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Bild: KEYSTONE

Über das Schweigen der Lakers kann man sich lustig machen – oder es als Warnung sehen

Die Lakers reden bis Saisonende nicht mehr. Die Versuchung des Spottes und der Häme ist gross. Doch Achtung: Die Geschichte lehrt uns, dass im Schweigen weltmeisterliche Kräfte innewohnen. 

02.04.15, 17:47

Die Hockey-Titanic der Lakers hat einen letzten Funkspruch abgesetzt. Gestern ist folgende Meldung hereingeflattert: 

«Damit sich die Spieler und Mitarbeiter der Lakers Sport AG vollumfänglich auf den Ligaerhalt konzentrieren können, hat der Verwaltungsrat heute entschieden, dass bis Saisonende weder Interviews geführt, noch Stellungnahmen abgegeben werden. Dies gilt insbesondere für alle Spieler, die Coaches, alle Staff-Mitglieder sowie die Sport- und Geschäftsleitung.»

Das Schweigen der Lakers. Gross ist nun die Spottlust des Chronisten. Ha, Spieler und Trainer sind am Ende ihrer Nervenkraft. Das Ende naht. Die Lakers sind inzwischen mental zerbrechlich wie ein billiges Plastik-Spielzeug. 

Sportchef Harry Rogenmoser darf auch nicht mehr über die Schiedsrichter motzen. Bild: Sandro Stutz/freshfocus

Darüber hinaus ist diese offizielle Mitteilung über die Medienruhe zu wenig präzis. Ist auch das Kommunizieren ohne Worte auch verboten? Was, wenn ein Spieler auf eine Frage eines Chronisten nach Trainer Anders Eldebrink zwar schweigt, aber grinsend den Stinkefinger zeigt oder den Vogel macht? 

Reklamieren schadet Lakers in heiklen Momenten nur

Der wahre Grund für das Redeverbot könnte auch sein, dass man auf diesem Wege erreichen will, dass die Spieler und Trainer gegenüber den Schiedsrichtern keine Stellungnahmen mehr abgeben. Mit diesem schlauen Schachzug wäre die notorische Reklamiererei endlich abgestellt, die den Lakers in heiklen Momenten bloss schadet. 

Der bösartige Chronist kann auch einfach alte Zitate ausgraben und genüsslich die in die aktuelle Berichterstattung einweben. Es gibt ein altes Zitat von Vize-Bandengeneral Michel Zeiter aus jener fernen Zeit, als noch geredet werden durfte. «Bei uns ist das Verlieren in die Kabinenwände eingedrungen. Wir bringen es nicht mehr raus.»

Reden dürfen die Lakers-Spieler nicht mehr zum Saisonende. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Häme wäre jetzt leichtsinnig

Aber diese Häme ist nicht nur unfair. Sie ist auch leichtsinnig. Die Sportgeschichte lehrt uns nämlich, dass ein «Medien-Blackout» oder die «Silenzio Stampa» wundersame Kräfte entfalten kann. Zur Warnung sei hier die Geschichte des ersten offiziellen Medienboykottes der Sportgeschichte kurz erzählt. 

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Italien schleicht sich bei der Fussball-WM 1982 mit drei Remis (0:0 Polen, 1:1 Peru, 0:0 Kamerun) durch die Vorrunde. Mit beschämend unattraktivem Fussball. Fast so wie sich die Lakers diese Saison durch Qualifikation, die Platzierungsrunde und die Playouts geschlichen haben.  

Das Unentschieden gegen Kamerun führt zum Eklat. Der Chronist Oliviero Beha von der römischen Tageszeitung «La Repubblica» mutmasst, die Italiener hätten mit dem französischen Trainer Kameruns das Resultat abgesprochen. Er recherchierte in Afrika, kann aber seine These nie beweisen, wird gefeuert – und sollte später beim Fernsehen zu einem der populärsten Sportjournalisten Italiens avancieren. 

WM 1982: Die Geburtsstunde der «Silenzio Stampa»

Ungeachtet aller Vorwürfe und mit nur drei Meisterschaftspartien Spielpraxis nach einer langen Sperre wegen eines Wettskandals nimmt Nationaltrainer Enzo Bearzot den Stürmer Paolo Rossi mit zur WM. Der «Skandal-Stürmer», mit dem gleichnamigen Töffrennfahrer nicht verwandt, bleibt in der Vorrunde ohne Treffer und hat auch in der Zwischenrunde gegen Argentinien Ladehemmung.  

