Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Bild: HANDOUT/REUTERS

In Gedanken bei Gary Speed – die spezielle Geschichte von Wales-Trainer Chris Coleman

Heute trifft Wales im EM-Viertelfinal auf Belgien. Das ist auch der Verdienst des walisischen Dirigenten Chris Coleman – sein Weg zum Erfolgstrainer ist eine ganz spezielle Geschichte.

01.07.16, 14:22 01.07.16, 15:02

Markus brütsch, paris



Wenn Chris Coleman sich nach getaner Trainingsarbeit im Camp der walisischen Nationalmannschaft einen Liegestuhl nimmt und in die Weite des Atlantischen Ozeans schaut, fragt er sich manchmal: Bin ich wirklich immer noch in der Bretagne oder träume ich bloss? Stimmt es, dass wir gegen die Belgier spielen und in den Halbfinal kommen, wenn wir sie besiegen?

«Ich weiss doch genau, dass wir gut sind und hart für den Erfolg gearbeitet haben.»

Chris Coleman, Wales-Trainer

Dann kneift sich der Trainer der Waliser in den Arm und weiss: Es ist kein Traum, wir sind tatsächlich noch da und gehören zu den besten acht. Wow, welch eine Sensation! Man könnte vielleicht denken, dass Coleman sich solche Gedanken macht. Und liegt damit falsch. «Ich sitze sicher nicht einfach nur da, träume vor mich hin und wundere mich darüber, was passiert ist», sagt Coleman. «Ich weiss doch genau, dass wir gut sind und hart für den Erfolg gearbeitet haben.»

Chris Coleman hat Wales an der EM schon bis ins Viertelfinal geführt.
Bild: Matteo Ciambelli/freshfocus

Coleman who?

Man muss sich gut im Fussball auf der Insel ausgekannt haben, um diesen Coleman schon vor der EM auf dem Radar gehabt zu haben. Jenen Mann, der Wales erstmals seit der WM 1958 an ein grosses Turnier geführt hat und in Frankreich für Furore sorgt.

«Ich hatte immer davon geträumt, Nationalcoach zu werden, aber es wurde ein Albtraum.»

Chris Coleman

Der 45-Jährige, der in Swansea auf die Welt gekommen ist, hat eine respektable Spielerkarriere hinter sich. Zwar ohne Titel, doch wer auf 576 Pflichtspiele von der Premier League bis zur dritten Liga verweisen kann und 32-mal für Wales aufgelaufen ist, hat einiges geleistet.

Hätte er sich nicht bei einem Autounfall einen doppelten Beinbruch zugezogen, wären es noch bedeutend mehr Partien geworden.

Chris Coleman (links, FC Fulham) als Spieler im Duell mit Jürgen Klinsmann (Tottenham). Bild: PRESS ASSOCIATION

Doch in ein Loch ist er deswegen nicht gefallen. Coleman wurde bei Fulham Assistent von Cheftrainer Jean Tigana und 2003 dessen Nachfolger. Später trainierte er mit mässigem Erfolg San Sebastian, Coventry und Larisa in Griechenland. Unter dem Strich liess sich sagen: eine Allerweltskarriere. Dann aber wird seine Geschichte spannend, beginnt allerdings mit einem tragischen Ereignis.

Am 27. November 2011 wird Gary Speed tot aufgefunden; erhängt in seiner Garage, seine Frau und zwei Kinder hinterlassend, nicht aber eine Erklärung. Auch Speed hatte eine gute Profikarriere gemacht mit 85 Spielen für Wales und der Berufung zum Nationaltrainer im Dezember 2010. Was dies mit Coleman zu tun hat? Eine Menge.

«Verlier wenigstens mit deinen eigenen Ideen, du bist nicht mehr du!»

Colemans Frau zu ihrem Mann nach dem missglückten Einstand als Wales-Trainer

Coleman ist seit seinem zehnten Lebensjahr eng mit Speed befreundet gewesen. Dessen Selbstmord hat ihn bis ins Mark getroffen. Doch ausgerechnet er sollte nun auf Wunsch des walisischen Verbandes Anfang 2012 die Nachfolge Speeds antreten. «Ich hatte immer davon geträumt, Nationalcoach zu werden, aber es wurde ein Albtraum», sagt Coleman. «Ich versuchte genau so zu sein wie Gary und alles genau gleich zu machen.»

