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Viel zu jubeln gab's am Karjala Cup nicht – dafür geht es dem Schweizer Eishockey neben dem Eis gut. Bild: EPA/COMPIC

Unsere Hockeykultur ist so stark und eidgenössisch wie noch nie

Er ist kalt, zugig und dunkel in Helsinki. Aber die Zeichen einer neuen, starken Schweizer Hockeykultur sind in diesen Tagen neben dem Eis nicht zu übersehen.

11.11.17, 11:16 11.11.17, 14:35

Klaus Zaugg, Helsinki

Ein Klub-Sportchef bei einem Vorbereitungsturnier in Helsinki? Das war vor 20 Jahren eine Sensation. Und gab Anlass zu wildesten Spekulationen. Sucht er hier einen neuen Trainer oder Ausländer? Der Chronist war gehalten, darüber eine Geschichte zu verfassen. Und es schien unerhört, dass ein Klub Geld hat, um seinem Sportchef eine Auslandreise zu finanzieren.

Im November 2017 ist die Präsenz eines Klub-Sportchefs bei einem Vorbereitungsturnier in Helsinki nicht einmal mehr eine Randnotiz wert. Weil eidgenössische Sportchefs im Ausland so häufig sind wie Sand am Meer. Der Unterhaltungswert ist nun auch bei einer Länderspielreise neben dem Eis gross – und nicht nur im Nachtklub.

Glatt soll es bei einer Eishockey-Reise manchmal auch neben dem Eis sein. symbolBild: GETTY IMAGES

Transfer-Geplauder beim Check-In

Es ist ein Bild für die Hockeygötter. Alex Chatelain (Sportchef SC Bern), Sven Leuenberger (Sportchef ZSC Lions) und Paolo Duca (Sportchef Ambri) stehen am Donnerstagvormittag in Kloten gemeinsam in der langen Kolonne vor dem Check-In-Schalter der Finnair. Noch bevor das Gespräch über Transfers richtig in Gang kommt, taucht auch «Chole-Schorsch» Georges Müller auf. Er ist der Agent von Stürmer Denis Hollenstein.

Alle fliegen nach Helsinki. In Finnland spielen schliesslich nicht nur die Titanen der Liga beim Karjala Cup. Auch die Junioren (U18) üben in Hämeenlinna, 100 Kilometer ausserhalb der finnischen Hauptstadt. Alleine die Präsenz so vieler Sportchefs auf dem gleichen Flug fordert zu Spekulationen heraus. Das ist Chronistenpflicht.

Logisch wären beispielsweise im Zusammenhang mit den anwesenden Herren folgende Transaktionen: Alex Chatelain ersetzt Simon Bodenmann (wechselt zu den ZSC Lions) durch Roman Wick (bekommt von den ZSC Lions womöglich keinen neuen Vertrag mehr) und Sven Leuenberger holt von Kloten Denis Hollenstein als Wick-Ersatz.

Hollenstein zum Erzrivalen?

Klotens Captain hat zwar noch einen weiterlaufenden Vertrag und alle schliessen aus, eine Transfer-Strafsumme zu zahlen. Aber Klotens Präsident Hans-Ueli Lehmann kann viel, viel Geld sparen, wenn er seinen teuersten Spieler von der Lohnliste hat. Er würde im Falle eines Falles wohl einem Transfer aus dem laufenden Vertrag heraus zustimmen. Hollenstein ist nämlich der bestverdienende Schweizer Spieler in der Geschichte des EHC Kloten.

Begehrter Stürmer: Denis Hollenstein. Bild: PPR

Sein Agent Georges Müller ist ein Spezialist für Wechsel zur Unzeit bei gültigen Verträgen. Vor einem Jahr hat er Luca Cunti erst von den ZSC Lions zu Kloten und dann nach der Saison zu Lugano transferiert. Verträge sind für juristisch versierte Spieleragenten da, um aufgelöst zu werden. Müller ist im Hauptberuf Rechtsanwalt mit schönem Büro nahe der Zürcher Bahnhofstrasse. Er dürfte mit dem«Spielerhandel» mehr verdienen als mit der Juristerei – selbst wenn er in Streitfällen Zürcher Anwaltstarife verrechnet. Er ist ja auch noch NHL-Agent (u.a. von Roman Josi).

Die illustre Runde wird natürlich beim langen Warten auf das Check-In von Zaungästen neugierig befragt. Chatelain ist so wenig ein «Plauderi» wie Leuenberger. Was die beiden nicht sagen, enthüllt daher mehr zur delikaten Sache als alles Reden. Duca mischt sich nicht ein: Wick und Hollenstein kann sich sein Ambri sowieso nicht leisten.

Salis muss nicht mehr reden

Sven Leuenberger war jahrelang Sportchef beim SCB und hat dort mehrere Meisterteams zusammengestellt. Inzwischen versucht er, die ZSC Lions wieder meisterlich zu machen. Also wird er gefragt, ob er als SCB-Sportchef Roman Wick verpflichten würde. Es wäre unklug, als Sportchef einen Spieler, den er voraussichtlich noch bis Saisonende unter Vertrag hat, mit einem launigen Spruch zu verärgern. Aus dem, was er nicht sagt, können wir ableiten, dass er wahrscheinlich als SCB-Sportchef Roman Wick nicht verpflichtet hätte. Die gleiche Frage wird übrigens später in Helsinki an Ex-ZSC-Sportchef Edgar Salis gestellt. Er ist dort als ZSC-Talentsucher unterwegs. Wick behalten? «Oh, wie bin ich froh, dass ich zu solchen Fragen nicht mehr Stellung nehmen muss …»

Aus allem, was in der Warteschlange vor dem Check-In gesagt und nicht gesagt wird, können wir schliessen: Ja, die ZSC Lions sind sehr an Denis Hollenstein interessiert – und der SCB auch. Aber in Bern könnte die Sache an der Kohle scheitern. Alex Chatelain kann zwar den Salär-Budgetposten für Simon Bodenmann auf dem Transfermarkt investieren. Aber erstens reicht der bei weitem nicht aus, um Denis Hollenstein (alles in allem etwas mehr als 600'000 Franken) zu finanzieren und zweitens gibt er zu bedenken, dass es ja auch Sinn machen könnte, in die Breite des Teams zu investieren und nicht in einen Star.

