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In der NLA gibt es immer mehr Verletzungen.
Bild: KEYSTONE

«Mord und Ballett»: Die NLA wird immer gefährlicher – was tun die Verantwortlichen?

36 Prozent mehr Verletzungen als letzte Saison. Das Eishockey wird gefährlicher – und eine Lösung des Problems gibt es nicht. Aber eine Massnahme ist zwingend auf nächste Saison einzuführen.

11.01.16, 07:46 11.01.16, 09:44


Die «SonntagsZeitung» hat in ihrer neusten Ausgabe anhand der Spieltelegramme die Zahl der Verletzungen pro Club und Spiel ermittelt. Bei gleich viel absolvierten Partien wie letzte Saison haben die Verletzungen um 36 Prozent zugenommen. Sozusagen als Illustration dazu: Am letzten Freitag sind in der Zürcher Schulthess-Klinik gleich drei Nationalspieler operiert worden. Eric Blum (SCB), Morris Trachsler (ZSC) und Patrick von Gunten (Kloten).

Gemäss der «SonntagsZeitung» ist das Verletzungsrisiko in der NLA sogar grösser als in der NHL. Was durchaus seine Logik hat. Das Spiel in der NHL ist auf dem kleineren Eisfeld zwar viel intensiver. Aber keineswegs schneller. Die Lauf- und Tempoliga NLA ist wahrscheinlich sogar die schnellste Liga der Welt mit den heftigsten Zusammenstössen auf offenem Eis. Nach wie vor gibt es mehr Gehirnerschütterungen bei Checks auf offenem Eis als an der Bande.

Dennis Hollenstein muss nach einem harten Check gestützt werden.
Bild: TI-PRESS

Dieser dramatische Anstieg von Verletzungen hat viele Ursachen. Die wichtigste: die Beschleunigung des Spiels durch die vor zehn Jahren eingeführte Regelauslegung «Null Toleranz». Haken und Halten ist nicht mehr erlaubt. Freie Fahrt für schnelle Spieler. Aber die Aufprallenergien verstärken sich im Quadrat zum Tempo. Die Zusammenstösse werden immer heftiger.

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Ursachen. Der immer dichtere Spielplan mit immer mehr Partien, oft mit zwei in 24 Stunden. Die unzeitgemässe Einrichtung der Stadien. Nur Biel, Lugano und Lausanne haben die in der NHL und bei WM- und Olympiaturnieren längst üblichen flexiblen Banden, die beim Aufprall nachgeben.

IIHF-Präsident René Fasel, der höchste Hockey-Funktionär, hat kürzlich über einen unauflösbaren Widerspruch des Eishockeys gesprochen: die Kombination von Gut und Böse, von Kunst und rauem Handwerk. Es ist genau das, was Kanadas Nationaldichter Al Purdy (1918 – 2000) schon im letzten Jahrhundert zur martialischen und doch so treffenden Definition von Eishockey inspiriert hat: Eishockey sei eine Mischung aus Ballett und Mord. Der «Gotthelf des Eishockeys» schrieb in seinem Gedicht «Hockey Players» die Zeilen: «And how do the players feel about it/this combination of ballet and murder?»

Einerseits fasziniert beim Eishockey die Kunst. Die Beweglichkeit und das Tempo der Spieler mahnen durchaus an Ballett. Aber ebenso lebt Eishockey von der Faszination des Bösen. Der Wucht und Härte der Zweikämpfe, den Versuchen, eben diese Kunst zu «zerstören». Im Eishockey ist der direkte Körperangriff zwecks Eroberung des Pucks aber auch Einschüchterung des Gegenspielers ein erlaubtes, ja zentrales Element.

Krachende Checks sind schön anzusehen, bergen aber auch das Risiko für Verletzungen.
Bild: KEYSTONE

Zu den TV-Highlights gehören krachende Checks genauso wie elegant herausgespielte Tore und grandiose Torhüter-Paraden. Und wenn erst noch die Handschuhe fallen und richtig geboxt wird, braust Begeisterung durch die Arena.

