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Die FCA-Führung mit Roger Geissberger, Urs Bachmann und Alfred Schmid hat derzeit nichts zu lachen. Bild: KEYSTONE

Kein Ende in Sicht

Neue Eskalation im Stadionstreit: Der FC Aarau bangt um seine Zukunft und droht mit Millionenklagen 

Nach elf Jahren Hickhack schien im Sommer alles geritzt, doch nun wird der geplante Stadion-Neubau in Aarau wieder von einer Einzelperson blockiert. Dem Klub droht der Zwangsabstieg, die Führung denkt über Rücktritt und rechtliche Schritte nach.

22.09.14, 15:56 23.09.14, 10:02

Der FC Aarau will hier über seine Zukunft informieren, doch wer am Montagmorgen das Stadionrestaurant im Brügglifeld betritt, der fühlt sich schlagartig in die Vergangenheit zurückversetzt. 

Wer möchte, der kann hier eine Crèmeschnitte «rahmig, süess» für 3.50 Franken geniessen und dabei ein vergilbtes Bild aus dem letzten Jahrtausend bestaunen: «FC Aarau, Schweizer Meister 1993.» Alle sind sie drauf, die Helden von damals: Goalie Hilfiker, Trainer Fringer, Patron Lämmli, Goalgetter Aleksandrov und natürlich Jeff «die Frisur» Saibene – Gladiatoren aus einem Land vor unserer Zeit.

Der FC Aarau informiert über seine aktuellen Sorgen, links an der Wand erinnert ein Bild an bessere Zeiten. Bild: KEYSTONE

Der Stadion-Streit schwelt seit 11 Jahren

Das Thema, zu welchem der geschlossen anwesende Verwaltungsrat ein Statement abgeben möchte, ist nicht ganz so alt – aber fast. Seit elf Jahren verfolgt der FC Aarau beharrlich eine Vision: Anstelle des lottrigen Brügglifelds soll ein neues, modernes Stadion als Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft des Traditionsvereins entstehen. Die erste Abstimmung ging noch verloren, doch seither entschieden die Stimmbürger mehrfach mit einer Zweidrittelmehrheit im Sinne des Klubs.

Trotzdem ist nie ein einziger Bagger aufgefahren. Umweltverbände, der Verkehrsklub Schweiz und diverse Anwohner bremsten das Projekt immer wieder mit diversen Einwendungen aus. 

Noch im vergangenen Mai schien die Odyssee doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen. Nach endlosem Feilschen, zähen Verhandlungen und vielen Zugeständnissen mochten sich alle Beteiligten mit der neusten Auflage des Projekts «Torfeld Süd» abfinden. Der Stadtrat Aarau erteilte die langersehnte Baubewilligung für das schmucke Fussballstadion mit 10'000 Plätzen. Der Weg schien frei für die Firma HRS Real Estate AG, welche sich den Bau inklusive Mantelnutzung mittels Einkaufszentrum, diversen Gastro-Betrieben, Büros und Wohnungen 170 Millionen Franken Investitionsvolumen kosten lassen wollte. Geplanter Spatenstich: Herbst 2014 – auch beim FC Aarau lag man sich in den Armen.

Bleibt vielleicht für immer eine Vision: Das neue FCA-Stadion «Torfeld Süd». bild: torfeldsued.ch

Zu Unrecht, wie sich am 9. Juli herausstellen sollte. An diesem Tag informierte die Staatskanzlei Aarau darüber, dass in sprichwörtlich letzter Minute der Beschwerdefrist doch wieder eine Einsprache eingetroffen ist. Ein einzelner Anwohner wehrt sich gegen die Mantelnutzung des Stadions, womit die gesamte Baubewilligung nicht rechtskräftig wird.

Aarau droht der Zwangsabstieg

Es ist ein harter Schlag für den FC Aarau, der derzeit nur dank einer Ausnahmegenehmigung der SFL in der Super League mitspielen darf. Diese basiert darauf, dass die baulichen Auflagen, welche derzeit nicht erfüllt sind, mit dem neuen Stadion behoben würden. Die Lage ist ernst.

Entsprechend dramatisch eröffnet Aarau-Präsident Alfred Schmid die Runde, an der sich der Klub nach wochenlangem Schweigen erstmals zur neusten Entwicklung im Stadion-Streit äussert: «Der FC Aarau ist ein gesunder Verein. Wir budgetieren die Saison mit einem kleinen Gewinn und stehen sportlich so da, wie wir denken, dass es akzeptabel ist. Das sieht eigentlich alles sehr gut aus, aber nein, so ist es eben nicht. Eine Person blockiert das Stadion, welches die grosse Mehrheit angenommen hat. Wir gehen davon aus, dass wir sportlich in der Super League bleiben, aber unsere Lizenz ist dadurch ernstlich in Frage gestellt.»

Präsident Alfred Schmid bangt um die Zukunft des FC Aarau.  Bild: KEYSTONE

Weg ans Bundesgericht dauert zu lang

Vizepräsident Roger Geissberger ist sich sicher, dass die Einsprache keine rechtliche Grundlage hat und gibt sich entsprechend kämpferisch: «Wir sind bereit, diesen steinigen Weg zu gehen. Wenn es sein muss auch bis vors Verwaltungsgericht und das Bundesgericht.» 

