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Roman Josi schlittert in die Schussbahn, um seinem Torhüter Pekka Rinne beizustehen. Bild: Mark Zaleski/AP/KEYSTONE

Philadelphia setzt auf Pathos

Die Geister aus der Vergangenheit für das grosse Duell der Titanen aus der Schweiz

Wenn die Not gross ist in Philadelphia, dann helfen die Geister aus der ruhmreichen Vergangenheit. Roman Josi spielt überragend, aber Mark Streit gewinnt das Duell 3:2 nach Penaltys.

22.02.15, 08:24 22.02.15, 12:29

klaus zaugg, philadelphia

So darf es nicht weiter gehen. Nach der Heimschmach gegen Buffalo (2:3 n.P.), das in jeder Beziehung miserabelste NHL-Team, wird in Philadelphia der Hockey-Notstand ausgerufen.

Oldie Rob Zepp darf bei den Flyers noch einmal ran. Bild: Matt Slocum/AP/KEYSTONE

Trainer Craig Berube lässt keinen Stein auf dem anderen. Er stellt alle Formationen um, ausser das Verteidigerpaar Mark Streit/Nick Schultz. Lotter-Goalie Ray Emery muss unter die Wolldecke. Er wird durch den deutsch-kanadischen Doppelbürger Rob Zepp (33) ersetzt. Ein Veteran, der seine Zukunft längst hinter sich hat, die letzten sieben Jahre in Deutschland spielte und diese Saison erstmals überhaupt in der NHL zum Einsatz kommt. Aber selbst dieser Saurier ist besser als Ray Emery.

Philadelphia setzt auf Pathos

 Aber die stärkste Wirkung haben die Geister des letzten Jahrhunderts. Die Flyers beschwören im wahrsten Sinne des Wortes die Geister der ruhmreiche Vergangenheit. Vor jedem NHL-Spiel wird die US-Hymne «The Star-Spangled Banner» live von einer Sängerin oder einem Sänger vorgetragen. Doch jetzt erscheint oben auf dem riesigen Videowürfel die legendäre Kate Smith. Wunderbar ertönt die von ihr intonierte andere Hymne. Den patriotischen Klassiker «Good bless America».

«Während die Sturmwolken aufziehen, von weit hinter dem Meer
Lasst uns einem freien Land Treue schwören. Lasst uns alle dankbar sein für dieses so gerechte Land,
und unsere Stimmen zu einem feierlichen Gebet erheben.
Gott segne Amerika, Land das ich liebe. 
Steh ihr bei und führe sie mit einem Licht von oben durch die Nacht. Von den Bergen zu den Prärien, zu den Ozeanen weiß vor Gischt.
Gott segne Amerika, meine Heimat, meine süße Heimat.»

Kate Smiths performt «God bless America». video: youtube/node de plume

Ach, so viel Pathos gibt es im Sport halt nur in Amerika. Viele der 19'680 Fans bekommen feuchte Augen.

Kate Smith ist am 17. Juni 1986 im Alter von 79 Jahren gestorben. Vor dem Stadion steht ihr Denkmal. Sie hat in den 1970er Jahren mit «God bless America» die Flyers zu zwei Stanley Cups inspiriert.

Wenn Kate Smith gesungen hat, dann siegten die Flyers. Daran glauben sie heute noch. Die Magie von Kate Smith wirkt auch im 21. Jahrhundert. Die ruhmreiche Vergangenheit wird Gegenwart: Die Flyers bodigen das punktbeste NHL-Team aus Nashville 3:2 n.P. Nur zwei Tage nach der Pleite gegen das Schlusslicht aus Buffalo. Das Lichtlein der Playoff-Hoffnungen ist nicht erloschen.

