Schweiz

Psychologin zum Fall Jegge: «Er täuscht sich selber – und das ist viel tragischer»

Im «Talk Täglich» diskutieren Monika Egli-Alge, forensische Psychologin, und Psychotherapeutin Regula Schwager unter der Moderation von Markus Gilli über den Fall Jegge, die Abhängigkeit von Kinderopfern und die Strategie, die Täter bei sexuellen Übergriffen anwenden.

14.04.17, 11:31 14.04.17, 14:14

Brachte den Fall ins Rollen: Das Buch von Markus Zangger. Bild: KEYSTONE

Der Schweizer Pädagoge Jürg Jegge hat während seiner Zeit als Lehrer mehrere Schüler jahrelang missbraucht. Dies machte Markus Zangger, eines seiner Opfer, in einem Buch publik.

Für Regula Schwager, Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle Castagna, ein «exemplarischer Fall, der real aufzeigt, was bei sexuellen Übergriffen mit Kindern abläuft». Es sei eine typische Konstellation zwischen einer Person, die die Machtposition innehalte, und dem Kind, das von ihr abhängig sei. Dieser Meinung ist auch Monika Egli-Alge, Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz: «Als Lehrer ist man eine Autoritätsperson, die Schüler schauen zu ihm auf. Eine gewisse Nähe aus dieser Konstellation ist zwangsläufig, aber das schliesst keine sexuelle Nähe mit ein.»

«Jegges Rechtfertigungsversuche sind lächerlich»

Jegge äusserte sich am vergangenen Freitag zu den Vorwürfen und gab die Missbrauchsfälle zu. Im nächsten Atemzug relativierte er sie aber auch. Er verwies auf einen anderen Zeitgeist, der damals geherrscht habe. Oder: Er habe den Schülern nur helfen wollen. Für Egli-Alge ein typisches Verhalten von Tätern: «Sie externalisieren – schieben die Schuld anderen zu – und bagatellisieren.» Dabei würden sich Täter häufig im gleichen Masse täuschen wie die Umgebung. «Wahrscheinlich nimmt es Jegge selbst so wahr und das ist viel tragischer.»

Regula Schwager: «Jegges Rechtfertigungsversuche sind lächerlich»

Video: © Tele Züri

Für Schwager sind die Rechtfertigungsversuche von Jegge «lächerlich»: «Ein sexueller Übergriff ist immer ein sexueller Übergriff und schadet dem Kind massiv.» Seine Argumentation sei für Täter typisch; der Versuch, sich zu entschuldigen und glaubhaft zu machen, dass nur ehrbare Motivation dahinter stecke. «Das ist eine reine Ausrede.»

Schwager hat als Psychotherapeutin Erfahrungen mit Opfern gesammelt: «Oft kommt es vor, dass den Kindern die Schuld zugeschoben wird, damit es still bleibt und sich schuldig fühlt – und natürlich nutzbar ist.»

Täter wickelt Kind in Netz der Abhängigkeit

Auch Jegges Rechtfertigung, er habe mit seinen Berührungen innere Blockaden der Kinder lösen wollen, ist für Schwager absurd. Zwar hätten Kinder bereits von Geburt an sexuelle Empfindungen, diese könne aber nicht mit derjenigen Sexualität von Erwachsenen verglichen werden. «Die Konfrontation von Kindern mit der erwachsenen Sexualität ist höchst schädlich, eine absolute Überforderung und ein sexueller Missbrauch», so die Psychotherapeutin. Ein Kind sei aufgrund seines Entwicklungsstandes niemals fähig, einem solchen Akt einvernehmlich zuzustimmen.

Doch warum melden sich die Opfer in vielen Fällen erst Jahre nach den sexuellen Übergriffen zu Wort, will Gilli von seinen Gästen wissen.

Für Egli-Alge das Resultat der Täterstrategie: «Sie machen das Opfer gefügig und manipulieren es so, dass es lange nicht merkt, was passiert.» Dem stimmt auch Schwager zu: «Diese grosse Abhängigkeit ist ein typisches Muster: Der Täter baut immer zuerst eine Beziehung zum Kind auf. So wickelt er das Kind in ein Netz der Abhängigkeit – die Übergriffe beginnen erst, wenn bereits eine Bindung besteht.» Damit sei das Kind bereits gefangen und könne nichts entgegensetzen. «Ein Kind kann dies auch nicht kognitiv nachvollziehen, was passiert oder es als Unrecht einordnen.»

Sehen Sie hier den gesamten Talk zum Fall Jegge:

Der Fall Jegge

Ja, er habe sexuelle Beziehungen zu seinen Schülern gehabt – der Starpädagoge gibt den Missbrauch an seinen Schülern zu. Wieso haben die Opfer so lange geschwiegen? Video: © TeleZüri

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Brikne, 20.7.2017
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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 16.04.2017 13:07
    Highlight Jegge ist einer jener naiven Dummköpfe, die man erwischt hat. Die schlauen Pädophilen (oder wie man das auch immer nennt) sind nicht so doof wie Jegge. Die fahren pro Jahr ein paar Wochen in die Pädophilenparadiese auf unserem schönen Planeten. Wie zum Beispiel Thailand, oder - relativ - neuestens: Kambodscha.

