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Um Paulo Sousa ist nach zwei Niederlagen mit dem FCB schon eine Diskussion entbrannt. Bild: KEYSTONE

Kommentar zum FCB-Trainer

Warum es kompletter Unsinn ist, jetzt schon an Paulo Sousas Stuhl zu sägen

Nach zwei Niederlagen innert vier Tagen gegen GC und Real Madrid werden bereits die Kanonen gegen FCB-Trainer Paulo Sousa in Stellung gebracht. Dabei geht glatt vergessen, dass er den erfolgreichsten Saisonstart seit Christian Gross verbucht hat.

18.09.14, 15:19 18.09.14, 19:21

Politiker haben die Angewohnheit, nach 100 Tagen im Amt eine erste Bilanz zu ziehen. So viel Zeit bleibt einem Fussballtrainer selten. Vor 79 Tagen hat Paulo Sousa beim FC Basel seine Arbeit angetreten und schon jetzt hat die Liaison erste Kratzer im Lack.

Da waren noch alle frisch verknallt: FCB-Präsident Bernhard Heusler mit Paulo Sousa bei dessen Amtsantritt im Juni.   Bild: KEYSTONE

Das Muster erinnert an eine moderne Grossstadtbeziehung und wird vielen Menschen aus ihrem eigenen Privatleben bekannt vorkommen: Die Sache mit dem alten Partner, in diesem Falle Murat Yakin, war nur noch zermürbend und nicht mehr zu retten. Dann steht der Neue auf der Matte – und ist auf den ersten Blick einfach perfekt. Er sagt kluge Dinge, verspricht eine goldene Zukunft – und dabei sieht er auch noch unverschämt gut aus. Kurz, man ist ein bisschen verknallt.

«Kurz, man ist ein bisschen verknallt.»

Irgendetwas ist fast immer

Leider folgt die erste Ernüchterung meist eher früh als spät. Ein verpatztes Date, die doofen Freunde, irgendetwas ist fast immer. Beim FC Basel sind es zwei Klatschen innerhalb von vier Tagen. Erst die unerwartete, nach einem pomadigen Auftritt beim krisengeschüttelten GC – und dann die vorhersehbare, aber nicht minder schmerzhafte, beim Giganten Real Madrid.

Landsmann Cristiano Ronaldo hat Paulo Sousa den Abend im Bernabeu gründlich versaut. Bild: EPA/KEYSTONE

In dieser Phase neigt man dazu, seinen Schwarm plötzlich überkritisch zu betrachten. Quatscht der eigentlich nur oberflächliches Zeug? Ich hasse es, wie er beim Essen schmatzt – und wie ist der überhaupt angezogen? Ob das mit uns überhaupt eine Zukunft hat?

«Ob das mit uns überhaupt eine Zukunft hat?»

Die Krisen-Küche wird angeheizt

Rund um den FC Basel werden nach dem missglückten Ausflug nach Madrid vor allem durch die Medien zwei Krisen-Süppchen auf viel zu hoher Flamme gekocht. Das erste ist die vermeintliche Vertrauensfrage. Im tiefen Bauch des Bernabeu hat sich Sousa nach der Demütigung durch Real an seine Mannschaft gewandt. Er sei trotz der Ohrfeige überzeugt, dass man auch gegen übermächtige Gegner mutig mitspielen solle, statt sich einzuigeln. Ob die Spieler das genau so sehen und mit ihm weiter diesen Weg gehen möchten? Die Mannschaft hat geschlossen zugestimmt.

Paulo Sousa sah nach der Pleite von Madrid Gesprächsbedarf. Bild: Valeriano Di Domenico/freshfocus

Der Trainer selbst hat die Öffentlichkeit freimütig über diese Episode ins Bild gesetzt. Es ist anzunehmen, dass er darin auch eine Rechtfertigung für seine missglückte Taktik sieht. Sportchef Heitz und Captain Streller erklären vor dem Rückflug, dass es keine Vertrauensfrage war, sondern nur ein rhetorischer Trick. Der Trainer wollte damit die vom 500-Millionen-Sturm mit Ronaldo, Bale und James zerzauste Mannschaft wieder aufbauen. Doch das möchten die Beobachter schlicht nicht hören. Vom Rhein bis an die Rhone wird die Geschichte mit Bedeutung aufgeladen, die sie höchstwahrscheinlich nicht hat.

