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«Verdammt nochmal»: halbe, tote Prostituierte oder Vogelkacke – was ist schlimmer?

Bild: Goliath

Wenn auf der Spielepackung steht: «Blöd für dich. Blöd für mich. Blöd für alle», ist  dann garantiert, dass das Spiel auch wirklich blöd ist? 

21.01.18, 18:42 22.01.18, 08:46

Wir spielen heute:
«Verdammt nochmal»

Kartenspiel von Andy Beckmann für 2 bis 8 Spieler ab 18 Jahren, Spieldauer: 15 bis 30 Minuten. Verlag: Goliath. Preis: etwa 25 Franken. 

Thema:

Beschissene Situationen (das steht tatsächlich so in der Regel) müssen miteinander verglichen und gemäss ihrem «Elendsindex» richtig eingeordnet werden. 

Was macht man?

Jeder legt vor sich eine «Strasse des Schmerzes» aus. Bild: Goliath

Karten mit darauf beschriebenen Situation in der eigenen Auslage an der korrekten Stelle einordnen. 

Besondere Features:

Strikt erst ab 18 Jahren geeignet. Die Kartentexte schrecken nämlich wirklich vor keinem Tabu zurück. 

Geeignet für:

Erwachsene, die über schräge, wahnsinnige und durchgeknallte Situationen diskutieren und lachen wollen. 

Wir haben es für euch gespielt!

In blöde Situationen stolpert man schneller als man denkt: Vor einer Woche war ich zum Beispiel auf Hawaii in den Ferien, als die gesamte versmartphonte Bevölkerung mit einer Push-Nachricht über einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Raketenangriff aufgeschreckt wurde: «This is not a drill», hiess es. Da ich in die Ferien stets neue Spiele zum Ausprobieren mitnehme und diesmal zufälligerweise «Verdammt nochmal» im Gepäck war, haben wir sofort über die Frage philosophiert, wie blöd jetzt diese Situation genau im Vergleich zu anderen blöden Situationen war. War sie blöder, als wenn deine Frau gesteht, dass du den Sohn ihres Exfreundes gross gezogen hast, sich deine betrunkene Mutter über ihr Sexleben beklagt oder du barfuss auf einen Lego-Stein trittst? Genau solche Antworten will das Spiel «Verdammt nochmal» von dir.

Aber, wie soll man sowas überhaupt beurteilen? Das Spiel nimmt sich in dieser Hinsicht selber zum Glück nicht ernst. In der Spielregel wird vollmundig, aber ironisch erklärt, dass seriöse und hoch qualifizierte Eheberater, Therapeuten und Sozialarbeiter mit über 150 Jahren Erfahrung in der klinischen Psychiatrie sämtliche Situationen von 200 Spielkarten beurteilt und sie nach vier Faktoren in einem «Elendsindex» eingeteilt hätten. 

Die Gruppe lacht sich krumm. Bild: Goliath

Kurze Zwischenbemerkung: «Verdammt nochmal» hätte auch sehr gut in einen kürzlich hier veröffentlichten Beitrag gepasst. Es ist nämlich auch so ein Spiel für Leute, die sonst gar nicht spielen.

Auf jeder der 200 Karten ist eine beschissene Situation beschrieben und eine Zahl zwischen 0 und 100 angegeben: Das ist der «völlig objektive» Elendsindex der Situation. Jeder Spieler beginnt mit drei zufällig gezogenen Karten, die er offen vor sich auslegt und damit das Grundgerüst seiner individuellen «Strasse der Schmerzen» bildet. Wer an der Reihe ist, liest eine Karte vor ohne deren Elendsindex zu nennen. Der Nachbar muss die Karte daraufhin korrekt in seiner Strasse der Schmerzen einreihen, nach dem Prinzip des bekannten Spiels «Anno Domini». Der Vorleser sagt nicht die Zahl des Elendsindexes, sondern nur, ob der Versuch richtig oder falsch war. Denn nachfolgende Spieler können die Karte allenfalls erben. Es gewinnt, wer zuerst 10 Karten korrekt vor sich liegen hat. 

Die Kartentexte sind zum Teil ziemlich absurd und reichen von unangenehmen Alltagssituationen wie «dir kackt ein Vogel auf den Kopf», «du steckst über Nacht im Aufzug fest mit Helene Fischers ‹Atemlos› in Dauerschleife» oder «du machst die verstopfte Toilette mit deinen Händen frei» bis zu haarsträubenden Ereignissen wie «du findest eine tote Prostituierte in deinem Bett» oder «du findest eine halbe tote Prostituierte in deinem Bett». Man sieht: Ein abgedrehtes Humorverständnis ist Voraussetzung. 

So sieht die Spieleschachtel aus. Bild: Goliath

Natürlich ist «Verdammt nochmal» zunächst ziemlich lustig und surreal. Die satirische Komponente, die einen objektiven Index-Wert behauptet, ist aber spielerisch gleichzeitig das grösste Problem des Spiels. Dadurch wird es nämlich extrem unbeeinflussbar und zufällig. Manche Index-Werte sind schlicht nicht nachvollziehbar, und Situationen werden von verschiedenen Leuten halt unterschiedlich schlimm empfunden.

Um auf das Beispiel mit dem Fehlalarm in Hawaii zurückzukommen: Einige Leute gerieten in Todesangst und Panik, andere nahmen die Situation völlig gelassen und bestellten sich einfach noch einen Kaffee. Surfer, die am Strand von der Push-Nachricht überrascht wurden, paddelten unbeeindruckt ins Meer hinaus: Wenn schon sterben, dann wenigstens bei der Tätigkeit, die man am liebsten macht.

Man darf «Verdammt nochmal» nicht ernst nehmen und auch keine Sieges-Ambitionen haben. Es ist kein Spiel, das man spielt, weil man gerne spielt. Sondern ein Spiel, bei dem man einfach über dumme Situationen lachen und diskutieren möchte. Zum Beispiel auch darüber, welchen Elendsindex dieses Spiel denn hätte. Allzu oft kann man es nicht spielen, weil man irgendwann viele der Karten bereits kennt. Viel mehr gibt es dazu auch gar nicht zu bemerken, ausser: Selber ausprobieren!

Geht es auch zu zweit?

Ja, und erstaunlicherweise sogar recht gut. «Verdammt nochmal» ist aber trotzdem ein typisches Partyspiel, das man eher in Runden mit fünf bis acht Spielern auf den Tisch bringen sollte. 

Tom Felber ist ...

... der Vorsitzende der internationalen Kritiker-Jury «Spiel des Jahres» und veröffentlicht seit 1985 Spiele-Rezensionen in verschiedenen Medien. Fortan wird er hier für uns regelmässig neue Brett- und Kartenspiele vorstellen.

bild: zvg

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