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Wie so oft im Schweizer Sport: Die Nati hat in Saint-Etienne tapfer gekämpft, am Schluss aber doch verloren.
Bild: Max Rossi/REUTERS

Von Marignano 1515 bis Saint-Etienne 2016 – die Kulturgeschichte der «ehrenvollen Niederlage»

Die Schweizer Sportkultur pflegt wie keine andere die «ehrenvolle Niederlage». Es ist das Erbe von «Marignano». Deshalb haben wir bis heute nur einen globalen Sporthelden: Roger Federer.

26.06.16, 09:14 26.06.16, 09:49

Immer dann, wenn unsere Mannschaften vor dem ganz grossen Triumph stehen, erleiden wir die «ehrenvolle» Niederlage. Im Fussball, im Eishockey. Die Geschichten über «ehrenvolle Niederlagen» füllen Bibliotheken. Sie beginnen mit dem verlorenen Fussball-Olympiafinal (0:3 gegen Uruguay) 1924 in Paris (das Turnier galt damals als inoffizielle WM) und enden mit dem gestrigen Ausscheiden gegen Polen.

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Dazwischen liegen unzählige sportliche Dramen, ehrenvolles Scheitern in EM- und WM-Qualifikationen und an Titelturnieren. Manchmal überaus spektakulär (wie das 5:7 im WM-Viertelfinal von 1954 nach einer 3:0-Führung gegen Österreich), manchmal mit viel Pech (wie beim Ausscheiden gegen Argentinien bei der WM 2014) – doch am Ende steht stets die Niederlage. Selbst die Generation, die bei den Junioren U17-WM-Titel geholt hat, kann diese Kultur der «ehrenvollen Niederlagen» nicht verändern: Wir haben im Fussball bis heute, anders als beispielsweise Belgien, Polen, Uruguay, Mexiko, Kamerun, Nigeria, Kanada oder Dänemark, im Fussball nie ein Titelturnier (WM, EM, Olympia) gewonnen.

Die erfolgreichste Sportnation

Wir haben auch im Eishockey nur bei einem ein einzigen Titelturnier triumphiert: 1926 die EM in Davos. Geprägt ist auch die Hockeygeschichte von grossen, ehrenvollen Niederlagen: vom 2:4 im entscheidenden Spiel der WM 1935 in Davos bis zur Finalniederlage (1:5) gegen Schweden 2013. Markus Somm liefert uns in seinem Buch «Marignano – die Geschichte einer Niederlage» Erkenntnisse für den Sport. «Marignano» – das Wort steht für die bitterste, aber eben auch ehrenvollste Niederlage der Eidgenossenschaft. So vernichtend die Niederlage war, so legendär der ehrenvolle, geordnete Rückzug, das Verlassen des Schlachtfeldes mit erhobenem Haupte.

«Marignano» 1515 war das Ende der schweizerischen Grossmachtpolitik. Kaum hatte der Traum von einer eidgenössischen Grossmacht Konturen angenommen, war er schon vorbei. Und so oft erleben wir das gleiche im Sport: Kaum hat der Traum vom ganz grossen Triumph Konturen angenommen, ist er schon vorbei. Wie soeben in Saint-Etienne gegen Polen. In den 1980er Jahren prägte die Fachzeitung «Sport» im Schweizer Fussball sogar der Begriff «eine Niederlage, die uns weiterbringt». Schöner kann das «Marignano-Syndrom» nicht in einem Satz zusammengefasst werden.

Die Fachzeitung «Sport». Im Bild die letzte Ausgabe von 1999. Bild: KEYSTONE

Hinter diesem ehrenvollen Scheitern steckt die erfolgreichste Sportnation der Welt, die vielfältigste nationale Sportkultur überhaupt. Kein anderes Land macht aus seinem sportlichen Potenzial so viel wie die Schweiz. Dieser Kleinstaat qualifiziert sich regelmässig für die grossen Titelturniere im Fussball, spielt im Eishockey auf Augenhöhe mit den Titanen und fordert in den Olympischen Sportarten die Besten der Welt heraus. Schweizer haben sogar die grossen Profiligen Amerikas (NHL, NBA) erobert.

Roman Josi hat sich in der NHL als Top-Verteidiger etabliert. Bild: AP/FR170793 AP

Eine grosse Ausnahme

Und obwohl es im eigenen Land keine Rennstrecken gibt, gibt es internationale erfolgreiche Motorsportler auf zwei und vier Rädern – soeben haben die Schweizer bei einem der prestigeträchtigsten Rennen der Welt (24 Stunden von Le Mans) das grosse Drama geschrieben. Eine Konzentration (fast) aller Energien in einen Sport, beispielsweise in den Fussball wie es so typisch ist für Deutschland, gibt es bei uns nicht. Diese Mobilisation aller Kräfte für ein einziges übergeordnetes Ziel ist dem eidgenössischen Wesen fremd und verschreckt uns eher. Die Schweiz hat keine Sportart, die alle und alles dominiert. Wenn für ein Land gilt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dann für uns. Wir schauen schon dafür, dass sie rechtzeitig auf eine verträgliche Grösse zurechtgestutzt werden. Dafür sorgt schon unsere tief verwurzelte föderalistische Kultur.

