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Luca Boller spielt Fussball im St.Jakob-Park – in einer Loge, statt auf dem Rasen. bild: instagram/lucaboller

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die virtuelle Super League startet?

Immer mehr Schweizer Klubs nehmen eSportler unter Vertrag. Die Super League diskutiert eine virtuelle Meisterschaft, der Hauptsponsor zeigt starkes Interesse.

08.08.17, 11:22

Sébastian Lavoyer und Riccardo Castellano / az Aargauer Zeitung



Die Menge tobt, die Spieler sitzen hoch konzentriert an ihren Controllern und der Kommentator beklagt schreiend den Fehlschuss. Was nach Fussballstadion tönt, spielt sich in einer kargen Halle in Madrid ab. Lichter schwenken durch den Raum, Musik wummert in die Ohren der Zuschauer, Augen kleben auf Bildschirmen, Dutzenden von Bildschirmen. Es geht um viel heute: London is calling, London ruft. Dort findet Ende August der Grand Final im Fussballsimulationsspiel FIFA 17 statt, der grosse Final der 32 besten Fifa-Zocker der Welt. Es winken 200'000 Dollar Siegprämie, zwei Karten zur jährlichen FIFA-Gala und ein Treffen mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Der Däne Mohamad El-Bacha krallte sich letztes Jahr den Titel und sicherte sich das Treffen mit seinen Helden bei der FIFA-Gala. Roberto Carlos, Marcelo, Ramos, Griezmann, Neuer – alle waren da. Und El-Bacha schwärmte: «Ich habe sie alle getroffen – einfach Wahnsinn!» Doch auch er wird schon um Autogramme und Selfies gebeten, sagt: «Ja, das kommt vor, seit etwa einem Jahr erkennen mich gewisse Leute auf der Strasse. Aber ich werde sicher nicht alle fünf Sekunden angehauen und um ein Selfie gebeten wie Ronaldo.» Der Fan wird langsam zum Star. Ein Zeichen dafür, wie stark seine Domäne, das Gamen, im Aufwind ist. Und was Aufmerksamkeit erregt, ist für die Wirtschaft interessant. eSports boomen.

Die Schweiz wie Österreich oder Holland?

Längst ist der Trend auch im Schweizer Fussball angekommen. Erst Mitte Mai hat der FC Basel Luca Boller (22) unter Vertrag genommen. Die Basler sind nicht die Ersten, die ins virtuelle Geschäft einsteigen. United Zürich, St.Gallen, Luzern, Servette und Lausanne mischen schon mit. Der ehemalige FCB-Marketingboss Martin Blaser sagt: «Die Digitalisierung des Fussballs gibt uns Zugang zu einer neuen, interessanten Zielgruppe.» Die Spieler sind jung, meist männlich, sportinteressiert – aber vielleicht noch nicht allzu oft im Stadion gewesen. Hier hofft man, mit dem eSports-Engagement Brücken schlagen zu können.

Eines der Probleme des virtuellen Fussballs: Es geht chaotisch zu und her. Da ein Turnier, dort eine Convention – es fehlen Strukturen und klare Verhältnisse. Auf der ganzen Welt. Doch andernorts sind sie weiter als in der Schweiz. In Holland startete am 6. Februar 2017 die E-Divisie, die virtuelle Eredivisie, Anhängsel von Hollands höchster Fussballliga. In Österreich kommt die eSports-Bundesliga noch dieses Jahr. Und in der Schweiz? Luca Boller, Schweizer Meister und FCB-Angestellter, sagt: «Innert kürzester Zeit sind vier Vereine eingestiegen. Manche Turniere haben mehr Zuschauer als gewisse Teams in der Schweiz Zuschauer im Stadion. Das sieht die Liga auch.»

Während in Österreich und Holland jeder Verein einen Gamer unter Vertrag haben muss, gibt es solche Vorschriften in der Schweiz noch nicht. Die Liga hat die Entwicklung auf dem Schirm, gibt sich aber bedeckt, auch weil noch nichts konkret ist. Sprecher Philipp Guggisberg sagt: «Die Digitalisierung der Klubs ist ein Thema, aber da ist eSports nur ein kleiner Teil davon.»

