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Vor dem WM-Spiel zwischen Schweden und Nigeria in Winnipeg wird der Kunstrasen bewässert. Bild: Getty Images North America

Die grosse Debatte bei der Frauen-WM: Die Kunst mit dem Rasen

Über nichts wird bei der Frauenfussball-WM in Kanada mehr diskutiert als über den Kunstrasen. Als gefährlich und diskriminierend empfinden ihn viele Spielerinnen. Doch für seinen Einsatz gibt es auch Gründe. 

17.06.15, 23:08

Sara Peschke

Ein Artikel von

In den sozialen Netzwerken kursiert derzeit ein Witz: «Abby Wambach findet an ihrem Auto einen Strafzettel und ruft: ‹Dieser verdammte Kunstrasen!›» So weit würde die Stürmerin der US-Frauen-Fussballnationalmannschaft wohl doch nicht gehen. Aber für alles andere, was bei der WM in Kanada nicht optimal läuft, macht Wambach tatsächlich den Kunststoffbelag verantwortlich. Vergebene Chancen: Kunstrasen. Müde Muskeln und Knochen: Kunstrasen. Unerträgliche Hitze: Kunstrasen.

Spöttischer Tweet, nachdem Wambach das Siegtor gegen Nigeria schoss.

«Man überlegt sich zweimal, ob man wirklich in ein Tackling gehen oder grätschen soll, weil man sich dann blutige Knie holt oder sich die Hüfte aufschürft», schimpfte die 35-jährige Wambach nach dem 3:1-Auftaktsieg ihres Teams gegen Australien. Andere Spielerinnen sprangen ihr zur Seite und veröffentlichten gruselige Fotos ihrer Brandwunden. Nachdem man diese gesehen hat, kann man eigentlich nicht mehr anders, als Kunstrasen für das schlimmste Übel der Sportwelt zu halten.

Wambach jubelt über ihren Treffer gegen Nigeria. Bild: Icon SMI

Petition und Klage ohne Erfolg

Frank Dittrich ärgern diese Fotos. Der 47-Jährige ist Geschäftsführer eines der weltweit führenden Herstellers von Kunstrasen. Er sagt: «Es tut mir natürlich leid, wenn sich Spieler verletzen. Allerdings sind viele dieser Bilder schon älter und nicht alle während der WM entstanden. Die Aufregung um die Bilder zeigt, wie emotional die Kunstrasen-Debatte ist.»

Öffentlich wahrgenommen wurde die Diskussion erstmals im vergangenen Herbst, als 40 Nationalspielerinnen versucht hatten, die FIFA von ihrem Plan abzubringen, die WM auf Kunstrasen auszutragen. Angeführt von Wambach und der deutschen Torhüterin Nadine Angerer unterzeichneten sie zunächst eine Petition, dann klagten sie gegen den Fussball-Weltverband. Erfolglos.

Die Schweizer Nati an der Frauenfussball-WM 2015

«Zeugt nicht von Respekt gegenüber uns Athletinnen»

Die deutsche Nationalspielerin Pauline Bremer hatte sich an der Klage beteiligt, sie sagte damals: «Es ist ein falsches Signal, wenn gleich eine ganze WM auf so einem schwierigen Belag gespielt werden soll. Es zeugt nicht gerade von Respekt gegenüber uns Athletinnen.» Sie und viele andere Spielerinnen fühlten sich von der FIFA diskriminiert gegenüber den Männern, die auf Naturrasen spielen dürfen. Kunstrasen-Hersteller Dittrich findet diese Einschätzung nicht zutreffend. Er sagt, die grundsätzliche Entscheidung der FIFA, diese WM auf Kunstrasen spielen zu lassen, sei vertretbar.

