Sport

Franz Beckenbauer: Aus der Licht ist eine Zwielichtgestalt geworden. Bild: EPA DPA FILE

Wenn Götter aus dem Himmel fallen – 500 Jahre nach dem «Schwabenkrieg» wollen Eidgenossen den letzten deutschen Kaiser stürzen

02.09.16, 14:13 02.09.16, 14:30

Und jetzt auch noch Du, heiliger Franz. Dahin ist unsere letzte Lichtgestalt. Die eidgenössische Bundesanwaltschaft hat ein Verfahren auch gegen Kaiser Franz Beckenbauer eröffnet. Er wird der Geldwäscherei, der ungetreuen Geschäftsbesorgung und der Veruntreuung beschuldigt.

Michael Franck schrieb vor mehr als 300 Jahren Kirchenlieder. Aber er kannte sich auch in der Welt aus und reimte:

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig

Ist der Menschen Ehre

Über den, dem man hat müssen

Heut die Hände höflich küssen,

Geht man morgen gar mit Füssen!

Joâo Havelange war es noch vergönnt, in Ehren alt zu werden. Als letzter Vertreter einer Generation, die allmächtig schien und jedes böse Gerücht, ja sogar jeden Versuch einer Anklage wegzulächeln oder – bei Bedarf – wegzudrohen vermochte. Der Brasilianer war der Architekt des Systems FIFA, wie wir es nun kennen. Ziehvater von Sepp Blatter. Er ist während der Olympischen Spiele in Rio im Alter von 100 Jahren gestorben.

Franz Beckenbauer mit Joao Havelange und den restlichen ehemaligen FIFA-Machthabern. Bild: KEYSTONE

Längst sind die Mächtigen der Politik aus dem Himmel gefallen. Sogar Staatsoberhäupter räumen unfreiwillig Thron oder Büro. König Eduard VIII. musste abdanken, weil er mit Wally Simpson eine geschiedene Amerikanerin ehelichte. Richard Nixon kam durch Rücktritt einem Amtsenthebungsverfahren zuvor. Elisabeth Kopp, unsere erste Bundesrätin, verlor ihr Amt am Telefon. In frischer Erinnerung ist uns der Sturz des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Und soeben ist die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff des Amtes enthoben worden.

Bundesanwaltschaft packt die Hellebarde aus

Die Titanen des Sportes sind uns als letzte Lichtgestalten geblieben. Weisse Ritter. Weltweit verehrt wie die Eiskönigin Katarina Witt oder Pelé, zum Ritter geschlagen wie der Läufer Sebastian Coe, allseits beliebt wie Toni Sailer, Jean-Claude Killy, Bernhard Russi oder Köbi Kuhn.

Gerade im Deutschland der Nachkriegszeit sind Fussballhelden zu Fixsternen am Firmament der Öffentlichkeit geworden. Sepp Herberger, Fritz Walter, Helmut Schön, Uwe Seeler, Günter Netzer – und über allen Franz Beckenbauer. Kaiser. Lichtgestalt. Legende. Leuchtturm. Weltmeister als Spieler. Weltmeister als Trainer. Gallionsfigur der WM 2006 in Deutschland. Neben Altkanzler Helmut Schmidt die personifizierte Glaubwürdigkeit.

Was für ein Durcheinander! Darstellung des Schwabenkriegs von P.P.W um 1500. bild: wikipedia

Beckenbauer schien über den Dingen zu stehen. Wenn der Kaiser sagte, alles sei in bester Ordnung, beispielsweise rund um die WM 2006, dann glaubten ihm auch alle. Selbst die Enthüllungen des Magazins Der Spiegel rund um die Vergabe dieser WM nach Deutschland vermochten dem Kaiser noch nichts anzuhaben. Und der «Spiegel» gilt als Sturmgeschütz der Demokratie. Wer könnte ihm etwas übel nehmen?

Ja, wer? Die Schweizerische Bundesanwaltschaft. Ausgerechnet. Lagen doch schon die alten Eidgenossen mit den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation übers Kreuz und griffen ungeniert zu den Hellebarden. 500 Jahre nach dem Schwabenkrieg sind die Schweizer drauf und dran, den letzten deutschen Kaiser zu stürzen.

Die Zeiten haben sich geändert

Was ist los? Ganz einfach: Tempora mutantur nos et mutamur in illis – «Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen». Bis weit in die 1980er-Jahre hinein vermochte das Geld die Strahlkraft der sportlichen Lichtgestalten nicht zu trüben. Beckenbauer ist der berühmteste Vertreter der letzten in vermeintlicher Unschuld aufgewachsenen Sport-Generation. Gross geworden in einer Zeit, als der Fussball, der Sport noch nicht das Big Business von heute waren.