Tatsächlich ist in Langnau Sportchef Jörg Reber in Sorge: Er befürchtet, dass Chatelain seinen Nationalstürmer Yannick-Lennart Albrecht nach Bern lockt.

Ein Blick zurück sagt uns, dass es sowieso schwierig ist, einen Hollenstein nach Bern zu verpflanzen. Willi Vögtlin, heute Spielplan- und Cup-General, in den 1990er-Jahren SCB-Manager, war bereit, Denis Hollensteins Vater Felix 1992 zum bestverdienenden Schweizer Spieler aller Zeiten zu machen. Aber «Fige» hatte kein Interesse.

Aber vielleicht machen ja die Herren in der Warteschlange vor dem Check-In die Rechnung ohne die Transferwirte in Zug, Lugano, Lausanne oder Fribourg. Wo Geld ist und der Wille, es auszugeben, da ist auch immer die Chance auf einen überraschenden Transfer.

«Fige» Hollenstein war und ist Mister Kloten. Bild: KEYSTONE

Endlich genügend einheimisches Knowhow

Sportchefs in Helsinki. Der Grund, dieses Thema überhaupt aufzugreifen, ist nicht das billige Spekulieren um Transfers. Vielmehr sehen wir, dass sich eine starke helvetische Hockeykultur entwickelt. Und das ist schon ein paar Zeilen wert.

Jahrzehntelang sind wir auf Verbands- und Klubebene wie eine Hockeykolonie von nordamerikanischen und skandinavischen Trainern und Sportchefs ausgebeutet – um nicht zu sagen: betrogen – worden. Nordamerikanische Sportchefs kungelten mit nordamerikanischen Trainern und Spielern und oft war der fremdländische Trainer auch gleich Sportchef. Und immer wieder vermochten sich auch skandinavische Trainer als Hockey-Imperialisten zu etablieren und predigten den Klub- und Verbandspräsidenten das Evangelium – sechsstellige Topfkollekten inklusive.

Nun hat sich unser Hockey emanzipiert. Wir haben immer mehr ehemalige Schweizer Profispieler, die in wichtige Positionen im Klub aufsteigen. Die erste Profigeneration wechselt von der Kabine in die Bürostühle.

Führungsfiguren: Nationaltrainer Fischer (links) und Nati-Direktor Raffainer. Bild: KEYSTONE

Wir haben in Davos einen Trainer, der auch den Sportchef macht, wir finden in Langnau, in Bern, in Zug, in Lugano, in Ambri, bei den ZSC Lions, in Kloten und in Biel auf allen wichtigen Positionen (Manager, Sportchef) Schweizer und erfreulicherweise gibt es mit Arno Del Curto, Luca Cereda und Kevin Schläpfer drei Schweizer NLA-Trainer.

Und auch beim Verband bestimmen durchwegs Schweizer auf den Posten des Bürogenerals (Florian Kohler), des Nationalmannschafts-Direktors (Raeto Raffainer) und des Nationaltrainers (Patrick Fischer) die Politik. Wenn wir heute irgendwo eine Türe zu einem Hockeybüro aufmachen, bei den Klubs oder beim Verband, wird in einer unserer offiziellen Landessprachen parliert. Wir bestimmen, welcher ausländische Einfluss, welche ausländischen Hockeyphilosophien gut sind für unser Hockey und welche nicht. Es sind nicht mehr ausländische «Hockey-Imperialisten» die uns erklären, was wir brauchen und was nicht.

Schweizer können Schweizer ersetzen – auch den Nationaltrainer

Nur das Welschland leidet nach wie vor stark unter «ausländischer Besatzung». In Lausanne und Genf befehlen ausländische Investoren. Beide Klubs leiden darunter. Bei Gottéron ist wenigstens der General Manager ein Eidgenosse.

Die helvetischen Sportchefs reisen zu den Testspielturnieren der Nationalmannschaft und der Junioren-Nationalteams nach Skandinavien. Sie haben inzwischen ein weit verzweigtes globales Beziehungsnetz aufgebaut. Der Horizont hat sich geöffnet.

Unser Eishockey ist so eidgenössisch und so stark wie nie in seiner ganzen Geschichte, die bereits 1908 begonnen hat. Das muss nicht heissen, dass alle alles richtig machen. Aber wir sind soweit, dass wir, wenn nötig, auch Schweizer durch Schweizer ersetzen können, wenn es denn nötig sein sollte. Das gilt auch für den Nationaltrainer.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hockrates 13.11.2017 13:04
    Highlight Scheinbar wissen die alle nicht, wie man online eincheckt.
    5 0 Melden
  • Mia_san_mia 11.11.2017 22:02
    Highlight Ja das sieht aber noch gut aus neben dem Eis 😎
    1 3 Melden

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