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AC Milan's vice president Adriano Galliani wears his glasses before the Italian Serie A soccer match against Atalanta at the Atleti Azzurri d'Italia stadium in Bergamo, Italy, in this January 27, 2013 file photo. Italian police seized assets on January 26, 2016 from soccer players, their agents and club executives as part of an investigation into alleged tax evasion in the country's top two divisions. Judicial sources said those named in the investigation included former Argentina international and Modena coach Hernan Crespo, Napoli chairman Aurelio De Laurentiis, Lazio club president Claudio Lotito, and AC Milan chief executive Galliani. REUTERS/Alessandro Garofalo/Files

Milan-Präsident Adriano Galliani: Ermittlungen wegen diverser Delikte.
Bild: ALESSANDRO GAROFALO/REUTERS

Neuer Skandal im italienischen Fussball: Steuerbetrüge fast aller Top-Klubs wahrscheinlich

Italien droht ein neuer Fussballskandal: Dutzende Vereine sollen mit illegalen Steuersparmodellen den Fiskus betrogen haben. Darin verwickelt sind so gut wie alle Top-Klubs der Serie A.

27.01.16, 21:25 27.01.16, 21:52

hans-jürgen schlamp / Spiegel online



Ein Artikel von

Niccolò Ghedini ist einer der bekanntesten und vermutlich einer der besten Anwälte Italiens. Jahrelang hat er den Medienmogul und Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vor dem Schlimmsten bewahrt. Jetzt soll er den noch Berlusconi-eigenen Fussballklub AC Milan vor Nachstellungen der Justiz schützen, damit der geplante Verkauf des hochverschuldeten Vereins an einen chinesischen Investor nicht in letzter Minute platzt.

Italian enterpreneur Valter Lavitola, right, who was convicted last year for trying to extort money from Silvio Berlusconi,  is seen with Berlusconi's lawyer Niccolò Ghedini during the second hearing of the political corruption trial in the southern city of Naples, Wednesday, Feb 12, 2014, presenting yet another legal challenge for the three-time former Italian premier. Berlusconi and another defendant are accused in the trial of paying a senator 3 million euros ($4 million) to switch parties, weakening a rival government that eventually fell. (AP Photo/Salvatore Laporta) Ph Salvatore Laporta

Er gehört zu den grössten seines Fachs: Berlusconis Anwalt Niccolò Ghedini (r.).
Bild: Salvatore Laporta/AP/KEYSTONE

Kaum hatte die Staatsanwaltschaft von Neapel kundgetan, dass sie ein Verfahren wegen diverser Steuer- und Wirtschaftsdelikte unter anderem gegen den AC Milan-Chef Adriano Galliani einleiten werde, feuerte Ghedini seine bekannten Breitseiten ab: Alles, was die Justiz da vorbringe, sei «absolut marginal», «unbegründet» und steuer-, wie strafrechtlich dürftig. Mehr als die baldige Einstellung des Verfahrens sei nicht zu erwarten.

Doch da könnte er sich täuschen. Was die Staatsanwälte in Italiens Südmetropole in langen akribischen Untersuchungen zusammengetragen haben, deutet einen neuen Skandal in Italiens Fussballwelt an, der weit über die Vereinsgrenzen von Milan hinausreicht – betroffen sind nämlich gleich 35 Vereine der italienischen Top-Ligen. Vorsätzlich und mit ausgeklügelten Methoden, so der Vorwurf, sei in den Vereinen zwischen 2009 und 2013 eine «betrügerische Architektur» gezimmert worden, um Steuern zu hinterziehen.

Einkünfte von Spielern und Vermittlern seien so umfrisiert worden, behaupten die Fahnder, dass die Zahlungsempfänger diese Gelder steuerfrei bekamen und die Vereine die Zahlungen sogar noch als Ausgaben von der Steuer absetzen konnten. Enorm kompliziert, aber, solange der Trick klappt und nicht auffliegt, lukrativ für alle Beteiligten.

Unter Verdacht: Präsidenten, Vermittler, Nationalspieler

Deshalb waren ja offenbar viele mit von der Partie, darunter sehr bekannte Figuren des italienischen Fussballs: Etwa der Ex-Präsident von Juventus Turin, Jean-Claude Blanc, die Präsidenten von Lazio Rom, Claudio Lotito, und dem SSC Neapel, Filmproduzent Aurelio De Laurentiis, ein Neffe der Hollywood-Grösse Dino De Laurentiis.