Die Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans. Unter ihnen ein Schweizer: Neel Jani (r.). Bild: EDDY LEMAISTRE/EPA/KEYSTONE

So ist der grosse, finale Triumph wahrscheinlich nie machbar. Aber fast alle unsere Niederlagen sind, quer durch alle Sportarten, ehrenvoll und Schweizer Sporthelden verlassen erhobenen Hauptes die Arenen der Welt – wie einst die Eidgenossen in Marignano. Das ist ein Grund, stolz auf unseren Sport zu sein. Und selbst nach dem Scheitern gegen Polen kein Grund, um mit dem Sportschicksal zu hadern.

Bis heute hat nur ein einziger eidgenössischer Sportler das «Marignano-Syndrom» überwunden und feiert die grossen, finalen Triumphe. Bis heute hat nur ein einziger Schweizer Sportler die Welt erobert und ist ein König der Sportwelt geworden: Roger Federer. Bis heute der einzige Schweizer Sportler von globalem Format. Er ist die Ausnahme, die die «Marignano-Regel» bestätigt.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • marcelbourquin 26.06.2016 12:19
    Highlight Danke für diesen Bericht. Selten eine so genaue Analyse gelesen was die verpassten Erfolge im Schweizer Sport so genau auf den Punkt bringt!
    9 16 Melden
  • URSS 26.06.2016 12:01
    Highlight Ja ja... Ich mags nicht mehr hören. Die ehrenvolle Niederlage ist die schlimmste Niederlage .Gestern wäre die Chance da gewesen die Polen zu schlagen und im Viertelfinale wären die Belgier genauso zu schlagen gewesen. Die Polen waren platt und die Schweizer hatten noch Luft . Schade Schade. Und das Granit verschoss der zur Höchstform auflief ist doppelt bitter.
    Wie gesagt, eine einmalige Chance ist vertan worden.
    20 4 Melden
  • manhunt 26.06.2016 12:00
    Highlight ehrenvolle niederlage in marignano?? selten so einen schwachsinn gelesen. und ein solches ereignis auch noch in zusammenhang mit einem fussballturnier zu nennen! und dann noch den hurrapatrioten somm zu zitieren setzt dem ganzen die krone auf. etwa das selbe niveau wue weltwoche oder schweizerzeit.
    33 8 Melden
  • NWO Schwanzus Longus 26.06.2016 10:52
    Highlight Wer so oft so in diesen Stil scheitert denn kann man getrost als Versager bezeichnen der nie was erreicht hat. Nur gut dabei aussehen reicht nicht umgefeiert zu werden.
    16 15 Melden
    • Anam.Cara 26.06.2016 12:38
      Highlight Nein, gut aussehen reicht nicht.
      Aber einen grossen Kampf liefern und dann in einer Lotterie den Kürzeren ziehen. Das reicht um gefeiert zu werden. Und es bringt "Respekt vor der Leistung" (zum Glück ist die CH-Kultur noch nicht soweit, dass ausschliesslich der Sieg zählt).

      Es war ein bemerkenswert starkes Spiel der CH-Nationalmannschaft. Leider gehören zu dieser Sportart auch Glück und Pech.
      Wer behauptet, die Jungs seien Versager, der hat das Spiel nicht gesehen.
      22 2 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 26.06.2016 13:05
      Highlight Es ist mehr als erbärmlich wenn man trotz klarem Chancenplus sich dann nicht durchsetzt. Wer nur kämpft aber sich nicht durchsetzt wird zurecht nichts besonderes Erreichen. Das trifft auf unsere Mannschaft zu sie haben einfach die Pflicht erfüllt 1/8, das war in der Gruppe in dem wir waren einfach ein muss. Klar hat man besser gespielt als sonst aber klar wir haben mehr Qualität als sonst. Ein Kämpfen ohne grosses was erreicht zu haben darf kein Grund für Euphorie sein.
      5 14 Melden
    • Danyboy 26.06.2016 13:13
      Highlight Anam.Cara: Wenn man besser ist, kann man die "Lotterie" vermeiden... DJ_Terror hat recht! Die Schweiz hat seit Jahren eine talentierte Mannschaft. Und sie hatte jetzt mehrmals Glück bei der Auslosung für Qualifikationen und auch bei Vorrundengruppen. Auch dieses Jahr wieder. Man muss die Chancen packen wenn man sie kriegt! Wer weiss, wann die Ausgangslagen sich mal wieder gegen die Schweiz wenden. 2006 oder 2016: das waren einmalige verpasste Chancen!!! Leider
      10 1 Melden
    • Hockrates 01.07.2016 10:24
      Highlight Die Erwartungen scheinen mir etwas übertrieben. Wir haben im Moment eine talentierte Mannschaft. Deshalb ist die Schweiz an EM- und WM-Endrunden dabei. Wenn wir mal eine schlechtere Generation haben, wird das nicht mehr so sein. Das geht oder ging auch anderen Fussballnationen der "Mittelklasse" nicht anders, wie Belgien, Schweden, Österreich, Dänemark, Polen, Kroatien etc. nicht besser.