Seine Firma hat das Finalstadion in Vancouver mit Kunstrasen ausgelegt, im Auftrag des kanadischen Verbands CSA. Der hatte die FIFA darum gebeten, das gesamte Turnier auf dem Belag ausrichten zu dürfen – aus einem einfachen Grund: Der lange Winter lässt es in Kanada nicht zu, genügend Naturrasenplätze für alle 24 Mannschaften zur Verfügung zu stellen. Denn deren Pflege ist aufwendig und kostspielig, erst recht unter solch klimatischen Bedingungen wie in Kanada.

Schwarzes Granulat heizt sich schnell auf

Dittrich kann die Kritik der Spielerinnen dennoch in Teilen nachvollziehen. Denn viele der WM-Stadien in Kanada entsprächen nicht dem höchstmöglichen Standard, sagt er: «Für die Qualität eines Kunstrasens ist unter anderem das Einfüllmaterial entscheidend. Das ist in der Regel ein Grummigranulat. In den meisten WM-Stadien besteht das aus alten, geschredderten Autoreifen.» Weil das Granulat schwarz sei, heize es sich im Sonnenlicht zügiger auf, das erhöhe die Gefahr von Verbrennungen bei einem Sturz.

Damit ein Kunstrasen nicht stumpf wird, muss er ausreichend gewässert werden, doch in der kanadischen Sommerhitze verdampft das Wasser schnell. «Wenn man ihn gesprengt hat, ist er in fünf Minuten wieder trocken. Es ist schade um das Wasser», sagte Bundestrainerin Silvia Neid nach dem DFB-Sieg gegen die Elfenbeinküste. Zudem habe es laut Dittrich in Kanada Probleme mit der Bewässerung der Felder gegeben: Die Schlauchanlagen reichten schlicht nicht aus.

Für die FIFA ist dieses erste WM-Turnier auf Kunstrasen ein Präzedenzfall, und man fragt sich, warum sie nicht im Vorfeld dafür sorgte, dass sämtliche Plätze die höchsten Ansprüche befriedigen. Doch da fängt das Problem an: Alle WM-Plätze entsprechen dem Zweit-Stern-Zertifikat des Weltverbands. Das allerdings müsse «für alle 209 Verbände innerhalb der FIFA erreichbar sein», sagt Dittrich, «und mancherorts ist es aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich, das Granulat aus etwas anderem als den alten Autoreifen zu verwenden. Viele der Verbände hätten sonst keine Chance, überhaupt flächendeckend turnierfähige Fussballplätze zu bauen.»

Der Kunstrasen des Anstosses:  Bild: AP/CP

Männer-WM auf Kunstrasen nicht denkbar

In vielen Teilen der Welt gebe es gar keinen Naturrasen, sagt Dittrich. Entweder wachse er dort nicht, oder aber seine Pflege sei zu teuer. Auch die Trainingsplätze der 36 deutschen Profiklubs bestehen aus überwiegend Kunstrasen, in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen.

Eine Männer-WM auf Kunstrasen ist bislang trotzdem nicht denkbar, das verbietet die Tradition. Das Verletzungsargument spiele laut Dittrich dagegen nicht wirklich eine Rolle: Die Fussballer brauchten etwas Übung, um mit dem Kunstrasen zurechtzukommen, das Spiel würde schneller und intensiver. Doch Studien belegten, dass der Körper auf Kunstrasen zwar anders beansprucht werde, «das Spiel aber nicht zu mehr Verletzungen führe».

Verletzungsrisiko nicht höher

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass es nicht signifikant mehr Verletzungen gibt. Lediglich die Studien von Ekstrand (2006) und Steffen (2007) kamen zu dem Ergebnis, dass das Risiko für Fussgelenkverstauchungen geringfügig höher ist als auf Naturrasen. Von Verbrennungen war darin nicht die Rede.

Die körperlichen Auswirkungen einer kompletten WM auf Kunstrasen hat bislang niemand erforscht, wie auch, dafür halten nun die Fussballerinnen her. Und die finden das dann doch nicht alle so tragisch: «Wir werden uns schon darauf einstellen», sagte die deutsche Stürmerin Alexandra Popp. Kurz darauf gewann ihr Team 10:0.

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