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Auch nach anderthalb Jahren hat Yoichiro Kakitani beim FC Basel noch nicht Fuss gefasst. 
Bild: Nick Soland/freshfocus

Lost in Translation: Wie Japan-Sternchen Yoichiro Kakitani beim FC Basel verglüht ist

Mit der Verpflichtung von WM-Teilnehmer Yoichiro Kakitani hat der FC Basel im Sommer 2014 einen regelrechten Japan-Hype ausgelöst. Mittlerweile sind die Journalisten und Fans aus Fernost verschwunden und das Experiment mit dem Angreifer steht vor dem Abbruch.

17.12.15, 10:10 28.12.15, 13:37

Der Satz ist ein Klassiker bei Liebeskummer: «Ach Schätzchen, er war eh nicht der Richtige für dich. Das habe ich doch schon ganz am Anfang gespürt.» Selten hat das Bonmot so gut gepasst wie bei der gescheiterten Liaison zwischen Yoichiro Kakitani und dem FC Basel.

Wir schreiben den 2. August 2014. In der Thuner Stockhorn Arena gibt der neue FCB-Import aus Fernost sein heiss ersehntes Debüt für Rot-Blau. Sechs Minuten nach seiner Einwechslung steht 1,77-Meter-Mann Kakitani bereits im Mittelpunkt: Der Wirbelwind lässt die gegnerische Abwehr stehen und stürmt solo auf Thun-Goalie Christian Leite zu. Im Strafraum reisst ihn Stefan Glarner von hinten an der Schulter zurück – ein glasklarer Penalty.

Stefan Glarner bringt Yoichiro Kakitani bei dessen FCB-Debüt penaltyreif zu Fall. 
Bild: KEYSTONE

Nur Schiedsrichter Alain Bieri sieht das anders. Seine Pfeife bleibt stumm. Kakitani sitzt auf dem Rasen und reisst ungläubig die Augen auf. Er sucht das Gespräch mit dem Referee – ein Unterfangen, das spektakulär zum Scheitern verurteilt ist: Der Japaner spricht kein Wort Deutsch, Englisch oder eine sonstige Fremdsprache. 9583 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Osaka muss sich der damals 24-Jährige nach seiner ersten grossen Szene im europäischen Fussball wie der einsamste Mensch auf Erden vorkommen.

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Zwei Millionen für einen Popstar

Die Verständigungsprobleme im Berner Oberland bilden nur den Auftakt zum gnadenlosen Abstieg, den Kakitani in den folgenden 16 Monaten erdulden muss. Dabei hatte man seine Verpflichtung am Rheinknie als einen der grössten Transfercoups der Vereinsgeschichte gefeiert.

Und das nicht zu Unrecht, wie die Vorgeschichte zeigt: Während der Angreifer mit Japan an der WM in Brasilien zwei Kurzeinsätze absolviert, setzt sich der FC Basel im Buhlen um seine Gunst gegen hochkarätige Konkurrenz wie Dortmund, Bremen und Fiorentina durch. Für die zwei Millionen Franken, welche die Bebbi an Kakitanis Stammklub Cerezo Osaka überweisen, bekommen sie ein komplettes Unterhaltungspaket.

An der U17-WM trifft Kakitani aus 50 Metern gegen Frankreich. Das Tor hat die Millionen-Marke auf YouTube geknackt.
YouTube/regista2006

Denn der Nationalspieler mit dem kecken Kleiderstil geniesst in seiner Heimat Popstar-Status. Bereits mit 16 Jahren unterschreibt er als jüngster Profi in der Historie von Cerezo Osaka seinen ersten Vertrag und bucht mit einem kurzen Umweg über die zweite Liga 61 Tore in 216 Pflichtspielen. Jeder japanische Fussballfan kennt seinen 50-Meter-Treffer an der U17-WM 2007 und die neueren Schwänke aus seinem Leben flimmern sogar in einer Reality-Sendung mit dem unmissverständlichen Namen «Yoichiro Kakitani TV» über den Sender.

