Sport

Wenn der HCD-Express Fahrt aufnimmt – wie gestern beim 3:0 durch Paulsson –, dann sind die Bündner kaum zu stoppen.  Bild: Sandro Stutz/freshfocus

Bündner Dominanz

Spielt der HC Davos viel zu gut?

Davos besiegt in einem begeisternden Spitzenkampf den SC Bern 3:2 – und provoziert die Frage: Spielen die Davoser so gut, dass sie nicht Meister werden können?

30.11.14, 08:40 30.11.14, 09:47

Fast eine halbe Stunde lang zelebrierte der HCD in Bern nahezu perfektes Hockey. Noch nicht oft hat eine Schweizer Mannschaft so schnell gespielt wie der HCD in der Startphase. Blitzhockey auf Weltniveau. Der überfallartige Führungstreffer nach nur 50 Sekunden mag noch auf das Konto eines konventionellen Spiels gehen. Das 2:0 und das 3:0 waren hingegen in Vorbereitung und Ausführung grandios. Diese blitzschnelle Auslösung gelingt zurzeit nur dem HCD.

Blitzschnelles Umschalten: Das 3:0 von Davos. gif: srf.ch

Ist es möglich, noch besser zu spielen? Auf diese Frage sagte Arno Del Curto: «Ja, es ist immer möglich noch besser zu spielen. Noch schneller, noch präziser, noch intensiver.» Aber immerhin räumte er ein, die ersten 30 Minuten seien gut gewesen und er sei zufrieden. Das will schon etwas heissen, wenn dieser ewig Suchende nach dem perfekten Hockey auch nur das Wort «zufrieden» ausspricht. Um dann doch zu korrigieren: «Aber es geht noch besser.»

Der HCD spielte nicht einfach ein wildes und energiefressendes Offensivhockey («Firewagon Hockey»). Nein, es ist aus einer defensiven Grundaufstellung heraus ein nahezu perfektes Konterhockey mit blitzschneller Auslösung und einer Passqualität und -präzision, die schon eher an höhere Geometrie mahnt, hervorgegangen. Eigentlich ein gut strukturiertes, ökonomisches Tempohockey, das rein körperlich 60 Minuten lang gespielt werden könnte.

Überflügelt der HCD die Konkurrenz? Bild: KEYSTONE

Ist der HCD ohne Konkurrenz?

Dürfen wir nun also den Tabellenführer als alleinigen Meisterschaftsfavoriten ausrufen? Nein, das können wir nicht. Denn die Frage ist berechtigt: Spielt der HCD zu gut? Ist dieses hoch entwickelte Hockey überhaupt playofftauglich? Ist es rumpelfest?

Die letzten Minuten haben in Bern nämlich gezeigt: Die Davoser haben Mühe, konventionelles Hockey zu spielen. Wenn sie das Tempo drosseln, auf gewöhnliches Niveau herabsteigen und versuchen, das Resultat zu verwalten, dann geraten sie gegen eine physisch robuste und gut organisierte Mannschaft wie den SC Bern (oder die ZSC Lions) in Schwierigkeiten. 

Selbst gegen Teams aus der zweiten Tabellenhälfte ist eine Niederlage möglich, wenn keine frühen Tore gelingen, die Geduld und damit die Konzentration verloren gehen. Das perfekte HCD-Hockey braucht den Raum zum Kontern und funktioniert am besten gegen einen auf Augenhöhe mitspielenden, starken Gegner und taugt weniger zum Aufknacken eines taktisch igelnden und das Tempo verschleppenden Aussenseiters.

Hockey-Philosoph Del Curto meint: «Es geht noch besser.» Bild: KEYSTONE

Der HCD ist nicht unverwundbar

Wucht und Leidenschaft der Berner in der Schlussphase dieses samstäglichen Spitzenkampfes waren beeindruckend und zeigen: Das Selbstvertrauen ist wieder da. Die Arroganz ist nicht mehr das Resultat von Selbstzufriedenheit. Sondern zeigt die Überzeugung, wieder dazu in der Lage zu sein, eine Meisterschaft zu gewinnen. Der missglückte Start mit einem Gegentreffer nach nur 50 Sekunden ist nicht das Resultat von «Larifari-Hockey». Sondern eher das Produkt einer zu intensiven Vorbereitung: Zu viel reden über die Wichtigkeit der Startphase führt oft zu einer Blockade.

In den letzten drei Minuten und fünf Sekunden wurde in Bern aus dem 0:3 ein 2:3. Der zweite Treffer fiel exakt zehn Sekunden vor Schluss und in den finalen 10 Sekunden wäre beinahe noch das 3:3 gefallen. Im ersten Spiel in Bern hatte der HCD am 16. November einen sicheren Sieg aus den Händen gegeben: In der 53. Minute gelang Gregory Hofmann das 2:1. Aber der SCB glich aus und gewann das Penaltyschiessen. Das ist ein Fingerzeig darauf, dass der SCB gegen dieses Davos in einer Playoffserie nicht ohne Chance wäre. Letztmals begegneten sich diese beiden Teams 2007 im Finale. Der HCD holte den Titel durch ein 1:0 im 7. Spiel auf eigenem Eis.

