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Mathias Seger im grossen watson-Interview

«Ja, was meinen Sie denn? Dass Hockeyspieler nur über Geld, Autos, Alkohol und Sex reden?»

Mathias Seger bestreitet heute gegen Russland das 100. WM-Spiel und am Samstag gegen die USA sein 300. Länderspiel. Im grossen Interview spricht er über die Ära unseres Hockeys, die er geprägt hat, und sagt, wie der Aufstieg bis ins WM-Finale möglich geworden ist. 

09.05.14, 11:49 09.05.14, 13:55

Die U20-WM 1995 gilt als der Anfang der wundersamen Entwicklung, die mit WM-Silber gekrönt worden ist. Sie gehörten damals zu diesem U20-WM-Team unter Arno Del Curto. Wie ist diese Entwicklung möglich geworden?
Mathias Seger: Wir waren eine starke Generation (u.a. mit Mark Streit, Reto von Arx, Michel Riesen, Sandy Jeannin, Martin Plüss – die Red.). Arno vermittelte uns den Glauben, dass wir dazu in der Lage sind, alle zu besiegen. Noch war eine WM-Medaille weit, weit weg. Aber der Glaube war da, dass wir es einmal schaffen können.

Was hat dazu geführt, dass wir es geschafft haben?
Es sind sehr viele Faktoren. Die Investitionen in die Nachwuchs- und Trainerausbildung und die daraus resultierende hohe Qualität in diesem Bereich. Das grosse Interesse am Eishockey in der Schweiz, die Qualität der Liga und schliesslich die Spieler, die den Mut hatten, den Weg ins Ausland zu gehen wie David Aebischer, Martin Gerber, Mark Streit, Marcel Jenni oder Martin Plüss.

Mathias Seger

Geboren: 17. Dezember 1977
Grösse: 181 cm
Gewicht: 86 kg
Zivilstand: verheiratet

Karriere: 
bis 1996: Uzwil (1.Liga)
1996 – 1999: SC Rapperswil-Jona
seit 199: ZSC Lions

Erfolge:
Fünfmal Schweizer Meister mit den ZSC Lions
Sieger Champions Hockey League mit den ZSC Lions 2009
Sieger Victorias Cup mit den ZSC Lions 2009
WM-Silber mit der Schweiz 2013

Hier geht es zu den besten Bildern seiner Karriere.

Sie sind diesen Weg ins Ausland nie gegangen. Bereuen Sie es?
Ja, ein wenig schon. Aber ich hatte, um diesen Weg zu gehen, nie das nötige Vertrauen in meine Fähigkeiten. Es war auch eine andere Zeit, das Schweizer Eishockey hatte international noch nicht die Bedeutung, welche es heute besitzt. Die NHL war für mich zu weit entfernt. Mark Streit hatte dieses Ziel und hat sehr extrem hart gearbeitet, um es zu erreichen. Er war ein Querdenker und ich bewundere seine Leistung. Aus dem Team schöpfe ich die Kraft und die Energie für mein Spiel. Nachdem ich nach Zürich gekommen bin, hatte ich mich immer sehr wohl mit meinem Team gefühlt und es war immer ein grosser Teil meines Lebens. Deswegen war ich wohl nie bereit, dies alles zu riskieren und habe meine persönlichen sportlichen Ambitionen zurückgestellt. Deshalb reagiere ich ja auch empfindlich, wenn jemand etwas gegen das Interesse des Teams tut.

Mathias Seger blieb seinen ZSC Lions stets treu und wurde dafür mit fünf Meistertiteln belohnt. Bild: freshfocus

Was ist konkret ein Verstoss gegen das Team?
Es sind oft Kleinigkeiten. Auf oder neben dem Eis. Ich erwarte beispielsweise, dass einer privat mal zurücksteckt, um etwas fürs Team zu tun. 

Sie sind seit 1999 dem ZSC treu geblieben. Wie kommt das?
Wir hatten schon immer gute Jungs, ein gutes Team und ein gutes Publikum. Die Organisation ist sehr gut geführt und in allen Bereichen professionell. Die Führung war immer sehr fair zu mir. Ich habe diese Stadt gern bekommen, sie ist meine Heimat geworden. Hier sind die Plätze, wohin ich gerne gehe. Es hat nie einen Grund gegeben, von hier wegzugehen, im Gegenteil: Eher immer mehr, um zu bleiben.