Sicher ist: Der Liga-Hauptsponsor ist an der Thematik sehr interessiert. «Raiffeisen erachtet eSport als interessant und ist überzeugt, dass sich die noch junge Disziplin auch in der Schweiz bei einer breiten Zielgruppe weiter etablieren und medial an Relevanz gewinnen wird», sagt Mediensprecherin Cécile Bachmann. Eine virtuelle Liga, so scheint es, ist eine Frage der Zeit.

Sind die Erwartungen zu gross?

Das virtuelle Vorankommen des Fussballs wird durchaus auch kritisch betrachtet. «Das Engagement der Fussballklubs ist sicherlich positiv für die Sichtbarkeit und die sportliche Anerkennung von eSports. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Erwartungen der Klubs nicht erfüllt werden», sagt Vinzenz Kögler, Präsident des Schweizer eSport-Verbandes (SESF). Das Fussballspiel «FIFA 17» sei in der Schweiz zwar beliebt, gehöre jedoch nicht zu den lukrativsten und verbreitetsten eSports-Spielen.

Da pflichtet Philippe Weizenegger von esports.ch bei: «Andere Games sind bezüglich Broadcasting, Unterhaltungswert und Quoten viel weiter.» Servette und Lausanne sind in der Schweiz die einzigen Klubs, die über das Fussballgame FIFA hinausdenken. Lausanne wurde soeben Schweizer Meister in der «League of Legends». Auch in Deutschland und Frankreich gibt es Klubs wie Schalke oder Paris Saint-Germain, die nicht nur auf Fussball-, sondern auch auf Baller-Games setzen.

Bruno «Brunisco» Bardelas kämpft für den FC St.Gallen. bild: fcsg1879esport

Die Zurückhaltung hat einen Grund: das Risiko. Bei Baller-Games scheinen negative Schlagzeilen vorprogrammiert. Was hat das noch mit Fussball zu tun? Es könnte ein Schuss nach hinten werden. Die meisten Schweizer Klubs setzen deswegen bewusst auf das FIFA-Spiel. Man geht davon aus, dass das Spiel an Popularität zulegen wird. Auch weil man selbst Turniere veranstalten will. Am 9. Juli stieg in den VIP-Räumen im Joggeli erstmals ein Turnier. Auf 32 Spielstationen massen sich 506 Gamer, wie Veranstalter Denny Hilpert erzählt. Noch betrug die Preissumme bescheidene 5500 Franken. Auch hier rechnet man mit deutlichem Wachstum.

Die Zeichen stehen auf digital

Hilpert und sein Team mieteten sich beim FCB ein. Aber eine engere Zusammenarbeit sei definitiv Thema, verrät der Veranstalter. «Der FC Basel wollte zuerst einfach einmal schauen, auf was für eine Resonanz das stösst», sagt Hilpert. FCB-Marketingboss Martin Blaser redet von bis zu sechs Turnieren, die man dereinst zu veranstalten gedenkt. Und um Luca Boller entsteht ein eSport-Team. Für heute hat der FCB die Verpflichtung von zwei weiteren eSportlern angekündigt. Gamer mit Weltniveau, wie man hört.

Die Zukunft des Fussballs ist digital. Das glauben wenigstens zahlreiche Marketing-Experten. Mit ein Grund für den Boom. Esports.ch-Journalist Weizenegger warnt: «Wenn man das Tempo der Entwicklung des eSports in den letzten fünf bis zehn Jahren anschaut, sieht man auch gewisse Risiken.» Dauernd erscheinen neue Spiele, der Markt wandelt sich stetig. «Trotzdem wiegt der Erfolg noch immer schwerer und die Reise wird wohl noch eine lange.» In eine unbekannte Zukunft, wohl auch eine virtuelle für den Fussball. Denn es gibt genügend Leute, die danach lechzen. Und die Zeichen der Zeit stehen ohnehin auf digital.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Cpt Halibut 08.08.2017 23:43
    Highlight United Zürich... Da laufts! 😄
    1 1 Melden
  • Lil'Ecko 08.08.2017 21:34
    Highlight Nennt es einen Job, einverstanden aber was das Wort Sport damit zu tun hat werde ich wohl nie verstehen...
    7 1 Melden
  • bcZcity 08.08.2017 20:17
    Highlight Fifa ist ein Computerspiel, welches oft das Spiel willentlich manipuliert. Auch wenn erfahrene Spieler sicher einen grossen Vorteil haben, in FUT z.b ist es oft ein Witz was dort abgeht.

