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Aus, Schluss, vorbei: Italien fährt zum ersten Mal seit 1958 nicht an die WM. Bild: AP/AP

Grosses Leid, grosse Chance – zieht Italien die richtigen Schlüsse aus dem WM-Debakel?

Zu alt, zu harmlos, zu schlecht: Das WM-Barrage-Aus gegen Schweden hat die Probleme des italienischen Fussballs verdeutlicht. Zieht die Nation die richtigen Schlüsse? Als Vorbild könnte ausgerechnet Deutschland herhalten.

14.11.17, 14:28

Danial Montazeri

Ein Artikel von

Die Bilder von Gianluigi Buffon, der unter Tränen um Entschuldigung für das Versagen seiner Mannschaft bittet, gehen am Tag nach der grössten Schmach in Italiens Fussball um die Welt. Dabei kann der Torwart am allerwenigsten für Italiens historisches Verpassen der WM 2018. Denn die Gründe für das Scheitern der Squadra Azzurra liegen weiter vorne auf dem Platz, und, vor allem, daneben.

Minutenlang kann Buffon die Tränen nicht zurückhalten. Video: streamable

Brechen wir zunächst einmal mit einem Klischee: Dass Italien seine Erfolge allein der Abwehrkunst des Catenaccio zu verdanken habe, ist eine Mär. Bei ihren WM-Triumphen mogelten sich die Italiener keineswegs mit 1:0-Siegen in Serie bis in den Final. 1934 erzielten die Azzurri im Schnitt 2.4 Tore pro Spiel, 1938 waren es 2.8, bei den Erfolgen 1982 und 2006 jeweils 1.7 pro Partie. Dass der Schnitt gesunken ist, darf dabei vernachlässigt werden, denn das entspricht dem Trend, dass WM-Tore über die Jahrzehnte weniger wurden.

Die Zahlen zeigen, dass Italiens Erfolge verknüpft sind mit einer starken defensiven Organisation UND einer erfolgreichen Offensive. Die aktuelle Qualifikationsrunde hat bewiesen, dass nur noch ein Teil funktioniert.

Nur noch hohe Bälle

In 180 Minuten gelang der Mannschaft in zwei Playoff-Partien gegen Schweden kein Treffer. Dabei verfügen die Skandinavier keineswegs über ausgeklügelte Verteidigungsmechanismen. Ihr im Spiel gegen den Ball passiv angelegtes 4-4-2 ist guter Durchschnitt, mehr nicht. Kein Wunder, dass Schweden in der Gruppenphase in jeweils 180 Minuten gegen die Niederlande, Frankreich und Bulgarien je drei Gegentore kassierte.

Nationaltriner Gian Piero Ventura will trotz des historischen Scheiterns weitermachen. Bild: EPA/ANSA

Dass Italien leer ausging, mag punktuell auch an den Faktoren Glück oder Pech liegen, schliesslich gab das Team in Mailand 27 Schüsse ab, wovon immerhin 13 aufs Tor kamen. Grosschancen waren indes nur wenige darunter. Auch in den Qualifikationsspielen davor taten sich die Azzurri in der Offensive schwer. Der Mannschaft fehlen schlicht die Mittel, klare Gelegenheiten zu kreieren. Deshalb steht das Relegations-Aus gegen Schweden für ein grösseres Problem des italienischen Fussballs. Der Nation fehlt es an kreativen Fussballern.

Nur wenige Nationalspieler sind in der Lage, auf engem Raum an einem Gegenspieler vorbeizudribbeln. Kaum einer beherrscht die Fähigkeit, die Organisation des Gegners mit einem Pass durcheinanderzuwirbeln. Gegen Schweden führte das dazu, dass Italien irgendwann einfach nur noch Bälle hoch in den Strafraum drosch. Das wirkte verzweifelt und versprach gegen die kopfballstarke schwedische Abwehr kaum Erfolg.

Kein Top-Stürmer in Sicht

2016, bei der EM in Frankreich, konnte Italien das noch durch die taktische Überlegenheit ausgleichen, was vor allem an Erfolgscoach Antonio Conte lag. Die Mannschaft, die in Bezug auf die Kaderqualität bereits bei der EM nicht zur Spitze des Teilnehmerfelds gehörte, blieb anschliessend nahezu unverändert. Der Trainer ging. Contes Nachfolger, Gian Piero Ventura, kommt taktisch nicht an das Niveau seines Vorgängers heran. Trotzdem will er bleiben. Dabei war schon seine Berufung eine ziemliche Überraschung. Für Italiens WM-Aus gilt das weniger.

