Sport

Ähnlich wie die Kuh links im Bild geniesst Sepp Blatter nun das Leben. Bild: DENIS BALIBOUSE/REUTERS

Blatters Leben nach der FIFA: «Ich realisiere erst jetzt, wie schön es in der Schweiz ist»

Sepp Blatter erklärt in seinem Jahresrückblick, worum sich sein Leben nach dem Fussball dreht. Und er erzählt über das jetzige Verhältnis zwischen ihm und der FIFA.

24.12.16, 14:30

sepp blatter

«Jedes Ende bedeutet auch einen Anfang. Nach 41 Jahren in der FIFA habe ich mich in den vergangenen zwölf Monaten neu orientiert. Ich verfolge den Fussball zwar noch immer und bin über die Wettbewerbe zwischen Papua Neuguinea und Visp auf dem Laufenden, doch mein ganzes Leben dreht sich nicht mehr um den Fussball.

Emotionen 2016

In der Serie «Emotionen 2016» blicken ausgewählte Persönlichkeiten aus dem Sport auf ihr zu Ende gehendes Jahr zurück. Im letzten Teil erzählt der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter, wie er das Jahr nach seinem Abgang beim Weltfussballverband erlebt hat.
Bereits erschienen sind Eishockeytrainer Lars Leuenberger (am Dienstag), der ehemalige YB-Sportchef Fredy Bickel (Mittwoch), Olympia-Bronzemedaillengewinnerin und Schützin Heidi Diethelm-Gerber (Donnerstag) sowie der einzige namhafte Schweizer Profiboxer Arnold Gjergjaj (Freitag).

aargauerzeitung.ch

Ich habe festgestellt: Wenn man täglich im gleichen Schema steckt, bekommt man nicht mit, dass es neben dem Beruf noch ein ‹normales› Leben gibt.

Als am 26. Februar Gianni Infantino zum FIFA-Präsidenten gewählt wurde, fiel auch eine grosse Last von meinen Schultern. Denn ab diesem Moment war ich nicht mehr für die FIFA verantwortlich – obwohl ich weder verabschiedet noch formell abgewählt wurde.

Blatters Nachfolger: Gianni Infantino. Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Sich anlehnen können

Das Urteil des Internationalen Sportgerichts hat mich enttäuscht, obwohl ich es kommen sah und aufgrund des Verlaufs der Verhandlung nichts anderes zu erwarten war. Ich kann mir nach wie vor nicht vorwerfen, Unrecht begangen zu haben. Aber nicht jedes Gericht steht für Gerechtigkeit. In diesem Fall fällte es einen politischen Entscheid.

Ich bin aber in einer Epoche meines Lebens, in der ich nicht mehr streiten will. Ich trete auch deshalb nicht vor Bundesgericht, weil ich die Sportjustiz und die zivile Gerichtsbarkeit nicht miteinander vermischen will.

Das System Blatter - eine Doku über die 17-jährige Regentschaft Sepp Blatters.

Video: © youtube/SRF DOK

Stattdessen möchte ich den Teil des Lebens, der mir noch bleibt – und es bleibt ja immer weniger – mit Gesundheit, Liebe und Glück weiterleben. Ich habe eine Familie, eine kleine Familie – meine Tochter mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann. Sich einmal anlehnen, das muss man im Leben auch können.

Und das kann ich jetzt, bei meiner Partnerin Linda. Solange ich im Fussball war, standen die schönen Seiten etwas abseits. Das will ich jetzt nachholen. Ich erinnere mich, dass meine Tochter einmal zu mir gesagt hat: ‹Wenn du noch einmal sagst, dass die FIFA deine Familie ist, komme ich nie mehr zu dir.›

«Wir leben in einem Paradies»

Die vergangenen Monate haben mir gesundheitlich zugesetzt. Es begann mit der Attacke im «Baur au Lac» am 27. Mai 2015, setzte sich mit meiner Suspendierung fort – und erreichte mit dem Zusammenbruch vom 1. November 2015 den Tiefpunkt. Seither ist mir wieder bewusst, dass die Gesundheit nicht selbstverständlich ist.

Im Dezember 2015 war Blatter noch immer gesundheitlich angeschlagen. Bild: Matthias Schrader/AP/KEYSTONE

Solange ich bei der FIFA arbeitete, war ich jeweils morgens um 7 Uhr im Büro. Meine Tätigkeit beschäftigte mich zu 50 Prozent in der Schweiz, den Rest war ich unterwegs in der Welt. Meine offiziellen Besuche führten mich auch zu Premierministern und Präsidenten, in Japan einst gar zum Kaiser.

