Sport

Bern ist ein Titelfavorit und der HC Davos auf dem Weg dahin. Bild: PPR

Eine Warnung vor dem HC Davos und ein «unpolemisierbarer» SCB-Trainer

Was, wenn der HC Davos am Ende doch ein Meisterkandidat ist? Und ein besonderes Kompliment von Arno Del Curto für Martin Plüss.

26.11.16, 12:41 26.11.16, 19:48

Die Tabelle sagt uns zwar: Der HC Davos ist kein Spitzenteam. In Bern haben die Davoser gestern die dritte Niederlage in Serie kassiert und in den drei letzten Partien nur drei Treffer erzielt (1:2 ZSC Lions, 1:2 Langnau, 1:2 n. V. Bern). Nach wie vor droht das erstmalige Verpassen der Play-offs seit dem Wiederaufstieg von 1993.

Der HCD hatte zuletzt vermehrt das Nachsehen. Bild: KEYSTONE

Aber immer dann, wenn Bern gegen Davos antritt, dann fragt sich der neutrale Beobachter ungeachtet der Ausgangslage und der Tabelle: «Könnte das der Play-off-Final sein?»

Kari Jalonen geniesst viel Autorität

Dass der SCB Titelfavorit ist, hat auch dieses schnelle, intensive Spiel gezeigt. Die Mannschaft ist inzwischen so stabil, dass das 1:8 gegen Kloten, die höchste Heimniederlage seit 21 Jahren, nicht die geringsten Erschütterungen ausgelöst hat.

Die Pleite gegen Kloten führte lediglich dazu, dass die Berner nun sehr grossen Wert auf Disziplin und Defensivverhalten, auf Ordnung im taktischen Maschinenraum legten, wenig riskierten, praktisch keine Fehler machten und etwas steril wirkten. Der SCB spielte ein bisschen «Guy-Boucher-Hockey». Gut strukturiert, aber berechenbar und ohne ganz grosse Emotionen.

Kari Jalonen, der Chef beim SCB, kann auch ganz nett lächeln. Bild: KEYSTONE

Trainer Kari Jalonen ist bereits «unpolemisierbar» geworden. Er geniesst in Bern eine widerspruchslose Autorität wie kein SCB-Trainer seit Bill Gilligan (Meister 1989, 1991 und 1992). Torhüter Leonardo Genoni hat auf seine erste Auswechslung (beim Stande von 0:5 beim 1:8 gegen Kloten) gegen Davos reagiert, den einzigen Gegentreffer erst 38,70 Sekunden vor Schluss zugelassen und seiner Mannschaft den Sieg nach Verlängerung (2:1) ermöglicht.

Der Ex-Davoser Genoni machte gestern ein gutes Spiel für den SC Bern. Bild: KEYSTONE

Aber all das ist mehr oder weniger so erwartet worden. Eine ganz andere Frage ist, ob vielleicht auch der HCD, ungeachtet der Tabellenlage, ein Titelkandidat sein könnte. Und wenn wir nur ein bisschen fragen, «was wäre, wenn?», dann gibt es interessante Antworten.

Läuferisch ist der HCD top

Jahrelang haben die Davoser als konditionsstarke offensive Kavallerie ihre Gegner unters Eis geritten. Das geht heute nicht mehr. Teams wie Bern, Zug oder die ZSC Lions haben in diesem Bereich längst aufgeholt. Aber nach wie vor ist Davos die läuferisch beste und über alle vier Blöcke schnellste Mannschaft der Liga. Es ist kein Zufall, dass der verdiente Ausgleich in der Schlussminute noch gelang – Davos läuft und läuft und läuft und Ruhe hat selbst der SCB auf eigenem Eis gegen diesen Gegner erst nach dem Schlusspfiff.

«Dieser Plüss ist einfach immer noch unglaublich gut.»

Arno Del Curto über SCB-Stürmer Martin Plüss

Physisch ist der HCD also nach wie vor ein Titelkandidat. Und inzwischen hat der legendäre «Goalieflüsterer» Marcel Kull aus Gilles Senn (gestern tadellos) und Joren van Pottelberghe Torhüter gemacht, die gut genug sind, um dem HCD in einem Spitzenspiel eine Siegeschance zu geben.

Physisch weiss der HC Davos zu überzeugen. Bild: KEYSTONE

Arno Del Curto sagte nach dem Spiel: «Dieser Plüss ist einfach immer noch unglaublich gut.» Tatsächlich ist der 39-jährige SCB-Leitwolf, Torschütze zum 1:0, zum besten Spieler der Partie gewählt worden. «Spieler wie Plüss gibt es nicht mehr» sagte der HCD-Trainer. «Die Welt ist heute anders. Plüss ist zusammen mit Segi (Mathias Seger – die Red.) die letzte ganz grosse Spielerpersönlichkeit unseres Hockeys. Die beiden sind die letzten, die noch vor dem Internet und den Smartphones gross geworden sind, und wir werden keine solche Persönlichkeiten mehr haben.» Und der HCD keinen neuen Reto von Arx.

Enzo Corvi (rechts) ist beim HCD ein Hoffnungsträger. Bild: KEYSTONE

Die Läufer für den Titel hat der HCD. Aber es braucht auch Lenker und Denker in der Centerposition. Die Anmerkung, dass der HCD mit einem Center wie Martin Plüss ein Titelanwärter wäre, lockt Arno Del Curto aus der Reserve. Er erklärt, wie unendlich viel noch zu tun sei. Wie hart man noch arbeiten müsse, um eine Mittelachse zu bekommen, die es für einen Titel brauche. Erklärt, was Enzo Corvi und Samuel Walser noch fehlt, um ganz grosse Center zu sein und hofft, dass Robert Kousal vielleicht nächste Saison eine Leaderrolle übernehmen kann (diese Hoffnung dürfte vergeblich sein). Und mit blitzenden Augen stellt er fest: «Wir sind jung, wir sind entwicklungsfähig.»