Was soll der Flirt mit Portugal?

Das zweite Süppchen ist da schon würziger. Vor sieben Tagen ist Sousas Landsmann und Namensvetter Paulo Bento nach der schlechten WM und dem verpatzten Auftakt zur EM-Quali gegen Albanien als portugiesischer Nationaltrainer zurückgetreten. Der Verband sucht fieberhaft nach einem Nachfolger, denn schon am 14. Oktober steht der nächste Ernstkampf gegen Dänemark an.

«Portugals Verband hat sehr fähige Leute, um das Profil des neuen Trainers zu definieren.»

Paulo Sousa

An der Pressekonferenz nach dem Real-Debakel wird Paulo Sousa auf den freien Posten angesprochen. Wäre er nicht eine gute Option? Die Antwort: «Portugals Verband hat sehr fähige Leute, um das Profil des neuen Trainers zu definieren. Ich glaube, sie werden die Entscheidung treffen, welche die beste für die Nationalmannschaft ist.» Ein «Nein» tönt definitiv anders.

Paulo Sousa will sich an der Pressekonferenz nach dem Madrid-Debakel nicht von der portugiesischen Nati distanzieren.  Bild: Andres Kudacki/AP/KEYSTONE

Doch auch dieses Intermezzo darf man nicht überbewerten. Es ist nicht besonders schlau, zu Beginn einer Beziehung schon fremd zu flirten – doch natürlich schmeichelt es Sousa, wenn er als Kandidat bei jener Nati gehandelt wird, bei der er selbst 51 Mal im Einsatz stand. Er ist nicht der erste Trainer, der sich nicht von solchen Gerüchten distanziert - weil sie schlichtweg seinen Marktwert erhöhen.

Nur ist Portugals Verband an einer schnellen Lösung interessiert, zu welcher der FC Basel mitten in einer Champions-League-Kampagne niemals Hand bieten wird. Als aussichtsreiche Kandidaten werden vor allem Griechenlands Ex-Trainer Fernando Santos und U21-Coach Rui Jorge gehandelt. Dazu kommt mit Leonardo Jardim eine Option, die gerne bei der von Finanzsorgen geplagten AS Monaco von Bord gehen würde.

Ja, es gibt viele Irritationen ...

Es wäre Unsinn zu behaupten, dass der Himmel zwischen dem FC Basel und Sousa voller Geigen hängt. Dazu hat der 44-jährige Portugiese in seiner kurzen Amtszeit für viel zu viele Irritationen gesorgt. Weil er durch seine dauernden Rochaden und Systemwechsel eine klare Handschrift vermissen lässt und mit extensiver Phrasendrescherei an Pressekonferenzen aufwartet - oder die Öffentlichkeit gleich ganz vom Trainingsgelände aussperrt. Auch indem er die Spieler zwingt, täglich mit der Mannschaft, statt mit ihren Familien zu frühstücken und sie sogar im Schlaf mit Pulsmessern überwachen lässt. Er irritiert die Medien, weil er bei Auswärtsfahrten wie nach Madrid den Kontakt mit der Mannschaft grösstenteils verbietet. Einige Spieler sind angesäuert, weil der Trainer ihnen das Trikot von Cristiano Ronaldo wegschnappt, sie nach 36 Minuten demonstrativ auswechselt - oder sie aufgrund der riesigen Konkurrenz gar auf die Tribüne setzt.

FCB-Topskorer Shkelzen Gashi bleibt angesichts der grossen Konkurrenz gegen Real Madrid nur die Reservistenrolle.   Bild: AFP

... aber die Zahlen sprechen für sich

Doch am Ende zählen beim FC Basel zwei Dinge: Erfolg und Spektakel. Diese hat Sousa bisher geliefert – und das geht in der aktuellen Diskussion schlicht vergessen. Der Meister hat in der Liga den besten Saisonstart seit sechs Jahren hingelegt: Yakin, Vogel und Fink waren immer schlechter – nur die Startbilanz von Christian Gross aus dem Jahr 2008 hat Sousa nicht geknackt. 

«Yakin, Vogel und Fink waren zum Saisonstart immer schlechter.»

