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Der EHC Kloten (vorne Vincent Praplan) hat das «Schaf» SC Bern geschoren – und wie! Gleich mit 4:0 gewinnen die Zürcher Unterländer. Bild: PPR

Kloten und Ambri machen es vor: Die Kunst der Aussenseiter, die Schafe im Herbst zu scheren

Die ZSC Lions und der SC Bern können «Barcelona» noch nicht so gut. Deshalb sind sie nicht ungeschoren durch die ersten Spiele gekommen.

11.09.16, 11:01 11.09.16, 11:37

Die Titanen der Liga ähneln im Herbst Schafen mit schnell wachsender Wolle. Die werden nämlich im Herbst geschoren. Dann bleibt noch genug Zeit bis die Winterwolle nachwächst.

Die vermeintlich Kleinen der Liga überstehen den Winter am besten, wenn sie im Herbst die Kunst der Schafschur erlernen. Wenn es ihnen gelingt, im September und Oktober den vermeintlich Grossen überraschend Punkte abzuknöpfen.

Auch Ambri hatte bereits Grund zum jubeln. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Ambri steht dafür mit dem Punkgewinn in Zürich (2:1 n.V.) und gegen Davos (3:2 n.V.) als Beispiel. Aber auch der EHC Kloten (3:2 n.P. in Zürich, 4:0 gegen Bern). Und es ist kein Zufall, dass der SCB und die ZSC Lions «geschoren» worden sind. Beide haben ein extremes nordamerikanisches Experiment beendet und setzen neu auf skandinavische Trainer. Eine grössere Umstellung ist im Eishockey nicht denkbar.

Der SCB und die ZSC Lions haben als erste Klubs ein NHL-Experiment gewagt und nun wieder abgebrochen. Die Zürcher holten mit den NHL-Bandengenerälen Bob Hartley (2012) und Marc Crawford (2014) immerhin zwei Titel. In Bern scheiterte Guy Boucher hingegen kläglich, wurde bereits im Laufe der letzten Saison entlassen und coacht nun die Ottawa Senators – zusammen mit Marc Crawford.

Guy Boucher hatte mit dem SCB nicht den gewünschten Erfolg. Bild: KEYSTONE

Der Stilwechsel in Zürich und Bern ist radikal. Vom extremen nordamerikanischen zum extremen skandinavischen Hockey. Mit Coaches, die noch nie in der Schweiz gearbeitet haben. Die Schweden Hans Wallson und Lars Johansson stehen in Zürich als theoretisch gleichberechtigtes Duo an der Bande. Sie galten im Sommer als die besten schwedischen Trainer auf dem Markt. Der neue SCB-Trainer Kari Jalonen geniesst in seiner Heimat Finnland Kultstatus. Selbst im Falle einer Krise wird es weder in Zürich noch in Bern zu einer Trainerentlassung kommen – der internationale Ruf dieser Trainer ist ganz einfach zu gross.

Viel Talent und Spieldisziplin

Die Umstellung vom einfach gestrickten nordamerikanischen auf das anspruchsvolle skandinavische Hockey ist selbst für Teams mit viel Talent nicht so einfach. Das Hockey, das die Zürcher und Berner unter ihren NHL-Generälen spielten, ähnelte am ehesten dem handgestrickten isländischen Fussball bei den letzten europäischen Titelkämpfen. Das Hockey, das die neuen skandinavischen Trainer nun anstreben, lässt sich am ehesten mit dem Fussball-Stil «Tiki-Taka» vergleichen, den die spanische Nationalmannschaft und Barcelona unter Pep Guardiola zur Perfektion entwickelt hatten. Dabei geht es um hohen Ballbesitzanteil der angreifenden Mannschaft, die den Ball durch ihre Reihen zirkulieren lässt und den Gegner zu viel Laufarbeit und hohem Energieverbrauch zwingt.

Genau so würden die isländischen Fussballer (Aaron Gunnarsson (l.) und Kari Arnason) dreinschauen, wenn sie plötzlich Tiki-Taka spielen müssten. Bild: Christian Hartmann/REUTERS

Aufs Eishockey übertragen geht es um schnelles, kreatives Spiel bei dem die Scheibe kontrolliert und durch die eigenen Reihen zirkuliert. Der Gegner wird zu viel Laufarbeit und hohem Energieverbrauch gezwungen. Weil Eishockey schneller und auf kleinerem Raum als Fussball gespielt wird, braucht es neben viel Talent auch eine hohe Spieldisziplin.