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Japan-TV zeigt den FCB live

Die Heldenverehrung schwappt nach dem Transfer sofort über in die Schweiz. Zwei Dutzend Nippon-Journalisten machen Kakitanis Vorstellungs-PK zur grössten in der FCB-Geschichte. Einige bleiben gleich fest in Basel stationiert, um den Landsleuten die Details des anstehenden Eroberungsfeldzugs hautnah zu rapportieren. Auch finanziell trägt das Investment ohne Verzögerung Früchte: Ticket- und Trikotbestellungen aus Fernost trudeln auf der FCB-Geschäftsstelle ein, der japanische Bezahlsender «SKY PerfecTV» sichert sich die Rechte an der Super League für eine halbe Million Franken. SFL-CEO Claudius Schäfer jubelt: «Davon profitiert die ganze Liga.»

Japanische Fans reisen für Popstar Kakitani um die halbe Welt.
Bild: fcb.ch

Einzig FCB-Präsident Bernhard Heusler tritt zu diesem Zeitpunkt gewohnt durchdacht auf die Euphorie-Bremse. Die schlagartige Bekanntheit in Asien ist für ihn «nur ein schöner Nebeneffekt» – in erster Linie habe man sich über ein halbes Jahr intensiv um den neuen Star bemüht, weil man von seinem spielerischen Können überzeugt sei.

Und dieses wird dem filigranen Techniker zu Beginn auch von Paulo Sousa attestiert: «Er ist ein sehr intelligenter Spieler und versteht das Spiel sehr schnell.» Dumm nur – für Kakitani, dass sich die Einschätzung des Trainers sehr bald ändern wird. Im zweiten Spiel gegen den FC Zürich trifft Kakitani noch – die japanischen Journalisten und die eingeflogenen Fans rasten komplett aus. Doch nur vier Spieltage später findet sich ihr Held bereits dauerhaft auf der Ersatzbank wieder.

Japanische Transparente sind in Basel mittlerweile selten geworden.
Bild: Urs Lindt/freshfocus

Drei Tore und läppische 550-Super-League-Minuten stehen für Kakitani am Ende der Meister-Saison 2014/15 zu Buche – dazu drei biedere Kurzeinsätze in der Champions League. Einzig im Cup kann der Angreifer glänzen: Gegen Leichtgewichte wie Wohlen und Münsingen steht er in der Startaufstellung und schiesst vier Tore. Auch Kakitanis Landsleute sind enttäuscht: Die Berichterstatter ziehen ab und im Oktober 2014 kommt Kakitani zu seinem 16. und bisher letzten Nationalmannschaftseinsatz.

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Mit dem Dolmetscher ins Offside manövriert

Aus dem Umfeld der Basler heisst es damals, das Tischtuch zwischen Sousa und dem japanischen Sorgenkind sei zerschnitten. Kakitani würde aufgrund der Sprachbarriere die komplexen Ideen seines Trainer nicht verstehen. Daraufhin habe Sousa ihn wochenlang mit Nichtbeachtung gestraft.

Der Klub selbst scheint an der Ursache dieses Problems nicht unschuldig zu sein. Rückblickend gesteht man beim Meister ein, dass es wohl keine gute Idee war, Kakitani rund um die Uhr von einem Dolmetscher betreuen zu lassen. Bis heute spricht der Spieler kaum Deutsch und nur sehr wenig Englisch.

Kakitanis persönlicher Dolmetscher folgt dem Spieler seit seiner Ankunft auf Schritt und Tritt.
Bild: Urs Lindt/freshfocus

Zudem hat Kakitani eigenbrötlerische Tendenzen. Landsmann Yuya Kubo von den Young Boys erzählt in der «Berner Zeitung»: «Ich habe einige Male versucht, ihn zu kontaktieren. Er antwortet nicht. Warum, weiss ich auch nicht.» Viel lieber vergräbt sich Kakitani in seiner Wohnung in Oberwil. Wenn er nicht schläft, dann schaut er japanische Serien, kocht aufwändige Menüs und telefoniert mit seinen Freunden in der Heimat. «Ich bin eben lieber allein. Das war schon immer so», erklärt er lapidar. Anschluss findet er so nicht. Dass Luca Zuffi sein bester Freund in der Mannschaft sei, «weil wir beide gerne Handy-Games spielen», spricht Bände über Kakitanis Isolation.