«Er war weltweit der beste 18-jährige Verteidiger»

Zwei Schweizer Titanen spielen in diesem ganz besonderen Spiel eine zentrale Rolle. Die Verteidigungs-Minister Mark Streit (37) bei Philadelphia und Roman Josi (24) bei Nashville. Mark Streit beendet das Spiel mit einer Plus-1-Bilanz, Roman Josi lässt sich eine 1:1-Statistik notieren. Beide buchen keine Skorerpunkte.

Mark Streit ist der fleissige Leitwolf in der Abwehr. Aber mein Interesse gilt an diesem Abend Roman Josi. Da trifft es sich gut, dass mir wieder einmal John van Boxmeer (62) über den Weg läuft. Er kommt als Scout der Buffalo Sabres viel in der NHL herum. Heute ist er grad in Philadelphia.

Er hat schon früh an Roman Josi geglaubt: John van Boxmeer. Bild: KEYSTONE

Es war John van Boxmeer, der einst als SCB-Trainer den 16-jährigen Roman Josi in die NLA brachte. «Wir hatten immer wieder Junioren im Training. In der Gruppe mit den Berger-Brothers und Etienne Froidevaux fiel er mir sofort auf.» Er sagte schon damals, dieser Junge werde es sehr weit bringen. Nicht in der NLA. Sondern in der NHL. Später wunderte er sich, dass im NHL-Draft 2008 vier Verteidiger vor Josi gezogen wurde. «Er war damals weltweit der beste 18-jährige Verteidiger und es war schon erstaunlich, dass das so viele nicht erkannten.»

Der ehemalige SCB-Trainer sieht sich längst bestätigt. Um es plakativ zu sagen: Roman Josi ist inzwischen der beste Spieler der besten Mannschaft der Welt. Seine Nashville Predators sind das punktbeste NHL-Team. Die Rolle des Schweizers in dieser Mannschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der öffentlichen und medialen Wahrnehmung ist zwar Captain Shea Weber die dominierende Figur. Aber John van Boxmeer sagt: «Ich unterhalte mich oft mit den Leuten von Nashville. Sie sagen alle, es sei inzwischen Josi, der Weber helfe und nicht umgekehrt.»

Das beste und teuerste Verteidigerpaar

Roman Josi, der bescheidene, so gut geerdete Berner Bub lässt sich von einem solchen Kompliment nicht aus der Fassung bringen. «Der liebe John meint es halt gut. Aber Weber und ich ergänzen uns tatsächlich sehr gut und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mit ihm spielen darf.»

Roman Josi ist der beste Spieler im besten Team der Welt. Bild: Philippe Bouchard/freshfocus

Im Sommer 2012 hat Ryan Suter Nashville verlassen und seither ist Roman Josi der Standardpartner von Shea Weber (29). Die beiden bilden das beste und teuerste Verteidigerpaar der Welt und dürften es noch eine Weile bleiben. Die Chancen stehen gut, dass es Nashville gelingt, um diese beiden Titanen herum eine Mannschaft zu bauen, die erstmals den Stanley Cup in die bibelfeste Hauptstadt der Country Music bringt und als Dynastie über mehrere Jahre lang die NHL dominiert. Shea Weber verdient pro Saison 14 Millionen Dollar und sein Vertrag läuft bis 2021. Roman Josis Kontrakt endet 2020 und ist insgesamt 27 Millionen wert. Aber er ist erst 24 Jahre alt. Die besten Jahre liegen noch vor ihm und er schmunzelt: «Na ja, so mit 27 sei das beste Alter für einen Verteidiger. Da muss ich hart arbeiten, um diese Erwartungen auch zu erfüllen …»

Shea Weber und Roman Josi haben enormen Einfluss auf das Spiel ihres Teams und eine schier unfassbare Präsenz. Die beiden bilden das perfekte Duo und haben diese Saison bisher sogar exakt gleich viele Skorerpunkte gebucht (42).

Der raue und der sanfte Titan

Shea Weber (193 cm/106 kg) ist etwas grösser, kräftiger und schwerer als Josi (189/90) und der Mann fürs Grobe mit ziemlich genau doppelt so viel Strafminuten wie sein helvetischer Partner. Er ist ein rauer Titan.

