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Netflix-Serie «Love»: «Wie soll das nur gehen mit der Liebe?»

Er sieht aus wie ein junger Woody Allen, sie ist eine fatalistische Borderlinerin: Judd Apatows neue Netflix-Serie «Love» über ein Pärchen in L.A. ist schmerzhaft – und sehr lustig.

21.02.16, 10:46 21.02.16, 12:03

Andreas Borcholte

Ein Artikel von

Richard Brody, Filmkritiker beim «New Yorker», hat schon früh geahnt, was kommen musste. Über Judd Apatows bisher letzte Regie-Arbeit «Immer Ärger mit 40» schrieb er 2012: «Das ist der Stoff aus dem das Leben gemacht ist. Es fliesst dahin wie das Leben, und wie im Leben auch, wäre es schön, wenn es länger dauern würde.»

So etwas lässt sich einer wie Apatow, 48, nicht zweimal sagen. Der Filmemacher aus Los Angeles hat das Genre der Liebeskomödie mit Filmen wie «Jungfrau (40), männlich, sucht…» und der HBO-Serie Girls neu erfunden. Er wird gerne dafür kritisiert, dass seine Filme, zuletzt «Dating Queen» mit Amy Schumer, zu lang sind, dafür, dass eigentlich gar nicht so viel passiert. Bei Netflix, wo Apatow jetzt seine neue, zunächst zehnteilige Serie «Love» vorstellt, konnte er sich so richtig ausbreiten.

«Love» bietet auf den ersten Blick nichts, was andere Shows zuvor nicht auch schon versucht haben: Zwei verwirrte und verletzte junge Menschen werden vom Schicksal zueinander geführt, mögen sich trotz eklatanter Gegensätze irgendwie und versuchen, eine Beziehung aufzubauen. Das führt zu allerlei schmerzhaft peinlichen Situationen und folglich zu jeder Menge Komik, hinter der sich viel Wahrheit über die Umständlichkeit von Menschen verbirgt.

In «Love» heissen diese beiden zueinander drängenden Pole Gus und Mickey. Gus, gespielt von Nachwuchs-Talent Paul Rust, sieht aus wie ein junger Woody Allen und ist mindestens so neurotisch. Als seine Freundin ihn in der ersten Episode aus der gemeinsamen Wohnung wirft, wirft sie ihm vor, «fake nice» zu sein, dass er zwar immer auf lieb und verständnisvoll mache, in Wahrheit aber ein manipulativer, passiv-aggressiver Arsch sei.

Begegnung im Tankstellen-Shop

Auch Mickey beendet in der ersten Folge ihre Beziehung; sie erträgt den egozentrischen, unordentlichen Typen einfach nicht mehr, der mit Anfang Dreissig immer noch seine Mutter braucht, um eine neue Hose zu kaufen und viel zu viele Drogen nimmt. Dabei ist Mickey (Gillian Jacobs) selbst nicht viel besser.

Der Serientrailer.
YouTube/Netflix US & Canada

Wenn sie nicht kifft, brechen sich schnell Selbsthass und Depressionen Bahn. Gus arbeitet als Tutor für die Kinderdarstellerin am Set der TV-Serie «Wichita» über Provinzhexen; Mickey ist Producerin bei einer Radio-Selbsthilfe-Sendung. Reichlich entlarvende Seitenhiebe auf das Entertainment-Business gibt es in «Love» also auch.

Schauplatz ist Echo Park, ein In-Viertel von L.A., in dem sich Hipster und junge Familien angesiedelt haben. Und mittendrin diese beiden verkrachten Existenzen. Beide lerne sich kennen, als Mickey schwer verkatert an der örtlichen Tankstelle einen Kaffee und Kippen kaufen will, aber kein Geld hat und sich mit dem Verkäufer anlegt, der seine Stammkundin nicht anschreiben lassen will.

Gus, der sich zufällig dort gerade eine Limo holen will, leiht ihr das Geld und bekommt als Dank eine unverhoffte Tour durch Mickeys chaotisches Leben, die mit seinem ersten Joint beginnt und einem unfreiwillig bedröhnten Auftritt im Vorgarten seiner Ex endet. Mickey, die fatalistische Borderlinerin, die eigentlich meint, sie sollte sich vielleicht doch lieber «mal einen netten Typen» suchen, findet Gefallen an dem Romantik-vernarrten Nerd – und das turbulente Suchen und Finden der grossen «Love» nimmt seinen Lauf.

«Die Kürze von Filmen hat mich schon immer frustriert»

«Die Kürze von Filmen hat mich immer schon frustriert», sagt Judd Apatow im Telefon-Interview aus seinem Haus in Malibu, «man kann in zwei Stunden nur eine begrenzte Tiefe erreichen. Ich bin ein grosser Fan von Serien wie ‹Mad Men› oder den ‹Sopranos›, denn es macht grossen Spass, zu wissen, dass du dir über Zeitbeschränkungen keine Sorgen machen musst.»

Ein weiterer Trailer.
YouTube/Netflix US & Canada

Bei «Love» gehe es ihm um eine «tiefe Auslotung von Liebesbeziehungen», sagt er. «Wir alle schleppen tonnenweise Ballast mit uns herum, aus der Art, wie wir erzogen wurden und aus unseren ersten Beziehungen. Wenn wir jemand Neues treffen, sind wir im Grunde schon total versaut. Für eine Weile gelingt es uns, dem anderen weiszumachen, dass wir gesund sind, aber ganz allmählich merkt der Andere, was mit dir etwas nicht stimmt. Wie soll das nur gehen mit der Liebe? Ich finde das wirklich interessant und natürlich auch sehr lustig.»

An Hauptdarsteller Rust schätzt Apatow besonders, dass der Comedian und aufstrebende Drehbuch-Autor zu den Leuten gehört, «die sehr warmherzig und gleichzeitig komisch sein können – und gleichzeitig bereit sind, ihren ganzen Schmerz offenzulegen.» Gepaart mit der tollen Gillian Jacobs, die zuletzt auch eine Gastrolle in «Girls» hatte, lässt Rust das Mäandernde und die betonte Beiläufigkeit von «Love» zu einer zwingenden Dramaturgie wachsen.

Beim Kopfschütteln über das Chaos dieser eigentlich zum Scheitern verdammten Romanze entdeckt man alsbald die eine oder andere Wahrheit. So wie Gus, der in einer Szene frustriert seine Blu-Ray-Sammlung aus dem Autofenster wirft, einen Hollywood-Liebesklassiker nach dem anderen: «Alles Lügen!»

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