Im Kreis der Betroffenen sind viele Spielervermittler, manche aus früheren Skandalen bereits bekannt. Und auch bei den Spielern, gegen die die Justiz ermittelt, finden sich klingende Namen, etwa der aktuell von Milan an Atalanta ausgeliehene Nationalspieler Gabriel Paletta, der Milan-Mittelfeldspieler Antonio Nocerino und der inzwischen nach Paris weitergewanderte Ex-Neapel-Profi Ezequiel Lavezzi. Sogar ausgemusterte Altstars tauchen plötzlich wieder auf, wie Hernan Crespo und Adrian Mutu – wenn auch nicht in der Mannschaftsaufstellung, sondern in den Dokumenten der «Operation Abseits», wie die Staatsanwälte ihre Aktion tauften.

I12 - 20010204 - ROME, ITALY : Lazio Rome's Argentinian forward Hernan Crespo jubilates after scoring against Lecce in the Italian Serie A match in Rome on Sunday, 04 February 2001.     EPA PHOTO ANSA/ALESSANDRO BIANCHI

Der ehemalige Stürmerstar Hernan Crespo soll ebenfalls in den Skandal involviert sein,
Bild: ANSA

Die war eher zufällig zustande gekommen, nachdem in die Häuser einiger Neapel-Spieler eingebrochen worden war. Weil sie annahmen, die Mafia habe die Finger im Spiel, hörten die Fahnder grossflächig Telefongespräche ab. Und da staunten sie auf einmal, als der aus Argentinien stammende Neapel-Fussballer Lavezzi mit seinem Manager über ein Konto in der Schweiz redete, das er zugunsten seines ebenso aus Argentinien kommenden Mannschaftskollegen Chavez eröffnet hatte.

Der Manager sagte, dieses Konto sei jetzt geschlossen, ein anderes werde eröffnet. So erwachte die Neugier der Behörden. Die recherchierten fleissig weiter, und mit Beschlagnahmeverfügungen über zwölf Millionen Euro und etlichen Durchsuchungsbefehlen läuteten sie am Dienstag dieser Woche die erste Runde im ersten Fussballskandal 2016 ein.

Behörden sind noch mit Altskandal beschäftigt

Dabei ist der Vorläufer aus dem Jahr 2015 noch lange nicht aufgearbeitet. Im Mai erst hatten die Behörden 50 Menschen vorübergehend festgenommen, die sich zum gemeinsamen Sportwetten-Betrug zusammengetan haben sollen. Dutzende Spiele in der dritten und vierten Liga sollen manipuliert worden sein, etwa 30 Klubs waren darin verwickelt, Trainer, Klubpräsidenten und die Mafia. Seit Jahren geben italienische Fussballvereine mehr Geld aus, als sie haben. Nicht alle natürlich, aber zu viele.

Argentina's Ezequiel Lavezzi catches a ball during a training session in Buenos Aires, Argentina, Monday, Nov. 9, 2015. Argentina will face Brazil for a World Cup Russia qualifying soccer match on Nov. 12, 2015. (AP Photo/Natacha Pisarenko)

Das derzeit wohl bekannteste Gesicht der genannten potenziellen Täter: Ezequiel Lavezzi.
Bild: Natacha Pisarenko/AP/KEYSTONE

Und dann versuchen sie, sich trickreich aber kriminell aus dem Sumpf zu ziehen. Fast immer geht das am Ende schief. Auch wenn die Schummelfantasie mitunter geniale Züge trägt: So lief wohl eine ganze Weile ein Gegenseitigkeitsgeschäft von Vereinen, das allen Beteiligten Vorteile brachte, ohne zunächst jemandem zu schaden.

Wenn der klamme Verein A einen Spieler zum doppelten Marktwert an den genauso verschuldeten Verein B verkauft, und B verkauft im Gegenzug einen überflüssigen und genauso überteuerten Kicker an den Verein A, dann müssen beide per Saldo nichts bezahlen. Beide haben aber, welche Überraschung, plötzlich einen teuren Spieler im Kader. Der bessert die Bilanz auf, sodass man bei der Bank oder bei wem auch immer einen höheren Kredit bekommt.

Zeitweise hätten, so erzählt es ein Staatsanwalt aus Turin, manche Klubs gleich mehrere teure Spieler im Kader gehabt, an deren tatsächlichen Einsatz auf dem Platz niemand je gedacht hatte. Aus Sicht der Vereine ein genialer Schachzug. Aber am Ende macht diese Genialität den Fussball kaputt.

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