Waren Sie mal schwankend? Hatten Sie mal eine «unmoralische» Offerte von der Konkurrenz?
Ich bin nicht aufs Geld fixiert und so bin ich bei den Vertragsverhandlungen immer übers Ohr gehauen worden. Spass beiseite. Pekka Rautakallio (sein Trainer in Rappperswil-Jona – die Red.) hat mir einmal gesagt: Am Ende entscheidet immer das Herz und ich habe immer mit dem Herz entschieden. Ja, ich hatte Offerten von anderen Teams.

Mit doppelt so viel Lohn?
Nein.

Stimmt es, dass früher der aktuelle ZSC-Sportchef Edgar Salis Ihr Agent war?
Ja, der Eggi hat zweimal meinen Vertrag mit den ZSC Lions ausgehandelt. Jetzt ist er Sportchef mit Einblick in alle Zahlen geworden und hat mir einmal gesagt, er hätte wahrscheinlich nicht einen sehr guten Job gemacht ...

Partylöwe Seger nach dem Meistertitel 2014. Bild: freshfocus

Haben Sie Ihren letzten Vertrag nun direkt mit Ihrem ehemaligen Mitspieler und Agenten ausgehandelt?
Nein, das wollten Eggi und ich nicht. Es wäre einfach nicht richtig gewesen und Erich Wüthrich (der pensionierte ehemalige Verbandsdirektor und Manager in Davos und Kloten – die Red.) hat für mich die Verhandlungen geführt.

Verdienen Sie bei den ZSC Lions genug?
Ja.

Verdienen Hockeyspieler sogar zu viel?
Wenn ich vergleiche, was einer auf einer Baustelle verdient, schon. Eigentlich sollte ja im Kapitalismus der Markt, Angebot und Nachfrage alles regeln. Dann würde jeder genau richtig verdienen. Aber so ist es nicht. Es gibt in vielen Branchen Löhne, nicht nur im Eishockey, die einfach zu hoch sind. 

Hören wir da klassenkämpferische, linke Töne vom Captain des SVP-Unternehmens ZSC Lions?
Links? Es geht nicht um eine Ideologie. Eine Gesellschaft funktioniert auf Dauer nur, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt. Der Gemeinsinn darf nicht verloren gehen und wir leben in einer Welt, in der jeder seinen Egoismus zu Markte trägt. Den Gemeinsinn durch politische Prozesse zu fördern, ist sinnvoll und notwendig und hat nichts mit links oder rechts zu tun.

Der Captain der SVP-ZSC-Lions wählt also SP?
Ich bin in keiner politischen Partei. Aber ich äussere mich manchmal zu politischen Themen. Wir haben im Team durchaus unterschiedliche politische Meinungen.

Sie reden in der Kabine über politische Themen?
Ja, was meinen Sie denn? Dass Hockeyspieler nur über Geld, Autos, Alkohol und Sex reden?

Nein! Um Gottes Willen! Kehren wir vom politischen Glatteis aufs richtige Glatteis zurück. Sie waren in den beiden grössten Teams unserer Hockeygeschichte: Bei den ZSC Lions, die als erste Schweizer Mannschaft ein NHL-Team besiegt und die Champions League gewonnen haben, und sie waren im WM-Silberteam. Es gibt eine Gemeinsamkeit: Bei beiden war Sean Simpson der Coach.
Sean Simpson ist tatsächlich mit seinem ganz eigenen Ehrgeiz ein Coach für grosse Momente. Ralph Krueger hatte uns mit seinem Stil bereits schon sehr weit gebracht. Mit Sean Simpson hat die Nati nun einen weiteren Schritt gemacht.

Seger auf dem Weg zum Training. Bild: Keystone

Wie erklären Sie sich diese Erfolge?
Erst in Stockholm stimmte die Balance zwischen Offensive und Defensive. Wir hatten gute Einzelspieler für die Defensive und die Offensive und waren dadurch als Team unberechenbar. Aber es ist nicht einfach so, dass der Trainer den Erfolg macht. Es braucht sehr viele Komponenten, die zusammenpassen müssen. Der richtige Coach, die richtige Mischung aus verschiedenen Spielertypen, aus Jungen und Routiniers, Künstlern und Kämpfern und schliesslich auch noch der Verlauf eines Turniers.

