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Jonas Müller: Vielleicht ein Lottergoalie, aber nicht Schuld an Klotens Krise. Bild: Patrick Straub/freshfocus

Warum Jonas Müller Kultstatus erlangen wird

Ein Plädoyer für Klotens letzten Mann und etwas zur Kulturgeschichte der Lottergoalies 

Den Kloten Flyers droht nur ein Jahr nach dem verlorenen Playoff-Final schon wieder die Schmach der Abstiegsrunde. Schuld ist Torhüter Jonas Müller (30). Falsch!

12.01.15, 08:14 12.01.15, 18:32

Um zu verstehen, worum es geht, ist es wieder einmal angebracht, etwas ganz Allgemeines über die Torhüter zu erzählen. Der maskierte Mann zwischen den Pfosten ist der letzte Mann. Hinter ihm steht niemand mehr. Weil kein anderer die Fehler des letzten Mannes ausbügelt, kann eine einzige Unaufmerksamkeit zur Niederlage führen. Die Saison ruinieren. Wenn er eingreift, steht immer alles auf dem Spiel. Der Puck ist drin oder er ist nicht drin. Die Gnade des Dazwischen gibt es nicht. Nur die Rolle als Held oder Depp. Schwarz oder Weiss.

Die letzten Männer sind gefährdet wie niemand sonst. Weil nur sie ein Spiel ganz alleine verlieren können. Der letzte Mann kann 15 Unhaltbare abwehren – wenn er beim 16. Schuss ins Leere greift, ist er dennoch ein Versager. Jede gute Parade ist nur so gut wie die nächste Parade.

Zappelt die Scheibe im Netz, hat der Goalie meist nicht alles richtig gemacht. Bild: KEYSTONE

Der letzte Mann kann das Spiel nicht gewinnen. Held Nummer 1 ist immer der Stürmer, der den Siegestreffer erzielt. Und weil es die Tore sind, die ein Spiel entscheiden, werden verhinderte Tore von den Chronisten kaum einmal erwähnt und gehen schnell vergessen. Im Gedächtnis bleiben uns die Treffer – und an denen sind die letzten Männer immer als Versager beteiligt. Bestenfalls als Statisten. 

Torhüter, so lässt sich zusammenfassen, sind Mannschaftssportler und bleiben doch mausbeinalleine verantwortlich für alles, was sie tun. Im Schicksal der letzten Männer zeigt sich die ganze Dramatik des Eishockey – und auch noch ein bisschen etwas vom richtigen Leben.

Ein Spiel, aber keine Serie verloren

Klotens Jonas Müller hat am Sonntag das Spiel gegen die ZSC Lions (2:4) ganz alleine verloren. Drei der vier Treffer waren haltbar. Das stimmt. Das ist ein Fakt. Deshalb ist er schuld an der Krise der Kloten Flyers. Das ist falsch. Weil zu kurz gedacht. Ein kleiner Streifzug durch die Kulturgeschichte unserer vermeintlichen Hockey-Lottergoalies zeigt uns nämlich, dass Jonas Müller der Kultstatus sicher ist.

In der neueren Geschichte sind uns vor allem zwei letzte Männer als tragische Helden im Gedächtnis geblieben. Gottérons Dino Stecher und HCD-Schlussmann Nando Wieser. Beide sind zu Unrecht beschuldigt worden, Meisterschaften verloren zu haben.

Dino Stecher unterlag mit Gottéron in den Finals von 1992, 1993 und 1994 gegen den SC Bern bzw. den EHC Kloten. Obwohl mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow damals zwei der besten Stürmer der Welt für Gottéron zauberten. Die Meinungen sind gemacht: Mit einem guten letzten Mann wäre Gottéron mindestens zweimal Meister geworden.

Nando Wieser hat beim HC Davos trotz der Playoff-Finalniederlage 1998 Kultstatus erreicht. Bild: KEYSTONE

Nando Wieser geriet im Final von 1998 in die Schlagzeilen. «Ein Fliegenfänger spaltet sein Dorf», titelte damals ein gnadenloser Scharfschreiber im «Blick». Weil Nando Wieser im Final gegen Zug sogar Tore von der Mittellinie aus kassierte. Die Meinungen sind gemacht: Mit einem guten letzten Mann wäre Arno Del Curto schon 1998 erstmals Meister geworden und die Zuger würden noch heute auf ihren ersten Titel warten.

Beide Behauptungen halten einer genaueren Prüfung nicht stand. Das Gottéron der «russischen Flugjahre» war die spielerisch beste Mannschaft, die nie Meister geworden ist. Aber zu wenig robust und zu wenig ausgeglichen, um sich gegen den rauen SC Bern zu behaupten und die defensiven Algebra-Aufgaben der Klotener zu lösen. Gottéron hat höchstens ein Spiel pro Final wegen Dino Stecher verloren. Aber nie eine Serie.