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Auch der Trainerwechsel hilft nicht

Aufgrund der sportlichen und sozialen Misere steht eine Rückkehr in die Heimat bereits im vergangenen Sommer zur Debatte. Doch als der Stürmer in den Ferien erfährt, dass Paulo Sousa zu Fiorentina wechselt, entschliesst er sich zu einem zweiten Anlauf beim FCB.

Unter Urs Fischer spielt der Japaner in der Vorbereitung wie verwandelt und belebt das Basler Offensivspiel. Bald gilt er als Geheimtipp für einen verspäteten Durchbruch. Auch den körperlichen Defiziten hat Kakitani mit dem Aufbau von drei Kilogramm Muskelmasse den Kampf angesagt.

Immer noch mit Dolmetscher: Nach Urs Fischers Amtsantritt nimmt Kakitani einen neuen Anlauf.
Bild: freshfocus

Doch auch die Hinrunde seiner zweiten Saison in Basel verkommt zum Desaster. Gleich zum Saisonstart setzt ihn ein hartnäckiger Bluterguss ausser Gefecht. Damit ist Kakitanis frisch erkämpfter Stammplatz auch schon wieder futsch. Nur vier Mal läuft er bis zur Winterpause in der Liga auf und bleibt auf einem mickrigen Törchen sitzen. Im Cup darf der Japaner wieder regelmässig gegen unterklassige Gegner ran, findet aber sogar dort in manch robustem Amateur-Verteidiger seinen Meister.

Kakitanis Kontrakt beim FCB läuft noch bis 2018 und weiterhin erscheint er Lichtjahre von der Mannschaft entfernt. Zeit, endgültig die Notbremse zu ziehen? Eine entsprechende Lösung hat Sportchef Georg Heitz kürzlich angedeutet: «Im Winter sitzen wir zusammen und besprechen seine Zukunft. Es ist nicht in unserem und nicht in Kakitanis Sinne, dass es bis Vertragsende so weitergeht.»

Seine Fähigkeiten kann Yoichiro Kakitani meistens nur im Trainingsanzug demonstrieren. 
Bild: Christian Pfander/freshfocus