Sie haben inzwischen alles erreicht, was ein Spieler in der Schweiz erreichen kann ...
... ja, das ist schön, aber auch ein wenig unfair: Einige haben gleich bei der ersten WM eine Medaille geholt. Ich aber musste 15 Anläufe nehmen, nicht wahr?

Nein, das meinen wir nicht. Wir möchten etwas anderes wissen: Sie waren 2012 bei der WM – entschuldigen Sie den Ausdruck – so etwas wie ein «Teamclown»: Sie mussten schliesslich auch noch als Stürmer in der vierten Linie spielen. Ein Jahr später sind Sie der Leitwolf des erfolgreichsten Nationalteams aller Zeiten. Wie ist das möglich?
Es gibt halt mal eine WM, an der du nicht die Rolle bekommst, die du gerne hättest. Das ist auch in der Liga so. Auch da bekommt nicht jeder immer die Rolle, die er gerne hätte. Ich habe schon immer versucht, die Rolle, die man mir zugewiesen hat, so gut wie möglich zu spielen. Warum sollten für mich andere Gesetze gelten als für einen Spieler in der vierten Linie. In einem Team muss jeder die Rolle spielen, die ihm der Coach zuweist. Ich habe einfach alles getan, um wieder eine bessere Position zu bekommen.

Sie haben dafür das Gespräch mit dem Trainer gesucht?
Nein. Sean Simpson weiss, wie ich funktioniere. Darüber brauchten wir nicht zu reden.

Sollten Spieler mit Trainern reden?
Reden ist nie falsch. Aber es ist eher der Coach, der das Gespräch suchen sollte. So wie bei einem Vorgesetzten in einem Qualifikationsgespräch. Es gibt Zeiten, da ist für den Spieler besser, sich durchzubeissen als zu reden.

Mathias Seger und Sean Simpson: Das passt einfach. Bild: freshfocus

Sind Sie als Captain das «Sammelbecken» für Klagen? Sozusagen der Team-Ombudsmann?
Der Captain kann dem Coach helfen, ins Team hineinzusehen und besser zu verstehen, wie es funktioniert. Ja, die Spieler kommen zum Captain und es ist auch am Captain, zu spüren, wenn ein Spieler etwas auf dem Herzen hat.​

Sie vertreten als Captain die Führung und die Spieler. Ein schwieriger diplomatischer Spagat?
Es ist nicht nur der Captain. Ein Team hat immer mehrere Leader. Aber es war in Zürich nicht immer einfach. Wir waren beispielsweise 2005 ein Team im Umbruch. Wichtige Leader wie Mark Streit gingen, der Kern eines Meisterteams löste sich auf. Aber die Erwartungen blieben hoch. Ich musste das Team spüren, aber auch meine eigene Leistung bringen. Es war schwierig, in diesem ersten Jahr als Captain die Balance zu finden und ich hatte oft Zweifel. Wir hatten viele neue Spieler und viel Talent und es war gut, dass wir abstürzten und wieder vorne anfangen konnten. 

Haben Sie als Captain der Führung auch schon zu einem Trainerwechsel geraten?
Nein.

Sicher nicht?
Nein.​

Auch nicht durch die Blume?
Nein. Das geht gegen meine Überzeugung. Wir Spieler haben eine Verantwortung zu tragen, die wir nicht auf den Coach abschieben dürfen. Das wäre billig. Die Führung sieht ja unser Team auch und spürt, was passiert.

Seger beim Jassen mit Damien Brunner, Andres Ambühl und Robin Grossmann. Bild: freshfocus

Beschreiben Sie uns doch einmal den Captain der ZSC Lions und den Dinosaurier unseres Nationalteams. Wer ist Mathias Seger?
Er ist alles ein bisschen. Er kann nichts besonders gut, aber er ist auch in allem nicht besonders schlecht. Das Team steht bei ihm immer im Vordergrund. Er tut alles für das Team und die Organisation der ZSC Lions. 

