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Die Enttäuschung bei Torhüter Joren van Pottelberghe und Jonas Siegenthaler ist nach der Niederlage gegen Finnland grenzenlos. Bild: KEYSTONE

In einem Jahrhundertspiel im WM-Halbfinal gescheitert – wegen des Torhüters

Dieses U18-WM-Team ist die Mannschaft des Jahres 2015. Sie hat das WM-Finale in einem Jahrhundertspiel durch ein 4:5 n.V. gegen Finnland verpasst.

26.04.15, 09:42 26.04.15, 10:18

Ein Jahrhundertspiel? Ja, das ist es. In jeder Beziehung. Diese Dramatik. Dieser emotionale Gezeitenwechsel zwischen Ebbe (0:1), Flut (2:1), Ebbe (2:4), Sturmflut (4:4) und Ebbe (4:5). Diese Stimmung in der bis auf den letzten Platz besetzten Arena. 7015 Zuschauer: Nie zuvor haben in Europa so viele Menschen ein U18-WM-Spiel gesehen. Nicht in Schweden, nicht in Finnland, nicht in Russland. Und letztlich war es auch eine grandiose sportliche Leistung. Ein Wunder haben wir nicht erlebt. Aber ein wunderbares Spiel. Eben ein Jahrhundertspiel.

Zum ersten Mal ist es einer Schweizer Nationalmannschaft gelungen, im Rahmen eines Titelturniers in einem Playoff-Spiel in den letzten zwei Minuten zwei Tore aufzuholen. Coach Manuele Celio sagte denn auch, dies sei das aufwühlendste Spiel seiner zehnjährigen Trainerkarriere gewesen.

Was für eine Atmosphäre in der Zuger Bossard Arena. Bild: KEYSTONE

Es ist ein Jahrhundertspiel, weil es so eine Partie einer Schweizer Nationalmannschaft auf diesem Niveau noch gar nicht gegeben hat. Bis heute war bei jeder WM-Sensation der Torhüter die zentrale Figur. David Aebischer hexte die Schweizer 1998 zur U20-WM-Bronze. Er war der beste Torhüter des Turniers. 2001 erreichten wir mit Tobias Stephan den Final bei der U18-WM. Er war der beste Torhüter des Turniers. Beide haben es bis in die NHL geschafft.

Als Aussenseiter hatten sich die Schweizer bisher auf WM-Niveau um ihren Torhüter gescharrt und gegen spielerisch klar überlegene Gegner die Sensation erreicht. Die Paraden von David Aebischer und Tobias Stephan waren die Kraftquelle ihre Vorderleute. Sie flössten ihren Mitspielern Mut ein und am Ende bekamen alle den verdienten Lohn. 1998 WM-Bronze und 2001 WM-Silber.

Wundersame Aufholjagd bleibt unbelohnt

Dieses 4:5 n.V. gegen Finnland hat eine ganz andere, so noch nie erlebte Geschichte. Wie schon beim 5:0 im Viertelfinal gegen die Russen standen die Schweizer spielerisch und physisch auf Augenhöhe mit ihrem Gegner. Gegen die Russen lief alles nach dem taktischen Drehbuch. Dank günstigem Spielverlauf gelang ein Steigerungslauf, der schliesslich mit einem ab Spielmitte nie mehr gefährdeten 5:0 endete.

Gegen die Finnen läuft hingegen nichts mehr nach Drehbuch. Früher wären die Schweizer bei diesem Spielverlauf chancenlos gewesen. Früh im Rückstand (das 0:1 nach 76 Sekunden) gelingt ihnen zwar vorübergehend die Wende (2:1 in der 17. Minute). Aber schliesslich geraten sie in der 49. Minute durch das 2:4 scheinbar hoffnungslos in Rückstand.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Heute Nachmittag geht's gegen Kanada um Bronze. Bild: freshfocus

Die Schlussphase ist das Beste, was eine Schweizer Nationalmannschaft in diesem Jahrhundert auf WM-Niveau gezeigt hat. Nach 58:04 Minuten gelingt der Anschlusstreffer zum 3:4. Nach 58:20 Minuten nimmt Cheftrainer Manuele Celio Torhüter Joren van Pottelberghe vom Eis. Nach 59:19 Minuten gelingt der Ausgleich zum 4:4. Diese wundersame Aufholjagd vom 2:4 zum 4:4 ist ein riesiger Schritt nach vorne. Eine neue Dimension. Ein Jahrhundertspiel eben.

In der überlegen geführten Verlängerung stehen die Schweizer dem Sieg während eines Powerplays sogar näher. Denis Malgin und Jonas Siegenthaler verfehlen die Entscheidung um Zentimeter. Aber nach 65.19 Minuten ist alles aus. 4:5.

» Hier geht es zur Video-Zusammenfassung der Partie

Ein guter, aber kein grosser Torhüter

Zur Analyse gehört es, den Grund für die Niederlage zu nennen. Es sind nicht die vergebenen Chancen. Nicht die Scheibenverluste, die sich auch Leitwölfe wie Jonas Siegenthaler und Denis Malgin leisten. Es ist etwas anderes. Torhüter Joren van Pottelberghe war mit einer Fangquote von 82,14 Prozent ganz einfach nicht gut genug.