Der HCD von 1998 war viel zu hoch – bis in den Final – geflogen und hätte gegen Sean Simpsons EV Zug auch mit einem besseren Torhüter den Titel nicht geholt. Zu erfahren, zu schlau, zu böse, zu kräftig waren diese Zuger. Zu jung, zu unerfahren und zu zerbrechlich die Davoser. Der HCD hat höchstens ein Finalspiel wegen Nando Wieser verloren. Aber nie die Serie.

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Ein Sündenbock – weil nicht gut gemanagt wird

Und nun also Jonas Müller. Klotens letzter Mann. Die Flyers haben höchstens die Partie gegen Gottéron (3:4 n.P) und zuletzt das Derby gegen die ZSC Lions (2:4) wegen Jonas Müller verloren. Aber nicht den Kampf um den letzten Playoffplatz – sollte er denn verloren gehen. Mit Martin Gerber – Dollarmillionär, Stanley Cup-Sieger, Schwedischer Meister – ist Kloten unter den Trennstrich gerutscht. Mit Martin Gerber verloren die Klotener zum Saisonauftakt gegen Servette (2:3) und Lausanne (0:4) und rutschten ans Tabellenende. Seither bringen sie den Pulverdampf der Krise nicht mehr aus dem Stadion.

Aber eben: Die letzten Männer sind die besten Sündenböcke. Seht her, Jonas Müller ist schuld. Und alle anderen sind frei von Schuld. Waschen sich die Hände in Unschuld. Niemand fragt nach den wahren Ursachen der Krise. 

Jonas Müller sah gegen die ZSC Lions dreimal ganz schwach aus. Bild: Patrick Straub/freshfocus

Im Buch der Bücher lesen wir: «Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.» (3. Buch Mose).

Dieses Ritual aus alttestamentlichen Zeiten wird über 2000 Jahre später immer noch gerne zelebriert. Im richtigen Leben. In der Politik. Im Sport und eben im Eishockey. Im Falle von Kloten ist Jonas Müller die Rolle des Bockes bzw. des Sündenbockes zugeschoben worden. Es fällt Sean Simpson leicht zu sagen, man verliere als Mannschaft. Er weiss zu gut: Die Meinungen sind gemacht und die Medien werden senden und schreiben, was er denkt und er braucht nicht zu sagen: Wir haben wegen des Torhüters verloren.

Ein aufgebrachter Sean Simpson. Bild: Patrick Straub/freshfocus

Aber Jonas Müller (30) trifft an der Krise der Kloten Flyers keine Schuld. Er spielte in den letzten zwölf Jahren schon in Davos, Chur, Aarau, Bern, Ambri, Langenthal, Neuenburg, Visp und Rapperswil-Jona die Rolle des letzten Mannes. Dort, wo gut gemanagt wurde, war er ein Held. Erst jetzt in Kloten ist er ein Versager. Ein Sündenbock. Weil nicht gut gemanagt wird.

Wofür Jonas Müller alles nichts kann

Es soll hier einmal gesagt sein und niemand möge deswegen zürnen: Jonas Müller verantwortet beispielsweise die Anstellung von André Röthelis und dessen Transferpolitik nicht, und es ist nicht seine Schuld, dass man Klotens Sportchef zu spät das Handwerk gelegt hat. 

Jonas Müller verantwortet beispielsweise nicht den Wahnsinn, dass der wichtigste Posten des letzten Mannes bis ins Jahr 2016 mit Martin Gerber, einem 40-jährigen, verletzungsanfälligen Hockey-Dinosaurier besetzt worden ist. 

Jonas Müller verantwortet beispielsweise nicht das abenteuerliche Treiben in der Chefetage mit Felix Hollenstein raus, Tomas Tamfal rein, Tomas Tamfal raus, Felix Hollenstein rein, Felix Hollenstein raus, Sean Simpson rein. So, habe fertig.

Einige gute Paraden und schon sieht wieder alles anders aus. Bild: Patrick Straub/freshfocus

Das Versagen Gottérons hat Dino Stechers Ruf als Spitzengoalie ruiniert. Er liess seine Karriere beim ZSC ausklingen. Nando Wieser spielte nach dem verlorenen Final von 1998 in der NLA keine Rolle mehr. Aber beide haben heute Kultstatus. 

Jonas Müller mag jetzt der Sündenbock sein. Vor der Geschichte wird er dereinst von aller Schuld an Klotens Krise freigesprochen werden. Und der Kultstatus ist ihm sicher. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • LehrerLämpel 12.01.2015 08:29
    Highlight Sehr schön geschrieben. Und dazu noch wahr.
    29 0 Melden

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Wer wird in diesem Jahr Schweizer Hockey-Meister? Bald wissen wir es: Heute beginnen die Playoffs und damit das muntere Rätselraten. Auch unser Eismeister hat seine Tipps abgegeben. Sein Fazit: Bern verteidigt den Titel erneut, Biel kommt bis in den Final und weder Ambri noch Kloten steigen ab.

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