      Wer den Achtelfinal als Selbstverständlichkeit anschaut, verschiebt die Verhältnisse.

      Trotzdem war es Schade, die Polen wären auch in 90 oder 120 Minuten zu schlagen gewesen.
      2 1 Melden
    • Danyboy 01.07.2016 10:58
      Highlight Hockrates: Richtig! Umso wichtiger ist es doch, dass diese talentierte Generation in den 10-15 Jahren, die sie hat, mal was reisst... Polen, Wales, Island habens gemacht...
      1 0 Melden
  • LaRage95 26.06.2016 10:37
    Highlight Genau wegen dieser Einstellung werden wir "gefühlt immer Zweite". Wir können ja sowieso nicht Penaltyschiessen, weil wir das vor 10 Jahren ja mal verloren haben, etc.... Und vor 500 Jahren war da ja auch mal was? Wir haben wunderbare Sportler und nicht nur Roger. Was ist mit Stan, was ist mit Martina Hingis? Der wurde nicht immer nur Zweiter. Was ist mit Olympia? Snowboard, Ski, Mountainbike, usw. Etliche Beispiele für erfolgreiche Sportler und nicht "ewige-Zweite". Und im Speziellen zu diesem Thema die U17 Weltmeister.
    19 4 Melden
    • Anam.Cara 26.06.2016 12:41
      Highlight Genau, LaRage95: ich bin alt genug um mich an Zeiten zu erinnern, als die Schweiz z.B. den Skisport über Jahre unangefochten dominierten. Und auch im Reitsport gibt es immer wieder mal Olympia-Gold. Und Günthör? Und Eiskunstlauf (Deniese Biellmann) und und und...
      Unsere Sportler sind immer wieder mal an der Weltspitze anzutreffen. Für ein so kleines Land eine beachtliche Leistung.
      14 1 Melden
  • Luca Brasi 26.06.2016 10:13
    Highlight Ehrenvolle Niederlage in Marignano? Also bitte! Sie sollten vielleicht noch andere Historiker als den konservativen BaZ-Chefredakteur Somm hinzuziehen. Das ist ja geradezu Geschichtskittung, was Sie betreiben. Die Eidgenossen hatten die Taktik des Gewalthaufens. Alles andere als ehrenvoll. Auf französischer Seite kämpften auch unzählige Eidgenossen und zwar fürs Geld. Ehrenvoll? Zwingli prangerte genau dieses Söldnerwesen an. Das mit dem geordneten Rückzug ist auch nur ein Mythos. Krieg hat selten mit Ehre zu tun. https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Marignano
    32 3 Melden
    • Danyboy 26.06.2016 10:41
      Highlight Aber so Geschichten passen halt sooooooo gut in die Aufrechterhaltung von nationalen (oder nationalistischen?) Mythen, Legenden und Vorbildern. Egal wie absurd😉
      13 8 Melden
    • Der Beukelark 26.06.2016 10:59
      Highlight Dass überhaupt Vergleiche zwischen sportlichen und kriegerischen Tätigkeiten gezogen werden ist doch völlig fehl am Platz.
      16 5 Melden
    • 123und456 26.06.2016 13:03
      Highlight Jaja der Zaugg mit seiner Vorliebe für Quervergleiche zwischen (kriegerischen) historischen Ereignissen und Sport...zumal des öfteren aus der SVP-CH-Mythen-Kiste hervor gegrübelt....
      9 4 Melden
    • soundgarten 26.06.2016 16:54
      Highlight Genau so ist es, Luca Brasi. :-) Der Vergleich hinkt massivst und von ehrenvoller Niederlage in Marignano kann keinste Rede sein: Abgesehen von gut verdienenden Schweizer Söldnern auf französischer Seite, hatten Helvetische Hellebarden gegen Französische Kanonen keine Chance!
      Einzige "Parallele": Was damals für die Franzosen die Kanonen waren, waren am Samstag bei den Polen die Elfmeterschützen und deren Donnergeschosse.
      2 0 Melden

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