Nun fallen die Götter dieser Generation aus dem Himmel. Sie fallen aus der Zeit. Die Spannung zwischen dem, was sie waren, was sie heute sind und was sie gerne sein würden, ist zu gross geworden. Vielleicht ist ja dieser oder jener tatsächlich ein Beelzebub. Aber wahrscheinlicher ist etwas anderes. Wer Erfolg hat, hat auch recht. Ist es das, was zum Glauben verführte, dass gewisse Regeln, Sorgfalt, Transparenz und Redlichkeit im Umgang mit anvertrauten Geldern nur für die Mehrheit gelten? Eine kleine Sünde heckte, deckte und weckte die andere. Und auf einmal ist die Sünde gross.

Sepp Blatter ist bereits gefallen. Wann fällt Franz Beckenbauer? Bild: Martin Meissner/AP/KEYSTONE

So überraschend kommt das Ungemach für den Kaiser allerdings nicht. Schon seit längerer Zeit sind Sportstars für die Strafverfolger nicht mehr tabu. Valentino Rossi ist in einen Steuerskandal geraten, Lionel Messi auch. Die Fussball- Sonnenkönige Sepp Blatter und Michel Platini haben alle Ämter verloren. Beckenbauers Freund Uli Hoeness durfte soeben das Gefängnis verlassen. Der heisse Atem der Wirklichkeit.

Der Ruhm, der den Helden des Sportes so lange Schutz und Schild war, ist in der Welt von heute zum Vergrösserungsglas geworden. Für die Medien und erst recht für eifrige, fleissige Strafverfolger. Ihnen winkt als Siegerpreis ein bisschen Öffentlichkeit. Der Tag der Eröffnung eines Verfahrens gegen Beckenbauer markiert eine Zeitenwende. Es ist der Tag, an dem auch der Sport definitiv, für immer und für alle sichtbar seine Unschuld verloren hat.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Ciruzz 'O Milionar 03.09.2016 02:51
    Highlight Herr Zaugg, ich bedanke mich für diesen Artikel, er ist frisch und sehr gut geschrieben. Dies ist ein perfektes Beispiel für eine Art Journalismus, die in der Welt der Gratiszeitungen nicht mehr allzu oft gelesen werden können.

    Zum Thema: Eigentlich ist es schade, dass solche Vorbilder für ganze Generationen einen solchen Abgang erleben. Aber Ruhm und Alter schützt vor Strafe nicht, und jeder hat sich halt an das Recht zu halten. Vor allem Leute, die es eigentlich besser wissen müssten.
    0 0 Melden
  • winglet55 02.09.2016 23:38
    Highlight Ich frage mich einfach, was steht uns nun bevor? Der Sturz eines Kaisers oder die nächste Pleite der Bundesanwaltschaft!
    2 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 02.09.2016 21:16
    Highlight Fand Beckenbauer noch nie sympathisch. Viel zu glatt, hochpoliert und überbewertet.
    5 2 Melden
  • faustus 02.09.2016 17:05
    Highlight Schöner Artikel Herr Zaugg! Gratulation.
    Was ich mich allerdings frage ist, was geht uns Schweizer und vor allem die eidgenössische Bundesanwaltschaft die ganze Sache an?
    Wurde ein Gesuch um Rechtshilfe gestellt oder gibt es bei diesem Verein ein paar Profilierungssüchtige mit Unterbeschäftigung?
    Outet sich da ein gewisses Sparpotential in der Bundesverwaltung?
    Wie dem auch sei, die WM in Deutschland war ein riesen Fest/Erfolg. Besten Dank Herr Beckenbauer! Möge Ihnen ein unsinniges Verfahren erspart bleiben.

    6 31 Melden
    • tösstaler 02.09.2016 17:56
      Highlight Wie auch immer, deinen Sätzen zum Schluss stimme ich uneingeschränkt zu: das war eine grossartige WM, sogar ich wurde von der tollen Leistung der deutschen Elf und dem ganzen Umfeld in Bann gezogen.
      Wo die den Zaster überall hingeschoben hatten ist zumindest zweitrangig!
      7 15 Melden
    • Amboss 02.09.2016 18:20
      Highlight Der Artikel, was die Schweiz damit zu tun hat, ist verlinkt. Wie wär's mit lesen?

      Hat also nix mit Profilierungssucht oder unterbeschäftigung zu tun.