«Wenn es sein muss, gehen wir auch bis vors Verwaltungsgericht und das Bundesgericht.»

Roger Geissberger

Das Problem an dieser Ansage: Der Weg durch die Instanzen würde sich wohl mindestens bis ins Jahr 2017 hinziehen. Der aktuelle Fahrplan der Liga sieht aber vor, dass ab der kommenden Saison definitiv keine Mannschaft mehr in der obersten Spielklasse antreten darf, dessen Stadion wie das Brügglifeld nicht über eine Rasenheizung verfügt. Und die SFL hat in den vergangenen Tagen erneut signalisiert, dass diese Auflagen nicht verhandelbar sind – Aarau droht der Zwangsabstieg.

Für dieses Szenario würde die aktuelle Führungscrew nicht mehr zur Verfügung stehen. Roger Geissberger: «Sollte der FC Aarau nächsten Sommer keine Super-League-Lizenz erhalten, dann treten wir an der Generalversammlung geschlossen zurück.» 

Werden wieder Millionen ins Brügglifeld gepumpt?

Auch ein temporäres Ausweichen, etwa nach Basel oder Luzern hält die FCA-Führung nicht für machbar. Zu gross wären die finanziellen Einbussen an Zuschauer- und Vermarktungseinnahmen im Exil. Was bleibt, wäre eine erneute Millioneninvestition ins baufällige Brügglifeld. Die Rasenheizung und die Sanierung des Platzes wird mit rund drei Millionen Franken veranschlagt. Laut Recherchen der «Aargauer Zeitung» hat die Platzgenossenschaft Brügglifeld den Stadtrat bereits um einen entsprechenden Kredit ersucht. Doch Stadtpräsidentin Jolanda Urech signalisiert an der Pressekonferenz, dass sie es für unsinnig hält, öffentliche Gelder in eine nicht nachhaltige Sanierung zu stecken.

Nur mit Millioneninvestitionen könnte das Brügglifeld auf Super-League-Niveau gebracht werden. Doch wer soll das bezahlen?  Bild: KEYSTONE

FC Aarau droht mit Zivilklage gegen Beschwerdeführer

Der FC Aarau ist keine offizielle Partei im Baubewilligungsverfahren, aber der Verwaltungsrat lässt durchblicken, dass man sich mit dem Beschwerdeführer intensiv auseinandersetzt. Stadion-Chef René Herzog deutet an, dass dieser von Hintermännern instruiert sei: «Wir kennen unsere Gegner. Es ist mehr als eine Person. Dahinter stehen drei bis vier Leute, die sich daraus einen Sport machen, uns zu schaden. Dieses Verhalten geht nicht nur gegen den FCA, es geht gegen jedes demokratische Verständnis – es geht nur um Zerstörung.»

«Wir behalten uns vor, diesen Schaden zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Zivilweg einzufordern.»

Roger Geissberger

Deshalb will sich der Klub auch nicht kampflos seinem Schicksal fügen. Geissberger stellt sich drohend auf die Hinterbeine: «Im neuen Stadion könnte der FC Aarau jährlich 2,5 Millionen Franken an Mehreinnahmen generieren und hätte 1,2 Millionen höhere Kosten. Das ergibt einen entgangenen Gewinn von 1,3 Millionen Franken pro Jahr. Wir behalten uns vor, diesen Schaden zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Zivilweg einzufordern, wenn das Bundesgericht am Ende zu unseren Gunsten entschieden hat.»

Das Stadion-Hickhack in Aarau geht in die nächste Verlängerung – und der Ausgang bleibt weiter ungewiss.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • manhunt 23.09.2014 15:10
    Highlight dann fechte ich jetzt mal den entscheid zur masseneinwanderungsinitiative an ;)
    spass beiseite: ist schon traurig, wieviel zeit zu investieren einzelne leute bereit sind, um anderen zu schaden oder den spass zu verderben.
    5 0 Melden
  • Nightghost 23.09.2014 04:45
    Highlight Ich würde fast wetten, dass im Hintergrund der Verhinderer Club Schweiz (VCS) die Fäden zieht.
    6 3 Melden
  • Oberon 22.09.2014 20:44
    Highlight Ein gutes Beispiel für einen katastrophalen Missbrauch unserer Gesetze.

    Wie schon geschrieben wurde kann es doch nicht sein das die Regierung sowas auch noch akzeptiert.
    Es soll sich dann auch keiner mehr wundern wenn das Vertrauen immer weiter sinkt und vielleicht irgendwann zu unerwünschten Reaktionen führt.
    12 2 Melden
  • Glück 22.09.2014 16:22
    Highlight Für mich ist die Sache deshalb unverständlich, dass sich ein einzelner Bürger gegen einen positiven Volksentscheid zur Wehr setzen kann, und dann erst noch Recht bekommt. Das ist schon fast pervers, aber Zürich macht es ja ebenfalls seit Jahren vor! Ein Volksentscheid ist ein Entscheid der Mehrheit der Bevölkerung und sollte nicht mehr durch einzelne Bürger blockiert werden können - irgendwo geht unsere direkte Demokratie einfach zu weit. Der Bürger und die Bürgerinnen jedenfalls verstehen das nicht mehr - bei allem Demokratieverständnis!
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