Die Umstellung ist nicht einfach. Roman Wick etwa sagt, es gehe nicht darum, ob der nordamerikanische oder der skandinavische Stil besser seien. «Die Umstellung braucht einfach Zeit.» In Langnau gelang es den Zürchern, in den letzten 100 Sekunden aus einem 0:1 ein 2:1 zu machen und ein fast verlorenes Spiel doch noch zu gewinnen. «Solche Erfolgserlebnisse helfen uns natürlich bei der Umstellung.»

Differenz im Kampf um die Playoffplätze

Das Spiel der ZSC Lions lässt sich in dieser frühherbstlichen Umstellungsphase in einem Satz umschreiben. «Viel Geschrei um wenig Wolle». Der spielerische Aufwand ist enorm, die Zürcher «monopolisieren» den Puck. Aber noch fehlen der direkte Zug aufs gegnerische Tor, die Versuche des schnellen, direkten Durchbruchs. Die offensive Ausbeute ist zu gering und die Zürcher hatten gegen die defensiv gut organisierten Aussenseiter Ambri und Langnau viel Mühe. In dieser Umstellungsphase vom wuchtigen nordamerikanischen aufs spielerische skandinavische Hockey sind die Topteams aber auch gegen schnelle, mutige Lauf- und Tempoteams verletzlich. Der SCB ist gegen Kloten gleich 0:4 untergegangen.

Die ZSC Lions und Roman Wick (l.) befinden sich in einer Umstellungsphase. Bild: PPR

Für die Grossen, die den Titel zum Ziel haben, spielt es keine Rolle, wenn sie nicht ungeschoren durch den Herbst kommen. Inzwischen ist ja durch den SCB der Beweis erbracht worden, dass ein Titelgewinn auch vom 8. Platz aus möglich ist.

Die ersten Partien sind hingegen für die Aussenseiter von entscheidender Bedeutung. Wenn sie bei der «Schafschur» im Herbst leer ausgehen und den Titanen keine Punkte abknöpfen, dann wird der Winter lang und kalt. Die Kunst der Aussenseiter, die Schafe im Herbst zu scheren, macht im Kampf um die letzten Playoffplätze die Differenz. Ambri und Kloten haben den SCB, die ZSC Lions und Davos «geschoren» und goldene Punkte eingefahren. Langnau ist gegen den SCB und die ZSC Lions leer ausgegangen und steht punktelos am Tabellenende. Schon bald wird die Frage gestellt: Braucht Scott Beattie im Tal der heulenden Winde einen Wintermantel?

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Swiss-Hockey-Fan.ch 12.09.2016 16:33
    Highlight Gratulation dem EHC Kloten zum gelungenen Saisonstart. Wer von Euch hätte diese Rangliste nach den ersten Runden getippt? Tippe den weiteren Verlauf und gewinne tolle Preise - KOSTENLOSES Tippspiel unter www.swiss-hockey-fan.ch
    1 2 Melden
  • faoro 12.09.2016 14:14
    Highlight @EHC Kloten: Einfach nur BRAVO!! Ein HCD-Fan
    9 1 Melden
  • c_meier 12.09.2016 06:53
    Highlight Haha toller Bild-Untertitel mit den Isländern ;) 👍
    2 1 Melden
  • Sloping 11.09.2016 21:37
    Highlight Es sind noch nicht ein Mal drei volle Runden gespielt worden und in diesem Artikel werden Weisheiten für eine halbe Saison verbreitet oder eben solche Schlüsse gezogen. Wisst ihr noch, wo der EHC Biel in der letzten Saison vor der Schmierenkomödie um den vakanten Posten des Nationaltrainers stand und wo dieser Verein beinahe gelandet wäre?
    14 0 Melden
  • Andy14 11.09.2016 17:57
    Highlight Die Pkte. Waren sicher wichtig. Aber zählt chloote wirklich zu den "kleinen" ala EHCB, HCAP,SCL, LHC? Budget technisch, Eventuell (wir wissen ja nicht genau). Aber sportlich? Ich finde nicht. Sie haben immernoch sehr gute Einzelspieler und haben vorallem das aufgeblähte Kader abgespeckt und sich von Spielern getrennt die eh keine Leistung gezeigt haben. Wenn Sie von allzugrossen Verletzungssorgen verschont bleiben, wird Chloote nicht schlechter sein als die letzten 2 Jahre. Und auf Junge setzen muss kein Nachteil sein.
    15 7 Melden
    • Schreiberling 11.09.2016 19:24
      Highlight Kloten hat sicherlich noch talentiere Spieler und zwei gute Linien. Aber die Breite im Kader fehlt etwas. Über kurz oder lang könnte das zum Problem werden. http://L
      14 3 Melden
  • Chloote 11.09.2016 17:31
    Highlight Wer hätte das gedacht,
    das der EHC Kloten so gut in die Meisterschaft 2016 / 2017 starten wird?
    Ehrlich nur wenige unter uns hätten dem Team 5 Punkte gegen die ZSC Lions und den Meister aus Bern zugetraut oder?
    Es tut gut, seit langer Zeit wieder einmal so gut in eine Saison gestartet zu sein.
    Man hat in den ersten beiden Spielen bereits gesehen, das bei Kloten wieder ein System vorhanden ist, wo jeder versteht und auf dem Eis auch zu 100% umsetzen kann.