Am Titel der letzten Saison wurde zudem hauptsächlich bemängelt, dass die Mannschaft unter Yakin spektakelfrei 15 Mal nur unentschieden spielte – unter Sousa steht diese Zahl nach knapp einem Viertel der Meisterschaft bei null und die Mannschaft hat durchschnittlich 2,375 Treffer pro Spiel erzielt. 

Wenn der FC Basel in den Matches gegen Liverpool und Ludogorets keine Erfolgserlebnisse verbucht – oder bis zur Winterpause den Anschluss an die Spitze der Super League verliert, dann kann man die Messer wetzen. Dann darf und muss sich die Klubführung auch fragen, ob die Beziehung mit Sousa sie wirklich glücklich macht. Wenn sie es jetzt schon täte, dann wäre das ziemlich voreilig und flittchenhaft.

Saisonstarts des FC Basel nach acht Runden

Saison 14/15 mit Paulo Sousa: Rang 2, 19:12 Tore, 18 Punkte
Saison 13/14 mit Murat Yakin: Rang 3, 14:8 Tore, 15 Punkte
Saison 12/13 mit Heiko Vogel: Rang 4, 12:8 Tore, 13 Punkte
Saison 11/12 mit Thorsten Fink: Rang 3, 16:12 Tore, 12 Punkte
Saison 10/11 mit Thorsten Fink: Rang 4, 16:12 Tore, 14 Punkte
Saison 09/10 mit Thorsten Fink: Rang 7, 10:13 Tore, 9 Punkte
Saison 08/09 mit Christian Gross: Rang 1, 19:7 Tore, 21 Punkte

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jol Bear 18.09.2014 20:26
    Highlight Die Trennung von Yakin konnte nicht auf mangelhaften Erfolg zurückgeführt werden. Man wollte attraktiveren, "mehrheitsfähigen" Fussball sehen, fühlte sich in der Schweiz in einer unantastbaren vorteilhaften Situation und in der Lage nur noch an ästhetischen Details feilen zu müssen. Sie sind etwas der Abgehobenheit anheim gefallen, waren (nicht zuletzt dank Yakin) zu erfolgsverwöhnt. Den möglichen Misserfolg, die Stärke der Gegner hat man unterschätzt. Man landet dann unerwartet schnell auf dem Boden der Realität. Trotzdem sollen sie am eingeschlagenen Weg festhalten. Angesichts des Kaders sollte zumindest in der Super-League die Schwächephase nicht allzu lange andauern. Und wenn es dann doch nicht zum Titel reichen sollte, um so interessanter für die restliche Fussballgemeinde.
    2 1 Melden
    • Vladtepes 19.09.2014 00:28
      Highlight Ich stimme Ihnen teilweise zu, aber wenn Sie den "attraktiveren Fussball" erwähnen, den man durch die Verabschiedung Yakins und die Neuverpflichtung von Sousa erzielen wollte, dann muss man erstens derzeit sagen, dass dies noch in keiner Weise gelungen ist und zweitens dass sich Fussball und seine Resultate vor Allem an der Effizienz messen. Die mir beim FCB mit einer 0:2 Heimniederlage gegen SG und einer auswärtigen durch 4:1 beim bescheidenen GC (und dem blamablen Abschneiden in Madrid) doch so ziemlich abzugehen scheint....
      1 0 Melden
  • Vladtepes 18.09.2014 16:19
    Highlight Es geht hier nicht einfach um den Saisonstart, sondern um die grundsätzliche Inkompatibiltät des Portugiesen mit dem FC Basel. Die Geschichte mit Schär zeugt von genauso wenig von Fingerspitzengefühl, wie Captain Strellers Platznahme auf der Reservebank. Kommt sein stetes Gestikulieren am Feldrand statt im Training hinzu. Der Autor vergisst bei der Aufzählung der aktuellen Niederlagen doch elegant die erste Heimniederlage seit Langem gegen St. Gallen (0:2). Diejenige gegen das sehr bescheidene GC mit 4:1 war geradezu ein schlechter Witz. Was für Sousa bei Maccabi Tel Aviv reichen mag, ist für den FCB nicht gut genug. Und so trauert man Erfolgstrainer Murat Yakin doch nach.
    2 16 Melden

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