Sport

Putin und Fasel bei einem Plausch-Hockeyspiel 2016 in Sotschi. Bild: AP/POOL SPUTNIK KREMLIN

Wie der Zar und sein Zahnarzt die Hockey-Welt gerettet haben

Wladimir Putin (65) lässt seinen Kumpel Dr. René Fasel (67) nicht im Stich. Russland spielt um olympisches Eishockey-Gold. Wir werden die besten Russen der Neuzeit sehen.

07.12.17, 07:09 07.12.17, 15:15

Wird Russland aus Protest das olympische Eishockey-Turnier boykottieren? Das war am Dienstagabend die bange Frage nach den IOC-Sanktionen im Zusammenhang mit dem olympischen Dopingskandal. Russland muss unter neutraler Flagge antreten.

René Fasel stand als IOC-Mitglied und Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes vor einer heiklen sportdiplomatischen Mission. Er hatte am Dienstag erstaunlich gelassen reagiert und gesagt, er brauche 48 Stunden, um das Problem zu lösen.

Auf die Frage, ob ihm Wladimir Putin bereits unter Freunden die Teilnahme Russlands am Eishockeyturnier zugesichert habe, ging er nicht ein. Aber auch ohne Worte liess er durchblicken: Kein Problem. Und genau so war es. René Fasel brauchte nicht 48 Stunden. Auch nicht 48 Minuten. Er hatte das Problem in 4,8 Sekunden gelöst. Unter Freunden. Zwar hatte es empörte Erklärungen verschiedener russischer Funktionäre gegeben, man werde nicht unter neutraler Flagge antreten.

Erstes russisches Gold seit 1992?

Aber in Russland entscheiden nicht Sportfunktionäre in den Emotionen des Tages über eine so wichtige Sache wie die Teilnahme an einem olympischen Turnier. Das letzte Wort hat der Zar. Wladimir Putin. René Fasels langjährige Freundschaft mit dem mächtigsten Mann Russlands hat sich wieder einmal bezahlt gemacht. Der Zar und sein Zahnarzt – René Fasel führte vor seiner Sportfunktionärs-Karriere in Fribourg eine Zahnarztpraxis – haben wieder einmal die Hockey-Welt gerettet.

René Fasel ist froh um die rasche Klärung: «In zwei Monaten beginnt das Turnier und wir haben nicht mehr viel Zeit, um alle technischen Einzelheiten zu regeln.» Dazu gehört unter anderem der Entwurf des Dresses der russischen Mannschaft, die ja nicht in den Landesfarben antreten kann.

Wladimir Putin 2014 beim Handshake mit René Fasel. Bild: AP/RIA Novosti Kremlin

Ironie der Geschichte: Die Chancen stehen gut, dass die IOC-Sanktionen Russland nun das erste olympische Eishockey-Gold seit 1992 bescheren. Eishockey ist das Spiel der russischen Sportseele. Nichts zählt mehr als olympisches Gold. Nur der olympische Ruhm ist wahrer Ruhm und überstrahlt jeden WM-Titel.

Russland (bzw. die Sowjetunion) ist 1954 in den internationalen Spielverkehr eingestiegen und hat 1956, 1964, 1968, 1972, 1976, 1984, 1988 und 1992 olympisches Gold gewonnen.

Weniger Talent, mehr Leidenschaft

In der modernen olympischen Geschichte, die mit der ersten Teilnahme der NHL-Profi 1998 im japanischen Nagano begonnen hat, gibt es keinen goldenen olympischen Ruhm für Russland. 1998 ging der Final gegen Tschechien verloren (0:1), 2002 reichte es für Bronze, 2006 ging das Bronze-Spiel gegen Tschechien verloren (0:3), 2010 war nach einem 3:7 gegen Kanada im Viertelfinal Endstadion und 2014 erlitten die Russen die bisher bitterste Schmach: Bei den Spielen im eigenen Land (Sotschi) war schon im Viertelfinal gegen Finnland (1:3) Lichterlöschen.

Der Super-GAU: Russland verliert an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi bereits im Viertelfinal. Bild: EPA

Nicht ein einziges Mal waren die Niederlagen eine Frage des Talentes. Es ist seit der Einführung des Kapitalismus und Individualismus nicht mehr gelungen, ein verschworenes Team zu bilden. Zu viele der Stars sind im Amerika berühmt und reich geworden.

Vieles spricht dafür, dass wir in zwei Monaten nicht die talentierteste, aber die leidenschaftlichste russische Mannschaft der Neuzeit erleben werden. Die NHL-Stars sind nicht dabei und nach den IOC-Sanktionen ist das Gefühl «wir gegen den Rest der Welt» so intensiv wie nie mehr seit den Zeiten des «Kalten Krieges», die zu Beginn der 1990er Jahre zu Ende gegangen sind.