Eine Szene steht für Venturas taktisches Unvermögen:

Uneinigkeit auf der Bank: De Rossi will nicht eingewechselt werden. «Warum soll ich mich verdammt noch mal warm machen?», fragt er und fordert Venturas Assistenten auf, den offensiveren Kollegen Lorenzo Insigne zu bringen. Video: streamable

Wer sich die Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte der Serie A anschaut, der findet viele herausragende Stürmer. Juves Gonzalo Higuain und Paolo Dybala, Inters Maurizio Icardi oder Napolis Dries Mertens. Italienische Offensivspieler unter 30 Jahren wie Ex-BVB-Stürmer Ciro Immobile (27) finden sich nur wenige.

Vorbild Deutschland?

Verdiente Profis geniessen in Italien einen anderen Ruf als beispielsweise in Deutschland. Der Altersschnitt der Startelf des Nationalteams beträgt oft mehr als 30 Jahre, so auch im Hinspiel gegen Schweden (30,5). Buffon wird mit seinen 39 Jahren regelrecht angehimmelt. das erlebte zuvor auch schon Roma-Legende Francesco Totti, der seine Karriere im Sommer mit 40 Jahren beendete. Milans Paolo Maldini spielte, bis er 39 war. In den 80er-Jahren stand mit Dino Zoff ein 40-Jähriger im Tor der Nationalmannschaft.

Das sind zwar Einzelbeispiele, aber umgekehrt fällt es ungleich schwerer, italienische Talente aufzuzählen, die in jungen Jahren Star-Status erreichten und so zum Vorbild für Kicker im Kindesalter taugten. Rohdiamanten kamen zuletzt zwar immer wieder zum Vorschein, geschliffen wurden sie aber nie. Mario Balotelli? Gilt als gescheitert. Stephan El Shaarawy? Stagniert. Andrea Belotti und Manuel Locatelli? Noch nicht reif genug.

Andrea Belottis Torquote in der Serie A ist beeindruckend. Kann er sich auch international beweisen? Bild: AP/AP

Insofern eröffnet Italiens WM-Aus der Nation womöglich auch eine Chance. Vielleicht markiert es einen Wendepunkt in der Geschichte, so wie das EM-Debakel 2004 für Deutschland. Wie in Italien herrschte damals beim vierfachen Weltmeister ein Mangel an jungen Spielern, insbesondere im Offensivbereich. Verbesserte Bedingungen in der Nachwuchsausbildung und der regelmässige Einsatz von Jungprofis in der Bundesliga waren die Folge und sind bis heute einer der Gründe für den Erfolg des DFB-Teams. Ob Italien einen ähnlichen Weg einschlägt?

Unmittelbar nach dem Scheitern gegen Schweden haben Giorgio Chiellini (33), Andrea Barzagli (36) und Daniele de Rossi (34) ihre Nationalmannschaftskarrieren beendet. Das gilt auch für Gigi Buffon, der noch am Spielfeldrand unter Tränen seinen Rücktritt verkündete. Sein Nachfolger steht schon bereit. Er ist 18 Jahre alt und heisst Gianluigi Donnarumma. Ein Torhüter repräsentiert derzeit Italiens Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Irgendwie bezeichnend.

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 15.11.2017 07:45
    Highlight Dieses Mal ging die berühmte Taktik der Italiener (sich am Anfang minimalistisch zurückhalten, Kräfte sparen und dann gegen Ende des WM-Turniers, wenn die Gegner sich längst hoffnungslos verausgabt haben, voll aufdrehen) nicht auf...
    Aber warum deswegen ein Erfolgsrezept, das sich schon ein Dutzend Mal bewährt hat, über den Haufen werfen?
    Das nächste Mal klappt das bestimmt wieder!
    Jetzt erholt Euch erst mal vom Stress der WM-Qualifikation, liebe Italiener, und dann beginnt wieder mit leichtem Ball-Training am Strand!
    Und an der WM könnt Ihr ja für einen Nachbarn fanen:
    Kroatien z.B.
    1 3 Melden
  • banda69 15.11.2017 07:37
    Highlight ...und wer wagts?
    3 3 Melden
  • Jol Bear 14.11.2017 20:36
    Highlight Italien eben, es gibt Zeiten der Freude, der Glückseeligkeit, aber auch Zeiten der traurigen Finsternis. Aber ohne das eine ist das andere nicht derart intensiv erlebbar. Und plötzlich sind sie wieder da, solche wie del Piero, Biaggio, Pirlo, Inzaghi usw., um dann unverhofft wieder zu verschwinden. Es folgt die deprimierende Leere, bis ihre Nachfolger wieder glänzen. Emotionen sind ständig da, mal in die eine, dann in die andere Richtung, Gleichförmigkeit gibt es nicht. Alfa Romeo eben, nicht Volvo.
    7 0 Melden
  • Senji 14.11.2017 19:20
    Highlight Italien hatte durchaus auch Pech. Viel schwieriger als mit Spanien in der Quali und Schweden in der Barrage hätte es kaum kommen können. Ich hoffe aber schwer, dass man es beim Verband nicht darauf abschiebt. Der Unterschied zu den Top-Nationen ist gross und auf die Idee diesen Trainer zu verpflichten muss man auch erst mal kommen.
    6 0 Melden
  • Rüdiger Rasenmeier 14.11.2017 17:01
    Highlight Immerhin haben die heissblütigen Italiener die Schweden feiern lassen und fair gratuliert. Ebenso die temperamentvollen Griechen. Nur die Türken kriegten es damals nicht auf die Reihe.
    15 4 Melden
  • FrancoL 14.11.2017 16:55
    Highlight Die Niederlage Italiens ist aber auch ein Lehrstück in Sachen Trainer.
    Ich wage zu behaupten dass mit Conte Italien nie und nimmer ausgeschieden wäre. Er hätte die Spanier wohl auch nicht geschlagen, aber die Mannschaft wäre mit viel mehr Selbstsicherheit aufgetreten.
    Es kann also durchaus sein dass ein Trainer die Differenz macht, auch bei lang erprobten Spielern.
    Damit ist nebst der dünnen Spielerdecke auch klar dass die Trainerwahl alles andere als optimal war. Ventura war und ist der falsche Mann.
    43 3 Melden
  • kärli 14.11.2017 16:20
    Highlight Warum ist eigentlich Balotelli kein Thema mehr? Hat sich in Nizza doch wieder ziemlich rehabilitiert...

