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Lucien Favre klatscht mit Maskottchen «Jünter» ab. Bild: Bongarts

Der erste Bayern-Verfolger

Gladbachs Bankgeheimnis – oder wie Lucien Favre aus seiner Borussia ein Spitzenteam geformt hat

Borussia Mönchengladbach hat sich als Top-Team der Bundesliga etabliert. Auch, weil die «Fohlen» ihren Kader in der Breite verstärkt haben. Die Folge: Trainer Lucien Favre liess bisher nie zweimal hintereinander dieselbe Elf auflaufen.

03.11.14, 10:39 03.11.14, 13:33

Ein Artikel von

Daniel Theweleit / spiegel online

Im Fussball kann es manchmal verblüffend schnell gehen. Die Frage, die ihm nach dem Spiel gegen Hoffenheim gestellt wurde, brachte Gladbach-Profi Patrick Herrmann dennoch stärker aus dem Konzept, als es seine Gegenspieler zuvor auf dem Rasen vermocht hatten.

Ob er nun mit einem Anruf von Bundestrainer Joachim Löw rechne, fragte ein Journalist nach Herrmanns Gala-Vorstellung gegen die TSG. Das wäre «ein Supererlebnis», erwiderte der filigrane Flügelspieler nach einem Moment des Erstaunens.

Patrick Herrmann war gegen Hoffenheim an allen Gladbacher Toren beteiligt. Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Dass sich Herrmann offenbar keine allzu intensive Gedanken über eine Berufung in die Nationalmannschaft gemacht hatte, war verständlich. So stark er beim 3:1-Sieg gegen Hoffenheim aufgetrumpft hatte, so grosse Schwierigkeiten hatte Herrmann zuletzt damit, einigermassen regelmässsig bei dieser grossartigen Gladbacher Mannschaft mitspielen zu dürfen, die mit 20 Punkten auf Platz drei der Tabelle liegt.

In nur fünf der bisher zehn Bundesligapartien gehörte er zur Startelf, in den ersten Saisonwochen fühlte er sich «ernüchtert». Insofern waren ihm die Standing Ovations, mit denen er nach seiner Auswechslung in der 87. Minute gefeiert wurde, eine Wohltat.

Favres Rotationsprinzip als grosse Stärke

Herrmann hatte André Hahns 1:0 mit einer fabelhaften Flanke vorbereitet (12. Minute), das 2:1 und das 3:1 selbst erzielt (32./52.), er war der Spieler des Spiels. Der bemerkenswerte Erfolg dieser Gladbacher Mannschaft beruht aber weniger auf solchen Helden für einen Nachmittag. Die Borussia hat in den bisherigen 17 Pflichtspielen eine Art Mannschaftsteil der Saison hervorgebracht: die Sektion Offensivflügel.

Lucien Favre gibt Andé Hahn klare Anweisungen. Bild: INA FASSBENDER/REUTERS

Lucien Favre hat fünf hervorragende Spieler für die beiden Positionen auf den offensiven Aussenbahnen, die er munter in die Mannschaft hinein- und wieder hinausrotiert: Ibrahima Traoré, André Hahn, Patrick Herrmann, Thorgan Hazard und Fabian Johnson.

Nie liess der Schweizer bisher zweimal hintereinander dieselbe Elf auflaufen, das entpuppt sich als grosse Stärke. Und besonders viel wird auf den Flügelpositionen rotiert. «Wir haben einen sehr breiten Kader, das gilt besonders für die Offensive», sagte der gegen Hoffenheim erneut starke Hahn.

Am Ende wurde neben Herrmann auch Favre besonders innig von der Kurve gefeiert und mit Sprechchören besungen. Weil er seinen 57. Geburtstag feierte, aber auch weil er als Architekt dieses Wunderwerks gilt, von dem sich viele Zuschauer an das zum Mythos verklärte Gladbacher Team der Siebzigerjahre erinnert fühlten.

Video: youtube/Stiffler

Mit diesem Sieg hat die Borussia einen alten Rekord eingestellt: Sie haben alle bisherigen 17 Pflichtspiele der Saison ohne Niederlage überstanden, das ist der Borussia vom Niederrhein zuletzt unter Hennes Weisweiler 1970 gelungen.

«Die im Zentrum müssen mehr Tore machen»

«Die Geschichte habe ich nicht so verfolgt», wiegelte Favre ab, aber natürlich war dieser historische Moment ein grosses Thema. Und zwar auch, weil das Team der Gegenwart nicht nur aufgrund der langen Erfolgsserie an die legendäre Zeit mit Günter Netzer, Berti Vogts und Jupp Heynckes erinnert. Wie damals begeistert das aktuelle Team mit rasantem Flügelspiel. Die fünf Aussenbahn-Spieler in Favres Kader haben in dieser Saison zusammen 16 Pflichtspieltore erzielt und 15 vorbereitet. 

Der Versuch, Favre ein Lob für sein grossartiges Seitenlinien-Ensemble abzuringen, scheiterte jedoch. Entsprechende Nachfragen beantwortete er vage: «Hazard, Traoré, Hahn, Herrmann und Johnson, sie sind effizient, sie sind schnell, sie laufen viel», sagte er, um den Schwerpunkt seiner Antwort auf eine Schwäche zu legen: «Die im Zentrum müssen mehr Tore machen, das fehlt ein bisschen.»

Grosse Party nach dem Sieg gegen Hoffenheim – Yann Sommer ist mittendrin. Bild: Bongarts

In solchen Momenten zeigt sich bei Favre ein geradezu fanatisch wirkendes Bestreben nach Optimierung. Dabei gehört es ja gerade zu den Stärken der Mannschaft, dass sie in dieser Saison in er Lage ist, auch mal schwächere Phasen von Max Kruse und Raffael zu kompensieren. Im Vorjahr war die Borussia abhängig von den beiden Angreifern aus dem Zentrum. Und die Sache mit den Aussenbahnspielern hat Favre brillant ausgetüftelt.

Selbst Herrmann erzählte, dass er mittlerweile einsieht, wie sinnvoll eine Rotation auf diesen Positonen ist. «Auf den Flügeln kann man nicht jedes Spiel durchspielen, das ist zu intensiv», sagte er. In dieser Saison könne der Trainer durchwechseln, «jeder ist frisch und kann immer hundert Prozent geben». Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum die Gladbacher trotz der vielen englischen Wochen bisher kaum mit Verletzungen zu kämpfen haben.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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