Diese «Macho-Kultur» ist Erfolgsgeheimnis und Fluch des Eishockeys zugleich. Typisch dafür: Die grösste Sorge der NHL-Macher nach Einführung von «Null Toleranz» war die Furcht, Eishockey könnte den Ruf als harte, raue Sportart verlieren. Das wäre für die Gralshüter des Hockeys das Schlimmste. Immer wieder beschwören, ja zelebrieren ehemalige Spieler als «Angry Old Men» mit einfältigen Kommentaren diese Kultur des Bösen. Nur ja niemals den Eindruck erwecken, nicht «taff» zu sein.

Das Böse in Form von ausufernden Schlägereien ist inzwischen in allen wichtigen Ligen der Welt gebannt worden. Prügeleien mit allen Spielern («bench-clearing brawl») gibt es praktisch nicht mehr. Die «Goons», jene Spieler, die sich ihren Platz mit Fäusten und Provokationen erkämpfen, werden auf den Lohnlisten immer seltener.

Schlägereien, wie hier zwischen Sven Lindemann und Christopher Rivera werden immer seltener.
Bild: KEYSTONE

Das Böse hat heute eine andere, eine scheinbar legale, im Vergleich zur archaischen Härte der alten Schlägertypen beinahe klinische, aber viel gefährlichere Form als einst angenommen. Es ist die Wucht der Zusammenstösse, die dem Eishockey jenes destruktive Element gibt, das Al Purdy als «Mord» bezeichnet hat.

Die Nordamerikaner haben dieses Problem bereits seit längerer Zeit erkannt. Es gibt eine ganze Reihe von klugen Büchern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Etwa «Fighting the good Fight – why on-ice Violence is killing Hockey» von Adam Proteau. «Saving the game» von Mark Moore. «Grace under Fire» von Lawrence Scanlan, «The Code» von Ross Bernstein oder die Studie aus dem Jahre 2013 über Gehirnerschütterungen in der NHL von David Gowdey («Turning out the Lights»).

Dieses Böse ist ein Fluch, mit dem das Eishockey leben muss. Deswegen muss nicht gleich der Untergang des Hockey-Abendlandes ausgerufen werden. Im Grunde ist es wie beim Rennsport. Eine latente Gefahr bleibt und macht auch einen Teil der Faszination aus. Diese Gefahr kann durch vernünftige Massnahmen nicht vollständig gebannt, sondern nur verringert werden.

Dazu gehören laufende Verbesserung der Ausrüstungen, eine Terminplangestaltung, die mehr Rücksicht auf die Spieler nimmt, eine konsequente Bestrafung der Sünder bei Checks gegen den Kopf und noch besseres Training des Zweikampfverhaltens. Bereits vor mehreren Jahren ist ein Verbot für Checks in der neutralen Zone diskutiert worden. Aber dadurch würde der Charakter des Spiels einschneidend verändert. Eine Revolution, die alles ändert, ist nicht möglich. Nur eine Evolution.

Mit flexiblen Banden soll das Verletzungsrisiko bei Stürzen in die Bande gemindert werden.
Bild: KEYSTONE

Eine wichtige Massnahme, die von der Liga per Dekret bereits für nächste Saison zwingend eingeführt werden muss: flexible Banden in allen Nationalliga-Stadien. So wird zumindest bei Checks an der Bande das Verletzungsrisiko geringer.

Sie kosten pro Arena etwa 250 000 Franken. So viel kostet ein NLA-Zweitlinienspieler oder ein NLB-Ausländers. Wer dieses Geld für eine Massnahme zum Schutze der Spieler nicht aufbringen kann, hat in der Nationalliga nichts verloren. Und wenn die Klubs nicht handeln, werden die Versicherungsgesellschaften die Rechnung präsentieren. Mit immer höheren Prämien oder gar Haftungs-Ausschluss.

