Sport

Aufstehen und Mund abwischen. Goalie Yann Sommer hilft dem geknickten Valon Behrami nach dem 0:2 auf die Beine. Bild: freshfocus

Pleite bei Petkovic-Debüt

Nicht alles ist jetzt plötzlich schlecht – drei Dinge, die der Schweizer Nati nach der «Scheiss-Niederlage» gegen England Hoffnung machen

Mit viel Optimismus auf einen Exploit ist die Schweizer Nati in die Ära Petkovic gestartet. Nach 90 Minuten und einer 0:2-Pleite gegen England herrscht Frust und Ernüchterung. Trotzdem gibt es Anlass dazu, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

09.09.14, 06:25 09.09.14, 08:22

Ernüchtert. Ausgekontert. Brutal abgestraft. Die langen Gesichter der Schweizer Nationalspieler auf dem Weg zum Mannschaftsbus sprechen nach der 0:2-Pleite gegen England zum Auftakt der EM-Kampagne für sich. 

Gross waren die Hoffnungen auf einen Traumstart in die neue Ära mit Vladimir Petkovic gewesen, stattdessen hat das gnadenlose England der Nati einen Albtraum beschert. 1981, beim letzten Sieg gegen die «Three Lions», waren sämtliche Schweizer Spieler im aktuellen Kader noch höchstens als Familienplanung ihrer Eltern existent. Trotzdem hatten sie die Favoritenrolle gegen Roy Hodgsons vermeintliche Krisentruppe angenommen – und scheiterten an den eigenen Erwartungen. Wie zuletzt immer, wenn es gegen einen der sogenannten «Grossen» ging.

England-Coach Roy Hodgson schafft sich die Kritiker mit dem Sieg in Basel vorerst vom Leib. Bild: Getty Images Europe

Nicht alles ist nach dieser Pleite schlecht

Jetzt gilt es kühlen Kopf zu bewahren. Noch ist nichts verloren, die Lage ist noch nicht einmal kritisch – dem neuen verwässerten EM-Modus mit 24 Teilnehmern sei Dank. Auch wenn Statistik-Freaks mit einem ausgeprägten Hang zum Pessimismus entgegnen mögen, dass sich die Schweiz seit 50 Jahren nie mehr für eine Endrunde qualifizieren konnte, wenn das Startspiel der Kampagne verloren ging.

Nicht alles war gut vor diesen ersten 90 Minuten unter Petkovic im St.Jakob-Park – und nicht alles ist danach schlecht. Drei Beobachtungen geben Anlass dazu, der näheren Zukunft dieser Nationalmannschaft optimistisch entgegenzublicken.

1. Yann Sommers Debüt

Die neue Schweizer Nummer 1 will nach dem Spiel nicht viele Worte über ihr Startelfdebüt in einem Pflichtspiel verlieren: «Das ist Nebensache. Wir wollten unbedingt mit einem guten Resultat in diese Quali starten, das ist uns leider nicht gelungen. Wir hatten unsere Chancen, England stand eigentlich lange nur noch hinten drin und hat gehofft, dass ihnen keiner reinfällt. Aber man kann eben auch nicht immer einen super Tag erwischen. Viel hat nicht gefehlt!»

Vladimir Petkovic kann mit seinem neuen Stammkeeper Sommer zufrieden sein. Bild: AFP

«Viel hat nicht gefehlt.»

Yann Sommer

Trotzdem gilt es nach Sommers Feuertaufe festzuhalten, dass er die Vorschusslorbeeren auch in der Nationalmannschaft mehr als gerechtfertigt hat. Nach einer Viertelstunde muss der 25-Jährige einen der diversen Patzer von Steve von Bergen mit seiner ersten Parade gegen Wayne Rooney ausbügeln – und tut dies bestechend sicher. Kurz vor der Pause bewahrt er die Schweiz mit zwei mirakulösen Aktionen innerhalb einer Minute vor dem Rückstand. Vor allem der Reflex, mit dem er den Kopfball von Phil Jones von der Linie kratzt, beweist endgültig, dass die Nati auch nach Diego Benaglios Abgang einen Weltklasse-Rückhalt im Kasten hat.

Yann Sommers beste Tat: Die Parade gegen Phil Jones kurz vor Ende der ersten Halbzeit. gif: srf

2. Valon Behramis Kampfgeist

Viel wurde schon gesagt und geschrieben über die kompromisslose Fussballphilosophie des tätowierten Kriegers im defensiven Schweizer Mittelfeld. Doch was er gegen England abliefert, sorgt sogar auf der traditionell unterkühlten Haupttribüne für Szenenapplaus. Auch beim Hamburger SV dürften sich die leidgeplagten Verantwortlichen angesichts des Auftritts ihres Neuzugangs gegen England gegenseitig auf die Schultern geklopft haben.

Valon Behrami macht Raheem Sterling das Leben schwer. Bild: KEYSTONE

Behrami grätscht, Behrami fightet, Behrami gibt keinen einzigen Ball verloren. Noch offensichtlicher wird die Wichtigkeit des hyperaggressiven Abräumers für das Schweizer Spiel, wenn sein Nebenmann Inler wie gestern einen Abend mit Licht und Schatten einzieht. Der Captain wird nach einer Stunde vor dem 0:1 an der Mittellinie von Granit Xhaka in die Bredoullie gebracht und steht dann mit seinem Ballverlust am Ursprung der verhängnisvollen englischen Überzahl. 