      Nur weil es eine tolle WM war, heisst das nicht, dass man nicht ermitteln soll.
      Lance Armstrong hat sich für tolle Momente an der Tour de France gesorgt. Trotzdem hat man gegen ihn wegen Doping ermittelt
      14 1 Melden
    • FrancoL 02.09.2016 20:03
      Highlight @Erfolg heiligt die Mittel, das ist wohl Dein Credo. Ja das liegt noch eine Stufe unter dem des Kaisers.
      9 1 Melden
    • faustus 03.09.2016 13:01
      Highlight @Amboss, Franco
      Wenn du der Hydra nur einen, wenn auch prominenten, Kopf abschlägst, ist das für mich ein Bauernopfer und nicht das Schaffen von Gerechtigkeit.
      Was man Beckenbauer vorwerfen darf, ist, dass er sich den ungeschriebenen FIFA Regeln, sicherlich bewusst, gebeugt hat. Aber er und Deutschland wollten halt die WM. Insofern: Der Zweck heiligt die Mittel.
      Ein prominenter Doper aus der Menge der Radstars der letzten Jahrzehnte und ein prominentes OK Mitglied aus der Menge aller berühmten OK Mitglieder der letzten Jahrzehnte.
      Sieht so Gerechtigkeit aus?
      0 1 Melden
    • FrancoL 03.09.2016 14:50
      Highlight @faustus; es geht doch nicht um übergeordnete Gerechtigkeit sondern um den Schritt langsam aber sicher vom Credo; Erfolg (Zweck) heiligt die Mittel wegzukommen. Und ja die Gerechtigkeit beginnt weit unten bei denen die dieses Credo wenn es innen passt hochhalten und bei anderen geisseln.
      Die faule Ausrede dass man nur einen erwischt und darum dies keine grossen Sinn macht, sollte langsam abgelutscht sein, denn man fängt nicht bei 10 an sondern bei einem.
      Ohne diese ersten Schritte wird es mit der Korruption kaum etwas bessern. Und nachweislich, siehe Steuern, verunsichert man die Korrupten!
      0 0 Melden
    • faustus 03.09.2016 19:40
      Highlight @Franco
      Falls sich Herr Beckenbauer persönlich bereichert, Steuern hinterzogen oder andere Vorteile aus seinem Amt gezogen haben sollte, muss gegen ihn ermittelt werden.
      Andernfalls soll man ihn in Ruhe lassen.
      Mit der Demontage des Kaisers bekämpfst du weder Korruption noch schaffst du Gerechtigkeit.
      Nur für Presse und Anwälte wäre es ein gefundenes Fressen.
      0 0 Melden
  • Normi 02.09.2016 16:38
    Highlight Hö hö

    Der Eismeister hat sie alle vom eis gefegt bzw. geschrieben
    12 1 Melden
  • Admiral Adonis 02.09.2016 15:38
    Highlight Saftig geschriebener Artikel Herr Zaugg; danke dafür.
    29 2 Melden
  • Bruno Wüthrich 02.09.2016 15:19
    Highlight Es ist einerseits schade, dass uns die Lichtgestalten abhanden kommen. Aber es ist gut, dass gewisse Machenschaften heute das Risiko beinhalten, neben strafrechtlicher Verfolgung auch ein schönes Stück der Ehre und auch ein Bisschen Ruhm zu verlieren.

    Derzeit ist ja alles noch ein Verdacht, wenn wohl erhärtet. Doch wenn sich bewahrheiten sollte, was da im Raum steht, dann ist eben Beckenbauer zwar immer noch ein aussergewöhnlicher Sportler (gewesen), aber eben sonst auch «nur noch» ein normaler Mensch.

    Das wird und muss ihn stören!
    17 2 Melden
    • bokl 02.09.2016 17:39
      Highlight Vielleicht sollten wir auch einfach aufhören anzunehmen, dass herausragende Sportler automatisch herausragende Menschen sind.
      23 0 Melden
  • Locutus 02.09.2016 14:57
    Highlight Ah ja. Die Eidgenossen. Waren das nicht die ewigen Profiteure dieser ganzen Geschichte? "Die Geldströme im Zusammenhang mit der Fussball-WM 2006 flossen über eine Kanzlei in Obwalden. Schon früher sorgte Franz Beckenbauers Aktivitäten in diesem Kanton für schweizweiten Wirbel. "

    Siehe:
    http://www.nzz.ch/schweiz/aufsehenerregende-steueraffaere-wie-obwalden-wegen-beckenbauer-entmuendigt-wurde-ld.114461

    und da:

    http://www.nzz.ch/schweiz/veruntreuung-und-geldwaesche-bundesanwaltschaft-ermittelt-gegen-franz-beckenbauer-ld.114243
    19 9 Melden
    • R&B 02.09.2016 16:56
      Highlight Und darum darf die Bundesanwaltschaft nun nicht gegen Beckenbauer ermitteln?
      9 2 Melden
  • Papa la Papp 02.09.2016 14:54
    Highlight Bravo, ein wahrlich kreativer und lesenswerter Artikel - genussvoll zu lesen und erst noch äusserst informativ 👍👍👍
    34 4 Melden
  • Rodolfo 02.09.2016 14:37
    Highlight Klaus Zaugg mach weiter so! Du kennst dich nicht nur auf dem Eis aus, du kannst auch glänzend recherchieren und schreiben. Grandios, diese Gegenüberstellung Kaiser:Kaiser! Eine echt gute Story - hohe Klasse!
    46 7 Melden

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