Egal-Memes Schweizer Eishockey

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Mclovin 11.01.2016 23:11
    Highlight Diese neuen Banden würden massgeblich zur senkung des Verletzungsrisikos führen.Aber ich sehe noch einen grösseren Faktor,speziell auf die Gehirnerschütterungen bezogen.Es gibt einfach zu viele verantwortungslose Spieler in dieser Liga die zuwenig hart bestraft werden.Spieler wie Wick (Genf) Scherwey oder Morant haben diverse male,Spieler mit unfairenChecks niedergestreckt und schwere Verletzungen in kauf genommen.Diese art von Checks gegen den Kopf oder verspättete Hits werden viel zu wenig gebüsst.Hier ist der Einzelrichter gefragt.Solche Wiederholungstäter müssen viel härter bestraft werden
    6 6 Melden
    • Dan Rifter 12.01.2016 07:17
      Highlight Du kannst zudem den halben HCD dazunehmen.
      Schneeberger dieses Wochenende war nur das letzte Beispiel.
      Ist ja gut und recht, dass Arno das "perfekte Hockey" zelebrieren will, basiert auf Tempo und Härte. Schlussendlich zeichnet sich das HCD-Hockey vor allem durch eines aus: Null Respekt vor der Gesundheit des Gegenspielers.
      Und SRF macht schön mit, siehe Kommentar von Bürer zur Charge von Schneeberger: "Hat ihn nur mit der Hüfte gecheckt, nicht etwa mit dem Ellbogen.. ist weniger schlimm, wie es aussieht, Nüssli hat nur eine Gehirnerschüfterung"
      Da krieg ich Plack von..
      14 2 Melden
    • henry76 13.01.2016 10:17
      Highlight Kommt noch dazu, dass wenn dann mal eine Spieler vom ER gebüsst wird, dann vielleicht mit CHF 1500.-
      Sorry aber diese Beträge sind ja absolut lächerlich für einen Profi-Hockey Spieler ! Meiner Meinung müssten hier viel höhere Strafen ausgesprochen werden.
      2 0 Melden
  • Almos Talented 11.01.2016 12:34
    Highlight Für mich muss ganz klar der Speed aus de m Dpiel genommen werden.
    Aber mal ganz ehrlich, ein Match zu Gordie Howes Zeiten ist zwar langsamer aber nicht weniger spektakulär.

    Um das Spiel zu verlangsamen, hab ich als erstes an die Wiedereinführung des Zweilinienpasses grdacht. 😄
    Aber stimmt auch due Null-Toleranz Regel hat wohl seinen Teil dazu beigetragen.

    In Interviews mit Gary Bettman wird allerdings ersichtlich, dass er mit den groben Dingen im Hockey nichts anfangen kann und kleine unauffällige Massnahmen ergreift, damit die Spieler selbst den Sport richtung Ballett bewegen.
    8 11 Melden
  • yves.l 11.01.2016 11:19
    Highlight Die Banden in Biel, Lausanne und Lugano sind genau so wenig flexibel wie vorher. Der Aufprall wird nur durch das Plexi gebremst. Da der Verband dem Hersteller aber die Lüge mit der flexiblen Bande abkauft, wird die Verletzungsrate nicht wesentlich sinken! Es gibt aber ein flexibles Bandensystem, das in Italien hergestellt wird. Hoffe das sich Vereine und Verband in Zukunft besser informieren, damit in Zukunft wirklich flexible Banden die Wucht der Checks dämpfen;-)
    21 6 Melden
  • Yotanke 11.01.2016 10:52
    Highlight Auch die Regel des Hybrid-Icings verschnellert das Spiel. Um das Tempo wieder in den Griff zu bekommen, müsste die "Null-Toleranz" wieder abgeschafft werden. Nicht schön anzusehen. Aber nur das bringt den Speed aus dem Spiel.
    8 25 Melden
  • henry76 11.01.2016 10:27
    Highlight Also wenn ich mich jetzt nicht täusche geben in Biel nicht Banden nach, sondern das Plexi ist "relativ" flexibel. Was auch bedeutet, dass auch mit den "neuen" Banden solche "Unfälle" wie mit T. Nüssli passieren können (ok, in Biel hat es keinen solchen Bandenabschluss-"Bömps" wie in Davos). :-(
    26 1 Melden

«Yes we can» – heute ist ein guter Tag, um Eishockeygeschichte zu schreiben

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