So ungerecht diese simple Feststellung im Mannschaftsport auch sein mag, so unfair gegenüber einem Einzelspieler – es ist, wie es ist: Die Schweizer haben dieses Jahrhundertspiel letztlich wegen einer ungenügenden Torhüterleistung verloren. Vier der fünf Gegentreffer waren nicht unhaltbar. Oder fairer gesagt: Ein grosser Torhüter – wie David Aebischer 1998 oder Tobias Stephan 2001 – hätten vier der fünf Treffer verhindert.

Joren van Pottelberghe sieht bei vier Gegentoren nicht sehr glücklich aus. Bild: freshfocus

Joren van Pottelberghe war kein schlechter Torhüter. Er war ein guter Torhüter. Aber eben kein grosser Torhüter. Und deshalb beginnt und endet jede Analyse bei ihm. Aber er hat noch viel Zeit, um ein grosser Torhüter zu werden.

Manuele Celio sagt, gegen Kanada werde noch einmal Torhüter Joren van Pottelberghe spielen. «Wir haben keine Alternative.» Er will das nicht als Kritik am Goalie verstanden wissen. Es ist einfach der Hinweis darauf, wie wenig Spielraum die Schweiz bei der Auswahl von Junioren-Nationalteams hat – die Mannschaft muss in der Regel ja aus zwei Jahrgängen (diesmal 1997 und 1998) rekrutiert werden – nur ein Spieler mit Jahrgang 1999 ist dabei. Nico Hischier. Er hat den Anschlusstreffer zum 3:4 erzielt und wird 2016 und 2017 zum Leitwolf des U18- Nationalteams reifen. Er kann einer der besten Schweizer Stürmer aller Zeiten werden.

Auf Augenhöhe mit den Grossen

Bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres muss dieses U18-Nationalteam ganz zuoberst auf der Liste stehen. Auch dann, wenn das Spiel um WM-Bronze heute Nachmittag gegen die Kanadier (15 Uhr in Zug) verloren gehen sollte.

Wird es den Schweizern gelingen, nach dieser dramatischen Niederlage noch einmal aufzustehen? Manuele Celio sagt: «Nach dem 5:0 gegen die Russen haben wir uns nur 20 Minuten Euphorie gegönnt. Jetzt dürfen wir nicht länger als 20 Minuten enttäuscht sein und für das Bronze-Spiel gegen Kanada wieder aufstehen.» Die Enttäuschung sei gross. Aber es gebe auch eine positive Sichtweise. «Wenn man uns vor dem Turnier angeboten hätte, am Sonntagnachmittag gegen Kanada um Bronze zu spielen, dann hätten wir sofort unterschrieben.»

Manuele Celio treibt seine Jungs mit viel Leidenschaft an. Bild: freshfocus

Diese U18-WM zeigt einmal mehr, wie stark unsere Hockeykultur ist. Wir haben etwas mehr als 13'000 Junioren. Die Finnen über 38'000, die Russen mehr als 81'000 und die Kanadier sogar eine gute halbe Million. Und doch sind wir dazu in der Lage, mit unserem beschränkten Potenzial eine Mannschaft zusammenzustellen, die gegen Russland und Finnland auf Augenhöhe spielt und im Turnier gleich weit gekommen ist wie die Kanadier.

Das mag zeigen, wie viel Leidenschaft, wie viel Fachwissen in den Nachwuchsorganisationen unserer Klubs steckt und wie gut in diesem Bereich auch im Verband gearbeitet wird. Unsere Ausbildungsprogramme gehören zu den besten der Welt.

Schweizer Meilensteine in der NHL

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Brikne, 20.7.2017
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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Staal 26.04.2015 12:15
    Highlight das Spiel hat uns gezeigt, dass sogar im Steuerstädtli Zug Stimmung herrschen kann. Wenn der EVZ nichts zu sagen hat mit seinem Kontrollwahn.

    grosse Spiele haben immer mit guten Goalies zu tun. SCB mit Tosio 1989, HCD mit Hiller & Genoni, ZSC mit Sulo..
    15 15 Melden
    • Peter_Griffin 26.04.2015 14:09
      Highlight Nicht mal wenn die Schweiz spielt schaffst du es die Clubbrille abzunehmen, schade..
      19 5 Melden
    • goldmandli 26.04.2015 15:20
      Highlight haha so klar, das so ein seitenhieb kommt, aber in anbetracht der coolen leistung gestern, soll es ihnen gegönnt sein, wenn man nicht viel im leben hat. ;)
      10 4 Melden
  • geistfrei 26.04.2015 09:55
    Highlight wieso nimmt ein routinier wie siegenthaler noch diesen völlig unnötigen schuss, zumal zwei finnen im weg stehen?! Ist doch klar dass es einen konter gibt. und weil er zwei minuten auf dem eis stand, hats nicht mehr gereicht, um den von der strafbank kommenden finnen zu stoppen. schade!
    35 4 Melden

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