In der Heimat würde Kakitani wohl weich landen. Cerezo-Präsident Minorou Tamada hat gegenüber japanischen Medien bereits die Absicht geäussert, den verlorenen Sohn zurückzuholen. Eines der grössten Missverständnisse der vergangenen Jahre im Schweizer Fussball würde so wenigstens noch ein würdiges Ende finden.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • teha drey 17.12.2015 16:22
    Highlight Schade, wirklich schade. Ich hatte viel Freude und Spass an der Spiel-Art von Kakitani und hätte ein Vermögen verwettet, dass der Kerl den FCB rockt. - Was die Trainer angeht, dann denke ich, können wir, die Aussenstehenden, nicht wirklich beurteilen, wie der Japaner als Arbeitnehmer war. Es gibt auch im Nicht-Fussball-Leben Mitarbeiter, die wären an sich gut, sind aber weder für ein Team noch für den Korpsgeist tragbar.
    13 0 Melden
  • Jasch77 17.12.2015 16:14
    Highlight Was ist mit Ivan Rakitic (in der Bildstrecke)? 18mio von sevilla zu Barca;)
    2 4 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 17:50
      Highlight Der spielt für Kroatien und gilt somit nicht als Schweizer. Watson hätte vielleicht "Schweizer Nationalspieler" schreiben sollen, dann wäre es klarer gewesen.
      9 0 Melden
  • The_Doctor 17.12.2015 16:07
    Highlight @cramregan
    Falls sie mich meinen: Niemand freut sich hier am Unglück anderer. In meinem Kommentar geht es nur um die japanische Push-Meldung, die so bei Watson nicht alltäglich ist. Und jeder, der auch nur im Ansatz weiss, wie Katakana eingesetzt und vor allem gelesen werden, erkennt sofort die Pointe. Google Translate hilft hier für einmal halt nicht wirklich weiter...
    2 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 14:04
    Highlight Kurz: Das nennt man Verheizen von Hochtalentierten durch schlechte (Sousa) und durchschnittliche (Fischer) Trainer!
    17 23 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 15:09
      Highlight Schön gesagt....:-)
      7 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 13:57
    Highlight Es ist wohl glasklar, dass Sousa - meiner Meinung nach ein sehr unterdurchschnittlicher Spieler und Trainer (man studiere seinen Werdegang auf Wikipedia!), auch wenn er im Moment bei der Fiorentina Glück hat - zu sehr grossen Teilen Schuld trägt am "Absturz" des japanischen Riesentalents. Auch Forte gibt ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit, weder Chancen, sich zu bewähren. Traurig, denn gerade junge Talente brauchen sehr viel Verständnis und Aufmerksamkeit. Das hat der FCB verbockt, weil er nie bereit war, die nötige Zeit zu investieren. Unter einem Coach wie Tuchel wäre Kakitani aufgeblüht!
    3 32 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 17.12.2015 14:02
      Highlight Die Aussagen unterschreibe ich. Hat sich nur ein kleiner Fehler eingenistet. Der FCB Trainer ist Fischer, nicht Forte :-)
      11 2 Melden
    • TanookiStormtrooper 17.12.2015 14:08
      Highlight Uli Forte ist wirklich ein gemeiner Kerl! Er hat Kakitani NIE spielen lassen, nicht mal im Training durfte er mittun. Zu seiner Verteidigung muss man aber auch sagen, dass Forte nie beim FCB war... ;)
      38 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 17:20
      Highlight Als ob ich das nicht wüsste, ha, ha, ha, (siehe oben, siehe unten). Du hast Dich wohl noch nie verschrieben oder versprochen!? Aber es ist einfach sooooo schön, bei anderen Fehler zu entdecken.
      1 13 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 18:05
      Highlight Die FCB-Fans sind aber ein sehr empfindliches Völkchen. Nicht mal die Fähigkeiten ihrer Trainer darf man in Frage stellen! Bedenklich!
      1 11 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 21.12.2015 08:42
      Highlight Ah come on... Wir haben keineswegs an deiner Intelligenz gezweifelt, nur ein bisschen Spass gemacht ;-) Und ich für meinen Teil bin alles andere als ein FCB-Fan und stimme mit deiner Aussage völlig überein.
      Schreibfehler und Versprecher passieren jedem mal und jeder wurde darum schonmal hoch genommen, ob real oder virtuell. ;-) Nicht zu ernst nehmen ;-) Das Internet ist voll mit Grammar-Nazis
      1 0 Melden
  • Almos Talented 17.12.2015 11:09
    Highlight Aber eine wirkliche chance hat er weder von sousa noch von fischer bekommen.
    und mit einer richtigen chance meine ich etwa 5 oder 6 spiele hintereinander in der startaufstellung. sonst kannst du dich mMn nicht beweisen.
    62 4 Melden
    • xlt 17.12.2015 11:50
      Highlight So eine Chance erhält aber kaum ein junger Spieler. Aufdrängen musst du dich im Training und in den Teileinsätzen (sofern man sie natürlich erhält).
      29 1 Melden
  • Damien 17.12.2015 11:08
    Highlight "Daraufhin habe Sousa ihn wochenlang mit Nichtbeachtung gestraft."

    #dickmove
    52 1 Melden
  • The_Doctor 17.12.2015 10:34
    Highlight オーバーとアウト 😂
    23 3 Melden
    • Martin4127 17.12.2015 12:54
      Highlight Können so viele Watson User Japanisch??
      6 1 Melden
    • maxi 17.12.2015 13:01
      Highlight google übersetzer kennsch?
      11 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 14:08
      Highlight Sich am Unglück anderer zu freuen, ist so ziemlich das größte Armutszeugnis, das es gibt. Sie tun mir leid...
      1 8 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.12.2015 15:11
      Highlight 負け組
      7 1 Melden

Alle sagen, moderner Fussball sei super. Ich sage: Im modernen Fussball haben sich Saumoden eingenistet, die mich laufend kotzen lassen

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