    Und so lange ist Fifa auch nicht tauglich um eine grosse Liga zu haben mit viel Geld. PES wäre da schon besser geeignet!
    4 2 Melden
  • Me, my shelf and I 08.08.2017 12:56
    Highlight Der Fifa E-Sport ist sehr klein, verglichen mit LoL / CS:GOl, sogar verglichen mit Rocket League.
    Wenn die Vereine wirklich Fuss fassen wollen im E-Sport-Business, müssten sie wie PSG und S04 LoL Teams aufstellen.
    17 3 Melden
    • sven_meye 08.08.2017 19:22
      Highlight Genau :) Die NALCS führt ja jetzt auch das Franchising ein. Sowas wäre in Europa sicher auch sehr interessant, damit wird es zu einem richtig grossen Geschäft.
      1 0 Melden
  • CableTiger 08.08.2017 12:44
    Highlight Bin nicht so überzeugt ob Fussball als E-Sport Erfolg haben wird. Ich denke nicht, dass virtuelles Fussball sich gegen komplexere Spiele wie League of Legends, Dota 2 oder Counter Strike durchsetzen kann.
    Trotzdem interessanter Artikel.
    28 2 Melden
    • sven_meye 08.08.2017 19:24
      Highlight Sehe ich genau so. Ich verfolge regelmässig LoL (EULCS) und verfolge die Zuschauerzahlen, Fifa hat verhältnismässig extrem wenig Zuschauer. Gerade sind es 4'400 während LoL 121'000 hat.
      4 0 Melden
  • sven_meye 08.08.2017 12:16
    Highlight Naja, mit der jüngeren Generation wird sich das immer mehr etablieren. Mir ist klar, dass 50+ Mitbürger mit dem Thema E-Sports meistens nicht viel anfangen können. Aber man sehe sich z.B. League of Legends an. Für mich der Vorreiter bei diesem Thema. Es läuft alles schon sehr professionell ab. Und auch die Zuschauerzahlen stimmen, da sieht eine Super Leauge dagegen alt aus. Und jährlich wächst die Branche enorm. Und ja, für mich ist E-Sports ein Sport, denn lernen kann man das (meistens) nicht. Dafür braucht man auch viel Talent, das Spiel fordert viel.
    16 14 Melden
    • Dageka 08.08.2017 12:41
      Highlight Schach ist auch ein Sport, aber deswegen kann ich es trotzdem nicht als Sport ernst nehmen. Ich bin überzeugter Gamer und weiss, wie anspruchsvoll es werden kann, aber mir fehlt die körperliche Anstrengung, um es wirklich als Sport zu sehen.
      33 3 Melden
    • SomeoneElse 08.08.2017 14:20
      Highlight "Und auch die Zuschauerzahlen stimmen, da sieht eine Super Leauge dagegen alt aus."

      Hat so ein LoL-Event wirklich mehr Zuschauer im gleichen geografischen Raum? Du kannst imfall sonst ein global im Netz ausgetragenes Event nicht mit den Zuschauerzahlen in einem Fussballstadion oder auch durch lizenzmodelle begrenzte TV-Zuschauer vergleichen...
      14 4 Melden
    • sven_meye 08.08.2017 19:20
      Highlight Dageka, naja kommt darauf an wie man Sport definiert. Körperliche Aktivitäten ist ein relativer weiter Begriff.

      SomeoneElse. Mir ging es nur darum einen Vergleich zu einer Sportliga zu ziehen. Mit irgendwas muss man E-Sports ja vergleichen. Sonst kann sich kaum einer was darunter vorstellen. Und theoretisch kann man das sehr gut, die meisten Premier League Zuschauer stammen wohl auch nichts aus England.
      1 2 Melden

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