Persönlicher Ehrgeiz als Spieler und Teaminteresse – wie geht das eigentlich? Es ist ja ein Widerspruch. Auch wenn Sie alles fürs Team tun, so müssen Sie sich doch auch Ihren Platz als Leitwolf behaupten.
Es ist kein Widerspruch, wenn der persönliche Ehrgeiz über den Sieg mit dem Team definiert ist. Wenn mein persönlicher Ehrgeiz nur darin besteht, möglichst viele Punkte für mich zu sammeln, ist es einer. Ambitioniert und selbstischer muss ein Spieler aber sein. Wenn einer ambitioniert ist und deswegen seine beste Leistung bringt, im Training und im Spiel als Leader auftritt, dann tut er auch das Beste für sein Team und er bekommt den Respekt der Mitspieler und wird ein Teil des Teams.

Sie sind als St. Galler ein Zürcher Stadtoriginal geworden.
Nun übertreiben Sie. Höchstens ein Oerlikon-Original.

Hätten Sie so etwas erwartet, als Sie als Landei aus Rapperswil nach Zürich kamen?
Nein. Aber als ich zum ZSC kam, kannte ich viele schon aus dem Nationalteam. Das machte es für mich einfacher.

Ist es eigentlich schwierig, sich als Landei in der Stadt Zürich durchzusetzen?
Nein, es sind doch in der Stadt Zürich alle irgendwie Landeier, die von irgendwoher in diese Stadt gekommen sind. Die vielen Auswärtigen machen die Stadt erst interessant und ohne die Landeier, die Auswärtigen aus allen Kantonen und auch aus dem Ausland hätte sich Zürich ja nicht entwickeln können. 

Unvergessen bleibt, wie Sie im Frühjahr 2012 mit dem Meisterpokal im Tram nach Hause gefahren sind.
Ich fahre eben viel Tram. Es war morgens um 8 Uhr. Und das Tram fuhr in Oerlikon gerade ab.

Aber es ist trotzdem ungewöhnlich, dass der Captain der ZSC Lions mit dem Meisterpokal im Tram nach Hause fährt.
Ich war wohl der Einzige, der noch daran dachte, den Pokal in Sicherheit zu bringen.

Mathias Seger mit dem Pokal im Tram. Bild: 20 Minuten

Sie hätten ihn ja auch mit dem Auto transportieren können.
Wahrscheinlich wäre es zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee gewesen!

Gerade nordamerikanische Coaches sagen immer wieder: Man muss wissen, wie man gewinnt. Sie wissen es. Was ist das Geheimnis zu gewinnen?
Der Wille, der unbändige Wille zum Gewinnen und die Fähigkeit, das Spiel herunterzubrechen auf Einsatz für Einsatz, Minute für Minute, Drittel für Drittel. Sich nicht verrückt machen und ablenken lassen. Die Energie, den Willen und die Kraft konzentriert einsetzen. Im siebten Spiel genau so unbekümmert «kügelen» wie in irgendeinem Spiel.

Wie eignet man sich diese Eigenschaften an?
Wir verbringen viel Zeit im Kraftraum, bei Videositzungen, wir werden von Sportpsychologen betreut und von Ernährungsspezialisten beraten, wir machen alle möglichen Spezialtrainings. Aber eines wird gerne vergessen: das Spiel. Eishockey ist ein Spiel. Du kannst noch so talentiert, kräftig, schnell und gut ernährt sein – aber wenn du nicht verstehst, was ein Spiel ist, dann kannst du nicht gewinnen. Nur wenn du spielst, vergisst du die ganze Welt und willst nur eines: Gewinnen. Siegertypen wollen immer spielen und immer gewinnen, auch beim Kartenspiel oder bei irgendeinem Plausch. Dieses Spiel muss im Blut sein. Wenn du zehn bist, ein Kind, willst du immer gewinnen und diese Spielleidenschaft musst du bewahren. Dieser Spielinstinkt kommt aus vielen Sportarten. Spielen ist deshalb wichtig und sollte durch frühe Spezialisierung auf nur einen einzigen Sport nicht zu kurz kommen. Zentralisierung und Professionalisierung ist gut und wohl notwendig. Aber dabei darf die Leidenschaft, dieser Instinkt fürs Spiel, nicht verloren gehen.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • spiox123 09.05.2014 17:07
    Highlight Einfach ein genialer Typ, kein Schweizer ist so sympathisch und wichtig für unser Eishockey!

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