aus einer anderen Argumentation, nicht wegen Schuld oder nicht-Schuld, sondern weil es damals auch nicht strafbar war. Ich finde diese Entschädigungszahlung empathisch verständlich aber rational völlig daneben. Man stelle sich mal vor, Prostitution wäre in 100 Jahren absolut verboten und man würde danach allen noch lebenden heutzumals Prostituierten eine Entschädigung zahlen. Das geht doch nicht. Zu jener Zeit war es rechtens, egal wie wir heute dazu stehen (da gäbe es noch sehr sehr viele andere Entschädingungsgruppen nach dieser Logik...).
      5 33 Melden
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