Ihn werden den Lakers schmerzlich vermissen: Nicklas Danielsson. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Die italienischen Medien stürzen sich förmlich auf den umstrittenen Stürmer und lancieren Gerüchte über ein angebliches homosexuelles Verhältnis zwischen Paolo Rossi und Verteidiger Antonio Cabrini (Rossi hat später geheiratet. Aber nicht etwa Antonio Cabrini, sondern Simonetta, mit der er einen Sohn hat). Zudem heisst es, dass die beiden gemeinsam in Kneipen unterwegs gewesen seien, und nicht nur gemeinsam tränken, sondern auch Drogen nähmen. 

Der verschnupfte Enzo Bearzot reagiert in dieser kritischen Situation so wie mehr als 30 Jahre später die Lakers vor der Liga-Qualifikation gegen die SCL Tigers. Mit einer noch nie da gewesenen totalen Abschottung gegenüber allen Medien. Er gilt daher als Erfinder des sogenannten «Silenzio Stampa». Einem kollektiven Schweigen gegenüber allen Berichterstattern.  

Die unheimliche Kraft des Schweigens

Was dann passierte, ist eine Warnung der Geschichte an alle, die die Lakers wegen ihres «Medien-Blackouts» verhöhnen. Paolo Rossi schlägt auf seine Weise zurück: Erst schiesst er in der Zwischenrunde den Turnierfavoriten Brasilien mit drei Treffern ab (3:2), dann macht er im Halbfinale gegen Polen mit seinen Treffern den Sieg perfekt (2:0) und schliesslich leitet er den Finalsieg mit dem Führungstreffer gegen Deutschland ein (3:1). Plötzlich ist er Torschützenkönig der WM 1982 und Volksheld – und Italien Weltmeister.

Paolo Rossi: Als niemand mehr reden durfte, liess er Taten sprechen. Bild: AP

Wir sehen also, dass dem Schweigen auch eine unheimliche Kraft innewohnen kann. Zumal die Lakers ja auch in einem blauen Dress spielen wie die Italiener. Sie können allerdings, anders als die Italiener, nicht mehr Meister werden. 

Lakers sind ein «birebitzeli» zu favorisieren

Die Chronistinnen und Chronisten haben zwar in den letzten Wochen den Lakers bei weitem nicht so arg zugesetzt wie damals in Spanien bei der WM 1982. Aber ein neutraler Beobachter kann sich des Eindruckes nicht ganz erwehren, dass im Hinblick auf die Liga-Qualifikation gegen die SCL Tigers emmentaltischen Schreibstuben so etwas wie eine Kampagne gegen die Lakers entwichen ist. 

Lakers-Goalie Tim Wolf ist zwar nicht die Eishockey-Antwort auf den damaligen Weltmeister-Goalie Dino Zoff und nach der Sperre von Nicklas Danielsson haben die Lakers auch keinen Stürmer wie Paolo Rossi. Aber wenn wir diese Warnung der Geschichte beherzigen, dann müssen wir die Lakers nun wohl oder übel gegen die SCL Tigers fast ein «birebitzeli» favorisieren. 

Alle Schweizer Eishockey-Meister seit Einführung der Playoffs 1985/86

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    Alle Leser-Kommentare
  • Brian 02.04.2015 19:06
    Highlight Ich gehöre ja zu den ganz grossen KZ-Kritiker, versuche jedoch so objektiv wie möglich zu sein, daher mein Eindruck: Kompliment KZ, das ist jetzt wirklich ein sehr guter Beitrag und wieso? Ganz einfach, hier wird mal nicht polemisiert und provoziert sondern ein intelligenter Vergleich mit der Sportgeschichte erstellt. Wieso schreibst Du nicht immer so gut? Fahre weiter so, das ist meine Empfehlung.
    25 1 Melden

Das wären die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

Die Eishockey-Sprache ist englisch: Crosscheck, Slot und Butterfly-Goalie, Boxplay, Icing und Emptynetter. Auch die Schweizer Ligen heissen nicht mehr Nationalliga A und B, sondern National League und Swiss League. Nur die Klubs haben immer noch ihre alten Namen.

Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

* Update: User weisen darauf hin, dass der richtige Plural «mice» lautet. Das ist natürlich korrekt. Da ein kleiner Fehler zum …

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