Die Schmach, unter neutraler Flagge anzutreten, auf das russische Dress und die Nationalhymne verzichten zu müssen, wird die Mannschaft zusammenschweissen und das patriotische Feuer und den heiligen Zorn entfachen. Das olympische Eishockey-Turnier ist gerettet.

Die neuen Disziplinen bei den Olympischen Winterspielen 2018

Unvergessene Eishockey-Geschichten

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

02.05.2000: In St. Petersburg schreibt ein SMS Hockeygeschichte

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

31.03.2009: Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweizer Nati gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
18
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hayek1902 07.12.2017 11:28
    Highlight Eigentlich ist es ein witz für das hockey team, denn doping im eishockey macht keinen sinn (es gibt da eine studie dazu, aber ich habe sie gerade nicht zur hand). Das einzige, was man machen könnte, wäre die regenerationszeit beschleunigen, das ist aber auch nur beschränkt wichtig, da hockey ein kraftausdauer- und nicht ausdauersport ist.
    5 30 Melden
    • Braveheart 07.12.2017 12:52
      Highlight und bei ungefähr 70 Spielen pro Saison ist die Regeneration nicht so wichtig oder was? Komm schon, es gibt für jede Sportart mehrere geeignete Dopingmittel
      27 2 Melden
    • Sportfan 07.12.2017 13:00
      Highlight @Hayek1902: Ist das etwa die Studie welche sagt, dass Doping auch im Fussball nichts bringt? Ich bitte sie, Doping bringt überall etwas und dann erst noch sehr sehr viel.
      Einfach nur mal zum überlegen, was bringt es, wenn jeder Einsatz 10 sec länger gehen kann, wenn der Körper frischer bleibt und damit auch der Geist, wenn ich in den letzten, entscheidenden Minuten noch etwas mehr Energie im Tank habe? Genau, sie wissen es. Und das könnte man zB. mit EPO machen. Dann kann man sich noch etwas mehr Muskeln anspritzen und etwas Fett mehr verbrennen. Alles unterstützt durch Doping.
      15 1 Melden
    • supi 07.12.2017 13:29
      Highlight Hm .. Wenn Doping in Eishockey nichts bringt, warum wurden dann die Proben des Eishockey Frauenteams durch männlichen! "sauberen" Urin ausgetauscht ?
      13 1 Melden
    • Hockrates 07.12.2017 13:30
      Highlight So ein Seich! Wer schneller, stärker oder präziser ist, gewinnt.

      Doping kann dabei helfen, in jeder Sportart. Ein Anfänger wird nicht zum Gretzky, aber unter gleichwertigen Mannschaften kann Doping den Unterschied ausmachen.
      22 0 Melden
  • Sportfan 07.12.2017 09:46
    Highlight Lieber Eismeister, zuerst einmal Gratulation zum Titel "Sportjournalist des Jahres". Freut mich!
    Aber erklären sie uns doch, welche Spieler denn genau für Russland auflaufen werden? NHL nicht, wissen wir. KHL Spieler werden kaum beweisen können, dass sie sauber sind, oder wurden die von "nicht russischen Agenturen" kontrolliert? Die dürfen als kaum auflaufen. Dann gibt es in Finnland, Deutschland und der Schweiz je ein Russe pro Liga, in Schweden keinen. Also sollen die 3 eine schlagkräftige Truppe bilden? Ich weiss nicht recht, wie das gehen soll.
    17 34 Melden
    • Sportfan 07.12.2017 13:03
      Highlight Ehm, statt zu Blitzen lieber eine Antwort geben! Welche russischen Eishockey Spieler sind denn bei Olympia spielberechtigt? Welche können denn beweisen, dass sie nicht unter das russische Dopingprogramm gekommen sind? Das ist doch die Grundvoraussetzung um unter neutraler Flagge zu starten, oder etwa nicht? Und deshalb, wer in der KHL spielt, kann das sicher nicht beweisen, Wer in der NHL oder Nordamerika angestellt ist, darf nicht. Also wer denn sonst? Antworten statt Blitze :-)
      13 13 Melden
  • Majlinda 07.12.2017 09:42
    Highlight Frage am Rande:
    Wenn sie unter neutraler Flagge antreten müssen, könnten dann nicht theoretisch Spieler verschiedener Nationen in dieser Mannschaft spielen?

    63 3 Melden
  • Ohmann94 07.12.2017 09:23
    Highlight Ich verstehe nicht, wie man das olympische Eishocheytunier über die Integrität des ganzen olympischen Anlassen stellen kann... Schmeisst die Russen raus und lasst nur Leute antreten, die es auch bewiesenermaßen verdienen.