Gary Speed war in Wales eine Legende.
Bild: Andrew Boyers/REUTERS

Es war der völlig falsche Weg. Das Team war von Speeds Tod traumatisiert und «untrainierbar», wie Nationalspieler Craig Bellamy später sagte. «Ich versuchte zu sprechen wie Gary. Aber die Spieler glaubten mir nicht, weil sie spürten, dass ich selber nicht glaubte, was ich sagte.» Unter Coleman verlor Wales die ersten fünf Spiele. Seine Frau sagte: «Verlier wenigstens mit deinen eigenen Ideen, du bist nicht mehr du!» 

Alles umgekrempelt

Nach dem 1:6 in Serbien war Coleman nahe dran, aufzugeben. «Doch dieses Debakel hatte es gebraucht, um neu anzufangen», sagt er später. Er machte weiter und krempelte das Hinterste und Letzte um, von den Trainings über das Essen bis zu den Reisen. Er forderte das totale Bekenntnis zum Nationalteam.

«Ich würde gerne wie Barcelona spielen, aber was nützen 60 Prozent Ballbesitz, wenn wir verlieren?»

Chris Coleman

Die Zeiten, in denen Superstar Ryan Giggs von Manchester United auf Geheiss von Alex Ferguson nicht zu Testspielen erschien, mussten der Vergangenheit angehören. Mit Real Madrid pflegt er nun ein derart gutes Verhältnis, dass Ausnahmespieler Gareth Bale auch dann in Wales einfliegen darf, wenn er verletzt ist.

Jeder will dabei sein, wenn sich die «Familie» trifft. Besonders auch Bale, der mit 380000 Euro in einer Woche weit mehr verdient als Coleman (270000) im Jahr.

Seine Frau hat ihm gesagt, er soll sein eigenes Ding machen.
Bild: Tony O'Brien/REUTERS

Die «Familie» ist zum Symbol der Waliser geworden, der Teamgeist zur Waffe. Dass die Spielkultur nicht immer ein Genuss ist, lässt Coleman kalt. «Ich würde gerne wie Barcelona spielen, aber was nützen 60 Prozent Ballbesitz, wenn wir verlieren?» Coleman hat den Ruf, seine Teams taktisch perfekt einzustellen, aber nicht immer gut zu coachen. Doch die Erfolge geben ihm recht, sein 5-3-2-System funktioniert. Die Waliser kassieren kaum Gegentore und vorne sorgen Arsenals Aaron Ramsey und vor allem Bale für die Differenz.

Gareth Bale und Aaron Ramsey sorgen im Team von Chris Coleman oft für die Differenz.
Bild: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA/KEYSTONE

Coleman weiss, dass vieles mit Bale steht und fällt. «Aber wir haben in Belgien ohne ihn 0:0 gespielt, das hat mein Team mental befreit.» Der Trainer hat den Viertelfinal gegen Belgien zum wichtigsten Spiel in der Geschichte des walisischen Fussballs erklärt. Aber selbst wenn seine Überflieger in Lille die nächste Sensation schaffen sollten, wird Coleman nicht das Gefühl haben, es sei alles nur ein Traum.

Aber er wird sich mit Gary Speed freuen. Denn er ist überzeugt, dass sich sein verstorbener Freund im Jenseits unglaublich über diese walisische Mannschaft freut.

Kann Wales heute auch so überraschen? Wikinger in Ekstase: Island marschiert sensationell in den EM-Viertelfinal

EM 2016: Wichtige Infos zum Fussballturnier in Frankreich

So schnitt die Schweizer Fussball-Nati bei ihren bisherigen EM-Auftritten ab

«Beau jeu» – der offizielle Ball der EM 2016 verspricht ein schönes Spiel

Der Spielplan der Fussball-EM 2016 in Frankreich: Die Gruppenphase

Hier wird gespielt: Die 10 Stadien der Fussball-EM 2016 in Frankreich

Das Maskottchen der EM 2016 in Frankreich: «Salut, je m'appelle Super Victor!»

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Raembe 01.07.2016 14:36
    Highlight Er hat Ähnlichkeit mit Matthias Aebischer
    4 0 Melden

Papa Valon tröstet Baby Neymar – und 6 weitere unheimliche Begegnungen 

Neymar hat in der Nacht nach dem Spiel gegen die Schweiz wohl noch von Valon Behrami geträumt: So intensiv wurde er vom Tessiner während des Matchs betreut.

Als Erinnerung bleiben ihnen die Schmerzen – und uns dieses ikonische Bild:

Dabei hätte alles so anders kommen können, wären die beiden nur in anderen Situationen aufeinander getroffen. (Wobei: So richtig angenehm wäre auch das für den Brasilianer nicht geworden.)

Wir haben da mal was gebastelt: 

Artikel lesen