Shea Weber, der raue Titan. Bild: Gene J. Puskar/AP/KEYSTONE

Roman Josi wirkt im Spiel dominierender, magischer. Er ist ein sanfter Titan. Wenn er mit Scheibe vorwärtsstürmt, dann zieht er die Aufmerksamkeit aller Zuschauer im Stadion auf sich. Weil jeder weiss, dass irgendetwas passieren wird. Roman Josi hat die ganz seltene Gabe, das Spiel ein oder zwei Züge im Voraus lesen zu können – offensiv und defensiv. Deshalb gelingen ihm die genialen öffnenden Zuckerpässe, deshalb erkennt er sofort die Lücken im gegnerischen Abwehrdispositiv und sticht hinein und deshalb schliesst er die Lücken in der eigenen Verteidigung bevor der Gegner davon profitieren kann. Er ist öfter und länger im Scheibenbesitz als Shea Weber.

Parallelen zum Fussball

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er in drei bis vier Jahren absolut unbestritten der beste Verteidiger der NHL und damit der Welt sein wird. Der beste Verteidiger bei einer WM war er ja schon. 2013 bei der Silber-WM von Stockholm. Um einen Vergleich mit dem Fussball aus der guten alten Zeit der Liberos zu bemühten: Shea Weber mahnt an Franco Baresi, Roman Josi an Franz Beckenbauer. Allerdings wird er dereinst nach seiner Karriere beim SCB neben dem Eis nicht die gleiche Rolle spielen können wie Beckenbauer bei Bayern München. Die Rolle des Kaisers ist beim SCB auf Lebzeiten für Marc Lüthi reserviert.

Josi ist der Franz Beckenbauer des Eishockeys. Bild: MIKE SEGAR/REUTERS

Beim 2:3 n.P. gegen Philadelphia notieren die Statistiker für Roman Josi 30:49 Minuten Eiszeit und Weber 28:26 Minuten. Der ehemalige SCB-Junior sagt, in der NHL seien solche Einsatzzeiten eher zu verkraften als in der NLA. Weil die Laufwege auf dem kleineren Eis kürzer und die Räume für die Stürmer enger seien. Es mache für ihn eigentlich gar keinen so grossen Unterschied, ob er 15 oder 25 Minuten Eiszeit habe und er benötige wegen der langen Präsenszeiten auch kein spezielles Training. «Viel Eiszeit ist eher eine Frage der Gewohnheit. Es käme mir inzwischen komisch vor, wenn ich nur 15 Minuten Einsatzzeit bekäme. Ich käme dann wahrscheinlich gar nicht mehr richtig ins Spiel ...»

Es ist nicht sicher, dass Mark Streit mit den Philadelphia Flyers die Playoffs doch noch erreicht. Es ist auch noch nicht keineswegs sicher, dass die Nashville Predators mit Roman Josi den Stanley Cup gewinnen. Aber möglich ist beides. Noch nie hat ein Schweizer bei einem Stanley Cup-Sieger eine zentrale Rolle gespielt. Roman Josi wird der erste sein. Wenn nicht 2015, dann in einem der nächsten Jahre.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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    Alle Leser-Kommentare
  • grunderhans 22.02.2015 10:48
    Highlight Also Streit hatte keine Lust/Zeit für den unterwürfigen "Journalisten" aus der Schweiz. Darum galt die ganze Aufmerksamkeit Josi. Aber netter Versuch
    6 18 Melden
  • Gelöschter Benutzer 22.02.2015 09:37
    Highlight Geiler Artikel. Solche dürft ihr ungeniert jeden Sonntag schreiben;)
    Roman Josi hat sich wirklich genial entwickelt...
    Für mich unverständlich, dass Josi nicht für das All-Star-Game nominiert wurde. Er wird wahrscheinlich immernoch unterschätzt...
    31 2 Melden

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