    Der hätte meiner Meinung nach gestern das Zünglein an der Waage sein können...
    32 0 Melden
    • FrancoL 14.11.2017 16:52
      Highlight Ja ich hätte ihn auch wieder aufgeboten, seine Präsenz schafft den anderen Räume und eine Besserung in Frankreich zeigt er auch.
      22 2 Melden
  • Angelo C. 14.11.2017 16:05
    Highlight Zwar echt schade, dass Italien nicht mit dabei ist, denn WM-Spiele unter seiner Beteiligung waren oft spektakulär und die Stadien ausverkauft 😔.

    Leid tut es mir aber vor Allem für Gianluigi Buffon, dem man einen besseren Abgang nach dieser Bilderbuch-Karriere und seinem steten 150%igen Einsatz gewünscht hätte 😬.

    Was mit aber aufgefallen ist : die Italiener spielten ganz ähnlich wie die Schweiz gegen Nordirland - volle Pulle mit X guten Torchancen, doch leider ohne wirkliche Effizienz.

    Und so haben wir mit unserer geschenkten Penalty-Qualifikation wenig Ursache zur Schadenfreude 🤔.

    69 4 Melden
  • _domi_r 14.11.2017 14:49
    Highlight Die Italiener müssten nun definitiv auf die Jungen setzen und das Kader mit einigen älteren Spielern ergänzen. Klar braucht dies Zeit aber sie hätten mit Veratti (PSG, 25), Insigne (Napoli, 26), Bernardeschi (Juve, 23), Grifo (Gladbach, 24), Donnarumma (Milan, 18) und Rugani (Juve, 23) einige gute Spieler die noch deutlich unter 30 sind und in Europas Topligen spilen. Und natürlich den Penaltyhelden Zaza (Valencia, 26) nicht vergessen ;).
    46 1 Melden
  • W°^°||°^°W 14.11.2017 14:44
    Highlight Produktion läuft auf Hochtouren...
    20 28 Melden
  • Ronny Lüder 14.11.2017 14:36
    Highlight Wie sagt man so schön? Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär. Kommt Leute, so schlimm ists auch nicht: Italien ist nicht an der WM 2018 dabei (+EM 2020, +WM 2022)!?

    Also ich sehs positiv! Deutschland steht nun nämlich nichts mehr im Wege, den Titel von 2014 zu verteidigen... <3
    14 67 Melden
    • zsalizäme 14.11.2017 15:39
      Highlight Genau, weil Italien das einzige Hindernis auf dem Weg zu Titelverteidigung war.
      37 1 Melden
    • derhimmlische 14.11.2017 15:43
      Highlight Gerade in der italienischen Bäckerei eine Schwedentorte bestellt! Voll beleidigt der alte, wtfbro
      6 36 Melden
    • FrancoL 14.11.2017 16:49
      Highlight @derhimmlische; ich war auch beim Bäcker und wollte einen Mandelgipfel geschenkt haben. Der Bäcker war richtig sauer als zur Begründung erwähnte: Elfmeter kriegt man ja auch geschenkt.
      13 9 Melden
    • Ronny Lüder 14.11.2017 17:11
      Highlight @Franco Der war gut ;)))! Wir Deutschen sind eben die einzigen, die es Jahr für Jahr mit ehrlichen Mitteln an die WM schaffen.
      7 15 Melden

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