Das interessanteste Verteidigerpaar der Liga

In Bern spielte Reto von Arx (38), gelernter Center, zum sechsten Mal zusammen mit Félicien Du Bois (31) in der Verteidigung. Mit der Formation Du Bois/von Arx hat der HCD nacheinander folgende Resultate erreicht: 2:1 ZSC Lions (h), 4:3 Lugano (a), 1:2 Kloten (h), 0:3 ZSC (a), 3:0 Lausanne (a) und 3:2 SC Bern (a). Es ist ein gelungenes Experiment: Reto von Arx ist zwar kein Brecher und Abräumer.

Aber er ist so erfahren, taktisch so schlau, im Zweikampf so zäh und so sicher im Umgang mit der Scheibe, dass er an der Seite eines so exzellenten Partners wie Félicien Dubois tatsächlich ein guter Verteidiger sein kann. Sein Vertrag läuft im Frühjahr aus. Eine Verlängerung um zwei Jahre, für eine 20. und 21. Saison in Davos, macht Sinn.

Denn ein so vielseitiger Spieler, der auf höchstem Niveau und gegen die besten Gegner als Center und als Verteidiger das Spiel zu gestalten vermag, ist für Trainer Arno Del Curto ein Joker von unbezahlbarem taktischem und spielerischem Wert. Und nach wie vor hat Reto von Arx als Leitwolf in der Kabine ganz entscheidenden Einfluss auf die Chemie und die Leistungskultur. (kza)

Del Curtos Risikostrategie

Müsste der HCD also auch lernen, langsamer, konventioneller zu spielen? «Eigentlich ja», sagt Arno Del Curto. «Aber ich will es nicht. Trainiere oder erlaube ich das, dann fallen die Spieler zu schnell in langsameres Hockey zurück. Das will ich verhindern.» Also auf höchstem Niveau trainieren und spielen – mit dem Risiko eines grandiosen Scheiterns in den Playoffs.

Die Partien zwischen dem SC Bern und dem HCD in Bern gehören vom äusseren Rahmen und vom sportlichen Gehalt her zum Besten, was es im europäischen Klubhockey zu sehen gibt. Auch Arno Del Curto sagt: «Es macht Spass in Bern zu spielen. Es wird hart, aber jederzeit fair gespielt.» Daran ändert auch der spektakuläre Faustkampf zwischen Bud Holloway und Dick Axelsson nichts (34. Min.). Es war ein sauber geführter Boxkampf mit einer bei uns selten gesehenen Serie von Schlägen zwischen zwei Kämpfern, die das Gleichgewicht nicht verloren. Es passt zur sehr guten Schiedsrichterleistung, dass es bei je vier Minuten blieb und kein Restausschluss verhängt worden ist.

Ein Boxkampf mit Seltenheitswert. Axelsson und Holloway geben sich auf die Rübe. gif: srf.ch

Das perfekte HCD-Spiel, wie wir es in der Startphase in Bern gesehen haben, ist in seiner Präzision und Schnelligkeit unerreicht und wird in dieser Saison unerreicht bleiben. Die ganz grosse Frage ist, ob es Arno Del Curto gelingt, alles so zu justieren, dass der HCD dieses hoch entwickelte Spiel über 60 Minuten durchziehen kann. Wenn nicht, dann werden wir vielleicht im Frühjahr feststellen, dass der HCD zu gutes Hockey gespielt hat, um Meister werden zu können.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sevenmills 02.12.2014 23:06
    Highlight Es hat eben schon was, dass der HCD in Straucheln geraten KANN, wenn er auf eine defensiv disziplinierte und körperlich aggressiv spielende Mannschaft trifft. War stellenweise gegen Bern so, war aber beispielsweise über weite Strecken sogar im Cup-Debakel gegen Visp so (habe selten eine so aggressiv forecheckende Mannschaft gesehen wie Visp in diesem Spiel).
    Jedenfalls macht es Spass, den Davosern bei diesem Tempospektakel zuzuschauen. Ist ein tolles Aushängeschild für das Schweizer Eishockey und für jeden neutralen Zuschauer wunderschön anzusehen!
    2 1 Melden
  • sewi 30.11.2014 16:06
    Highlight Ja schön anzusehen und schön dass der HCD überall für Zuschauer sorgt. Aber Meister? Nö.....
    5 5 Melden
  • Goon 30.11.2014 14:57
    Highlight Bin seit NLB-Zeiten Davosfan. Was sie bis jetzt zeigten hat viele überrascht und macht einfach Spaß zum zusehen. Aber eben, abgerechnet wird in den Play-off
    7 1 Melden
  • Staal 30.11.2014 09:33
    Highlight Danke HCD. Dem Gutterkonfirmanten zu Beginn ein paar Tore reingehauen. Siege in der Postbaracke sind immer schön. Meister werden ist kein Muss wie in Bern. Das kommt gut in nächster Zeit
    9 17 Melden
    • mukeleven 30.11.2014 11:45
      Highlight sehr gut und macht richtig spass
      6 4 Melden

Martin Plüss beendet seine Karriere: «The best is always yet to come»

Wenige Wochen nach Mark Streit tritt mit Martin Plüss ein weiterer Spieler zurück, der das Schweizer Eishockey in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt hat. Der 40-jährige Stürmer war bis im Frühling Captain beim SC Bern, mit dem er insgesamt vier Mal Meister wurde, zuletzt 2016 und 2017.

Mit der Nationalmannschaft feierte Plüss seinen grössten Erfolg mit dem Gewinn von WM-Silber 2013 in Stockholm. Bei jenem Exploit war der smarte, nur 1,74 m grosse Center eine der Schlüsselfiguren im Team …

Artikel lesen