Der Meister wird aufgebaut

Was wäre, wenn der HCD vier erstklassige Ausländer hätte? Wenn einer der Schweizer Center im Laufe der Qualifikation den Schritt vom guten zum grossen Spieler macht? Wenn Andres Ambühl seine Produktivität und Marc Wieser seine Treffsicherheit wiederfindet?

Arno Del Curto träumt von der zukünftigen Meistermannschaft. Bild: KEYSTONE

Auch wenn es Arno Del Curto so nicht sagt und nie sagen wird: Er ist inzwischen auf einer meisterlichen Mission. Er ist daran, ein neues Meisterteam aufzubauen – und dieses Spiel in Bern hat ihn darin bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn die Davoser die Play-offs erreichen, dann werden sie ein sehr gefährlicher Gegner sein. Auch für den SC Bern.

Wenn Eishockey-Spieler Ferien machen und Postkarten schreiben

Unvergessene Eishockey-Geschichten

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

02.05.2000: In St. Petersburg schreibt ein SMS Hockeygeschichte

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

31.03.2009: Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweizer Nati gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • goldmandli 26.11.2016 17:25
    Highlight "arno d.c. ist auf der Mission ein Meisterteam aufzubauen." macht das nicht jeder trainer/ sportchef?
    35 18 Melden
  • c_meier 26.11.2016 16:33
    Highlight "... ist bereits «unpolemisierbar» geworden":
    Wo käme der Eismeister auch hin ohne "polemisierbare" Spieler und Trainer ;)
    (ok es gibt ja auch so noch Bandengeneräle, Lottergoalies usw).
    35 2 Melden
  • Tikkanen 26.11.2016 16:06
    Highlight ...sehr guter Artikel. Allerdings sieht man bei den Murmelis eindeutig die Anzeichen der Zeitenwende😳Arno mögget, Büehli secklet, der Dino rumpelt und der Einzeller plappert 60 min mit den Schiris🙃 Aber zum Meistertitel reicht das ganze bei weitem nicht mehr aus. Item, das VIP- Grümpeli naht, also besteht noch Hoffnung auf ein Festli🍾in der Holzhütte👍🏻PS: Habe ein Tagesticket geschenkt bekommen, bin mal gespannt ob's mich trotz etlichen Lutz😋aus dem Stuhl zu reissen vermag wenn aus der Box erklingt "hier alles im Griff, ohohoh, auf dem sinkenden Schiff....👏🏻😂
    44 76 Melden
  • Bruno Wüthrich 26.11.2016 15:53
    Highlight Vor allem ist SCB gegen den HCD heute ein echtes Derby geworden. Das Besondere an Derbys ist mittlerweile normal geworden. Auch Langnau hat gegen Bern besser ausgesehen, als es tatsächlich ist. Bei Derbys sieht der Underdog häufig gut aus. Der HCD ist derzeit ein Underdog!

    Ergo ist die Leistung des HCD hinsichtlich möglicher Playoffs derzeit nicht überzubewerten. Man sollte in ein Derby nicht mehr hinein interpretieren, als tatsächlich da ist.

    Übrigens: Lausanne ist läuferisch extrem gut. Ich bin mir nicht sicher, ob der HCD in dieser Hinsicht immer noch das beste Team der Liga ist.
    17 52 Melden
    • glointhegrat 26.11.2016 21:27
      Highlight Sorry (ich bin bruno der kameramann) aber weisst du eigentlich was ein derby ist?
      36 3 Melden
  • Warumdennnicht? 26.11.2016 14:54
    Highlight Aber immer dann, wenn Bern gegen Davos antritt, dann fragt sich der neutrale Beobachter ungeachtet der Ausgangslage und der Tabelle: «Könnte das der Playoffinal sein?»

    Davos mit ZSC ersetzen, dann könnte es stimmen.
    23 59 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.11.2016 14:28
    Highlight Aber immer dann, wenn Bern gegen Davos antritt, dann fragt sich der neutrale Beobachter ungeachtet der Ausgangslage und der Tabelle: «Könnte das der Playoffinal sein?»

    Echt???
    36 48 Melden
  • Micha Moser 26.11.2016 14:10
    Highlight Das Spiel von Bern gestern war unheimlich konstant das hat mir gefallen. Ich mag Spektakel, viele Tore und auch mal einen guten Check aber nach der 8:1 Schlappe war das wirklich beeindruckend
    36 6 Melden
  • Gigi,Gigi 26.11.2016 13:58
    Highlight Won er rächt hät, hät er rächt, dr Klaus!
    44 18 Melden

Die Hockeygötter bescheren uns das Duell zwischen Del Curto und seinem Zauberlehrling

Die Hockeygötter bescheren uns im Halbfinale des Spengler Cups das Spiel des Jahres. Aber HCD-Captain Andres Ambühl liess sich nicht aufs Glatteis der Polemik locken.

Arno Del Curto (61) mit dem HC Davos gegen die Nationalmannschaft. Spiel des Jahres? Nein, viel mehr. Spiel der Spiele. Das ultimative eidgenössische Hockey-Gipfeltreffen. Das aufregendste Länderspiel ausserhalb einer WM oder eines Olympiaturniers seit dem 6. Dezember 1986. Damals traten die Schweizer mit Nationaltrainer Simon Schenk in Bern gegen die Sowjets an. Die beste Mannschaft der Welt. Wir verloren 2:10 und die Fans im ausverkauften Berner Hockeytempel feierten die Sowjets. Patrick …

Artikel lesen