«Ich hätte den Ball an dieser Stelle auch wegschiessen können, aber ich bin eben keiner der das tut.»

Gökhan Inler

Inler erklärt: «Ich bin kein Spieler der sich versteckt. Ich wurde im Mittelfeld gepresst, hatte zwei Spieler gegen mich und versuchte den Ballbesitz zu behaupten. Die Chance war 50:50. Ich hätte den Ball an dieser Stelle auch wegschiessen können, aber ich bin eben keiner der das tut.» Die Aussage sei gewagt: Behrami hätte den Ball an dieser Stelle auch verloren, doch er hätte danach wohl mindestens einen der drei Engländer unterwegs zu Sommers Kasten eigenhändig aus dem Weg geräumt.

3. An Torchancen mangelt es nicht

Josip Drmic oder Haris Seferovic? Keine Frage hat Schweizer Fussballfans in den vergangenen Tagen so sehr beschäftigt. Nach dem 0:1 bringt Vladimir Petkovic sie für die letzte halbe Stunde beide zusammen. Eindrücklich: Josip Drmic, der als Verlierer aus dem Kampf um den Platz in der Startelf aus der Vorbereitung kommt, zieht am Spielfeldrand einen Vollsprint von der Eckfahne bis zur Ersatzbank an, als ihm der Trainer endlich das heissersehnte Signal zur Einwechslung gibt.

Josip Drmic hat den Ausgleich nach seiner Einwechslung auf dem Fuss. gif: srf

Auf dem Platz ergänzen sich die beiden Kontrahenten wie im Schlaf und erspielen sich gemeinsam diverse gute Abschlussgelegenheiten. Eine davon, entstanden aus einer nichtgeahndeten Offsideposition, ist gar ein absoluter Hochkaräter – nur Cahill mit einem Kamikaze-Einsatz auf der Linie gibt den Spielverderber. Für ein Happy End fehlt schlicht Fortunas Hilfe. Das sieht auch Drmic so: «Ein paar Chancen hatten wir. Haris hatte es auf dem Fuss, ich auch in der zweiten Halbzeit. Ein 1:1 wäre fair gewesen, aber jetzt haben wir individuelle Fehler gemacht, die wir nicht hätten machen dürfen.»

«Es ist eine Scheiss-Niederlage.»

Haris Seferovic

Noch salopper bilanziert Seferovic: «Es ist eine Scheiss-Niederlage. Die erste Halbzeit war ausgeglichen, die zweite waren wir klar besser. Es hat das Glück beim letzten Pass gefehlt. Wir müssen die Chancen ausnutzen, so wurden wir bitter bestraft.»

Ein Nati-Abend ohne Beute, eine «scheiss Niederlage», viele enttäuschte Hoffnungen – aber diejenige auf eine erfolgreiche Zukunft unter Petkovic bleibt intakt. 

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • michael scheidegger 09.09.2014 10:36
    Highlight Das muss ich wiedersprechen. Behrami war mit Abstand der beste Mann auf dem Platz. Er ist nicht der kreative Ballkünstler aber er zeigt im defensiven Mittelfeld regelmässig Topleistung und Kampfgeist. Da sehe ich bei Inler einen weit grösseren Handlungsbedarf. Grundsätzlich bin ich aber mit der Leistung zufrieden. Neues System und neuer Trainer braucht immer etwas Zeit.
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    • rkeller 09.09.2014 13:31
      Highlight Du symbolisierst das Problem der Schweizer. Immer zufrieden zu sein. Man darf nicht zufrieden sein nach einem solchen Match, in dem man auch klar Favorit war (siehe Weltrankingliste)

      Und Behrami - nur Laufen und um sich schlagen mag zwar als Einsatz gelten, aber was heute zählt ist Effizienz, etwas auch wirklich zu bewegen. Und davon ist Behrami kilometerweit entfernt.
      0 0 Melden
    • Dario Lüdi (1) 09.09.2014 15:33
      Highlight Lieber rkeller, was ist der Auftrag eines defensiven Mittelfeldspielers? Und wie definierst Du Effizienz auf dieser Position?

      Es war das erste Spiel unter Petkovic und es war bestimmt kein schlechtes. Ich bin überzeugt, dass der eingeschlagene Weg stimmt. Der Schweizer Fussball hat kein Problem. Und ausserdem finde ich es ohnehin falsch, den Favoriten nach einer Rangliste auszumachen.
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  • rkeller 09.09.2014 08:53
    Highlight Unverständlich, dass gerade Behrami als Hoffnung tutliert wird. Es ist ein Sinnbid für den schweizer Fussball. Es gelingt ihm wenig bis gar nichts. Erst wenn Petkovic den Mut aufbringt, solche Spiele, wie auch Xhaka, aus dem Team zu nehmen, sehe in Zukunftshoffnungen. So wird die Schweiz bald scheitern.
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    • Dario Lüdi (1) 09.09.2014 11:31
      Highlight Aufgrund seiner Einstellung und Motivation ist es absolut richtig, Behrami als Hoffnungsträger zu bezeichnen. Was ihm an Talent fehlt, macht er mit seinem Einsatz wieder wett. Hätte man 11 Spieler mit einem solchen Willen auf dem Platz, wäre nicht nur das Spiel gestern anders ausgegangen.

      Und wen würdest Du bitte sehr anstelle von Xhaka bringen?
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