Ich habe über 200 Länder gesehen. Zuerst glaubte ich, dass ich das Reisen vermissen würde. Doch jetzt realisiere ich erst richtig, wie schön es in der Schweiz ist. Wir leben hier in einem Paradies. Das dürfen wir nie vergessen.

Blatter 2006 nicht mit dem japanischen Junichiro Koizumi. Bild: AP POOL REUTERS

Respekt bedeutet Achtung – nicht Verachtung

Was in der FIFA momentan abläuft, erstaunt mich. Dabei geht es nicht nur um meine Person – oder etwa doch? Die offizielle FIFA kommuniziert mit mir nur noch via Rechtsanwälte – obwohl ich mit dem neuen Präsidenten in den ersten zwei Monaten nach dessen Wahl einen direkten Kontakt hatte. Seither herrscht zwischen ihm und mir aber Funkstille. Es scheint, dass alles, was Blatter ist, weg muss.

Sogar das Museum will man offenbar schliessen – nach zehn Monaten wegen des fehlenden kommerziellen Erfolgs. Doch ein Museum ist kommerziell nie erfolgreich – und es muss es auch nicht sein. Denn es hat einen gesellschaftlichen und kulturellen Zweck. Doch die FIFA-Strategie ist offensichtlich. Die ‹NZZ› schreibt von ‹Tabula rasa›.

Im Inneren des Fussball-Museums Bild: EPA/KEYSTONE

Das Wort Fairplay hat die FIFA zwar entfernt aus ihrem Logo, es heisst jetzt nur noch Respekt. Aber Respekt bedeutet Achtung – nicht Verachtung. Das betrifft auch die gezielten Falschmeldungen bezüglich meiner Boni. Die FIFA wird das korrigieren müssen. Und irgendwann wird sie auch zugeben müssen, dass Sepp Blatter in 41 Jahren nicht alles falsch gemacht hat.

So oder so hat sich die Liste meiner Freunde in den vergangenen Monaten drastisch verkürzt. Doch damit ist es wie im Fussball: Qualität kommt vor Quantität.»

Tschau Sepp – Blatters Karriere in Bildern

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    Alle Leser-Kommentare
  • Marie-Isabelle Bill (1) 25.12.2016 12:23
    Highlight Einen Watson-Bericht über den selbstgefälligen alten Mann hätte ich noch mit einer gewissen Lockerheit gelesen. Aber, weshalb ihm hier eine Plattform für seine ergreifenden Erkenntnisse, Plattitüden und Selbstherrlichkeiten geboten wird, verschliesst sich mir komplett.
    Ist das hier der Füller während der "trockene-Guetzli-Zeit"?
    Bitte verschont uns doch - wenigstens in diesen Tagen.
    2 25 Melden
  • Yotanke 25.12.2016 00:14
    Highlight Die Geschichtsschreibung wird sehr milde über die verfehlungen von j. blatter urteilen. wie bei vielen präsidenten in der politik (z. b. reagan) wird es seine zeit dauern bis man realisiert, was für leistungen die person erbracht hat. und an all die nörgeler und kritisierer: denkt immer daran was denn die alternative zum bestehenden ist. das ist leider nicht immer besser.
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  • carlen 24.12.2016 16:53
    Highlight Infantino ist ein würdiger Nachfolger von Blatter. Ich würde behaupten er stellt ihn sogar in den Schatten.Wer ernsthaft dachte, dass die kranken Wurzeln in der FIFA nun entfernt wurden ist sehr naiv. Offensichtlich macht sich Infantil einen Sport daraus kritische Mitarbeiter vor die Türe zu setzen. Blatter war ein Herrscher..Infantino ist ein schlimmer Diktator, der nun sein wahres Gesicht zeigt. In der Fifa herrscht der Terror. Wie infantil muss man sein, um den schmierigen Worthülsen dieser Fehlbesetzung zu glauben? Ich dachte es würde sich nichts ändern. Falsch. Es wurde noch schlimmer.
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  • AJACIED 24.12.2016 15:41
    Highlight Ich finde bei allem guten und schlechten Sympathie oder Antipathie sollte Mann langsam aufhören Herrn Blatter immer noch und noch als weiss nicht was darzustellen.
    Er ist jetzt weg von Fenster das ist Fakt und jetzt is gut.
    P.S. an viele die Herrn Blatter immer gerne bei Bad News fertig gemacht haben.
    Es hat sicher mehr gutes als schlechtes gemacht ( war nicht immer seine Schuld ) das müssen diese Leute auch mal sehen.


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  • rundumeli 24.12.2016 15:04
    Highlight ein verstörendes interview mit einem kerl, der zuletzt offensichtlich im einem elfenturm hauste ... und nun das dasein eines AZ-medien-kolumnisten fristend ... kaum mehr bodenhaftung findet ... möge er einen schluck walliser roten geniessen!
    22 8 Melden

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