    Noch nie etwas gehört von Snuff-Movies? Nicht? Schon klar! Weil an diese Seite der Sache wagen sich Mainstream-Journalisten wie Hugo Stamm nicht heran. Warum nicht? Weil sie um ihr Leben fürchten müssten.
    1 2 Melden
  • Spooky 15.04.2017 01:52
    Highlight Was war da eigentlich damals mit dem roten Dany?
    3 5 Melden
    • Dr. Zoidberg 15.04.2017 11:06
      Highlight ich bin ja wirklich mal gespannt, ob bis zu meinem lebensende diese olle kamelle aus den kommentarspalten verschwindet. eher nicht.

      die stelle in dem immerhin über 40 jahre alten schinken ist nach aussage aller beteiligten (kinder, eltern, kollegen) fiktion und es hat nie etwas stattgefunden, dass irgendeiner der beteiligten als missbrauch eingestuft hätte. möglicherweise ist sogar dir aufgefallen, dass es auch nie strafrechtliche ermittlungen gab.

      man kann zu ihm stehen wie man will, aber jemanden missbrauch anzudichten, weil er vor jahrzehnten mal scheisse geschrieben hat, ist das letzte.
      8 6 Melden
    • Buff Rogene 15.04.2017 14:07
      Highlight Ach, heutzutage gilt es intellektuell als redlich, Pädophilie, normale sexuelle Regungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die sich ab und an auch in Erektionen äussern können, kindliche Neugier, Machtbedürfnisse von Erwachsenen, allesamt undifferenziert in einen Topf zu schmeissen und gar Missbrauch zu schreien, wenn auch nur eine Bedingung erfüllt ist. Lieber einmal zuviel, und damit die Natur der Dinge zu pervertieren, statt den Leuten zuzuhören und sie ausreden zu lassen. Cohn-Bendit und Jegge in einem Kontext zu erwähnen, banalisiert Jegges Taten, banalisiert realen, harten Missbrauch.
      7 6 Melden
  • Gähn on the rocks 14.04.2017 16:45
    Highlight jegges handeln schadet dem gesamten image der pädagogen gewaltig.
    insbesondere den männlichen lehrpersonen, von denen es heutzutage eh viel zuwenige gibt!
    27 5 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.04.2017 16:38
    Highlight Die Rechtfertigungsversuche von Jegge sind nicht nur lächerlich - sie sind auch eine Schande. Dieser Typ versucht sich herauszureden mit der Erklärung des Zeitgeistes!! Er ist ein Kinderschänder und sollte auch bestraft werden.
    30 5 Melden
  • Holla die Waldfee 14.04.2017 14:18
    Highlight Ich weiss von einem Fall, wo der Vater alle drei Mädchen regelmässig missbrauchte und es sich selbst gegenüber damit beschönigte, dass er ein guter Ehemann sei und seine Frau nicht betrügen würde.
    20 6 Melden
    • Buff Rogene 15.04.2017 16:15
      Highlight Würde offener über das Thema gesprochen, liesse sich solcher Mist vermeiden.

      Zb: Werbung schalten im Abendprogramm: "Sie vegreifen sich an ihren Kindern? Bitte, bitte hören Sie damit auf und wenden Sie sich an xyz; wir helfen Ihnen, Ihren Kindern und Ihrer Ehe - sofort! Für alle Probleme gibt es eine Lösung".

      Stattdessen: "Sagt ja nichts Mama, wenn das rauskommt, komme ich in den Knast, unser Leben wird zur Hölle und ihr seid Schuld."

      --> Unter welchen Bedingungen wird der Missbrauch eher weitergehen? Noch schlimmere Dimensionen annehmen?

      Es liegt an uns, das Thema zu enttabuisieren.
      7 3 Melden
  • Bronko 14.04.2017 14:14
    Highlight "Doch warum melden sich die Opfer in vielen Fällen erst Jahre nach den sexuellen Übergriffen zu Wort?"
    Ergänzend zur Antwort im Text am Ende vielleicht noch dies:

    Auch weil

    - sie traumatisiert sind und ev. Angst haben vor den psychischen Kosequenzen der Aufarbeitung oder auch vor dem Täter oder vor Reaktionen des Umfelds/Familie

    - dieses Unrechtsbewusstsein gegenüber dem Täter aus im Text genannten Gründen unter Umständen Jahre braucht, um es aufzubauen

    - einige sich dazu nie genug stabil bzw. mutig fühlen
    31 9 Melden
    • Malina 14.04.2017 18:32
      Highlight - weil sie es als Kind schon erzählt haben aber abgewinkt wurden (zB weil man als Kind die Lage nicht explizit erklärt sondern nur sagt "xy ist mir unheimlich" etc)
      - weil sie es als Kind zwar erzählt haben aber zustillschweigen verdonnert wurden, um die Ehre/ das gute Ansehen zu wahren (v.a. bei Missbrauch innerhalb der Familie)
      - weil man es verdrängt hat und den Missbrauch als solchen erst sehr spät versteht, nachdem man jahrelang gedacht hat das sei ok oder die eigene Schuld
      12 3 Melden
    • Buff Rogene 15.04.2017 07:26
      Highlight Unwissende Menschen in etwas hineinziehen, von dem man weiss, dass es falsch ist und sie täuschen, um mit ihren Instinkten nach Schutz, Anerkennung, aber auch gewöhnlichen körperlichen Reaktionen zu spielen, ist das Letzte. Dieser Freak gibt selbst zu, dass er um die Falschheit wusste, tat es dennoch.
      Mal so die Entwicklung von Kids riskieren, so mal als Experiment? Klar: Dass er dazu in der Lage war, Gott zu spielen und einzugreifen ins Leben von Menschen, dieser narzisstische "Heils"bringer - das war sein Kick. Ob Schaden oder Heil, interessiert den nicht. Er hat Einfluss, und Macht.
      8 3 Melden

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