    22 7 Melden
  • Pingu80 11.09.2016 17:18
    Highlight Diese wichtigen Punkte Anfang Saison, können für diese beiden Teams entscheidend sein, ob Playoffs oder Playouts.
    8 4 Melden
  • Bene86 11.09.2016 14:56
    Highlight Kann schon sein, dass der Umbau beim z und bern noch etwas dauert. Kloten hingegen spielte alles andere als "einfaches Hockey". Die Pässe kamen prakt. immer an, deffensiv sehr solid und technisch haben sie an diesem Wochenende den "Grossen" die Show gestohlen. Man spührte nach dieser kutzen Zeit schon ein beeindruckender Teamspirit und jeder Einzelne erledigte seine Aufgaben sehr gut. Beeindruckend, quasi ohne Fehler. Vor allem gegen den scb. Diese Kombinationen und Tricks waren eine wahre Freude! Aber ja, wenn bern und der z richtig gespielt hätten, wäre Kloten mühelos geschlagen worden. ;)
    28 4 Melden
    • Bene86 11.09.2016 15:02
      Highlight Ps: Der letzte Satz könnte eine Brise Ironie enthalten. Wird heute ja leider oft nicht mehr verstanden. :(
      19 3 Melden
  • LordEdgar 11.09.2016 14:45
    Highlight Kloten hat sein System ebenfalls umgestellt: Von "kein System" zu "wir haben endlich ein System" :-D
    42 2 Melden
  • Focke 11.09.2016 13:21
    Highlight als langnau kann man spiele gegen scb und zsc verliehren. was kloten und ambri mit dem punktegewinn geschafft haben ist sicherlich top. setzt aber auch voraus, dass sie keine punkte gegen ihre direkten konkurrenten liegen lassen... saison ist noch jung und alles kann geschen... we will see
    36 1 Melden
  • leonidaswarmegahappy 11.09.2016 12:45
    Highlight Ich dachte zuerst es gienge im Artikel um Ambri und Kloten.. Offenbar habe ich mich getäuscht😅
    53 0 Melden
  • Lueg 11.09.2016 11:39
    Highlight Lieber Eismeister
    Danke für das wollig verpakte Hockeywissen.

    Ich frage Sie, als kenner der Materie, hat Bern ein Goalie problem.
    35 8 Melden
    • Wagner 11.09.2016 12:57
      Highlight Hihi genau, zum glück hat auch der Z verloren damit Klaus seine Theorie bestätigen kann. Lustig wie man Niederlagen vom SCB schön schreiben kann. Meiner meinung nach war der SCB einfach arogant und nahm kloten nicht ernst: spricht nicht für die Mannschaft und schon gar nicht für den Trainer Jalonen...tztzt, wenn das nur gut kommt!

      Forza Lugano, In jedem Spiel vollgas, für die Fans und den Club. Bern hat das anscheinend nicht nötig!
      12 30 Melden
    • MARC AUREL 11.09.2016 19:03
      Highlight Deswegen wartet Lugano schon seit 2006 auf ein Titel.
      21 3 Melden

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