    Staatsdoping wurde betrieben und an Olympia wird eben jener Staat den Ruhm der guten Arhleten für sich beanspruchen. Es sind immer noch Russen.

    Wäre Feuz nicht mehr für die Schweiz am Start und unser Held und schweizer Olympiasieger, wenn er unter neutraler Flagge starten müsste?
    25 49 Melden
    • Informant 07.12.2017 10:11
      Highlight Auch für Russenhasser wie Dich noch mal:
      "The IOC DC has not found any documented, independent and impartial evidence confirming the support or the knowledge of this system by the highest State authority."
      23 17 Melden
    • Majlinda 07.12.2017 10:22
      Highlight Ich weiss nicht, wie der genaue Vorgang ist, aber es dürfen auch russische Sportler die andere Sportarten ausüben einen Antrag auf Start unter der neutralen Flagge stellen.
      10 0 Melden
    • hohnny jallyday 07.12.2017 10:53
      Highlight Wohl Kader im Militär und allgemeiner Fan von Kollektivstrafen!? ;-)
      21 5 Melden
    • Juliet Bravo 07.12.2017 12:10
      Highlight Informant, das sagt auch Sämi Schmid. Verbindungen zu Putin „the highest state authority“ konnten sie nicht nachweisen. Nur beweist das halt nicht, dass es kein Staatsdoping gab. Es genügt ja, dass z.B. der Sportminister verwickelt ist. Ich finde, das ist schon ziemlich weit oben in der Hierarchie.
      15 5 Melden
  • Mia_san_mia 07.12.2017 08:43
    Highlight Hoffentlich gewinnen sie das Turnier. Echt eine Schande, wenn man an Olympia nicht mal unter seiner Flagge spielen darf :-(
    36 58 Melden
    • Juliet Bravo 07.12.2017 10:50
      Highlight Das hätten sie sich halt vorher überlegen müssen.
      35 19 Melden
    • Gretzky 07.12.2017 12:05
      Highlight Komisches Rechtsverständnis hast du. Eine Schande ist was die Russen, das IOC, die FIFA und andere aus dem Sport machen! Reines Machtgebaren von ein paar älteren Herren deren Ego, Ehrgeiz und Geltungssucht ihre Persönlichkeit, Intelligenz und Integrität um Welten übertrifft.
      18 6 Melden
  • Tikkanen 07.12.2017 08:25
    Highlight ...mag mich noch sehr gut an die Olympia 92 erinnern🤔Der kleine Bykov hat damals im GUS Jersey (war das alte Tackla Liibli, nur ohne CCCP) den Quebec-Verweigerer Lindros locker aus dem Spiel gezaubert. Obwohl Slawa gefühlte 50cm kleiner und 50kg leichter als the Big E war. Am Schluss wurde ihm der🏆in Abspielen der Olympischen Hymne überreicht. Was allerdings heute läuft hat mit Hockey nüt ztüeh, ist eine rein politische Schmierenkomödie🤮
    PS: Dem Lindros gings dann nochmal gleich, im 97er SC Final nahm ihn der Uralte Larionov von den Wings auf die selbe Weise aus dem Spiel😎🍻
    48 18 Melden
  • JJ17 07.12.2017 08:22
    Highlight Dürften auch US-Amerikanische, Kanadische, Schwedische, etc. Spieler freiwillig unter der olympischen Flagge spielen und so ein absolutes Super-Team bilden?
    Klar, praktisch ist dies undenkbar, aber wäre es theoretisch möglich?
    25 8 Melden

Warum hunderte Fussball-Junioren gegen einen Millionär marschieren: Ein Herrliberger Drama

Weil sich zwei Anwohner vom Lärm des FC Herrliberg gestört fühlen, klagten sie gegen die Gemeinde. Um den Klägern entgegen zu kommen, schränkte der Club seinen Spielbetrieb ein. Sie zogen trotzdem bis vor Bundesgericht. Jetzt marschiert ein Fussballverein für die Zukunft des Amateursports. Ein Drama in fünf Akten und einem Epilog.

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die an Dramatik einem Theaterstück in nichts nachstehen. Eine solche Geschichte spielt sich derzeit in der Gemeinde Herrliberg an der Zürcher Goldküste ab. Zunächst einmal sollen hier die Figuren der Handlung eingeführt werden.

Die Lärmklagenden:

Die Betroffenen

Der Vorhang öffnet sich, die Geschichte beginnt. An ihrem Ende werden mehrere hundert Fussball-Junioren an einem feuchtkalten Dezemberabend um die Sportanlage Langacker marschieren, um für die …

Artikel lesen